SWB 03/98 - Ticker

AKTION & KRITIK

Skandalöse Preis-Politik
Eine Untersuchung von HEALTH ACTION INTERNATIONAL in Zusammenarbeit mit der BUKO-PHARMA-KAMPAGNE ergab, daß die Pharma-Industrie in ärmeren Ländern höhere Preise für ihre Medika-
mente verlangt als in den Industriestaaten. Eine Vorgehensweise, die katastrophale Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung der jeweiligen Bevölkerung hat. BAYERs Herzmittel ADALAT beispiels-
weise kostet in Kanada 36 Dollar, in Griechenland 10, in der Bundesrepublik 23, in Chile 192, in Mexiko 11, in Tansania 32 und in Hongkong 57. Zusammen mit der BUKO-PHARMA- KAMPAGNE protestiert die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN gegen diese Ausbeutungspolitik und fordert, die Preise von Medikamenten dem Lebensstandard der jeweiligen Länder anzupassen.

25 Jahre BAYER/Brunsbüttel
Vor 25 Jahren wurde in Brunsbüttel der Grundstein für das dortige BAYER-Werk gelegt. Nicht nur, daß Milliarden von Steuergeldern dem Konzern in den Rachen geworfen wurden, rücksichtslos wurde die Region ruiniert. Wie auch in STICHWORT BAYER dokumentiert, mußten ganze Ortschaften gegen die Proteste der ansässigen Bevölkerung der Neuansiedlung des chemisch-industriellen Komplexes weichen. Darüber hinaus sinkt seit Produktionsaufnahme kontinuierlich der Grundwasser-
spiegel mit dem Ergebnis umfangreicher Schäden an Gebäuden und Fluren (wir berichteten mehrfach). Anläßlich des Jahrestages, der natürlich von BAYER mit entsprechendem Pomp begangen wird, wird es unter Mitwirkung der COORDINATION GEGEN BAYER- GEFAHREN vor Ort Protest-Aktionen geben.

Unterstützung der Entschädigungsforderungen
In den USA haben bereits mehrfach ehemalige SklavenarbeiterInnen der IG FARBEN - des Zusammenschlusses von BAYER, BASF und HOECHST bis 1948 - versucht, gerichtlich Entschädigungen zu erlangen. Bisher sind die Verfahren von BAYER stets außergerichtlich beigelegt worden. Derzeit bereiten US-Anwälte Klagen in großem Stil vor. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN unterstützt die Anwälte bei Ihren Bemühungen nach Kräften. Zuletzt auf der Haupt-
versammlung des BAYER- Konzern im April forderten Redner der COORDINATION die Firma auf, endlich angemessen zu entschädigen.

Erfolg: IG FARBEN-HV ungewiss
Noch immer existiert trotz Auflösungsbeschluß von 1948 die vom Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verurteilte "Mordgesellschaft" IG FARBEN. Dieses Faktum brachte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN Mitte der 80er an die Öffentlichkeit und organisiert seither im Bündnis mit verschiedenen Organisationen der Opfer der Nazizeit und anderen Gruppen (internationale) gegen diesen Skandal. 1995 rief die COORDINATION die Kampagne 'Nie wieder!' ins Leben, um so den Protesten eine breitere Basis zu geben. Mehr als 2.000 Organisationen und Einzelpersonen haben mittlerweile die Forderungen der Kampagne nach sofortiger Auflösung der Gesellschaft und gerechter Entschädigung der Opfer und deren Angehörigen unterzeichnet.
Im August sollte die diesjährige Hauptversammlung der IG FARBEN AG i.A. stattfinden. Die Hauptversammlung ist bislang nicht angekündigt, weil die Gesellschaft keine Räume findet. Die Raum-Verweigerung für die IG FARBEN-HV ist ein großer Erfolg der Aktionen und Arbeit der Kampagne 'Nie wieder!' und verschiedener antifaschistischer Organisationen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN ruft dazu auf, sich an den diesjährigen Aktionen gegen den IG FARBEN- Skandal zu beteiligen. Vor allem wird um Teilnahme an den Protest-
aktionen vor und in der Hauptversammlung gebeten. Der Termin ist bei der COORDINATION zu erfahren, sobald Ort und Zeitpunkt der Hauptversammlung feststehen. Der Aktionsaufruf kann bei der CBG angefordert werden. Die CBG bittet um Spenden für die Kampagne
'Nie wieder!': Ökobank Frankfurt 10179610, BLZ 50090100.

BAYER nicht dialogbereit
Es ist gängige Praxis der Pharma-Industrie, für die Märkte der sog. Dritten Welt ein erweitertes Indikationsspektrum ihrer Präparate sowie weniger Nebenwirkungen auszuweisen. Ebenso verkauft sie in diesen Ländern noch Arzneien, die in der Bundesrepublik längst vom Markt genommen oder in dieser Form nicht erhältlich sind (Beispiel: ASPIRIN für Kinder). Die BUKO PHARMA-KAMPAGNE hatte deshalb neun große Arzneimittel-Hersteller zu einem fachöffentlichen Diskussions-
forum über diese Art des Pharmaka-Exportes eingeladen. Während andere Unternehmen ihre Absage wenigstens begründeten und alternativ die bekannten "individuellen Gesprächslösungen" vorschlugen, hat BAYER nicht einmal geantwortet.

