SWB 02/98 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Tarifabschluß 1998
Bei den Tarifverhandlungen einigten sich die IG BCE und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) auf eine Entgelderhöhung von 2,4 %. Die Ausbildungsvergütung wurde nicht erhöht, der BAVC machte statt dessen die vage Zusage, bis zum Jahr 2000 die Zahl der Ausbildungsplätze um 5 % zu erhöhen. Darüber hinaus ist die Altersteilzeit den neuen gesetzlichen Regelungen angepaßt worden. IG BCE und BAVC schufen zudem erste Voraussetzungen für den Einstieg in eine tarifliche Zusatzrente. Angesichts der immensen Gewinne von BAYER & Co. enttäuscht das Ergebnis. "Deutlich mehr Geld", wie die IG BCE im Vorfeld der Verhandlungen gefordert hat, ist es nicht geworden. Daß sich die Gewerkschaft mit dem Einstieg in eine "Tarifrente" an der Aushöhlung der staatlichen Sozialversicherungssysteme beteiligt, könnte sich als Bumerang erweisen. 

Betriebsratswahlen 1998
Die Alternativ-Listen zur IG BCE konnten bei den diesjährigen Betriebsratswahlen ihre Positionen behaupten oder teilweise sogar massiv ausbauen. In Leverkusen erzielten die "Durchschaubaren" 21,6 % und hielten damit ihren Sitzanteil, während die IG BCE fünf Sitze verlor. Die "freie und unabhängige Liste" aus Brunsbüttel erreichte ebenfalls 21,6 % der Stimmen. Das beste Ergebnis erreichte die Wuppertaler "Belegschaftsliste". Mit 45,1 % ist sie im Betriebsrat vor der IG BCE die stärkste Fraktion geworden. In immer mehr bundes-
deutschen Werken bilden sich Listen, die sich als Alternative zur IG Metall oder der IG BCE verstehen. Bei den diesjährigen Wahlen errangen sie alle beträchtliche Erfolge.

IG BCE sabotiert "Alternative"
Im Vorfeld der Betriebsratswahlen kam es im Uerdinger BAYER-Werk zu massiven Behinderungen der "Alternativen" durch die IG BCE. Der Wahlvorstand, ausschließlich mit MitgliederInnen der IG BCE besetzt, überprüfte die für die Kandidatur nötigen Unterstützungsunterschriften der "Alternativen" nur nach Androhung von Rechtsmitteln. Ferner wurden Hetzbriefe gegen die unliebsame Konkurrenz verfaßt. Krönung des Ganzen: Die Zustimmung des IG BCE-Betriebsrats zur Zwangsver-
setzung eines Alternativ-Kandidaten.

Bonus-Erhöhung
Das hat BAYER gut getimet. Um die Stimmung in der Belegschaft angesichts der "prächtigen Zahlen" des Geschäftsberichts 98, von denen die Beschäftigten nichts haben, und der avisierten Dividenden- Erhöhung ein wenig aufzuhellen, erhöhte man die Bonus-Zahlung von 25 % auf 35 %. Daß Betriebsratswahlen ins Haus standen, wird man ebenfalls im Kopf gehabt haben. Wenig mehr als ein kleines Trostpflaster stellen diese zusätzlichen 10 %, die in einen Investmentfond einfließen sollen, nicht dar. Vor den "Vereinbarungen zur Standort-
sicherung" lag die Bonus-Zahlung noch bei 85 % des durchschnittlichen Monatseinkommens.

Stellenabbau bei Produktionslogistik
BAYER will den Unternehmensbereich "Produktionslogistik" ausgliedern und an DYSTAR, das gemeinsame Joint-venture mit HOECHST, vergeben. Da DYSTAR bereits angekündigt hat, mit einer viel geringeren Beschäftigtenzahl auskommen zu wollen, wird es zu massiven Arbeitsplatzverlusten kommen. BAYER hat "überhängigen Kollegen" bisher lediglich Plätze in einem Beschäftigten-Pool in Aussicht gestellt. Der stellvertretende BAYER-Betriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich sieht in dem Vorgehen des Konzerns einen klaren Bruch der "Standortsicherungsvereinbarung", da BAYER sich darin verpflichtet habe, Werksstandorte und Beschäftigung zu sichern.

