SWB 04/98

Das Kreuz mit der Kirche

Evangelische Landeskirche verhindert
Förderung BAYER-kritischer Arbeit

STICHWORT BAYER berichtete bereits mehrfach über die erfolglosen Bemühungen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN, einzelne Projekte ihrer Arbeit durch den Ausschuß für entwicklungs-
bezogene Bildung und Publizistik (ABP) der Evangelischen Kirche fördern zu lassen. Die geschilderten Schwierigkeiten sind kein Einzelfall und resultieren im Wesentlichen aus der Einmischung des Leverkusener Multis auf die Vergabepraxis der Kirchen-Stiftung.

Von Uwe Friedrich

Bereits 1994 war im Rahmen einer Konsultation der Evangelischen Landeskirche im Rheinland mit den kirchlichen Basisgruppen in Bonn, an der auch der damalige, mittlerweile verstorbene Präses Peter Baier beteiligt war, eine Übereinkunft getroffen worden, die COORDINATION solle ein gemeinsam abgestimmtes Projekt beim ABP beantragen. Der intensive Abstimmungsprozeß über den AGKED-Beauftragten (AGKED = Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst) der Landes-
kirche, Wolfgang Wallbrach, führte zum Verzicht der COORDINATION auf ihren ursprünglich eingereichten Antrag, zu mehrfacher Überarbei-
tung und inhaltlicher Neukonzeption und damit schließlich zur Beantra-
gung eines Projekts mit einem finanziell deutlich reduzierten Volumen.

Beantragt wurde im Dezember 1995 (nach über einem Jahr Abstimmungsverfahren!) die Förderung eines elektronischen Informationsdienstes zu Aktivitäten von BAYER in Ländern der sog. "Dritten Welt" mit einem Betrag von DM 4.000,-. Im Oktober 1996 entschied der ABP über den Antrag und teilte der COORDINATION mit Schreiben vom 26. November 1996 das Ergebnis mit:  "Der ABP hat ... den Aufbau eines elektronischen Informationsdienstes zu diesem Themenbereich als grundsätzlich sinnvoll und förderungswürdig beurteilt." Er bedauert jedoch, keine "abschließende Entscheidung über eine Förderung ihres Projektes" treffen zu können. Seitens der Evangelischen Kirche im Rheinland habe es erhebliche Bedenken gegenüber der Förderung der COORDINATION GEGEN BAYER- GEFAHREN aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der EKD gegeben. Ein Gespräch des ABP mit Vertretern des Landeskirchen-
amtes und des Kirchenkreises Leverkusen habe die bestehenden grundsätzlichen Vorbehalte nicht ausräumen können. "Wir müssen befürchten, daß eine Förderung dieses Projektes ... im Kirchenkreis Leverkusen auf großes Unverständnis stoßen sowie an vielen Stellen die Dialogbereitschaft über die entwicklungsbezogenen Aufgaben der Kirche gefährden ... wird, sofern es vorab nicht gelingt, in der Region in einen kritischen und konstruktiven Dialog mit den Anliegen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zu treten."

Weiter heißt es: "Da der ABP sehr daran interessiert ist, daß eine sachliche Auseinandersetzung über die entwicklungspolitisch und ökologisch negativen Implikationen der Geschäftspolitik von weltweit tätigen Chemie-Unternehmen geführt wird, möchten wir daher anregen, in der Region eine themenbezogene öffentliche Veranstaltung hierzu durchzuführen, bei der Vertreter der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN Gelegenheit gegeben werden soll, ihre Argumente vorzutragen." Hierüber habe es Einvernehmen mit den Vertretern von Landeskirchenamt und Kirchenkreis Leverkusen gegeben.

Die Initiative des ABP führte jedoch zu keiner Reaktion auf Seiten von Landeskirche und Kirchenkreis, so daß die COORDINATION im Rahmen einer zweiten Konsultation der kirchlichen Gruppen im Januar 1998 in Koblenz dem anwesenden neugewählten Präses der Landes-
kirche, Manfred Kock, - zur Zeit Ratsvorsitzender der EKD - den Stand der Dinge vortrug und ihn bat, der Sache nachzugehen. In seinem Antwortschreiben vom 25. Juni kommt der Präses zu den Schlußfolge-
rungen, daß die im Rahmen der Antragsprüfung 1996 erbetene Stellungnahme der Landeskirche (in Rücksprache mit dem örtlichen Kirchenkreis Leverkusen) keine "Intervention" darstellt. Der ABP sei in seinen Entscheidungen selbständig. Und: "Die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich ... an der Situation im Kirchenkreis orientiert. ..." Im ablehnenden Bescheid des ABP wird das Gespräch zwischen den verschiedenen Interessengruppen vor Ort angeregt, um in dem gesamten Prozeß voranzukommen: "Für Gespräche in solch komplexen Fragestellungen ist Offenheit nötig, damit alle Beteiligten lernen können. Ob diese Offenheit bei Ihnen gegeben ist, daran läßt der Ton Ihrer Information allerdings starke Zweifel aufkommen."

