SWB 04/98

MCS: Die Zahl der Chemie-Opfer nimmt stetig zu

Die Krankheit, die keine sein darf

Parfümierte Waschmittel, Kunststoff-Verpackungen, Ackergifte, mit Insektiziden imprägnierte Teppichböden, in der Erde schlummernde Kampfstoff-Depots aus dem Zweiten Weltkrieg - Chemie ist überall. Ca. 65.000 Chemikalien umgeben uns im Alltag, und nur ein Bruchteil von ihnen - 1.300 - ist auf eine mögliche gesundheitsschädliche Wirkung hin untersucht. Die Folge: Immer mehr Menschen leiden an MCS, der Multiplen Chemikalien-Unverträglichkeit.

Von Jan Pehrke

Das Hearing, das die SPD-Bundestagsfraktion im August in Bonn zum Thema MCS veranstaltete, bot dem arglosen Besucher ein beängstigendes Bild. Vielen der anwesenden MCS-PatientInnen stand die zermürbende Krankheit förmlich ins Gesicht geschrieben. Einige trugen einen Mundschutz; andere wiederum konnten sich gar nicht im großen Saal aufhalten, da ihrem Immunsystem schon die geringste Dosis Chemie, z.B. in Deodorants, zuviel gegeben hätte. Ihre Wortbeiträge zur Diskussion mußten von einem separaten, völlig cleanen Raum aus zugeschaltet werden. Sie alle waren einmal in ihrem Leben einer Überdosis Chemie ausgesetzt, Holzschutzmitteln, Pestiziden, synthetischen Düften oder Flohbekämpfungsmitteln. Ihre Körper reagierten darauf mit Kopfschmerz, Müdigkeit, Gedächtnis-
störungen, Durchfall bis hin zu schweren Vergiftungssymptomen. Cindy Duehring, 1997 für ihren Kampf gegen die chemischen Keulen in der Umwelt mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt, hat ihre aufwendig zu einer chemielosen Oase umgebaute Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen können.

Alles psychisch?
Aber fast mehr noch als unter der Chemikalien-Unverträglichkeit leiden die PatientInnen daran, daß diese offiziell nicht als Krankheit anerkannt ist. Ein Großteil von ihnen hat eine schier endlose Odyssee durch verschiedenste Arztpraxen hinter sich, an deren Ende oft die Verlegenheitsdiagnose "psychisch krank" stand. Eine Reaktion der Schulmedizin darauf, daß die Multiple Chemikalien-Unverträglichkeit nicht in ihr Schema von Krankheit paßt. Sie ist von der Symptom-Vielfalt und der Unmenge der in Frage kommenden Auslöser schlichtweg überfordert. Umso mehr, als viele dieser Stoffe bisher als ungefährlich oder nur bei Überschreitung eines bestimmten Grenzwertes als potentiell gesundheitsschädlich galten. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, attestieren die ÄrztInnen statt dessen dann "Wechseljahre", "Midlife-Crisis", "Renten-Neurose" oder stempeln die MCS-PatientInnen mittels "Ökochondrie" zu eingebildeten Kranken. Ein Mitglied einer Selbsthilfegruppe berichtete in Bonn sogar von dem Fall einer Frau, der wegen angeblicher Schizophrenie das Sorgerecht für ihre beiden Kinder aberkannt worden ist.

In der Tat sind bei einigen MCS-PatientInnen Wesensveränderungen zu beobachten. Diese lassen aber nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Entstehung der Krankheit zu. Ein Schlüssel für die Überlagerung von seelischen und körperlichen Symptomen könnte nach neuesten Erkenntnissen vielmehr im limpischen System zu suchen sein, denn dieser Teil des Gehirns koordiniert über Thalamus und Hypothalamus das Nerven-, Immun- und Hormonsystem des Körpers und reagiert auf Umweltgifte äußerst sensibel.

