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Bittere Pillen für süße Bilanzen
BAYER-Pharma-Politik im Kreuzfeuer
BAYER-Medikamente sind oft unnütz und machen krank. Manchmal bringen sie sogar den Tod. Die Triebfeder zur Entwicklung neuer Präparate ist der Gewinn. Die
Unversehrtheit des Lebens und die Gesundheit bleiben dabei häufig auf der Strecke.
Von Hubert Ostendorf
Der Pharma-Sektor gewinnt bei BAYER weltweit an Wichtigkeit. Insbesondere die Regionen Europa, USA und Japan spielen hinsichtlich der Entwicklung und
Produktion - unter immer stärkerer Nutzung der Methoden der Gentechnik - eine führende Rolle. In der Bundesrepublik ist Wuppertal der Standort der Pharmaforschung. Aber auch die "Dritte Welt" ist als
großer Absatzmarkt sowie als Billig-Standort von Bedeutung. Bis zum Jahr 2003 will BAYER neue Arzneimittel mit einem Umsatzpotential von etwa 9 Mrd. Mark auf den Markt bringen. Heute bereits produziert und vertreibt
der Konzern über 6.000 Medikamente.
Trotz des Gesundheitsstrukturgesetzes haben BAYER & Co. gut verdient. 1995 sind die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversiche- rungen für Arzneimittel
wieder angestiegen und haben beinahe das Rekordniveau von 1992 wieder erreicht. Der Gesamtumsatz von Arzneimitteln ist 1995 um 7,1 % auf 33,1 Milliarden Mark gestiegen. Die Zahlen für 1997 lagen bis Redaktionsschluß
nicht vor, dürften aber eine ähnliche Tendenz aufweisen.
Zweifelhafte Forschung Die industrielle Fertigung von Medikamenten wurde durch BAYER mit HEROIN und ASPIRIN vor 100 Jahren quasi erfunden. Der
Gebrauch der Naturmedizin wurde systematisch verdrängt, die Frau als Heilerin wich dem männlichen Halbgott in Weiß. Die Konzerne mit ihren Chemikern und den auf synthetische Stoffe umprogrammierten Apothekern
eroberten das Gesundheitswesen. Ein entstehendes staatliches Sozialsystem als Selbstbedienungsladen der Konzerne, das bis heute nur sog. anerkannte - also von den Konzernen entwickelte - Heilverfahren finanziert,
festigt die Vormachtstellung von BAYER und Co (was prinzipiell kein Argument gegen ein gesellschaftlich solidarisches Gesundheitssystem ist). Die Krankenhäuser wurden systematisch zu medizinischen Großanstalten zur
Testung und Anwendung neuer BAYER-Chemikalien entwickelt.
Bis heute wird die Entwicklung neuer Präparate bei BAYER in der Regel durch "Drug-Screening" erreicht. Beinahe jede neue chemische Verbindung in
irgendeinem Sektor des Konzerns wird auf seine Wirksamkeit untersucht. Dies zunächst im Tierversuch, um nicht zu sagen: Tierfolter (wobei die Ergebnisse wohl kaum auf den Menschen übertragbar sind). BAYERs
Spitzenreiter ASPIRIN etwa ist ein Abfallprodukt der Azo-Farbstoffe, die vielgerühmten Sulfonamide, für deren Entdeckung der BAYER-Forscher Gerhard Domagk den Nobelpreis erhalten hat, entstammen der
Anilin-Produktion.
Ein mittlerweile wieder vom Markt entferntes Mittel zur Steigerung der Harnausscheidung mit dem Namen EDRUL ist quasi bei der BAYER-Tochter AGFA entstanden.
