SWB 03/98 - Ticker

DRUGS & PILLS

Blutplasma-Opfer in Taiwan
BAYER zahlt 10 Taiwanesen, die durch Blutprodukte des Konzerns mit dem HI-Virus infiziert wurden, eine Summe von je 60.000 Dollar. 43 andere Betroffene lehnten das Angebot mit dem Verweis darauf ab, daß BAYER in anderen Ländern höhere Summen gezahlt habe. BAYER betrachtet die Zahlung keinesfalls als eine Entschädigung oder gar als Sühne einer Schuld, sondern lediglich als eine freiwillige "humanitäre Hilfe", da das Unternehmen nach den Worten seines taiwanesischen Vize-Präsidenten Chem Chia-chung von der Kontamination der Blut- Präparate nichts habe wissen können. Wie dagegen auch das Buch "Das Pharmakartell" von Peter Eckert noch einmal bestätigt, wußte man konzern-intern sehr wohl von dem AIDS-Risiko durch Blutprodukte. Die Zentrale schreckte lediglich vor den hohen Kosten eines Virus- Inaktivierungsverfahrens zurück. Durch HIV-infizierte Plasma-Präparate von BAYER starben weltweit Tausende von BluterInnen.

Antibiotika-Resistenzen
Resistenzbildungen gegen marktgängige Antibiotika breiten sich immer stärker aus. In bestimmten Ländern Südostasiens sind schon 50 % der Typhus-Salmonellen gegen den Wirkstoff Fluorchinolone resistent. 24 % aller Diphtherie-Bakterien haben eine Immunität gegenüber dem Wirkstoff Oxetetracyclin entwickelt. Und in New York ist gegen 30 % der Erregerstämme von Tuberkulose kein Kraut mehr gewachsen. Langsam wird sich auch die Pharma-Industrie, die ihre Antibiotika-Forschung lange vernachlässigt hat, der Gefahr bewußt. BAYER veranstaltete im Frühjahr ein Presse-Seminar zum Thema. Die dort referierenden MedizinerInnen problematisierten dort neben den Krankenhäusern und Kläranlagen als Biotope resistenter Bakterien auch die Verordnungsflut von Breitband-Antibiotika und ihren notorischen Einsatz in der Massentierhaltung  als Mitursachen des Medizin-GAUs. Auf den prächtigen Umsatz mit den Antibiotika wird BAYER trotz dieser warnenden Stimmen sicherlich nicht verzichten wollen.

Export-Rekord für Pharma-Industrie
Mit Exporten im Wert von 8,1 Mrd. DM erzielte die Pharma-Industrie 1997 einen neuen Rekord. Den Löwenanteil daran hatten die im VERBAND  FORSCHENDER ARZNEIMITTELHERSTELLER (VFA) zusammengeschlossenen Global Player, von denen wiederum BAYER der größte ist. Nach Schätzungen des Institutes für Medizin und Statistik wird der internationale Pharma-Markt bis zum Jahr 2001 noch um rund 30 % wachsen.

Arzneimittelmarkt verändert sich
Die Gesundheitsreform macht körperliches Wohlergehen zunehmend zu einer Privatsache. Während der gesamte Pillenmarkt nur ein Umsatzplus von 2 % verzeichnete, legten frei verkäufliche Arzneien um 4 % zu; im letzten Quartal 1997 sogar um 12 %. Innerhalb dieses Bereiches der Selbstmedikation verloren die zwar rezeptfreien, aber verordneten und somit apothekenpflichtigen Präparate an Boden, weil sich die ÄrztInnen im Zuge der Gesundheitsreform mit dem Verschreiben dieser Mittel zurückhalten. Dagegen konnten die in Reformhäusern, Drogerien und neuerdings auch bei ALDI gehandelten Baldrian-Tees und Kreislauftabletten ihren Marktanteil erhöhen, da sich nicht der Preisbindung unterliegen.

BPI und VFA streiten um Entlassungen
Meine Arbeitslosen, Deine Arbeitslosen. Die beiden Pharma- Organisationen VERBAND FORSCHENDER ARZNEIMITTEL-
HERSTELLER (VFA) und BUNDESVERBAND DER PHARMA-
ZEUTISCHEN INDUSTRIE (BPI), in dem die mittelständischen, auf den Inlandsmarkt konzentrierten Firmen zusammengeschlossen sind, streiten um die Verantwortung für die Arbeitsplatzvernichtung im Pharma- Bereich. Der VFA legte Zahlen vor, nach denen bei seinen Unternehmen die Beschäftigtenzahl mit 74.500 konstant geblieben sei, während sie bei der Pharmazeutischen Industrie insgesamt um 4,5 % auf 115.000 zurückgegangen sei. Ergo fällt die gesamte Arbeitsplatzvernichtung in den Zuständigkeitsbereich der BPI-Unternehmen. Diese dementierten heftig. Wie verlautete, wollen sich die beide Verbände nun gemeinsam um statistische Aufklärung bemühen.