1.000 DM weniger Entgeld
Ein ausgebildeter Chemikant verdient bei BAYER 1998  ca. 1.000 DM weniger als noch 1994, wie aus dem Belegschaftsinfo von BAYER- Wuppertal hervorgeht. Seit der Eckwert-Kündigung von 1994 drückten unter anderem die "Standortsicherungsvereinbarung", der Wegfall der Vollkontiprämie, die Kürzung der Nachtzuschläge und der Wegfall der bezahlten Übergabezeit den Arbeitslohn um diese Gesamtsumme.

Abgruppierungen
Nach BAYERs Ansicht sind zahlreiche Beschäftigte in zu hohe Lohngruppen eingestuft. Wie schon in der "Standortssicherungs-
vereinbarung" festgeschrieben, kündigt der Konzern jetzt eine Überprüfung der Entgeldstrukturen an und will neue Richtbeispiele erstellen. Bei Versetzungen auf einen nicht gleichwertigen Arbeitsplatz, beispielsweise in den "Beschäftigten-Pool", soll eine Abgruppierung um zwei Stufen möglich werden. Darüber hinaus will der Konzern eine längere Verweildauer in den jeweiligen Entgeldgruppen durchdrücken. Man plant zudem, die Möglichkeit zu erschweren, durch Weiterbildung in eine höhere Entgeldgruppe zu kommen (Quelle: Durchschaubaren- Flugblatt).

Teamarbeit bei BAYER
BAYER hat mit dem Gesamtbetriebsrat eine Vereinbarung getroffen, wonach innerhalb der nächsten fünf Jahre in allen Produktionsbetrieben der AG Teamarbeit eingeführt wird. Personalvorstand Hans-Jürgen Mohr dazu: "...Mit der Teamarbeit wollen wir eine Steigerung der Effizienz und Produktivität in den Betrieben erreichen sowie die Eigenverantwortung und das selbständige Arbeiten der Beschäftigten stärken." Man kann sich also in Zukunft durch Effizienzsteigerung eigenverantwortlich selber wegrationalisieren! Da wird es wenig helfen, daß der Gesamtbetriebsrat bei den Verhandlungen ein Hauptaugenmerk auf "die Absicherung der Mitarbeiter gegen mögliche Rationalisierungsfolgen gerichtet" hat, wie der Vorsitzende Rolf Nitzard sagte. Denn Produktivitätssteigerung heißt immer Senkung der Arbeitskosten. Bei einer Umfrage des SOFI-Instituts (siehe
Ticker 4/97) klagten bereits teamarbeitenden BAYER- Beschäftigte zudem über Arbeitsverdichtung und ein schlechteres Betriebsklima. Mehr persönliche Freiräume hat das Arbeiten im Team nach Meinung vieler Befragter auch nicht gebracht.

Flexibilisierung in Leverkusen
Im BAYER-Werk Leverkusen sind in der Vergangenheit viele Betriebsvereinbarungen zur Einführung von Gleitzeit in einzelnen Abteilungen abgeschlossen worden. Nun soll es eine Regelung über die "flexible Gestaltung der Gleitenden Arbeitszeit" (GLAZ) geben, die für das ganze Werk gilt. Motiv dabei: eine "kundenorientierte Ausrichtung der Arbeitszeit", "zügigere Auftragserledigung" und eine Anpassung an ein unregelmäßiges Arbeitsaufkommen. Die "Durchschaubaren" fordern in ihrem März-Flugblatt eine Verankerung der ArbeitnehmerInnen- Interessen in der Vereinbarung, die Nicht-Einbeziehung des Samstages und besondere Rücksichtnahmen auf Erziehende und Personen mit pflegebedürftigen Angehörigen.

BAYERs Drogenfahndung
Seit November 1997 führt BAYER im Rahmen von Einstellungsunter-
suchungen auch ein Drogen-Screening durch, wobei im Blut der BewerberInnen nach Rückständen von Canabis, Exstasy oder Kokain gefahndet wird. Der Konzern sieht in dieser Schnüffelei nur eine vorbeugende Maßnahme zur Absenkung des Unfallrisikos im Werk. Von einem gelegentlichen Canabis-Konsum - dieser Stoff ist bis zu drei Wochen im Blut nachweisbar - auf eine verminderte Reaktionsfähigkeit bei der Arbeit zu schließen, ist allerdings waghalsig. Trotzdem besteht die Gefahr, daß durch das Drogen-Screening "unsichere Kantonisten" sofort aussortiert werden. Ein bitterer Vorgeschmack auf das, was erst das Gen-Screening erwarten läßt. Denn dieses Verfahren stellt dem Personal-Chef eine Unmenge medizinischer Daten zur Entscheidungs-
findung zur Verfügung (Quelle: Durchschaubaren-Flugblatt).