Wie fast jede Substanz wurde der Wirkstoff von EDRUL auf seine Wirkung im Körper untersucht. Im Tierversuch stellten sich alsbald schwere Nebenwirkungen heraus, die ExpertInnen vor der Zulassung warnen ließen. In
diesem Fall haben die Ergebnisse aus den Tierfolterlaboren die BAYER-Forscher einmal nicht beeindruckt. So scheiterte EDRUL zunächst an der Hürde des Bundesgesundheitsamtes. Doch nach einer offensiven
Zulassungspolitik in anderen Ländern vermochten die deutschen Gesundheitswächter dem Druck des Leverkusener Multis nicht mehr zu widerstehen, EDRUL wurde auch in Deutschland zugelassen. Die vorhergesagten
Nebenwirkungen stellten sich prompt ein: neurologische Störungen bis hin zum Querschnittssyndrom sowie in einigen Fällen Verlust der Nierenfunktion, ein großer individueller und volkswirtschaftlicher Schaden. Um
einem Spruch des Bundesgesundheitsamtes zuvorzukommen, hat BAYER im Jahr 1987 EDRUL "freiwillig" wieder vom Markt entfernt. Die Opfer dieses Arzneimittelskandals werden bis heute auf Kosten des allgemeinen
Gesundheitssystems behandelt.
Mittel zweiter Wahl Ein ähnliches Schicksal wie EDRUL sagen ExpertInnen dem BAYER-Mittel GLUCOBAY voraus. Doch falls es tatsächlich einmal vom Markt verschwinden sollte, wird
es bis dahin ein Vielfaches seiner Entwicklungskosten eingespielt haben. GLUCOBAY, ein Mittel zur Behandlung des Diabetes (Typ II- bzw. Altersdiabetes), wird von ExpertInnen als untauglich und unverträglich
abgelehnt. Es führt zu schweren Durchfällen sowie zu Blähungen und stellt wissenschaftliche Erkenntnisse über eine rationale Therapie geradezu auf den Kopf. Wie viele andere "Neuentwicklungen" von BAYER
bringt GLUCOBAY keinen therapeutischen Fortschritt sondern in den meisten Fällen nur Nachteile für die PatientInnen. In den USA wurde die Markteinführung seinerzeit schon im Vorfeld blockiert. Die amerikanische
Gesundheitsbehörde hatte klinische Tests an Menschen verboten, weil GLUCOBAY bei Ratten zu einem signifikanten Anstieg der Krebsrate geführt hatte. Dessen ungeachtet haben BAYER-Manager die Werbetrommel gerührt,
sogenannte Fachkongresse organisiert und die hilflosen HausärztInnen mit einer Heerschar von VertreterInnen überschwemmt, um GLUCOBAY als neuartiges Wirkprinzip anpreisen zu lassen.
Heute ist das Mittel in fast allen Ländern der Welt inclusive den Vereinigten Staaten zugelassen. Doch die Akzeptanz unter Diabetologen läßt aus BAYER-Sicht
nach wie vor zu wünschen übrig. Oder warum sonst soll nun eine Studie mit 1.450 Testpersonen aus Deutschland, Österreich, Kanada und Skandinavien nach ihrem Abschluß belegen, daß GLUCOBAY möglichst früh verordnet
werden soll, angeblich um die schweren Folgen des Diabetes einzudämmen. BAYER rechnet mit einem expandierenden Markt: bis zum Jahr 2001 soll die Zahl der Diabeteserkrankungen in Deutschland von heute fünf auf dann
acht Millionen steigen. Den Betroffenen wäre in den meisten Fällen zwar auch mit einer Diät zu helfen, doch die Aussicht, an liebgewon- nenen Konsumgewohnheiten festhalten zu können, läßt die Nebenwir-
kungen möglicherweise erträglicher erscheinen. DiabetologInnen jedenfalls empfehlen für den Typ II-Diabetes die Behandlung mit einer Diät und als ultima ratio das Spritzen von Insulin.
Vermehrter Herztod
Die BAYER-Forschung gilt als Erfinderin der sog. Kalziumantagonisten. Mit dieser Substanzklasse hat man sich ein weites Therapiespektrum erschlossen. Angefangen beim Kassenschlager ADALAT, das als
Herztherapeutikum in vielen Variationen vorliegt, bis hin zur neuesten Variante NIMOTOP S, einem Mittel gegen Altersdemenz. Wenn von großen Forschungsanstrengungen die Rede ist, darf nicht übersehen werden, daß ein
wesentlicher Teil dieser Anstrengungen nur dazu unternommen wird, neue Indikationsgebiete für alte Substanzen durch die systematischen Erforschung aller Wirkungen eines bereits auf dem Markt befindlichen Mittels zu
entdecken. So fanden BAYER-Forscher heraus, daß die Substanz von ADALAT, Nifidipin, nicht nur koronar- schützend, so die offizielle Lesart, sondern auch blutdrucksenkend wirkt. Was liegt also näher, ADALAT als
Blutdrucksenker (Antihypertonikum) anzupreisen. Ein altes Mittel für eine neue Therapie ohne erneutes Zulassungsverfahren. Warum nicht?
