SWB 03/98 - Ticker

STANDORTE & PRODUKTION

Standort-Poker
In der Standort-Debatte verwies BAYER immer wieder auf das angeblich viel unternehmerfreundlichere Klima in den USA. Daß der Konzern Anfang der 90er Jahre auch dort viele Zugeständnisse machen mußte, um  den Zuschlag für die gentechnische Produktion des Blutpräparates Faktor VIII zu erhalten, machten die "Kolleginnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" in ihrem Juni- Flugblatt bekannt. So erarbeitete die BAYER-Tochter MILES einen umfangreichen Umweltschutz- und Katastrophenplan und verpflichtete sich, die Bevölkerung umfassend über die Risiken der Gentechnik zu informieren. Darüber hinaus stimmte das Unternehmen der Gewerkschaftsforderung zu, Einstellungen quotiert vorzunehmen, d.h., Frauen, Afro-AmerikanerInnen und Behinderte gemäß ihres Anteils an der Bevölkerung zu berücksichtigen. Schließlich willigte MILES noch in einen Ausgleichsvertrag ein, der ein soziales Engagement im Wohnungs- und Kindergartenbau vorsieht.

Ausgliederungen und Verkäufe
Wie berechtigt die Warnungen der "Durchschaubaren" waren, daß die Vereinbarungen zur "Standortsicherheit" nicht vor Ausgliederungen und Verkäufen schützen, zeigt sich jetzt. BAYER hat das Farbpasten- Geschäft an RHEINCHEMIE verkauft und plant, den Zeolith-Bereich zu veräußern. Auch zeichnen sich die ersten negativen Folgen ab, die die Einführung der SAP-Betriebssoftware mit sich bringt. Da durch sie weniger Großrechner-Kapazität benötigt wird, will BAYER sein Rechenzentrum in ein Joint-venture mit der MERCEDES-Tochter DEBIS einbringen. Die bisherige Beschäftigtenzahl von 106 kann dann vermutlich nicht gehalten werden.

Ausgliederung der SP-Logistik
BAYER will die gesamte Spezialprodukt-Logistik in das Textilfarbstoff- Joint-venture mit HOECHST, DYSTAR, einbringen. Von den 193 Beschäftigten dieser Abteilung sollen nur 86 übernommen werden.
Der Rest verbleibt bei BAYER, allerdings ohne festen Arbeitsplatz.
Die "Durchschaubaren" vermuten in ihrem Juni-Flugblatt, daß BAYER den Betriebsrat durch diese innerbetriebliche Reservearmee unter Druck setzen will, endlich der Einrichtung eines Service-Pools zuzustimmen.

Wenn BAYER hustet (1)
Die von BAYER dominierte wirtschaftliche Monokultur Dormagens birgt große Arbeitsmarkt-Risiken. Und die Stadt tut zu wenig, um ökonomische Gegengewichte zum Chemie-Giganten zu schaffen, so daß die Zahl der Dienstleistungsunternehmen deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegt. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das der Wissenschaftler Rüdiger Hamm im Auftrag der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein erstellte. Der Dormagener Bürgermeister Heinz Hilgers versuchte dagegen, die Ergebnisse der Studie zu relativieren. Er verwies auf die Erfolge in der Wirtschafts-
förderung und bescheinigte der Chemie rosige Zukunftsaussichten - sofern es gelingt, die in der Bevölkerung existierenden Vorbehalte gegenüber der Gentechnik abzubauen.

Wenn BAYER hustet (2)
Die Stadt Leverkusen hat eine GmbH zur Wirtschaftsförderung gegründet, die die von BAYER dominierte ökonomische Monostruktur der Region aufbrechen soll. Die GmbH hat 10 MitarbeiterInnen und kann Gewerbeflächen exklusiv vermarkten. Mittels dieses Steuerungs-
instruments hofft man, gezielt den Dienstleistungs- und Technologie- Sektor in Leverkusen stärken zu können.

BAYER strukturiert Chemie-Sparte um
Das Arbeitsgebiet Chemie besteht bei BAYER zukünftig nur noch aus den drei Bereichen organische Chemikalien, Lackrohstoffe und Farbmittel sowie Spezialprodukte. Nachdem in den letzten 12 Monate die Titandioxid- und Silikon-Produktion in Joint-ventures ausgegliedert wurde, löst BAYER nun den Bereich "anorganische Chemie" ganz auf. Hintergrund der Umstrukturierungen ist die mit 5,5 % mangelhafte Umsatzrendite der Chemie-Sparte. Für den Fall, daß in drei Jahren das Klassenziel von 10 % Umsatzrendite nicht erreicht wird, kündigte Doc Schneider erneute chirugische Eingriffe an. Mit diesen Maßnahmen will BAYER "schlagkräftige, flexibel am Markt operierende Einheiten" und "Kostenreduktions- und Synergiepotentiale" schaffen. Die "Kolleginnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" befürchten in ihrem Juni-Flugblatt negative Folgen für die Beschäftigten, da sich die neu geschaffenen Geschäftsfelder leichter ausgliedern, verkaufen oder in Joint-ventures überführen lassen.