sozial-ökologische Reformen gefordert
Im Rahmen einer Feierstunde für langjährige Gewerkschaftsmitglie-
derInnen kritisierte der BAYER-Betriebsrat Erhard Gipperich scharf die Politik der Konzerne, trotz florierender Gewinne und steigenden Aktienkursen weiter Arbeitsplätze zu streichen und plädierte statt dessen für "sozial-ökologische Reformen".

BAYER für Pensionsfonds
In einer Umfrage der Börsen-Zeitung begrüßte es BAYER, Pensions-
fonds in stärkerem Maße zu einem Instrument betrieblicher Alters-
versorgung zu machen. Das böte im Vergleich zu bisherigen Lösungen größere Gestaltungsmöglichkeiten. Und die Leistungen der staatlichen Altersversorgung würden eh weiter zurückgehen. Man ist erfreut über die Aussicht, daß der Arbeitgeber bei Pensionsfonds seinen Aufwand exakt berechnen kann, während der Pensionär die Höhe seiner Rente den Kurszetteln entnehmen muß. Bei BAYER-USA gibt es bereits Pensions-
fonds, die VANGUARD, die zweitgrößte Fond-Gesellschaft der Welt, verwaltet. Die großen Fond-Unternehmen sind mit ihrer immensen Kapitalmacht die aggressivsten Shareholder-Value-Vertreter und haben großen Einfluß auf die Geschäftspoltik von Unternehmen.
Für Beschäftigte, deren Arbeitgeber Pensionsfonds eingerichtet haben, entsteht so die paradoxe Situation, daß sie zum Wohl ihrer Alters-
versorgung den Arbeitsplatz verlieren können.

Shareholder-Terror
BAYERs Finanzvorstand Werner Wenning hat unlängst 95 BAYER- Führungsleuten aus aller Welt ein neues ökonomisches Gesamtkonzept vorgestellt, daß sich ausschließlich am Unternehmenswert, wie ihn der Aktienkurs anzeigt, ausrichtet. Den Ausschlag dazu gab ein Treffen mit institutionellen Anlegern und Aktienfond-Managern (ca. 12 Prozent des BAYER-Kapitals liegt in den Händen amerikanischer Investment- Fonds). Damit zählt BAYER zu den ersten deutschen Großkonzernen, die wertorientiertes Management auf allen Ebenen des Konzerns umsetzen, frohlockte das managermagazin. Die neue Richtgröße der Aktionärsbeglückung ist der Übergewinn, DUB (Delta-Unterschieds- Brutto-Cash-flow) genannt, die Differenz aus Rendite und Kapitalkosten, multipliziert mit dem investierten Kapital. Es wird extra ein spezielles Datenerfassungssystem geschaffen, daß jedem Mitarbeiter und jeder Abteilung stets die heilige Zahl anzeigt. Ein Teil des Gehaltes soll in Zukunft direkt von der neuen Börsen-Akkordnorm abhängen. Und da eine Komponente des Rechenexempels, die Unternehmensrendite, bei bundesdeutschen Konzernen wegen höherer Kapitalkosten deutlich hinter der ihrer amerikanischen Konkurrenten zurückbleibt, kündigt Wenning schon mal Entlassungen an. Aber nach dieser schmerzhaften Phase, wenn die Gewinne noch exorbitanter steigen, stellt er den Königsweg "neue Jobs" in Aussicht. Wer´s glaubt.

"Lernen durch Tun" wird eingestellt
BAYER beendet das "Lernen duch Tun"-Programm, eine werksinterne Fördermaßnahme für lernschwache Jugendliche ohne Hauptschul-
abschluß. Bislang fanden jährlich rund 30 Jugendliche über diese Qualifizierungsmaßnahme eine Anstellung bei BAYER. Einige von ihnen haben sich sogar in gehobenere Positionen hocharbeiten können. Der Betriebsrat protestierte gegen die Einstellung des Förder-Programms. BAYER kündigte an, statt dessen "social sponsoring" betreiben zu wollen.