Noch im August 1995 warnten die US-Gesundheitsbehörden vor der Einnahme des BAYER-Kassenschlagers ADALAT und anderer kurzwirkender sog. Kalziumantagonisten.
Eine Studie, die eine erhöhte Sterberate bei PatientInnen, die Medikamente dieser Wirkstoffgruppe einnahmen, zutage förderte, hatte international für riesiges Aufsehen gesorgt (SWB berichtete). Nun soll die ganze
Aufregung umsonst gewesen sein. Ein Ausschuß der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA hat unlängst die Empfehlung ausgesprochen, ADALAT und andere Kalziumantagonisten wie bisher einzusetzen. Der Ausschuß war mit
"hochrangigen Experten" besetzt, heißt es, darunter auch Abgesandte von BAYER. Ausschlaggebend für die Entscheidung der FDA- Kommission, ADALAT führe nun doch nicht zum vermehrten Herztod, waren Angaben
von BAYER. Der Konzern stellte hauseigene (geschönte?) Daten von über 90.000 PatientInnen, die weltweit an Nifidipin-Studien teilgenommen haben, zur Verfügung. Letzte Sicherheit solle eine neue sog.
"Insight-Studie" bringen, bei der 6.000 Menschen alternativ mit Nifidipin und anderen (bewährten) Substanzen behandelt werden. Glaubt man den Ergebnissen des ADALAT-Kritikers Prof. Bruce Psaty (und was,
außer den BAYER-Angaben spräche dagegen) müßten die 6.000 Versuchspersonen (und die Millionen PatientInnen, die weltweit nach wie vor mit ADALAT behandelt werden) nun ein 60 % höheres Risiko haben, dem Herztod zu
erliegen. Fazit: Um den Absatz von ADALAT nicht zu gefährden, scheint jedes Mittel recht.
Übrigens: Der in ADALAT benutzte Lichtschutzfaktor Gelborange S wird in mehreren Studien als krebserregend eingestuft. Statt die Substanz einfach gegen das
harmlose und gleichfalls wirksame Beta Carotin auszutauschen, wie es alle Generica-Hersteller tun, führte BAYER eine Gegenstudie ins Feld, die die angebliche Harmlosigkeit vion Gelborange S beweisen sollte. Nach dem
Motto: Wir können doch nicht zugeben, daß in dem einst meist verkauften Medikament der Welt ein bedenklicher Stoff verwendet wurde.
Prämie für Verschreibung Konsequent vermarktet wurde die
blutdrucksenkende Nebenwirkung einer sogenannten Weiterentwicklung von ADALAT. Aus dem Wirkstoff Nifidipin wurde Nitrendipin, ein Kalziumantagonist, mit der Ausgangs- substanz fast vollständig identisch, der
vermutlich schon mit der Patentierung von Nifidipin als chemische Variante vorgelegen hat und zum Schutz vor Nachahmern vorsichtshalber gleich mit zum Patent angemeldet worden ist. Nitrendipin wurde unter dem Namen
BAYOTENSIN als das Mittel zur Therapie des Bluthochdruckes offeriert. Mit dieser Werbung werden klassische, wissenschaftlich fundierte Behandlungsprinzipien außer Kraft gesetzt. Die "Deutsche Liga zur
Behandlung des Bluthochdruckes" nämlich empfiehlt an erster Stelle stets einen Beta-Blocker und erst nachgeordnet Kalziumantagonisten. (Neben GLUCOBAY das zweite Beispiel für einen Verstoß gegen
wissenschaftlich fundierte Therapie-Prinzipien.) Doch welcher Hausarzt weiß dies schon. Um ihm die Entscheidung zur Verordnung des teuren neuen Mittels zu erleichtern, hatte BAYER einen finanziellen Anreiz für jeden
neu mit BAYOTENSIN behandelten Patienten geschaffen. Entsprechende Beweise legt eine Dokumentation der AOK vor. Wegen eines ähnlichen Verhaltens mußte BAYER in Großbritannien den Pharmaverband, die eigene
Interessensvertretung also, verlassen.