Hilferuf aus Hongkong
In Hongkong wehren sich UmweltschützerInnen gegen BAYER-Pestizide und wandten sich mit einem "Urgent Call" an die internationale Öffentlichkeit.

Erfolgreiches Sommerfest
Am 22. August feierte "Die Pille", die Betriebszeitung der DKP für die BAYER-Werke  in Leverkusen, ihr alljährliches Sommerfest. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurden auch aktuelle betriebspolitische Probleme erörtert.

Prozess gegen Nano-Anlage von BAYER
In Freiburg läuft ein Prozess gegen eine Erweiterungsgenehmigung bei der BAYER-Tochter HC STARCK. Es geht um die neue gefährliche Nano-Technologie, die Herstellung kleinster Stoffe, die selbst die Zellmembranen ungehindert durchdringen können. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN unterstützt den Prozess.

Infarkte durch Bluthochdruck-Mittel
Menschen, die wegen ihres Bluthochdrucks mit Kalzium-Antagonisten wie BAYERs ADALAT behandelt werden, tragen ein ein- bis dreieinhalbmal größeres Herzinfarkt- Risiko als Bluthochdruck- PatientInnen, die lediglich Medikamente zur Entwässerung einnehmen. Im Vergleich traten arteriosklerotische Herzleiden weit häufiger auf.
Für RaucherInnen besteht dadurch ein größeres Herzinfarkt-Risiko.
Das ergab eine Untersuchung der Bostoner Harvard-Universität unter 121.000 Krankenschwestern. In der Zeitschrift "Circulation" machten die beiden amerikanischen ÄrztInnen Robert Califf und Judith Kramer zudem darauf aufmerksam, daß es noch keinerlei langfristige Untersuchungen über den therapeutischen Nutzen der Kalzium-Antagonisten gibt, obwohl sie zu den am häufigsten verschriebenen Mitteln gegen Bluthochdruck gehören.

Durchschaubare zur Gentechnik
In ihrem Juni-Flugblatt nehmen die "Kolleginnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" eine kritische Bewertung der Gentechnologie vor, sowohl was ihre Sicherheit und ihre medizinischen Erfolge als auch was ihre Arbeitsmarkt-Effekte betrifft.
Die "Durchschaubaren" stehen dem Einsatz der Gentechnik in der Medizin skeptisch gegenüber, weil deren Ansatz, in den menschlichen Genen die wesentlichen Krankheitsursachen zu sehen, umfassendere medizinische Betrachtungsweisen ausschließt, die auch die konkreten Umwelt- und Arbeitsbedingungen des Kranken sowie seine Ernährungsgewohnheiten miteinbeziehen. Und nicht zuletzt deshalb auch oft scheitert: Das Flugblatt erwähnt die ergebnislos beendete Forschungskooperation von BAYER und HOECHST zu AIDS und die eingestellte Entwicklung eines Medikamentes gegen den septischen Schock. Was das Gefährdungspotential der neuen Technologie angeht, so befürchten die "Durchschaubaren", daß auch hier, wie schon im Fall der traditionellen Chemie, der Profit Vorrang vor dem Umweltschutz, der menschlichen Gesundheit und dem Arbeitsschutz haben wird. Die Auswirkungen, die die "Schlüsseltechnologie" auf den Arbeitsmarkt haben wird, schätzen die "Durchschaubaren" ebenfalls kritisch ein. Sie schließen sich der Ansicht des Baseler PROGNOS-Institutes an, daß es sich bei der Gentechnik um eine Rationalisierungstechnologie handle, die eher Arbeitsplätze vernichtet als neue schafft.

Kampagne für gesundes Essen!
Aktuell startete die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN mit einem STICHWORT BAYER EXTRA in hoher Auflage eine Informations-
kampagne über die Gefahren chemischer und gentechnischer Zusätze in Lebensmitteln. BAYER ist einer der weltweit führenden Konzerne auf diesem Gebiet. Zugleich wird um Spenden zur Finanzierung der Kampagne 'Für gesundes Essen!' gebeten.

USA: Störfall-Kooperation
Eine US-amerikanische Initiative hat eine Studie zur Störfallsicherheit erstellt. Danach ist jeder sechste Amerikaner von Industrie-Unfällen bedroht. Eine der sieben Firmen, die die größte Gefahr darstellen, ist BAYER. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN bindet die Ergebnisse in ihre Störfall-Kampagne ein. Im Rahmen dieser Kampagne wurden bereits viele Unterschriften gesammelt, eine Broschüre erstellt und mehrere Aufkleber, Plakate und Flugblätter produziert/verbreitet.

