SWB 01/97 - Ticker

GENE & KLONE

Gentechfreundliches Land
Das Jammern der chemischen Industrie, allen voran des BAYER- Konzerns, hat sich ausgezahlt. Deutschland bietet für die Entwicklung der Bio- und Gentechnologie ein "besseres Umfeld" als Japan oder Teile der USA. Dies ermittelte das PROGNOS- Forschungsinstitut im Auftrag des Wissenschaftszentrums NRW.
Wie berichtet, wurde das sogenannte Gentechnikschutzgesetz auf Betreiben von BAYER und Co massiv gelockert. Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) erklärte, in keinem europäischen Land könne auf diesem Gebiet besser geforscht, entwickelt und produziert werden, als in Deutschland. Forschungsminister Rüttgers (CDU) will Deutschland bis zum Jahr 2000 zum "Biotechnologieland Nr. 1" machen. BAYER ist weltweit einer der führenden Gentechnikkonzerne und wird von dieser Entwicklung sicherlich profitieren.

Kennzeichnungspflicht ohne Biß
Was von manchen VertreterInnen großer Umweltverbände, darunter BUND und Verbraucherinitiative, als Erfolg gewertet wird, ist in Wahrheit nichts anderes als ein großer Etikettenschwindel: Die Kennzeichnungs-
pflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel in der EU.
Dieser gegen breiten europaweiten öffentlichen Widerstand durchgesetzte Kennzeichnungskompromiß sieht vor, daß immer dann, wenn eine Frucht in ihren chemischen Eigenschaften wesentlich verändert ist, gekennzeichnet werden muß. Die Verordnung, um die Chemiekonzerne wie BAYER und andere in intensiver Lobby- Arbeit hartnäckig gekämpft haben, ist nach Ansicht der grünen Europa- Abgeordneten Hiltrut Breyer ein "Schlag ins Gesicht" für Gesundheits- und VerbraucherInnen-Schutz. Denn bei verarbeiteten gentechnisch veränderten Früchten entfällt die Kennzeichnungspflicht zumeist. So müssen etwa gentechnisch veränderte Oliven gekennzeichnet werden, das daraus gewonnene Olivenöl hingegen nicht. Ob der von der EU-Kommission im Dezember 1996 zugelassene Gen-Mais überhaupt gekennzeichnet werden muß, ist noch offen. Gentechnische Veränderungen können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Etwa die übertragene Resistenz gegen das Antibiotikum Ampicillin, das auch in der Humanmedizin häufig angewendet wird, kann dazu führen, daß die Substanz beim Menschen nicht mehr wirksam ist. Laut Breyer besteht zudem die Gefahr, daß das vom Gen-Mais produzierte Insektengift Bt-Toxin der menschlichen Gesundheit schadet.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert ein Verbot gentechnischer Menschen, Tiere und Pflanzen und stattdessen die Hinwendung zum ökologischen Landbau. Statt Ackerfrüchte im großen Stil mit Pestiziden und Antibiotika zu besprühen (und die Pflanzen dagegen resistent zu machen), müssen die gefährlichen Substanzen eingeschränkt und verboten werden.

Bio-Regio NRW
Im November 1996 wurde der Wettbewerb "BioRegio" des Bundes- Forschungsministeriums von einem Ausschuß entschieden. Von 17 Regionen der Bundesrepublik, die sich für die Fördermittel von insgesamt 150 Millionen Mark beworben hatten, mußten drei ausgewählt werden, die jeweils 50 Millionen Mark in Form von Darlehen und Zuschüssen erhalten sollten. Unter anderem hatte sich die "Region" Köln- Düsseldorf-Wuppertal-Aachen beworben, deren Teilnahme am Bundeswettbewerb von der "BioGenTec-Initiative NRW" der Landes-
regierung gefördert wurde. Wen sollte es wundern, daß die NRW-Region zu den Auserwählten gehörte, vertrat doch Peter Stadtler, Chef der BAYER-Genforschung die BioGenTec-Initiative NRW beim Wettbewerb. Außerdem war und ist Stadler an der Formulierung des Biotechnologie-
programms der Bundesregierung beteiligt. In erster Linie sollen dadurch kleinere Firmen gefördert werden, die Biotech-Forschung bis zur Produktionsreife betreiben sollen. So ist auch BAYER hier stets aus erster Hand informiert und kann sich im Bedarfsfalle frühzeitig in innovative Kleinunternehmen einkaufen. Im Zusammenhang mit einem BAYER-eigenen 20-Millionen-Risiko-Fond für Biotech-Firmen (s. SWB 4/96), entstehen möglicherweise in absehbarer Zeit auf BAYER-Gelände bzw. in der Nähe eine Reihe von Firmen, die für BAYER Gentech- Forschung betreiben.
Das Forschungsinstitut PROGNOS hat Mitte Februar eine vom Land NRW bestellte Studie vorgelegt, die Wasser auf die BAYER-Gentech- Mühlen gießt. Durch Gentechnik entstünden Arbeitsplätze, heißt es. Schon heute seien in NRW 5.500 Menschen in diesem Bereich beschäftigt. Bei entsprechender Förderung sei eine Verdoppelung der Arbeitsplätze möglich, heißt es. Bei Nichtförderung ergäben sich katastrophal-negative Folgen für den Arbeitsmarkt. So liefert die Landesregierung selbst die Argumente, mit denen sie sich dann von BAYER "erpressen" lassen kann.