Top im Kopp? NIMOTOP S (BAYER-Motto: "Top im Kopf") ist der vorerst letzte Schrei aus der Gruppe der Kalziumantagonisten zur Behandlung der Demenz.
Unmittelbar nach der Zulassung stellten Experten bereits eine irrefüh- rende Aufzählung der Nebenwirkungen fest. Obwohl vierfach höher dosiert, als der Vorgänger mit gleicher Substanz und ähnlichem Namen,
nämlich einfach NIMOTOP - ohne S - liegen die Nebenwirkungen von NIMOTOP S weit hinter denen von NIMOTOP. Besonders schwerwie- gende Kreislaufstörungen bis hin zum Schock können bei Kombination mit anderen, z.
B. herzwirksamen Kalziumantagonisten, auftreten.
Immer mehr Gentech Die Entwicklung gentechnischer Medikamente spielt bei BAYER eine immer größere Rolle. Der Konzern will diesbezüglich nach eigenen Angaben
ein "weltweit führendes" Unternehmen sein. Einen besonderen Coup landete der Multi mit der Wahl von Ernst-Ludwig Winnacker in den Aufsichtsrat. Der in der Tagespresse "Mister Gentech" genannte
Mann gilt als gefährlicher Drahtzieher im Interesse der Wirtschaft. Winnacker ist zugleich Präsident der DEUTSCHEN FORSCHUNGSGEMEIN- SCHAFT (DFG) und damit Herr über einen Etat von rund zwei Milliarden Mark. Die
DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT ist die öffentliche Institution zur Vergabe von Forschungsmitteln an Hochschulen und Instituten. Winnacker ist maßgeblich am "Genomprojekt" beteiligt, bei dem
WissenschaftlerInnen aus aller Welt das Erbgut des Menschen bis zum Jahr 2002 entschlüsseln wollen. Seine industriefreundliche Parteilichkeit hat er durch sein Mitwirken an einer Pro-Gentech-Anzeige von BAYER &
Co. frühzeitig unter Beweis gestellt. BAYER steht mit der Person Winnacker an einem der wichtigsten Schalthebel für die deutsche Forschung. Winnackers Vater war von 1943 bis 1945 einer der drei Chefs des
Blutkartells IG FARBEN und dereinst Aufsichtsratsvorsitzender der BASF.
BAYTRIL schädigt Schwein und Mensch Immer mehr Menschen werden durch Antibiotika, die in der mit artgerechter Tierhaltung nicht in
Einklang zu bringenden Tiermast verwendet werden, gesundheitlich zum Teil schwerwiegend geschädigt. Sogar von Todesfällen ist die Rede. Die dem Futter zumeist routinemäßig beigemischten Substanzen können über den
Fleischverzehr in den Blutkreislauf des Menschen gelangen und dort bei Krankheitserregern Resistenzen gegen Antibiotika erzeugen. Trotz dieser Erkenntnis verzögerte das dem Bundesgesundheitsministerium unterstehende
"Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin" Verbote. Selbst dann, wenn die Präparate als krebserregend gelten. Auch BAYER als führender Hersteller sog. Veterinär-Produkte
ist in den Skandal verwickelt. Ende 1995 ließ das Institut für Veterinärmedizin das Mittel BAYTRIL zu, ein Antibiotikum gegen Husten und Durchfall bei Schweinen, das fast 100 % aller Masttiere (präventiv)
verabreicht wird. BAYTRIL gehört zu der Gruppe der Chinolone, die auch beim Menschen gegen schwere Entzündungen eingesetzt werden. Im Fall von Resistenzbildungen kann der Einsatz von Chinolonen beim Menschen zum Tod
durch Nicht-Wirkung führen. Da die Resistenzen mit üblichen Tests kaum festgestellt werden können, ein nicht gerade geringes Risiko.
