SWB 02/98

Vertrauensbildende Maßnahmen

Die Gentechnik kommt ins Museum

Die Propaganda-Maschinerie in Sachen Gentechnik läuft auf Hochtouren. Mal klotzt der PR-Riese Burson Marsteller europaweit, mal kleckert man eher bedächtig und "dialogbereit". Mit der Ausstellung "Gen-Welten", die parallel in Dresden, Mannheim, München, Vevey und in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik gezeigt wird, haben sich die interessierten Kreise nun ein ganz neues Medium erschlossen.

Schon das Entrée der Bonner "Gen-Welten" bringt die Philosophie der "Prometheus im Labor" betitelten Ausstellung auf den Punkt.
Als Blickfang hebt sich eine riesige Uhr vom Boden ab, aus der das Geäst der Schöpfung emporwächst. Der Mensch erscheint darauf als jüngster Trieb, erst fünf vor 12 gesprossen. Links davon ist ein kleiner Kasten mit einer roten Laufschrift an die Wand montiert. Sie zitiert aus Ovids "Metamorphosen" Passagen über den griechischen Welten-
schöpfer Prometheus. Genau gegenüber derselbe Blechkasten, diesmal mit Ausschnitten aus der Bioethik-Konvention gefüttert. Der Mensch, gleichzeitig Hinterbänkler der Evolution wie größtenwahnsinniger Demiurg, als vernunftbegabtes Wesen aber besonnen genug, sich selber Grenzen zu setzen. So die kleine Menschenkunde dieses Ensembles.

Bewußt unkritisch

Derartig bioethisch präpariert, geht´s gleich in medias res: die Entwicklung des Lebens, der Ursprung des Menschen. Mit der Darstellung des Ursuppen-Experimentes, in dem es Stanley Miller 1953 gelang, die Entstehung höheren molekularen Lebens aus niederem zu demonstrieren, wird dann schon die Brücke von der Theorie (der Entstehung von Leben) zur Praxis (einer möglichen gentechnischen Gestaltung desselben) geschlagen.

Die nächste Abteilung besteht aus metallenen Chromosomen-Pyramiden, an deren Spitze die jeweilige Spezies montiert ist. Wir lernen: Sowohl Fische als auch Schmetterlinge haben mehr Chromosomen als Menschen. Macht aber nichts, denn die so kostbaren Erbinformation sind eh auf wenigen Chromosomen konzentriert - der Rest ist Datenmüll. Gegenüber dann die Doppel-Helix, das von Francis Crick und James Watson entwickelte Strukturmodell für die Anordnung der menschlichen Erbanlagen. (Crick hat übrigens gerade gemeinsam mit anderen namhaften Wissenschaftlern eine Deklaration unterschrieben, die vehement auch das Klonen von Menschen verteidigt) Als metallene Wendeltreppe erstreckt sich die DNA in Bonn bis zur Sonne. Und müßte sich doch noch viel weiter erstrecken, ausgefaltet ist unsere Erbinformation nämlich sechs Mal so lang wie die Strecke von der Erde bis zur Sonne.

Für die anschließende Sektion "Im Labor" hat freundlicherweise BAYER die großformatigen Fotos zur Verfügung gestellt. Davor befinden sich Glastür-Attrappen, an denen Aufkleber die unterschiedlichen Sicher-
heitsstufen anzeigen. Bei Stufe 2 wird mit Handschuhen gearbeitet, bei Stufe 3 wird nur mit Unterdruck und unter Glas gen-manipuliert. Stufe 4-Labore gibt es in der Bundesrepublik nicht. Kann also nicht viel passieren.

Linker Hand dann eine Art Litfaßsäule, die liebevoll "Die Haustiere der Genetik" nennt, was sonst "biologisches Material" heißt und auch entsprechend behandelt wird: die Versuchsobjekte Fisch, Fruchtfliege, Maus - BAYER hat eine Aufnahme einer seiner E. coli-Bakterien beigesteuert.

Den Abschluß des ersten Raumes bildet eine monumental vergrößerte Aufnahme eines sich unterm Mikroskop räkelnden Kleinstlebewesens. Denkt man zumindest. Begibt man sich hinter die riesige Stellwand, auf die das Bild projiziert wird, so erblickt man die unmöglichsten Apparaturen, Schläuche, die ins Nirgendwo führen, Phantasie-Präparate und ein Formel-Wirrwarr: ein Fake-Labor des Künstlers Harald Fuchs. Spaß muß sein.