Neue Weißtöner-Anlage
Der Chemie-Konzern baut in Leverkusen für 60 Millionen Mark eine neue Anlage zur Herstellung von Weißtönern für die Papier-Industrie. 1997 betrug sein Marktanteil in diesem Bereich 25 %. Weißtöner verhindern bei alterndem Papier den Gelbstich und "lassen es noch weißer erscheinen, als es von Natur aus ist." Einmal mehr kann so die Chemie die Unzulänglichkeit der Natur ausbügeln.

Chemie"park" Wiesdorf ausgebucht
Sollten die Verhandlungen mit DEGUSSA und einigen ausländischen Firmen zu einem positiven Ende gelangen und die Aufsichtsbehörden zustimmen, so ist der Chemie"park" um das BAYER-Werk Wiesdorf bei Leverkusen bald voll belegt. Hoffnung auf eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze machte BAYER den Stadtoberen allerdings nicht, da moderne Chemiebetriebe relativ wenig Bedienungspersonal benötigten.

Haarmann & Reimer erweitert
Der Geschmacks- und Duftstoffhersteller Haarmann & Reimer, eine 100 %ige BAYER-Tochter, erweitert ihre Produktionsanlagen im schwäbischen Nördlingen. Mit einer Fertigungshalle, in der Retorten- Aromen für Spirituosen wie Likör gemixt werden, ist ein erster Bauabschnitt bereits fertig. Bis zum Jahr 2000 sollen Gebäude für die Entwicklungsabteilung, die Anwendungstechnik und die Verwaltung folgen. Die gesamte Investitionssumme beträgt 70 Millionen Mark.

BAYER investiert 230 Mio. in Dormagen
Die Investitionen im Dormagener BAYER-Werk werden sich im Jahr 1998 auf 230 Millionen Mark belaufen. Den Schwerpunkt bildet mit Ausgaben in Höhe von 63 Millionen Mark der Bereich der Agrochemikalien. Zwei Drittel der Summe gehen in die Entwicklung zweier neuer Fungizide; ein Drittel schluckt der Ausbau des Formulier-
betriebs.

Mehr Chlor aus Dormagen
In Dormagen stellt BAYER eine Anlage zur Chlor-Herstellung vom Amalgam- Elektrolyse-Verfahren auf das der Membran-Elektrolyse um. Die Wiederinbetriebnahme ist für den Oktober 1999 avisiert.
Die Produktionskapazität wird dann 300.000 Jahrestonnen betragen. Damit wird einmal mehr deutlich, daß BAYER nach wie vor am der Chlorchemie festhält und dem geforderten Ausstieg aus der Chlorchemie eine Absage erteilt. Die Chlorchemie ist der bedeutsamste Umweltkiller überhaupt!

BAYER kauft alte Zuckerfabrik
Aufgrund der geplanten Verschärfung der Technischen Anleitung Lärm braucht BAYER in Dormagen größere Abstandsflächen zum Werk. Darum kaufte der Chemie-Multi jetzt das Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik PFEIFER & LANGEN. In der ursprünglichen Planung waren für die Parkanlage noch 14 der 17 Hektar vorgesehen. Mittlerweile soll nur noch die Hälfte des Areals begrünt werden, auf der anderen Hälfte ist mit Ansiedlungen einer Naturfaser-Produktion und einer Biogas-Firma ein Bio- und Rohstoffzentrum geplant. Wer die Kosten für die notwendige Sanierung der Fläche in Höhe von 23 Millionen Mark übernimmt, wurde nicht bekannt.

BAYER SOLAR weitet Kapazitäten aus
Eine Summe von 35 Millionen Mark investiert BAYER SOLAR, um das Produktionsvolumen von Siliziumscheiben im sächsischen Freiberg zu erhöhen. Siliziumscheiben finden in Photovoltarik-Anlagen zur Gewinnung von Sonnenenergie Verwendung. Der Bund fördert diese "Zukunftstechnologie" mit Millionenbeträgen, der Markt für Solartechnik wächst mit jährlichen Zusatzraten von 20 %. BAYER hatte die Produktionsstätte in Freiberg erst im Juni 1997 in Betrieb genommen.

Silicone-Sitz in Erkrath
Erkrath bei Düsseldorf wird Sitz des Gemeinschaftsunternehmens zur Silicone- Herstellung, das BAYER und GE PLASTICS gegründet haben. Das Joint-venture ist europaweit der zweitgrößte Anbieter des Stoffes.