SWB 01/97

"Wo sie Führer finden ..."

Carl Duisberg, die Uni Bonn
und die deutschen Traditionen

Der BAYER-Konzern sichert sich von jeher durch Stiftungsprofessuren und andere personelle wie finanzielle Verbindungen den Einfluß auf Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen. Im Fall der Universität Bonn hat der ehemalige BAYER-Generaldirektor und allmächtige IG FARBEN-Gründer Carl Duisberg höchstselbst eine unehrenwerte Gesellschaft ins Leben gerufen, die so zweifelhafte Tugenden wie Kadavergehorsam und Führertreue kultiviert hat: die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Bonn (Geffrub), die bis zum heutigen Tag in "enger Verbindung" mit "den BAYER-Werken" steht. Der nachfolgende (gekürzte), schon historische Aufsatz von Joachim Kupsch wurde bereits 1968 in einer studentischen Mahnschrift, aus Anlaß des 150jährigen Bestehens der Universität Bonn, veröffentlicht.

Ihre Entstehung verdankt die Geffrub zum wesentlichen Teil Geheimrat Prof. Dr. Carl Duisberg, Direktor des Leverkusener BAYER-Werkes, der spätere Mitbegründer der IG-FARBEN-Industrie. Duisberg wurde 1917 Vorsitzender der Geffrub und behielt diese Stellung bis 1931. Unter den fünf Mitgliedern des ersten Vorstands der Gesellschaft finden wir als die Vertreter der Wirtschaft: Duisberg, den Baudirektor Louis Hagen und den Vorsitzenden des Vereins deutscher Stahlindustriellen Wilhelm Bauzenberg. Der bestimmende Einfluß der chemischen Industrie, besonders der BAYER-Werke, hat sich bis heute erhalten. So stellten die BAYER-Werke fast alle der bisherigen Vorsitzenden der Geffrub. ...

Die jährlich stattfindenden Hauptversammlungen dienten nicht nur geschäftlichen Fragen, sondern gaben auch Gelegenheit zur Festigung des Selbstverständnisses in patriotischen Reden. ... C. Duisberg 1917: "... Wer hatte vor dem Kriege wohl gedacht, daß unsere Jugend sich so heldenmütig und aufopfernd schlagen würde wie es in diesem Kriege, das Altertum übertreffend, vorbildlich für alle Zeiten der Fall ist. Zukünftig bedarf es eines Hinweises auf die Heldentaten der Griechen und Römer nicht mehr. Sie treten in den Schatten vor den Leistungen unserer Söhne und Brüder an der Front. Daß aber eine solche vaterländische Begei-
sterung, ein solcher Zug ins Idealistische bei unseren Söhnen trotz des gehobenen Wohlstandes unseres Volkes, mit allen seinen Nachteilen, vorhanden ist, das verdanken wir den ausgezeichneten Schulen und vor allem den Stätten, wo die Schulen ihre Wurzeln haben, den deutschen Hochschulen. Diesen Zustand weiter lebendig zu erhalten und ihn zu fördern, soll ebenfalls der Zweck unseres Strebens sein..." Weiter: "...
Es steht für uns alles so gut wie nie zuvor, das Horoskop des deutschen Volkes prophezeit ihm den Sieg. Für Flau- und Miesmacher ist kein Raum. Immer vorwärts ist die Losung..."

Am 6. Juli 1918, kurz vor dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, finden wir anläßlich der 1. Hauptversammlung in der Rede von Rektor Prof. Dr. Marx folgende Worte: "Trotz der in vieler Hinsicht schwer verständlichen Äußerungen von amtlicher Stelle wollen wir uns den Glauben und die Hoffnung nicht nehmen lassen, daß auch im Westen in absehbarer Zeit der Friede durch den Sieg gewonnen werden wird; denn wir selbst und unsere Studenten im Felde bedürfen heute dieses Glaubens und dieser Hoffnung ..."