Der zweite Saal beginnt mit der Abteilung "Gesundheit und Krankheit". Auf einem Roulette-Tisch wird der Stand der genetischen Forschung zu Chorea Huntington, einem zu Demenz führenden Nervenleiden, rekapituliert; auf einer ausladenden Roulette-Schüssel der zu Darmkrebs. Krankheit ist eine Art Russisches Roulette mit Genen als Kugeln, soll diese museumspädagogische Installation wohl sagen. Der Hinweis, daß es sich bei Chorea Huntington um die einzige Krankheit handelt, für die monokausal ein defektes Gen verantwortlich gemacht werden kann, fehlt hingegen. Aber immerhin räumt man freimütig ein, daß nur fünf bis zehn Prozent der Darmkrebs-Fälle auf genetische Faktoren zurückzuführen sind.

Weiter geht´s zu einem überdimensionalen Kinderbett und damit zur Humangenetik. Auf einem Wickeltisch liegen Informationen aus. Darunter erschüttert eine Umfrage unter MedizinerInnen besonders: 19 % aller Befragten sehen in einer Anlage zur Fettleibigkeit schon einen hinreichenden Grund für einen Schwangerschaftsabbruch. Zum Glück blickt uns gleich daneben aus einem Monitor das vertraute Gesicht von Vater Beimer alias Joachim Luger entgegen, um etwaige Irritationen über die eugenische Dimension der pränatalen Diagnostik zu zerstreuen. In einem kleinen Filmchen erörtert er mit einer Partnerin das Für und Wider der Fruchtwasser-Untersuchung. Das Ende bleibt offen - wie bei der "Lindenstraße" - , aber mit der Rede von den "Chancen und Risiken" schwingt man doch in den Grundakkord der Ausstellung ein.

Die letzte Station von "Gen-Welten" thematisiert die Ernährung, die Kulturpflanzen und die Biodiversität. Eine Weltkarte aus Reagenz-
gläsern, jeweils mit Samen gefüllt, stellt die fünf weitverbreitesten Gen-Pflanzen vor: Soja, Reis, Tomate, Raps und Kartoffeln.

In unser Besuchergruppe entspinnt sich zum Abschluß noch ein kleiner Disput zwischen Skeptikern der Gentechnik und einem Befürworter, der selbst in der Bio-Industrie arbeitet, wie sich später herausstellt.
Der Leiter der Führung hört interessiert zu, ohne in die Diskussion einzugreifen. Dann entläßt er uns mit den Worten: "Die Ausstellung war ja bewußt unkritisch gehalten, damit sich jeder selbst eine Meinung bilden kann" in das Sahnehäubchen von "Gen-Welten", die Kunstaus-
stellung. Dort, wo dank künstlerischer Freiheit ein offenerer und kritischerer Umgang mit dem Thema erlaubt ist, soll nach Möglichkeit das Nachdenken über das Gesehene beginnen.

Es sind sowohl Werke ausgestellt, die sich explizit mit den neuen Bio-Technologien beschäftigen, als auch solche, die eher gewaltsam in den Kontext der Schau gedrängt wurden. Mit einer Strauß/Schaf- Kreuzung ist ein Exemplar aus Thomas Grünfelds seltsamen Tierwelten zu sehen. Ein großformatiges Foto von Dieter Huber, "Klone # 92" betitelt, stellt zwei an ihren Zungen zusammengewachsene Menschen dar. Ein anderes, "Klone # 102", zeigt ein künstliches Wald und Wiesen-Arrangement. Igor Sacharow-Ross problematisiert die Macht, die der Besitz von genetischen Informationen bedeuten kann, bis hin zum Erschaffen von Replikanten. Seine riesige Foto-Collage darf sogar das offizielle Plakat zur Ausstellung abgeben.

"Die Ausstellung arbeitet bewußt mit einer zurückhaltenden Rhetorik", verkünden die MuseumsmacherInnen. Was durchaus zutrifft, denn die Bonner Schau preist die Genetik nicht euphorisch als neue Schlüssel- Technologie, sondern stellt sie in gedämpften Tönen und bemüht sachlich vor. Nur dezent verweist man auf die Unterstützung durch BAYER & Co. bei der Beschaffung des Ausstellungsmaterials.
Als "Staatsmuseum" der Bundesrepublik Deutschland mit einem entsprechend hohen Etat ausgestattet, kann man sich die Unabhängig-
keit von Sponsoren auch noch leisten. Die Präsentation verzichtet auf spektakuläre Show-Effekte und kommt eher dröge daher. Schulklassen bleibt es vorbehalten, interaktiv zu werden. In vier "Experimente" genannten Sonder-Veranstaltungen dürfen sie sich beispielsweise per genetischem Fingerabdruck dem Täter auf die Spur machen. Auszug aus der Presse-Mappe: "Eine Probe stammt vom "Tatort", die vier anderen von "Verdächtigen". Wir trennen die Restriktionsfragmente durch Agarose-Gel-Elektrophorese und machen sie mit einem ungiftigen Farbstoff sichtbar. Das Bandenmuster wird analysiert, ein "Verdäch-
tiger" überführt. (...) Verfahrenstechnik: forensische Genetik."