Neues Arzneimittelgesetz
Zu klinischen Arzneimittelstudien, die an mehreren Stätten gleichzeitig vorgenommen werden, mußten bislang alle örtlichen Ethik- Kommissionen ihre Genehmigung erteilen. Nach der im Juli gesetzeskräftig gewordenen Novellierung des Arzneimittelgesetzes genügt die Zustimmung einer Ethik-Kommission. Da sich die einzelnen Ethik- Kommissionen in ihrer Zusammensetzung und ihrer Ausrichtung stark unterscheiden, hat die Pillen-Industrie somit die Möglichkeit, sich ein besonders pharma-freundliches Gremium auszusuchen. Diese Deregulierung vergrößert das Gesundheitsrisiko der an den Tests teilnehmenden ProbandInnen. Als weiteres Novum braucht ab April 1999 in Zeitungsannoncen nicht mehr detailliert auf die Gegenanzeigen des beworbenen Präparats hingewiesen zu werden, was z.B. im Fall von ASPIRIN ziemlich viel Werbefläche fraß. In Zukunft reicht der "Aus den Augen, aus dem Sinn"-Satz "Zu Risiken und Nebenwirkungen...". Der Pharma-Lobby gelang es zudem, eine Regelung durchzusetzen, die eine unentgeltliche Abgabe von Medikamenten durch den behandelnden Arzt streng auf medizinische Notfälle beschränkt.

Nebenwirkung Sucht
10 % aller Arzneimittel können abhängig machen; etwa anderthalb Millionen Menschen sind in der Bundesrepublik von dieser Sucht betroffen, besonders Frauen und ältere Menschen. Zu diesem Befund kommt das Buch "Nebenwirkung: Sucht" von G. Glaeske u. a.. Die Pharma-Industrie ist sich dabei ihrer Schuld durchaus bewußt. Auf die Frage der Buchautoren, ob sich die Industrie mitverantwortlich fühle für die Medikamentenabhängigkeit eines großen Bevölkerungsteils, antwortete der Vorsitzende des BUNDESVERBANDES DER PHARMAZEUTISCHEN INDUSTRIE (BPI), Hans Rüdiger Vogel: "Aber sicher, wir liefern die Produkte." Besonders selbstkritisch beurteilte er die zum Teil "verheerende" Pharma-Werbung.

Internist kritisiert Pillen-Schwemme
Nach wissenschaftlichen Untersuchungen ist jede/r fünfte Bluthochdruck- PatientIn medikamentös falsch eingestellt. Der Leiter der 170. Tagung der RHEINISCH- WESTFÄLISCHEN GESELLSCHAFT FÜR INNERE MEDIZIN, Bernd Grabensee, macht dafür auch den unübersichtlichen Pharma-Markt verantwortlich. Bei 200 angebotenen Bluthochdruck- Arzneien, eingeteilt in 10 Substanzklassen, falle selbst dem/der FachmedizinerIn die Orientierung schwer.

Gute Aussichten in Japan
Japan ist weltweit der zweitgrößte Absatzmarkt für pharmazeutische Produkte. Ein Viertel des Gesamtumsatzes entfällt auf ausländische Unternehmen, 22 % davon auf bundesdeutsche. Und ExpertInnen rechnen damit, daß sich der Marktanteil internationaler Pharmafirmen durch Bestrebungen, die Zulassungsverfahren für Medikamente zu verkürzen sowie den Verkauf von bestimmten Arzneien auch in Lebensmittelgeschäften zu erlauben, auf 40 % erhöhen wird.

Neuer Test für Blutkonserven
Ob bestimmte Blut-Präparate mit HIV-, Hepatitis C- oder Malaria- Erregern verseucht sind, konnte bisher nur über den Nachweis der entsprechenden Antikörper festgestellt werden. Dies barg für die spätere Anwendung ein großes Risiko, da sich bei dem/der SpenderIn nicht sofort nach dem Ausbruch einer Krankheit Antikörper bilden. Es tut sich statt dessen ein sog. diagnostisches Fenster auf, das bei HIV ca. 22 Tage, bei Hepatitis C ca. 82 Tage geöffnet ist. Ein neues Testverfahren, das auf dem Nachweis von Virus-DNA oder RNA beruht, kann das Risiko einer Krankheitsübertragung jetzt herabsetzen. Absolut sichere Blutpräparate wird es nach Meinung von ExpertInnen in absehbarer Zeit aber nicht geben. Aus Kostengünden, denn das medizinische Know- how ist durchaus vorhanden. BAYER gehört weltweit zu den führenden Anbietern von Blutprodukten. Durch HIV- verseuchtes Blutplasma von BAYER starb eine ganze Bluter-Generation. Obwohl es deutliche Hinweise auf eine Kontamination gab, weigerte sich das Unternehmen lange, Inaktivierungsverfahren anzuwenden, weil der finanzielle Aufwand zu hoch war.

