SWB 02/98 - Ticker

PESTIZIDE & HAUSHALTGIFTE

Artensterben durch Pestizide
Pestizide können ein ganzes Ökosystem sprengen. Denn die Natur kennt keine "Nützlinge" und "Schädlinge". Die Insekten, die die Pestizide vernichten, fehlen Tieren wie Bienen, Schmetterlingen, Fledermäusen als Nahrungsgrundlage. Dadurch reduziert sich ihr Aufkommen. Weil sie aber eine wichtige Rolle bei der Bestäubung von Pflanzen spielen, wird auch die pflanzliche Vielfalt bedroht. Die Anzahl der Bienen ist in Nordamerika in den letzten Jahren um ein Viertel zurückgegangen, 1.200 der "pflanzennützlichen" Wirbeltierarten sind vom Aussterben bedroht. Die Bestände an Neem-Bäumen, an wilder Banane und an Eukalyptus nehmen drastisch ab.

Pestizide machen Krebs
"Living Downstream", das Buch der amerikanischen Autorin Sandra Steingraber, erbringt neue Fakten über den Zusammenhang von Pestiziden und Krebserkrankungen. Steingraber untersuchte die Mortalitätsraten bestimmter Regionen und stellte fest, daß in landwirtschaftlich genutzten Gebieten mit intensiver Pestizid- Ausbringung die Zahl der an Lymphkrebs erkrankten PatientInnen bedeutend höher ist als in Städten. Auch sind FarmerInnen, Golfplatz-PflegerInnen und Vietnam-Veteranen, die "Agent Orange" ausgesetzt waren, überproportional häufig von der Krebsart betroffen. Untersuchungen von Dr. Vincent Garry ergaben zudem, daß bei den Krebs- PatientInnen dieselben Chromosomen-Mutationen zu beobachten sind, wie bei Bauern, die tagtäglich mit Pestiziden umgehen.

Pestizide in Babykost
Die niedrigen deutschen Grenzwerte für Pestizid-Rückstände in Babykost drohen unter die EU-Räder zu kommen. Eine einheitliche EU-Richtlinie, die vom bundesdeutschen Prinzip des "vorbeugenden Gesundheitsschutzes" geleitet ist und Werte unter der Nachweisgrenze vorschreibt, stößt auf den Widerstand besonders der Mittelmeerländer. Sie verweisen auf höheren "Schädlingsdruck" durch das sonnige Klima. Aber auch die Landwirtschaftslobby fordert, in Gestalt des Agrar-
kommissars Franz Fischler, risikoabhängige Grenzwerte. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

PAN kritisiert Codex Alimentarius
Der Codex Alimentarius ist eine internationale Kommission, die verbindliche Normen zur Lebensmittelsicherheit aufstellt. Sie legt auch Höchstgrenzen für Pestizid- Rückstände in Nahrungsmitteln fest. Das Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN), das bei der diesjährigen Sitzung des Codex in Den Haag mit einer Aktivistin auch in der deutschen Delegation vertreten war, kritisiert zahlreiche Codex-Beschlüsse als ungenügend. So bedeutet es ein Gesundheitsrisiko für VerbraucherInnen, daß der Codex keine Höchstgrenzen für Pestizid-Rückstände in Fischen festgelegt hat, obwohl Kontaminationen nachzuweisen sind. Desweiteren hält PAN es für verfehlt, als Bezugsgröße für die Festlegung von Höchstgrenzen einen Durchschnittserwachsenen mit einem Körpergewicht von 60 kg anzunehmen. Dadurch werden nämlich nach Meinung von PAN die speziellen Risiken, denen Kleinkinder und Säuglinge ausgesetzt sind, nicht erfaßt. Zudem berücksichtigt der Codex nicht, daß Pestizide nicht nur über Lebensmittel, sondern auch über das Trinkwasser in den menschlichen Organismus gelangen, und es so zu Kombinations-
wirkungen kommen kann. Bei den festgelegten Höchstmengenwerten für einzelne Pestizid-Wirkstoffe sieht PAN ebenfalls Handlungsbedarf, z. B. bei Haloxyfop, in Säureform der Wirkstoff des BAYER-Herbizids GALLANT.

Gefährliche Alt-Pestizide
Die über die Welt verstreuten Alt-Pestizidbestände - ca. 100.000 Tonnen - stellen eine ökologische Gefahr dar. Die Lagerung weist große Mängel auf. Vielfach lecken die Tonnen, so daß große Mengen des Giftes in den Boden und dadurch auch in das Trinkwasser gelangen. Natürlich kümmern sich die Versorger wie BAYER, BASF & Co. nicht um die Entsorgung. Dafür müssen die Regierungen der Bundesrepublik, Hollands und Dänemarks aufkommen. Die COORDINATION GEGEN BAYER- GEFAHREN fordert eine Pestizid-Abgabe, damit die Konzerne an den Folgekosten der Pestizid-Produktion beteiligt werden.