BAYER-Gentechküche im Bau
Im Jahr 1996 wurde das "Chemisch-Wissenschaftliche Laboratorium" (CWL) von BAYER am Stammwerk Wuppertal 100 Jahre alt.
Der Ausbau und die Erweiterung soll im Oktober 1997 abgeschlossen sein. Im CWL, das 43 Millionen Mark kostet, soll u. a. Gentechforschung der höchsten Sicherheitsstufe betrieben werden.

Kooperationen für mehr Gentech
Immer mehr Pharma-Firmen gehen Kooperationen mit kleinen Gentech- Schmieden ein. Neben HOECHST mit 17 größeren Allianzen, zählt BAYER mit 7 Kooperationen zum Mittelfeld bei den deutschen Pharma- Firmen. Das Ziel der großen Firmen ist es, das Risiko für den eigenen Etat zu verringern und sich über die Kooperation Flexibilität und Effizienz einzukaufen, die sie mit ihren z. T. Jahrzehnte alten Forschungsein-
richtungen offensichtlich nicht mehr besitzen. Die Gentech-Firmen wiederum verfügen kaum über das nötige Kapital, den Marktzugang und die Distributionswege.
Die Entwicklung scheint dahin zu gehen, daß die Pharma-Firmen den Kleinunternehmen die eigentliche Wirkstoffsuche überlassen und sich dann um die klinische Erprobung und Vermarktung kümmern. "Neue Projekte werden nie abgelehnt, weil zu wenig Geld da wäre, sondern allenfalls, weil wir zu wenig Potential sehen", so Mark Cochran, Vize Präsident von BAYER in den USA, über den Sinn der Kooperationen.

600 Millionen für Rüttgers Club
Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers hat im September 1996 dem Club der Gentech-Firmen und Forschungseinrichtungen einen Fördertopf von 600 Millionen Mark versprochen. Angesichts solcher Tröge und eines angeblich konstatierten Meinungswandels in der Bevölkerung im Hinblick auf die Gentechnik, wittern die Konzerne Morgenluft. BAYER-Forschungsvorstand Pol Bamelis verspürte denn auch eine "Dynamik in Bio- und Gentechnik", und BAYER stellte flugs einen 20 Millionen Mark schweren Risiko-Kapitalfonds für junge Gentech-Firmen zur Verfügung, die sich wie Satelliten um den Planeten BAYER gruppieren sollen.

Gen-Dreck: Mutanten im Klo!
Der Präsident der INTERNATIONALEN ARBEITSGEMEINSCHAFT DER WASSERWERKE IM RHEINEINZUGSGEBIET (IAWR), Helmut Haumann, hat immer mehr Spuren von Kosmetika, Rheuma- und Kopfschmerzmittel sowie anderer Medikamente im Trinkwasser (SWB berichtete mehrfach) festgestellt. Das ÖKOINSTITUT und der DEUTSCHE NATURSCHUTZRING beklagen, daß seit der von BAYER & Co betriebenen Änderung des Gentechnikgesetzes 1993 die Gefahr der Gewässerverunreinigung durch manipulierte Mikroorganismen der Sicherheitsstufe 1 erheblich gestiegen sei. Parlamentarische Kontrollgremien greifen nicht, da das Gentechnikgesetz vieles auf dem Verordnungswege regelt. Die Folgen für das Ökosystem sind nicht absehbar.
Auch BAYER ist in den Verdacht geraten, Wupper und Rhein mit Gen-Dreck zu belasten. KritikerInnen befürchten, daß gentechnisch veränderte Mikroorganismen in der Freiheit überleben und über die Nahrungskette auch Menschen schädigen können.