Pharma-Müll für die "Dritte Welt" Wieviel Vertrauen in den
Arzneimittelvertrieb in Länder der sog. Dritten Welt können wir einem Konzern entgegenbringen, der schon in der ersten Welt, krass ausgedrückt, über Leichen geht? Die Weltgesund- heitsorganisation (WHO) erkennt
von sämtlichen verfügbaren Präparaten aller Hersteller einschließlich BAYER nur etwa 280 Präparate als essentiell notwendig an. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik gibt es über 90 Tausend. Die WHO hat ihre Maßstäbe
auch auf BAYER- Produkte angewendet und kommt zu dem Ergebnis, daß 78 % der in die sog. Dritte Welt vertriebenen Produkte entbehrlich sind. Beispiele: BRONCHO-BINOTAL, COLFARIT, DOLVIRAN, TREDALAT, CHINASPIN und
viele mehr. Ein Drittel der von BAYER in Länder der sog. Dritten Welt vertriebenen Arzneimittel sind bei uns nicht zugelassen. Ein Beispiel: In Indien wird BAYER TONIC, eine obskure Vitamin- Mischung, die zudem
Alkohol enthält, als "Stärkungsmittel" angeboten. Vitamine gegen Hunger? Zwar teilte BAYER nach umfangreicher Kritik mit, der Alkoholzusatz solle künftig unterbleiben und der Warnhinweis "Keep out of
reach of children" werde angebracht. Dennoch kann BAYERs TONIC indirekt den Tod von Kindern herbeiführen. Die Werbung verleitet viele Eltern dazu, das für viele unerschwinglich teure Mittel zu verabreichen,
statt, wie es sinnvoll wäre, einen Arzt aufzusuchen. Dadurch werden oft alle finanziellen Kapazitäten ausgeschöpft, und eine sinnvolle Behandlung sowie der Kauf von Obst und Gemüse unterbleiben.
In vielen Staaten der "Dritten Welt" wird BAYCUTEN, eine Salbe, die bei Hauterkrankungen helfen soll, vermarktet. Das Präparat enthält nach
Expertenmeinung eine geradezu unsinnige Kombination von Substanzen. Ein Anti-Pilzmittel, ein Antibiotikum sowie Kortison. Während Kortison die Infektionsausbreitung fördern kann, sollen die beiden anderen
Wirktstoffe sie vermutlich eindämmen.
In Kolumbien wirbt BAYER für den Tausendsassa ASPIRIN mit der Behauptung, es sei sanft zum Magen. Eine glatte Lüge. Sind doch gastro-intestinale Blutungen
geradezu klassische Nebenwirkungen von ASPIRIN. Für nur ein Gramm des Penicillines BINOTAL muß ein kolumbianischer Durchschnittsverdiener 11 % seines Monatseinkommens hinblättern.
Irreführende Werbung nicht nur für ASPIRIN, sondern auch für CIPROBAY, dem neuesten BAYER-Antibiotikum. Auf den Phillippinen etwa verkündet die Werbung, das
auch bei uns kritisierte Produkt sei "für alle Infektionen" bestens geeignet. Dabei sind die Nebenwirkungen durchaus schwerwiegend und führen in manchen Fällen zu irreversiblen psychiatrischen Störungen.
Schlimmer noch ist die Züchtung von Resistenzen. CIPROBAY sollte ausschließlich als Reservemittel für jene Fälle angewendet werden, in denen herkömmliche Antibiotika versagen. Dadurch, daß CIPROBAY neben der
Injektionslösung auch als Tablette erhältlich ist, ist dem Mißbrauch Tür und Tor geöffnet. Ein Problem, das auch in Deutschland besteht. Sextouristen bedienen sich des Mittels trotz seiner
Verschreibungspflichtigkeit offensichtlich, um Geschlechts- krankheiten vorzubeugen oder zu behandeln. (ExpertInnen halten CIPROBAY nur als Mittel der letzten Wahl - nach Erreger- und Resistenztestung - für
vertretbar. Neben GLUCOBAY und BAYOTENSIN das dritte Beispiel für einen Verstoß gegen wissenschaftlich fundierte Therapie-Prinzipien.)
