SWB 01/98 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Weniger Beschäftigte
Zum Jahreswechsel 97/98 befragte die Börsen-Zeitung große bundesdeutsche Unternehmen zu den Themen Gewinnaussichten, Konjunktur-Einschätzung, Personalkosten, Dollarkurs und Euro-
Umstellung. BAYER kündigte an, daß 1998 die Zahl der Beschäftigten erneut leicht sinken werde, da "unsere Maßnahmen zur Restrukturierung noch nicht abgeschlossen sind, und weil wir unsere Produktivität weiter steigern müssen."

Tarifrunde 1998
Im Oktober letzten Jahres wies der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie, Hubertus Schmoldt, die Zwickel-Forderung vom "Ende der Bescheidenheit" zurück. Die IG BCE werde weiterhin den Schwerpunkt auf Beschäftigungssicherung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze statt auf die Forderung nach deutlich höheren Löhnen legen. Die Stimmung in den Betrieben trifft das allerdings nicht ganz. Die gewerkschaftlichen Vertrauensleute des BAYER-Werkes Brunsbüttel forderten zwischen 4 und 7 % mehr Lohn und lagen damit deutlich über der Empfehlung des IG BCE- Hauptvorstandes. Der IG BCE-Experte für Tarif-Politik, Werner Bischoff, bekam als Gast der BASF-Vertrauens-
leute-Versammlung in Ludwigshafen ebenfalls Gegenwind.
Von "Girlanden", wie die beschäftigungspolitischen Maßnahmen bezeichnet wurden, wollten viele nichts mehr wissen, da sie keine neuen Arbeitsplätze gebracht hätten. Auch sei die Arbeitsteilzeit-Vereinbarung lediglich als Flächensozialplan mißbraucht worden. Das ließ die Gewerkschaftsfunktionäre nicht unbeeindruckt. Man nahm eine leichte Kurs-Korrektur vor und will zweigleisig in die Tarif-Auseinander-
setzungen gehen: Sowohl auf beschäftigungssichernde Maßnahmen setzen als auch höhere Löhne fordern. Der Tarif-Kampf soll im Bezirk Nordrhein (also dem BAYER-Gebiet) ausgetragen werden.

Schneider macht Kassensturz
In einem Interview mit dem Kapital-Blatt "Capital" zog Dr. Manfred Schneider, Vorstandsvorsitzender der BAYER AG, eine Zwischenbilanz seiner Tätigkeit. Als seinen größsten persönlichen Erfolg bezeichnet er, daß es gelungen sei, das BAYER-Kreuz in den USA zurückzukaufen. Das sei nicht nur eine reine Prestige- Angelegenheit gewesen, das Kreuz besäße wegen seines Bekanntheitsgrades auch einen materiellen Wert. Als größsten Rückschlag sieht es Schneider an, daß es nicht gelungen sei, "bei politisch Verantwortlichen mehr Verständnis für die wirtschaftliche Situation unseres Landes zu wecken und die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen am Standort Deutschland rüberzubringen." Die starre Fixierheit des Diplom-Kaufmannes auf die Börsen-"Performance" des Konzerns und besonders auf das Erreichen des "Global Player"-Klassenziels von 15 % Umsatzrendite in allen Geschäftsbereichen lassen für die MitarbeiterInnen zukünftig nichts Gutes ahnen. Denn verdienen tut man bei BAYER seiner Ansicht nach "immer noch zu viel", trotz des im Standort-Bündnis vereinbarten Verzichts der Beschäftigten auf die freiwilligen Sozial-Leistungen. Man habe aber durch die Senkung der Personalkosten von 90 auf 86 DM pro MitarbeiterIn wenigstens den ansteigenden Lohn-Trend brechen können, verkündet der Vorstandschef seinen Shareholdern.

Neuorganisation der Betriebsratsarbeit
Der Betriebsrat im BAYER-Werk Leverkusen hat seine Geschäftsordnung geändert. Künftig sollen an großen Sitzungen nicht mehr 13, sondern nur noch 11 Betriebsräte teilnehmen, an kleinen Sitzungen 7 statt bisher 9. Die Betriebsräte der einzelnen Abteilungen haben so mehr Zeit für persönliche Gespräche an der Basis. Eine zweite Neuerung erweitert die Befugnisse der 16 Bereichsbetriebsräte. Sie können künftig selbst über eventuell anstehende Versetzungen, die Genehmigung von Überstunden und anderes entscheiden.
Der Umstrukturierung der ArbeitnehmerInnen-Vertretung war eine MitarbeiterInnen-Befragung und eine längerfristige Projekt-Arbeit, an der auch ein Unternehmensberater teilnahm, vorausgegangen. Mit der Neuorganisation hofft man nun, eine angemessene Antwort auf die in den letzten Jahren vom Management eingeleiteten Veränderungen bei BAYER gefunden zu haben.