Einen besonderen Erfolg konnte die Geffrub nach einem Jahr ihres Bestehens verzeichnen: Kaiser Wilhelm II. wurde ihr Protektor. In dem Danktelegramm an Wilhelm II. hieß es: "... Bei dem soeben verklungenen Hoch weilten unsere dankerfüllten Herzen und unsere ehrfurchtsvoll gerichteten Gedanken nach den wunderbaren Erfolgen unserer unvergleichlichen Helden an der Front bei Eurer Majestät, unserem obersten Kriegsherren, und seinen großen Paladinen. Die durch Lug und Trug verblendeten Kriegsverbandsfeinde werden hoffentlich nun endlich einsehen, daß das in harter Arbeit, unermüdlichem Fleiß und eiserner Disziplin erzogene deutsche Volk nicht, auch nicht mit Hilfe transatlan-
tischer Truppen, bezwungen und vernichtet werden kann. Wir, die wir als Helfer und Kämpfer hinter der Front in den Waffenschmieden der geistigen und klingenden Waffen tätig sind, geloben, Eurer Majestät immerdar fest und treu zur Seite zu stehen. Kein Opfer ist uns zu groß für des Reiches Macht, Größe und Herrlichkeit unseres geliebten deutschen Vaterlandes."

"Nun sitzen wir im Sumpfe"
Nach dieser emotionalen Bindung an das Kaiserreich wurde dessen Zusammenbruch mit großer Niedergeschlagenheit aufgenommen. Die neue Republik und die Gefahr einer sozialistischen Gesellschaft bedrohten die Stellung der bisher herrschenden Kreise. Man klammerte sich in den Reden der Geffrub an die alten Ideale und Wertvorstellungen und beurteilte die neue Republik mit Ablehnung. So äußerte sich Duisberg auf der 2. Hauptversammlung am 2. August 1919:"... Die traurige Lage unseres Vaterlandes ... brauche ich nicht näher zu schildern ... Um die Lage zu kennzeichnen, bedarf es ja nur des Hinweises, daß wir genötigt sind, aus unseren Veröffentlichungen die Worte 'Protektor seine Majestät Kaiser Wilhelm II.', auf die wir mit Recht stolz waren, unter dem Zwang der Verhältnisse fallen zu lassen." Und: "... Hoch sollte es beim Jahrhundertfest bei uns hergehen, hätten wir den Krieg gewonnen. Wider Erwarten haben wir ihn verloren; schlimmer noch, die Revolution mit Verkürzung der Arbeitszeit, Arbeitsunlust, Mangel an Disziplin und Autorität ist über uns gekommen. Nun sitzen wir tief im Sumpfe drin ..."

Der spätere Übergang zum Nationalsozialismus stellte keine zufällige Entwicklung dar. Dies zeigen mehrere Reden, so auch eine von Duisberg: "... Soviel ich sehe, sehnt sich die Jugend nach Führern, strebt die Jugend mit allen Fasern Führern entgegen. Wo sie Führer finden wird, so wird sie sich ihnen mit Jubel und Kraft in die Arme stürzen. Wo diese Stimmung vorhanden ist, da wird auch der Führer kommen, wenn wir mit unserem beschränkten Blick ihn augenblicklich vielleicht auch noch nicht zu sehen vermögen ..."

In den folgenden Jahren waren solche Äußerungen kaum noch zu hören. Die Gefahr einer sozialistischen Revolution war überstanden und man mußte sich beim Ausbau der Wirtschaft nur mit einzelnen Forderungen der Gewerkschaften auseinandersetzen. So sagt Duisberg 1926, inzwischen Vorsitzender des Verwaltungsrates der IG-FARBEN- Industrie, "... Was aber meines Erachtens das Schlimmste ist, ist der Mangel an ausgeprägtem nationalen Empfinden ... Und endlich immer noch schroffer Gegensatz zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, wobei der Klassenkampf und der Klassenhaß die Parole der sozialistischen und vor allem der kommunistischen Parteien geblieben ist ... Vor allem muß aber das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das am meisten zu wünschen übrig läßt, besser werden, und der Werksgedanke im Vordergrund der Betrachtung stehen. In diesem Punkte können wir noch viel von Amerika lernen, wo überhaupt nur 10 - 15% der Arbeiter in Gewerkschaften organisiert sind, die noch dazu der Politik fern stehen und nichts mit ihr zu tun haben wollen."

"... wie nach Darwin in der Natur"
Im Jahr 1929 warnte Duisberg vor den "sehr ernsten Wirkungen auf die Moral der Bevölkerung" durch eine "Übertreibung der staatlichen Fürsorge" bei der Sozialversicherung und den Krankenkassen. Das auch damals aktuelle Problem der Überfüllung der Hochschulen sah Duisberg so: "... Tatsächlich wird es auf den Hochschulen so gehen, wie es nach Darwin in der Natur immer gegangen ist. Der Kampf ums Dasein wird die Lösung und er wird uns gleichzeitig die Auslese bringen, die immer damit verbunden ist. Ich glaube, insofern können wir es sogar begrüßen, wenn wir eine Überfüllung der Hochschulen haben und damit eine durch Kampf ums Dasein hervorgerufene Auslese bekommen. Mehr denn je zuvor hätten wir heute eine Züchtung von hervorragenden Menschen nötig ..."