Bei der Entwicklung neuer Medikamente geht es weniger um die medizinische Wirksamkeit als um den Profit. Wenn in den Jahren 2001 bis 2003 der Patentschutz für
das BAYER-Antibiotikum CIPROBAY ausläuft, soll, so BAYER-Vorstand Walter Wenniger, sofort "ein Präparat mit ähnlich großem Potential" auf den Markt kommen. CIPROBAY ist mit 2,9 Mrd. Mark Umsatz das
führende Antibiotikum der Welt. Die Folge- substanz mit dem Arbeitstitel "BAY 12-8039" befindet sich bereits in der Retorte. Es steht zu befürchten, daß das neue Mittel - ähnlich wie CIPROBAY -
umfassend beworben und verordnet wird, obwohl es vermutlich auch ein Mittel der letzten Wahl sein wird.
Unerwünschte Nebenwirkungen sind für Patienten in Ländern der sog. Dritten Welt in zweifacher Hinsicht weitaus problematischer als für Anwender bei uns.
Erstens führt Analphabetismus zu erhöhten Therapiefehlern, da den Beipackzetteln in der Regel keine Warnungen in Form von Piktogrammen beigelegt sind. Zweitens führen (noch) weniger restriktive Gesetze dazu, daß
Präparate, auch gefährliche, die bei uns wenigstens der Verschreibungs- und Apothekenpflicht unterliegen, frei gehandelt werden. Unter solchen Bedingungen werden vermeintlich gute Erfahrungen von Verwandten oder
schlicht von "Halsabschneidern" kritiklos zusammen mit dem entsprechenden Mittel weitergereicht. In Brasilien wirbt BAYER mit dem Slogan: "Weil es von BAYER ist, ist es gut."
Abschied von Tropenforschung Tatsächlich gut, sprich: von der WHO empfohlen, ist ein Gemeinschaftspräparat von BAYER und MERCK zur Behandlung der Bilharziose, eine der häufigsten Infektionskrankheiten der Welt.
Gegen die bei uns kaum bekannte, unbehandelt zumeist tödlich verlaufende Seuche hilft BILTRICIDE, besagter Stoff der Firmen BAYER und MERCK. Eine einzige Tablette genügt, einen Menschen zu kurieren. Leider können
sich die meisten Betroffenen BILTRICIDE nicht leisten, die Regierungen kümmern sich oft nicht um eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung im Notfall. Nach massivem Druck durch die kritischen BAYER-AktionärInnen
ist es 1985 gelungen, den Konzern zu insgesamt über 40 %igen Preissenkungen zu veranlassen.
Insgesamt hat der BAYER-Konzern der Tropenforschung den Rücken gekehrt. Sie bringt nicht genug Profit, heißt es. Der Leverkusener Multi, langjähriger
Patentinhaber des weltweit ersten Prophylaktikums mit dem Handelsnamen RESOCHIN, ließ seinen Forschungsleiter Wolf-Dieter Busse mitteilen: "Ein neues Malaria-Mittel wäre ethisch wünschenswert, aber die
Aufwendungen sieht eine Firma nie wieder." Selbst die erzkonservative Welt am Sonntag schlußfolgert da: "Die Pharma-Multis arbeiten nur nach ihren Satzungen - also nicht gegen die Geißeln der Menschheit,
sondern für die Dividende. In diesem Umfeld sind Medikamente gegen Malaria und Lepra, Tuberkulose und Bilharziose nur Nischenfüller. So hat die BAYER AG die Tropenforschung bereits 1987/88 eingestellt."
Ganzheitliche Sicht tut not Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen ganzheitlichen, also alle Lebensbereiche umfassenden Gesundheitsbegriff geschaffen. "Gesundheit", so heißt es "ist der
Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens - und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen." Dieser Definition zufolge sind einheitliche Standards in der ersten wie der
dritten Welt erst durch die Abschaffung ausbeuterischer Handelsstrukturen zu erreichen. Ein umfassender Gesundheitsbegriff schließlich schließt die Analyse der Lebens- und Produktionsbedingungen, die BAYER als
Arbeitgeber ebenso bestimmt, wie Preis und Güte vieler Produkte, mit ein.
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