SWB 03/98 - Ticker

ERSTE & DRITTE WELT

VFA betreibt Pharma-Imperialismus
Ein erschreckender Zynismus spricht aus dem Jahresbericht des auf Initiative von BAYER gegründeten VERBANDES DER FORSCHENDEN ARZNEIMITTELHERSTELLER (VFA). Nach dem Motto "mehr Markt, mehr Gewinne" bilanziert das Werk die Fort- und Rückschritte der Globalisierung aus Konzernsicht; die katastrophale Gesundheitsversorgung in den ärmeren Ländern interessiert nicht weiter. Man will es sogar noch katastrophaler: So klagt der Bericht diejenigen Länder wie Indien oder Taiwan an, die mittels Preiskontrollen für importierte Arzneimittel auch weniger Betuchten ermöglichen, sich mit Medikamenten zu versorgen. In China konnte diese Sozialpolitik durch "Interventionen der EU, der WTO sowie einzelner Herstellerverbände" zum Glück verhindert werden. Die besten Noten erhalten in dem Bericht die lateinamerikanischen Länder, die fleißig deregulieren und sich mit dirigistischen Maßnahmen zurückhalten. Kein Wunder, in diesem Erdteil lassen sich nämlich die höchsten Arzneimittelpreise erzielen.

Keine Malaria-Forschung
Welche fatalen Auswirkungen es hat, die Entwicklung neuer Medikamente allein der Pharma-Industrie zu überlassen, zeigt sich im Fall von Malaria. An dieser Krankheit sterben jährlich eine Million Menschen, vor allem in Afrika, aber BAYER & Co. zeigen an tropenmedizinischer Forschung wegen der zu geringen Profit-Aussichten kein Interesse. Jetzt scheiterte auch eine Initiative der Weltgesundheits-
organisation WHO, eine Art Joint-venture aus Pharma-Firmen, Entwicklungshilfe-Organisationen und VertreterInnen des Südens zu gründen, um die Forschung voranzutreiben. Einige Hersteller forderten eine Absatzmarktgarantie, und der internationale Arzneimittelhersteller- Verband monierte die zu hohen Kosten des Projekts. Außerdem wirft ein solches Gemeinschaftsunternehmen nach Ansicht der Pillen-Industrie zu große patentrechtliche Probleme auf.

Bio-Imperialismus
Solange die ärmeren Länder aus ökonomischen Gründen gezwungen sind, die einheimische Artenvielfalt als eine Ware zu vermarkten, wird die wohlmeinende, 1993 in Rio verabschiedete "Konvention zur biologischen Vielfalt" Makulatur bleiben. Dieses zeigte sich auf einer Tagung über eine deutsch-kolumbianische Kooperation im Bereich der Biodiversität in Bonn. VertreterInnen des kolumbianischen HUMBOLDT- INSTITUTES versuchten dort, den biologischen Reichtum des Landes zu Schnäppchen-Preisen zu verkaufen. Und erhielten eine Abfuhr: Die Biopiraten von HOECHST und BAYER erklärten, sekundiert von einem Sprecher des Bonner Außenministeriums, daß sie lieber direkt mit den lokalen AkteurInnen verhandeln würden. Über die illegalen Praktiken bundesdeutscher Wirkstoff-Jäger im kolumbianischen Regenwald hatte die südamerikanische Verhandlungsdelegation anscheinend noch nie etwas gehört, Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen mußten sie darüber informieren.

Patente versus Gesundheit
Unter dem Banner von TRIPs (Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights) führt die Pharma-Lobby einen weltweiten Kampf zum Schutz des "geistigen Eigentums". In Wahrheit geht es aber nicht um das Eigentum des Erfinders, sondern um das Patentrecht, das den Konzernen ein langfristiges Preismonopol einräumt und billigere Nachahmer-Produkten verhindert. Die ärmeren Länder wehren sich gegen diese TRIPs-Regelungen, da sie für viele Menschen die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen erschwert oder sogar unmöglich macht. Auf dem Weltgesundheitskongreß, der im Mai in Genf stattfand, versuchte man einen Kompromiß zu finden. Er kam aber trotz großen Entgegenkommens der ärmeren Nationen nicht zustande. Die Vertreter der Industrieländer mochten einer Resolution nicht zustimmen, die einer optimalen Gesundheitsversorgung aller Menschen den Vorrang gegenüber Profit-Interessen einräumt. Ein Paragraph, der negative Einflüsse des TRIPs- Abkommens auf das Gesundheitswesen der sog. Drittweltländer beschreibt, fand ebenfalls nicht ihre Gnade.