Im Jahr 1931 wurde der Generaldirektor der rheinisch-Westfälischen Sprengstoff-Gesellschaft in Troisdorf, Dr. Paul Müller, Nachfolger von Carl Duisberg als Vorsitzender der Geffrub. Den Namen Paul Müller konnte man schon 1918 in der Rede des damaligen Rektors der Universtität, Prof. Marx, auf der 1. Hauptversammlung finden. Prof. Marx dankte Müller für dessen hilfsbereite Beratung in der wichtigen Frage der "Verwendung Studierender im Hilfsdienst der Rüstungsindustrie". Mit Müller hat die Geffrub den geeigneten "Führer" für die kommenden Jahre gefunden. 1933 konnte Müller die neue Freiheit des Nationalsozialismus ausrufen: "Der Freiheit Hauch geht mächtig durch das Land. Wir liegen in den Geburtswochen einer neuen Zeit. Der Junge, der uns geboren ist, heißt Freiheit. Ein Patengeschenk legen wir ihm in die Wiege, und das heißt Tradition ..."

In den Hauptversamlungen der Geffrub im Dritten Reich waren kaum politische Äußerungen zu hören, die nicht mit dem Nationalsozialismus übereinstimmten. ... Durch den Krieg löste sich die Geffrub auf. Die letzte Hauptversammlung fand 1942 statt. Am 1. Juli 1943 hat Müller noch zu einer Jubiläumsspende anläßlich des 125jährigen Bestehens der Universität aufgerufen, um sich auf die großen Aufgaben nach der siegreichen Beendigung des Krieges vorzubereiten. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus' beging Müller Selbstmord.

Immer wieder BAYER
Die Geffrub wurde 1948 neu gegründet. Die erste Hauptversammlung nach dem Kriege fand am 25. Juni 1949 statt. Den Vorsitz hatte wieder ein Vertreter des BAYER-Werkes, Prof. Ulrich Haberland, Generaldirektor der BAYER AG, 1951 Ehrensenator der Universität. Unter den Mitgliedern des Verwaltungsrates nach dem Kriege finden wir u. a. Hermann Josef Abs, Mitglied des Vorstandes der DEUTSCHEN BANK ... Nachfolger von Haberland wurde 1963 ebenfalls ein Vertreter des BAYER-Werkes, Direktor Dr. Gustav Schaum, Vorsitzender des Vorstandes der AGFA AG (einer BAYER-Tochter, d. Red.).

Vorwärts ohne Reue
Der Ton auf den Hauptversammlungen nach dem Krieg ... ist geprägt von jenem Verleugnungsvorgang, den A. und M. Mitscherlich als die "Unfähigkeit zu trauern" beschrieben haben ... Alle Energie wird in der Wiederaufbau gesteckt, Reflexion über das eigene Handeln in der Vergangenheit findet nicht statt. Als Beispiel sei aus einer Rede Haberlands (1951) zitiert: "... Dies ist nur dadurch möglich, daß die Kriegsschäden und die Wunden, die uns geschlagen worden sind, so weit beseitigt werden konnten, daß die Institute nun wieder richtig arbeiten können. Ich glaube, daß diese Anerkennung für Sie, meine Herren des Lehrkörpers, ein echter Beweis dafür ist, daß es wieder vorwärts geht. ..."

1963 lobte der damalige Direktor der Universität, Prof. H. Welzel die enge Verbindung zum BAYER-Konzern, die bis heute fortbesteht: "... War - wie ich vorhin erwähnte - Carl Duisberg der Begründer unserer Fördergesellschaft, so wird man Ulrich Haberland mit gutem Grunde als ihren Neubegründer nach der Katastrophe von 1945 aussprechen können. Daß nun nach Ulrich Haberlands allzu frühem Tod wieder ein leitender Mann aus dem Verbande der BAYER-Werke den Vorsitz unserer Gesellschaft übernommen hat, das erfüllt uns mit großer Genugtuung und mit der Hoffnung, daß die enge Verbindung zwischen den BAYER-Werken und der Universität Bonn auch im zweiten Jahrhundert des Bestehens der BAYER-Werke erhalten bleibt und zur Tradition erstarken möge."