Neues Pflanzen"schutz"gesetz
Im März beschloß der Bundestag eine Novellierung des Pflanzen-
"schutz"gesetzes. Darin ist erstmals ein Passus aufgenommen, der festschreibt, daß es zur "guten fachlichen Praxis" gehört, die Grundsätze des integrierten Pflanzen- und Trinkwasserschutzes zu berücksichtigen. Auch ist die Pestizid-Ausbringung auf Freiflächen wie Gleisanlagen und Verkehrsflächen strenger geregelt. Das Gesetz erkennt ebenfalls die mögliche hormonelle Wirkung von Ackergiften als Gefahr an. Das Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN) bleibt trotz dieser positiven Ansätze bei seiner grundsätzlichen Kritik am Pflanzenschutzgesetz, da "es sich um ein Pestizidzulassungsgesetz handelt".

BAYER Nr.6 der Agrochemie
In der top ten der größten Hersteller von Agrochemikalien belegt BAYER Platz sechs. Der Umsatz betrug 1997 ca. 2,2 Milliarden Dollar und sank damit im Vergleich zum Vorjahr um 3,8 %. Die gesamte Ackergift- Branche hatte einen Zuwachs von 0,6 % zu verzeichnen. Besonders diejenigen Unternehmen, die wie MONSANTO und AGREVO stark auf die Gentechnik setzen, konnten ihre Marktposition verbessern.

Gesundheitsschäden durch TAMARON
Eine zynische Kosten-Nutzen-Analyse über den Pestizid-Gebrauch in Ecuador kommt zu dem Ergebnis, daß die Gesamtbilanz positiv wäre, da die Ertragssteigerungen durch Pestizide die Kosten für die Behandlung von Vergiftungserscheinungen aufwiegen würden. Gleichwohl macht die Studie das erschreckende Ausmaß gesundheit-
licher Schäden durch die Ausbringung von Pestiziden deutlich. Untersucht wurden 320 Kartoffelpflanzungen; die am häufigsten verwendeten Pestizid-Wirkstoffe waren Carbufuran, Mancozeb und Metamidophos, von BAYER unter dem Namen TAMARON vermarktet. In der betreffenden Region lebten 29.000 Menschen, 50 davon begaben sich wegen Vergiftungserscheinungen in ärztliche Behandlung. Da aber nicht alle Betroffenen in solchen Fällen zum Arzt gehen - in den untersuchten landwirtschaftlichen Betrieben nur 2 von 22 Kontaminierten - liegt die Dunkelziffer noch viel höher.
Eine gründliche medizinische Untersuchung der Pestizid-AnwenderInnen ergab  im Vergleich zu einer Kontrollgruppe besorgniserregende Resultate. So litten sie doppelt so häufig an chronischer Dermatitis.
Die Cholinesterase-Aktivität der FeldarbeiterInnen war deutlich beeinträchtigt und neuropsychologische Tests ergaben ebenfalls signifikante Auffälligkeiten. Sogar bei Intelligenztests schnitten die Personen, die täglich Pestiziden ausgesetzt sind, schlechter ab.

Bienensterben durch GAUCHO
Überall dort in Frankreich, wo auf Sonnenblumenfeldern flächendeckend das BAYER-Pestizid GAUCHO ausgebracht wurde, beklagen ImkerInnen der Umgebung eine dramatische Dezimierung ihrer Bienenvölker. Sterben die Bienen nicht, so zeigen sie akute Vergiftungserscheinungen wie den Verlust des Orientierungssinnes und produzieren weit weniger Honig als gewohnt. Eine in mehreren Regionen durchgeführte Untersuchung ergab ein Sinken der Honig- Produktion um bis zu 90 % überall dort, wo GAUCHO war.
Das veranlaßte den französischen Landwirtschaftsminister, das BAYER- Pestizid vorerst in drei Departements zu verbieten. Über weitere Maßnahmen wird im Oktober entschieden. Die französischen ImkerInnen fordern ein generelles Verbot des Ackergiftes. BAYER streitet in der Öffentlichkeit natürlich jegliche Verbindung zwischen dem Bienensterben und der GAUCHO-Ausbringung ab. Dumm nur, daß der Konzern in seiner Produktliste den GAUCHO-Wirkstoff Imidacloprid selbst als "Bienengefährlich" bezeichnet.

Pestizide stören Freihandel
Die NAFTA, der Wirtschaftsverbund der USA, Canadas und Mexicos, sieht Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln als "nichttarifäre Handels-
hemmnisse" an. Die unterschiedlichen Grenzwerte und Zulassungs-
bedingungen in den einzelnen Ländern behindern den freien Warenverkehr. Eine Kommission, an der auch unabhängige Nichtregierungsorganisationen teilnehmen sollen, wird in Kürze über eine einheitliche Regelung beraten. Das Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN) rechnet mit schärferen Bestimmungen.

Vereinigte Emirate gegen BAYER-Pestizide
Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Einfuhr von 14 Pestizid-Wirkstoffen verboten, darunter Methamidophos und Oxydemetonmethyl, enthalten in den BAYER-Ackergiften TAMARON, ECOMBI, METASYSTOX R und METASYSTOX R spezial. Das Land berief sich dabei auf die Prior Informed Consent-Liste, eine von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen angefertigte Aufstellung über die 22 gefährlichsten Pestizide und die fünf gefährlichsten Industrie-Chemikalien.