Kehrtwende in den USA
MCS gibt nach wie vor einige Rätsel auf. Das liegt aber auch daran, daß die Umweltmedizin im Gesundheitssystem ein Schattendasein führt. Bislang existiert keine Datensammlung über Art, Verlauf, Schweregrad und Häufigkeit der Umweltkrankheit und damit kein gesichertes epidemologisches Wissen. In den Vereinigten Staaten sorgten zwei Ereignisse "in sensiblen Bereichen" für einen Umschwung innerhalb der Schulmedizin: das Auftreten von Vergiftungserscheinungen bei 30.000 ehemaligen Golfkriegssoldaten und - ausgerechnet! - bei Angestellten der staatlichen Umweltbehörde EPA, nachdem ein neues Gebäude bezogen worden war. Die Masse von Erkrankten und die Tatsache, daß die Opfer jeweils gleichen äußeren Bedingungen ausgesetzt waren, ließen nur Insektizide (u.a. den Wirkstoff Diethyltoluamid, enthalten in BAYERs AUTAN) bzw. Raumgifte als Auslöser der Symptome in Betracht kommen. Von Einzelfällen oder psychischen Ursachen konnte nicht länger die Rede sein. Die amerikanische Gesundheitspolitik reagierte rasch und legte Forschungsprogramme auf, verschärfte Umweltauflagen und sprach MCS-PatientInnen den Schwerbehinderten-
Status zu, was deren rechtliche Lage entscheidend verbesserte. In der Bundesrepublik tut sich hingegen wenig. Kranke werden weiterhin routinemäßig in psychiatrische Kurkliniken eingewiesen, die Krankenkassen übernehmen keine Kosten für Schadstoff-Analysen am Arbeitsplatz oder in der Wohnung und Mediziner wie Herbert Renner bezeichnen MCS im Deutschen Ärzteblatt weiterhin als eine Art von Öko-Hysterie.

BAYERs Rolle
BAYER ist einer der größten Chemiekonzerne der Welt. Als Hersteller von Pestiziden, Haushaltsgiften, Kunst- und Duftstoffen hat das Unternehmen einen maßgeblichen Anteil am Anstieg der Umweltkrank-
heiten. Und es tut alles, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Auf einer Tagung des von der Weltgesundheitsorganisation WHO unterstützten "Internationalen Programms zur chemischen Sicherheit" gaben sich BAYER-Angestellte als Mitglieder von unabhängigen Nichtregierungsorganisationen aus und versuchten im Verband mit anderen Industrie-Lobbyisten, das imageschädigende Wörtchen "Chemie” aus der Krankheitsdefinition zu tilgen. Unter Erschleichung des amtlichen WHO-Siegels sollte MCS fortan IEI heißen, was soviel - oder sowenig - wie "Umwelt-Intoleranz ungeklärter Ursache" bedeutet. Die WHO protestierte anschließend massiv gegen diesen dreifachen Etikettenschwindel. Auf Bundesebene übt die Interessenvertretung von BAYER & Co., der "Verband der Chemischen Industrie" (VCI), erfolgreich Druck auf die Politik aus, so daß ein seit Jahren vorliegender Verordnungsentwurf zu pyrethroid-haltigen Haushaltsgiften bislang nicht umgesetzt wurde. Dem TV-Magazin Panorama, das im Januar 1998 über die gesundheitsschädigende Wirkungen von Insektiziden berichtete, verweigerten sowohl das Wirtschaftsministerium als auch der VCI eine öffentliche Stellungnahme. Schlichter Fax-Kommentar des VCI: "Pyrethroide sind für Menschen völlig ungefährlich."

Krankmachende Chemie von BAYER
* Pestizide
* Biozide (besonders die pyrethroid-haltigen)
* Pentachlorphenol (PCP), polychlorierte Biphenyle (PCB), seit 1989
  verboten, aber in der Umwelt weiter wirksam
* Holz"schutz"mittel (bis zum Verkauf der DESOWAG-Anteile 1986)
* Medikamente
* Duftstoffe für Kosmetika, Reinigungs- und Waschmittel
* chemische Kampfstoffe (allein in Bayern noch 350 Depots)
* Kunststoffe wie Polykarbonate, Polyurethane und ABS
  (Acrylnitril-Butadien-Styrol)
* Kunststoff-Weichmacher
* Lösemittel für Farben

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert:

 kurzfristig
* eine zügige Umsetzung der Technischen Anleitung Innenraum zum
  besseren Schutz vor Haushaltsgiften
* eine Verabschiedung des Verordnungsentwurfs zu Haushaltsgiften
* eine Zulassungsprüfung sowie marktbegleitende Kontrollen für
  Haushaltsgifte
* ein Verbot pyrethroid-haltiger und anderer Insektizide

mittelfristig
* ein Verbot aller MCS-auslösenden Substanzen und Produkte
* Entschädigung aller Opfer durch BAYER und andere Konzerne