Worldwatch warnt vor Global-GAU
Das Washingtoner Worldwatch Institut sieht in seinem Jahresbericht 1998 das Ökosystem Erde immer stärker bedroht. In den vergangenen 25 Jahren stieg der Verbrauch von fossilen Energieträgern um das Fünffache (BAYER gehört dabei zu den Großverbreauchern, siehe auch Bericht weiter unten in der Rubrik WASSER, BODEN & LUFT!), der Getreidekonsum wuchs um das Dreifache, und der Papierbedarf erhöhte sich um das Sechsfache. Im gleichen Zeitraum hat die Verschmutzung von Luft und Erde erheblich zugenommen (auch hier ist BAYER maßgeblich verantwortlich).

BUKO für bessere Export-Kontrolle
Seit dem neuen Arzneimittelgesetz von 1990 ist die Ausfuhr von bedenklichen und irreführend bezeichneten Arzneimitteln in der Bundesrepublik verboten. Was nicht heißt, daß die ärmeren Länder seitdem von den schmutzigen Pillen verschont geblieben wären. Nach einer Recherche der BUKO-PHARMA-KAMPAGNE ermöglichen einige Schlupflöcher BAYER und den anderen Pharma-Firmen weiterhin gute Geschäfte mit schlechter Ware. So übernahm die Bundesrepublik 1985 zwar das Zertifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation WHO für Exporte, die 1988 und 1992 erfolgten Neuregelungen jedoch nicht. Deshalb liegt nicht automatisch jedem Pharma-Export ein Zertifikat bei, die Behörden werden vielmehr nur auf Antrag der Unternehmen tätig. Zudem ist die Kontrolle des Export-Verbotes auf 30 Behörden verteilt und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. Entsprechend kläglich die bisherige Ausbeute. Gerade mal drei Verstöße wurden aufgedeckt. Die BUKO-PHARMA-KAMPAGNE stellt deshalb drei Forderungen auf: 1. Es dürfen nur Medikamente mit ordentlicher Zulassung exportiert werden. 2. Die Verbotskontrolle muß vereinheitlicht werden. 3. Alle Exporte müssen von einem aktuellen WHO- Zertifikat begleitet werden.

GutachterInnen-Negativliste erstellt
Der Verband arbeits- und berufsbedingt Erkrankter hat eine GutachterInnen- Negativliste herausgebracht. Auf ihr sind solche MedizinerInnen verzeichnet, die heimliche Beziehungen zu Unfall-
versicherungsträgern bzw. Berufsgenossenschaften unterhalten und deshalb vor Gericht die Ansprüche Chemikalien-Geschädigter in der Regel scheinwissenschaftlich begründet zurückweisen. Über 160 "abhängige Geister" hat der Verband aufgeführt. BAYER war Marktführer im Bereich Holzgifte und profitiert von diesem Gutsachter- System entsprechend. Die Liste kann bei der Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten IHG e.V. bestellt werden: Unterstaat 14, 51766 Engelskirchen.

"Durchschaubare" für Umverteilung
Wie der Leverkusener Anzeiger meldete, beteiligten sich die "Kolleginnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" zusammen mit dem Arbeitslosenberatungszentrum "Sprungbrett" und anderen GewerkschaftlerInnen am bundesdeutschen Aktionstag gegen Erwerbslosigkeit. Motto der Aktion am 2. Juli: "Arbeit und Reichtum umverteilen". Die "Durchschaubaren" nutzten auch gleich die Gelegenheit, für die zentrale Demonstration gegen Arbeitslosigkeit am 12. September in Berlin zu mobilisieren.

Mütter- und Kinder-Proteste
125 Leverkusener Väter und Mütter protestierten in einem Brief an den BAYER- Vorstand gegen eine "Neuordnung" der Trägerschaft der Betriebskindergärten. Hintergrund: Betreuungseinrichtungen von Kirchen oder Verbänden der freien Wohlfahrtspflege erhalten öffentliche Mittel. BAYER möchte also wieder einmal Geld einsparen und sucht für seine vier Leverkusener Betriebskindergärten deshalb jetzt einen öffentlichen Träger. Lockangebot: BAYER übernimmt weiterhin die Betriebskosten. Auch soll das Belegungrecht für BAYER-MitarbeiterInnen gewährleistet bleiben. Konsequenzen hätte der BAYER-Rückzug allerdings für die angestellten PädagogInnen. Sie würden künftig nach dem ÖTV-Tarif und nicht mehr nach dem Chemie-Tarif bezahlt, was eine Lohneinbuße von ca. 1.000 DM und für BAYER weitere Einsparungen bei den Betriebskosten bedeutet! In dem Verhalten BAYERs sehen die betroffenen Familien, von denen stets mind. einE ErwachsenEr bei BAYER arbeitet, auch eine Verletzung der immer wieder öffentlich als beispielgebend gelobten "Standortsicherungsvereinbarung" zwischen Konzernleitung und Belegschaft (siehe auch Blüms Laudation weiter unten in der Rubrik POLITIK & EINFLUSS).