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hat stets betont, für Gespräche mit allen Beteiligten offen zu sein. Sie hat sich immer wieder dafür eingesetzt, daß der Dialog mit der Evangelischen Landeskirche nicht endgültig abbricht. Die Verzögerung des Förderanliegens der COORDINATION sowie das Nichteingehen auf Gesprächsangebote hat den Verdacht nicht widerlegt, daß die Evangelische Kirche bei substantiellen Konflikten - doch eher die Kirche der Mächtigen ist als die Kirche der Schwachen. Im Falle des zu fördernden EMail-Dienstes ist davon auszugehen, daß ein Konzern wie BAYER ohne Probleme in der Lage ist, seine Ansichten und Meinungen weltweit zu publizieren, während die von BAYER-Produkten und -Geschäftsaktivitäten Betroffenen dies nur eingeschränkt können. Darum wurde die Unterstützung der Kirche beantragt.

Nun muß sich der Präses fragen lassen, wie es weiter gehen soll. Nicht die COORDINATION, sondern vielmehr die kirchliche Seite muß sich den Vorwurf der fehlenden Offenheit gefallen lassen: Der an dieser unendlichen Geschichte offiziell unbeteiligte Superintendent des Kirchenkreises Leverkusen, Viktor Wendt, erklärte im August diesen Jahres auf Anfrage der kirchlichen Zeitschrift Der Weg, "noch keine Berührung zur COORDINATION" gehabt zu haben und sieht auch "keine Veranlassung, das zu ändern". Er gab zu bedenken, daß viele Gemeindeglieder, Presbyter und andere Funktionsträger bei BAYER arbeiten.

Dossier:
Der BAYER-Einfluß auf die Evangelische Kirche

* Auf Empfehlung des brasilianischen Bischofs von Rio de Janeiro erhielt die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN vor ca. 10 Jahren 2 TDM vom "Ausschuß für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik" (ABF) der Evangelischen Kirche. Das Geld war ein Zuschuß für die Reise eines brasilianischen BAYER-Kollegen nach Deutschland. Das rief BAYER auf den Plan. Der Konzern drohte der Ev. Kirche öffentlich an, seine Mitarbeiter aufzufordern, aus der Kirche auszutreten, wenn sie die COORDINATION jemals wieder fördere. Es wurde ein Ausfall von Kirchensteuern in dreistelliger Millionenhöhe genannt. Die Ev. Kirche kuschte und verweigert seither jeden Zuschuß.

* Die Ev. Kirche richtete regelmäßige "Kamingespräche" mit BAYER ein, die bis heute stattfinden und von Kirchenseite aus hochrangig besetzt sind.

* Die Ev. Kirche im Rheinland erkannte in den 80er Jahren in einem schmerzhaften, von heftigen kirchlichen und öffentlichen Protesten begleiteten Prozess der Pastorin Friedel Geisler den Pastorentitel ab. "Wegen ihrer BAYER-kritischen Arbeit" wie es hieß. Die Pastorin Friedel Geisler war Vorstandsmitglied der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN.

* Der im Auftrag der Ev. Kirche erstellte Film "Unser täglich Gift gib' uns heute...", der u.a. den Einsatz von BAYER-Pestiziden in der Dritten Welt dokumentierte, wurde aus dem Verkehr und aus dem Verleih gezogen. Stattdessen erstellte die Ev. Kirche in direkter Kooperation mit BAYER einen Film zur Pestizid-Problematik. Titel: "Das Problem ist der Mensch". Inhalt: Verharmlosung der Pestizid-Problematik und Verlagerung der Schuldfrage weg vom Produzenten hin zu den AnwenderInnen.

* In Brunsbüttel wurde ein Ev. Pastor strafversetzt, der sich im 'Kirchlichen Dienst der Arbeitswelt' für die BAYER-KollegInnen vor Ort engagierte. Dies führte u.a. zum spektakulären Austritt von Prof. Wassermann aus der Ev. Kirche.

* Der Kirchenkreis Leverkusen rief die Initiative "Christen in der Chemie" mit überwiegend BAYER-Beschäftigten ins Leben, die fortan u.a. auf den Kirchentagen mit großen professionell gestalteten Ständen in Erscheinung treten und gegen umweltpolitische sowie Verbraucherschutz-Anliegen polemisieren.

* BAYER-Repräsentanten werden hofiert. So waren BAYER-Vorstands-
mitglieder im Präsidium des Kirchentags in Düsseldorf und saßen auch im Rahmen des "Konziliaren Prozesses für Frieden, Entwicklung und Erhalt der Schöpfung" bei Veranstaltungen auf den Podien, während BAYER-kritische Initiativen als Beitrag zur Sachauseinandersetzung oft nur durch Unterstützung kirchlicher Basisgruppen wie der Solidarischen Kirche im Rheinland möglich sind. (aks)