Betriebsrat oder Aufsichtsrat?
Der Betriebsratsvorsitzende des BAYER-Werkes Dormagen, Karl Josef Ellrich, zog eine positive Zwischenbilanz der Vereinbarung zur Standort-Sicherung. Allerdings waren seine Äußerungen manchmal überhaupt nicht mehr von denen aus der Vorstandsetage zu unterscheiden. So sprach er begeistert davon, daß der Standort- Vertrag eine Kosten-Ersparnis von 200 Millionen gebracht und BAYER geholfen hätte, den Gewinn erheblich zu steigern. "Wir sind mittlerweile auf dem Weg, wieder rosarote Zahlen zu erreichen." Sekundiert wurde er bei dieser Bauchredner-Übung von Gerd Hengstberger, dem Bezirksleiter der IG BCE. Er riet dazu, den Chemie-Standort NRW im Frühjahr "aggressiv in Japan" anzubieten und forderte BAYER auf, "mehr Flexibilität und mehr Nähe zum Kunden" zu zeigen.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender unsolidarisch
Die Auslassungen des BAYER-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Rolf Nietzard beim "Fest der Neujubilare" in Leverkusen zeigen, wie groß die Kluft zwischen ArbeitsplatzbesitzerInnen und ArbeitslosInnen inzwischen geworden ist. Die Tatsache, daß die Konzern-Gewinne stetig steigen, während seit 1990 16.000 Arbeitsplätze abgebaut wurden, ist Nietzard keinesfalls Anlaß zur Klage über die unsoziale Marktwirtschaft. Er rühmt vielmehr das Leistungsvermögen der Übriggebliebenen, die die Lücke unversehens geschlossen hätten und dem Konzern dadurch die positiven Bilanzen ermöglicht hätten. Auch dem Verzicht, den die ArbeitnehmerInnen im Zuge des "Bündnisses für Standortsicherung" leisten mußten, kann Rolf Nietzard nur Positives abgewinnen:
"Wir leben auf keiner Insel der Glückseligen im rauhen Meer. Aber das Schiff Bayer ist dadurch für seine Besatzung ein Stück sicherer geworden". Nach dieser Logik hält das Schiff BAYER um so sicherer Kurs, desto mehr soziale Errungenschaften über Bord gehen.

Gleitzeit in Wuppertal
Eine Betriebsvereinbarung im BAYER-Werk Wuppertal regelt den Gleitzeit-Modus für Teilzeit-ArbeitnehmerInnen neu.
Der Abrechnungszeitraum wird künftig auf sechs Monate verlängert. Außerdem ist die Pausenregelung derjenigen der Vollzeitkräft angepaßt worden. MitarbeiterInnen, die 6-7 Stunden arbeiten, können allerdings eine Sonderregelung in Anspruch nehmen. Die Belegschaftsliste kritisiert die Gleitzeit- Spanne im Büro-Bereich von 6.00 bis 22.00, kann der Betriebsvereinbarung aber ansonsten "mit Bauchschmerzen" zustimmen. Allerdings wies sie in ihrem Belegschaftsinfo darauf hin, daß die Flexibilisierung der Arbeitszeit immer eine Rationalisierungsmaß-
nahme darstelle und somit keine - oder nur negative - Effekte auf die Beschäftigungssituation habe.

Belegschaftsliste für Listenwahl
Die Belegschaftsliste des Wuppertaler BAYER-Werkes favorisiert bei der nächsten Betriebsratswahl im Frühjahr die Listenwahl. Eine Persönlichkeitswahl würde sie gegenüber der IG BCE benachteiligen. Denn nur durch eine Listenwahl wäre eine angemessene, proporzgerechte Vertretung der Belegschaftsliste auch in den Betriebsratsausschüssen gewährleistet. Nur durch diesen Wahlmodus wäre es auch möglich, daß bei dem Ausscheiden eines Betriebsratsmitgliedes ein Vertreter der gleichen Gruppe nachrückt und nicht der- oder diejenige mit der nächsthöheren Stimmenzahl. Über das Thema Listen- oder Persönlichkeitswahl war es in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Belegschafts-
liste und VertreterInnen der IG Chemie gekommen.

Masse und Macht
Ein Plakat mit dem Titel "Think Big", das lauter kleine Fische zeigt, die gemeinsam einen großen Fisch bilden, soll die BAYER-MitarbeiterInnen dazu animieren, sich als eine organische Einheit zu fühlen. Es hängt derzeit an vielen Werkswänden. Demnächst wird das Motiv auch in Kalendern, auf T-Shirts und auf Postkarten zu bewundern sein. Manchmal sind die Grenzen zwischen Corporate Identity, der Beschwörung von Teamgeist und faschistoiden Vorstellungen, nach denen der Einzelne als "kleiner Fisch" nichts gilt, das große Ganze aber alles, fließend.