Nestlé proudly presents

Andere Städte zeigen sich unverkrampfter im Umgang mit der Bio-Industrie. Die Schweizer Ausstellung in Vevey findet gleich im Nestlé-eigenen Museum für Ernährung statt. Was sollte da im "Museumsgarten" anderes blühen als Raps und Salat gen-made by Nestlé? Die Schau im Dresdener Hygiene-Museum unter Schirmherr-
schaft der Frau Bundespräsidentin hätte eher die Bezeichnung "Messe" verdient. AMGEN präsentiert dort seinen Gerinnungsfaktor für rote Blutkörperchen, SMITHKLINE einen neuen Hepatitis-Wirkstoff und SCHERING Interferon. Entsprechend verkaufsfördernd ist das Ganze inszeniert - nicht nur in Dresden. Allerorts wird 3D, Touchscreen, Computer-Animation und digitale Interaktion aufgeboten. Per Knopf-
druck blinken in München die einzelnen Bestandteile eines vier Meter hohen DNA-Modells auf. Und in Vevey lädt man zu einem "spannenden Computerprogramm" ein, mit dem man den Schorf an Apfelbäumen dingfest machen kann. Interaktives zum Thema "Weizenzüchtung im Mittelalter" ist gleichfalls am Start. Die Strategie dabei: Wer spielt, akzeptiert die Spielregeln und stellt keine Fragen.

Politischer Schongang

Die bescheidener auftretenden Bonner Gen-Welten erfüllen aber auch ihren Zweck. Es gibt kein Entrinnen vor dem Gen-Diskurs, überall ist DNA, sagt die Ausstellung, in der Pflanzenzucht, in der Ernährung, in der Medizin, in der Kriminalistik und in der Schwangerschaftsvorsorge. Die Katalogtexte bemühen sich zusätzlich, die neuen Entwicklungen in eine historische Kontinuität einzubetten. Liefen nicht schon Mendels Pflanzen- Kreuzungen auf die Gentechnik zu, und war nicht schon in der Bibel vom Buch des Lebens, das entschlüsselt werden müsse, die Rede? Hans-Günther Gassen datiert das Auftauchen des Begriffs "Biotechno-
logie" auf das Jahr 1919, sieht die entsprechende Praxis aber schon seit Beginn von Ackerbau und Viehzucht am Werk. So werden die Erbanlagen zu einer zentralen Kategorie zur Beschreibung menschlicher Kultur erhoben. Nicht ohne politische Folgen. Denn "frei geboren", wie die Aufklärung den Menschen sah, erscheint der homo sapiens dieser neuen Anthropologie nicht mehr. Er liegt vielmehr an der Kette seiner Erbanlagen, nur noch bedingt zu selbstverantwortlichem Handeln fähig.

Es sind Wissenschaftler selber - und keinesfalls nur die kritischen - die im Katalog vor einem Gen-Reduktionismus warnen. Ihrer alltäglichen Forschungspraxis stellt sich das Leben in einer Zelle als eine komplexe Wechselwirkung dar, das nicht einfach nur der Programmiersprache des Lebens, der DNA, folgt. Einige zweifeln sogar an, ob der Begriff "Gen" überhaupt eine empirische Entsprechung hat.

Einiger Skeptizismus also, aber letztlich bleibt die "zurückhaltende Rhetorik" eben doch Rhetorik. Sie hat die Funktion, durch zur Schau gestellte Nachdenklichkeit die Akzeptanz der Gen-Technologie zu erhöhen. Keine Genetik ohne Bioethik. Nach Ansicht des Sozialwissen-
schaftlers Ulrich Dolata kann der "Schongang" sogar zu einem Standort- Vorteil werden. Er schreibt:" Aus all diesen Gründen scheint mir (...) die Strategie einer demokratisch legitimierten Behutsamkeit im Umgang mit der neuen Biotechnologie eine auch mit Blick auf die Zukunft des Standorts und seiner Industrie tragfähige Alternative zum Modell weltmarktorientierter Beschleunigung zu sein." Die FAZ sieht es ähnlich. Man hat aus dem "Augen zu und durch"-Debakel, mit der man in den siebziger Jahren die Atomkraft durchpeitschen wollte, gelernt, schreibt sie mit Blick auf den moderaten, "die Ängste der Bevölkerung ernst nehmenden" Wahlkampf der Schweizer Gen-Industrie, mit dem man die Volksabstimmung zur Gentechnik Ende Juni für sich entscheiden will.