BAYERs Pharma-Hitparade
Das umsatzstärkste Medikament von BAYER ist das Antiinfektivum CIPROBAY mit 2,5 Milliarden Mark, gefolgt von dem Herz/Kreislaufmittel ADALAT (1,9 Mrd.), ASPIRIN (1 Mrd.), Blutplasma (0,96 Mrd.) und dem gentechnisch produzierten Faktor VIII-Präparat für BluterInnen KOGENATE (0,59 Mrd.).

10 Mrd. für Pharma-Forschung
BAYER will in den nächsten fünf Jahren 10 Milliarden Mark für die Entwicklung neuer pharmazeutischer Produkte ausgeben. 20 % der Summe ist für externe Kooperationen mit kleineren Firmen vorgesehen. Mit dieser Investition soll die Stellung des Konzerns als führendes integriertes chemisch-pharmazeutisches Unternehmen gefestigt werden, wie Forschungsvorstand Pol Bamelis betonte. Bei der Gelegenheit kündigte er die Markteinführung dreier neuer BAYER-Präparate an, des Alzheimer-Medikamentes METRIFONAT, des Cholesterin-Senkers LIPOBAY und des Mittels gegen Atemwegserkrankungen MOXIFLOXACIN. Trotz dieser neuen Produkte schätzt das Wall Street Journal BAYERs Lage nicht so rosig ein und prognostiziert einen Rutsch von Platz 12 auf Platz 14 in der Tabelle der Chemie-Multis. Grund dafür seien das für 2003 anstehende Auslaufen der Patente für ADALAT und CIPROBAY sowie einige Flops bei der Erprobung neuer Medikamente in der klinischen Phase. Nicht zuletzt deshalb erwartet das Finanzblatt in nächster Zeit Zukäufe oder Allianzen mit anderen Konzernen.

ASPIRIN hilft jetzt auch bei ...
Gute Nachrichten von der griechischen Ferieninsel Kos. JournalistInnen, denen BAYER einen Badeurlaub mit angegliedertem "Presseworkshop" spendiert hat, melden, daß ASPIRIN gegen Darmkrebs schützt. Ein für die Berliner Zeitung verfaßter "Ferien-Aufsatz" ließ allerdings durchblicken, daß es sich bei der zitierten Untersuchung nur um eine retrospektive Studie gehandelt hat, deren wissenschaftlicher Aussagewert gering ist. Sie beruht nämlich nur auf der Auswertung von Krankenakten und Befragung bereits Erkrankter. Medizinische Statistiken sind generell mit Vorsicht zu genießen. Wenn von tausend ASPIRIN-KonsumentInnen einer an Krebs erkrankt, von den ASPIRIN-Abstinenten aber zwei, kann schon behauptet werden: ASPIRIN vermindert das Darmkrebsrisiko um 50 %.

ASPIRIN wird weiterentwickelt
Ganz so zufrieden ist man betriebsintern mit dem Tausendsassa ASPIRIN wohl doch nicht. Offensichtlich führte ASPIRIN in zu vielen Fällen zu Magenbluten und zur Bildung von Geschwüren. Um diese Risiken und Nebenwirkungen des Präparats zu reduzieren, wird an der Entwicklung neuer Trägersubstanzen für den Wirkstoff Acetylsalicylsäure gearbeitet. Dieser soll dafür sorgen, daß ASPIRIN sich nicht mehr im Magen, sondern im Darmgewebe anreichert. Parallel dazu ist BAYER eine Forschungskooperative mit dem französischen Unternehmen NICOX S.A. eingegangen. Ziel ist die Entwicklung eines neuen, verträglicheren Wirkstoffes, der Nitro-Acetylsalicylsäure.

Neuer Cholesterin-Senker für die USA
Unter dem Namen BAYCOL bringt BAYER in Zusammenarbeit mit SMITHKLINE BEECHAM PLC einen neuen Cholesterin-Senker auf den nordamerikanischen Markt. In der Bundesrepublik ist das Präparat mit dem Wirkstoff Cerivastatin schon seit 1997 erhältlich.

Neuentwicklungen
Im Pharma-Forschungszentrum Aprath bei Wuppertal identifizierten BAYER- ForscherInnen Wirkstoffe für die Behandlung von Osteoporose, Atemwegsinfektionen, Schlaganfällen, Diabetes und Asthma. Bereits in der klinischen Erprobung befinden sich Substanzen zur Therapie von Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie von Osteoarthritis. BAYER will in das Wuppertaler Zentrum bis zum Jahr 2002 den Betrag von 225 Millionen Mark investieren.