SWB 04/98

Kooperation von Öko-Institut und HOECHST

Ökologischer Richtungswechsel oder Marktlückenforschung?

Eine ungewöhnliche Kooperation führte den HOECHST-Konzern und das Darmstädter Öko-Institut zusammen. Gemeinsam wurden allgemeine Leitlinien für eine nachhaltige Produktion entwickelt, außerdem erarbeitete das Öko-Institut beispielhaft eine ökologische Bewertung zweier Exportprodukte. Eine kritische Analyse der Studie "Hoechst Nachhaltig".

Von Herbert Steeg

Manchmal spricht der erste Eindruck bereits für sich: Nimmt man die Studie "Hoechst Nachhaltig" zur Hand, so wundert man sich, dass als Herausgeber das Öko-Institut e.V. angegeben wird. Denn Gestaltung und Wortwahl erinnern eher an eine Werbeschrift des VCI (Verband der Chemischen Industrie). Und wirklich, was dort unter "Sustainable Development" zunächst ausgeführt wird, findet sich fast wörtlich so in der Homepage des VCI.

Zu Beginn der Studie liest man: "Inzwischen hat sich Hoechst in einer Weise verändert, die beim ersten Kontakt unvorstellbar war." Mensch reibt sich die Augen und fragt erstaunt, worin denn diese Veränderung bestehen soll? Ja, so wird mensch dann aufgeklärt, HOECHST habe eine neue Unternehmensstruktur, es habe große Teile der klassischen Chemie verkauft oder ausgegliedert und sehe seine Zukunft im Pharma- und Agrobereich. Eine typisch postfordistische Strategie, wie sie von den meisten Konzernen in Rahmen der Globalisierung betrieben wird. Was ist daran aufregend oder gar "unvorstellbar"? Und wieso soll das positiv oder gar ökologisch sein? Die "klassische Chemie" existiert ja weiter, zu befürchten ist jedoch, daß die neu entstandenen GmbHs niedrigere Umweltstandards verwenden als zuvor.

Die von HOECHST und Öko-Institut gemeinsam erarbeiteten Leitlinien sind sehr allgemein und geben nur unverbindliche Ziele an. Doch die Wahrheit ist immer konkret. Ob HOECHST sich hier nur mit dem Öko-Institut schmückt, um so eine Umweltkritik von vornherein zu unterlaufen, oder ob umgekehrt das Öko-Institut HOECHST zu irgendwas bewegt hat, soll daher am konkreten Teil der Broschüre, den beiden aufgeführten Beispielen, bewertet werden.

Im ersten Fallbeispiel wird eine spezielle Bitumendachabdichtung (aus PET) untersucht, die in die VR China exportiert werden soll. Festgestellt wird, dass es sich dabei um ein hochbeständiges Produkt für Flachdächer handelt und dass in China Wohnbauten typischerweise mit Flachdach gebaut werden. Bisher werde dafür Rohfilz-Pappe benutzt, die jedoch häufig undicht werde und schnell erneuert werden müsse. Durch den Einsatz der PET-Pappe von HOECHST müsse weniger repariert werden und daraus wird eine "relative Verbesserung der Umweltbelastungen" abgeleitet.

Das ist jedoch mehr eine Marktlückenanalyse als eine Öko-Bilanz! Die Gründe für die vielen chinesischen Flachdächer oder Alternativen dazu werden nicht benannt. Wieso nicht andere Dächer? Der Export der PET-Dachpappe reproduziert lediglich das übliche Verhältnis der Industriestaaten zur Dritten Welt. In "Hoechst Nachhaltig" ist nicht einmal von der Notwendigkeit einer vorherigen Ökoprüfung des Exportprodukts im Zielland die Rede. Wer sagt denn, daß sich das PET auf den chinesischen Dächern nicht zersetzt, mag es in Europa noch so gut sein? PET (Polyethylenterephthalat) bildet beim Verfall kurzkettige Phthalatester, wie sie als Weichmacher auf dem Markt sind. Der negative Einfluß von Weichmacher auf den Menschen ist längst bekannt. Dazu eine kurzes, selbsterlebtes Beispiel: Ein hochwertiges Produkt zur Oberflächenversiegelung (Lackierung) wurde nach Südostasien verkauft. Von dort kamen nach wenigen Monaten Klagen, die Polymerschicht sei von den Oberflächen bereits abgewittert. Ungläubiges Staunen, denn in Europa hält das Produkt viele Jahre. Dann die Erklärung: Die enorme UV-Einstrahlung in Südostasien erzeugte schnell chemische Veränderungen, die in Verbindung mit hoher Luftfeuchtigkeit und großen Temperaturschwankungen das Polymer zerstörten. Ist es sicher, dass ähnliches bei der HOECHST-Dachpappe unmöglich ist?

Auch im zweiten Beispiel wird ein Exportprodukt für den chinesischen Markt untersucht: Sorbinsäure, ein Lebensmittelkonservierungsstoff. So heißt es in "Hoechst Nachhaltig": "Nach einer SRI-Studie verhält sich der Einsatz von Lebensmittelzusatzstoffen in etwa proportional mit dem Einkommensniveau. Konservierungsstoffe stellen dabei die erste Kategorie dar, sie werden also vor allen anderen Lebensmittelzusatz-
stoffen eingesetzt. Eine Erhöhung des Einkommens in China ausgehend von einem niedrigen Niveau führt somit zunächst zu einer Erhöhung des Bedarfs an Konservierungsstoffen." Hier wird anscheinend einiges verwechselt. Erhöhter Einsatz von Lebensmittelzusatzstoffen erfolgt in Ländern mit industrialisierter Nahrungsmittelversorgung, und in diesen Ländern ist das Einkommensniveau bisher hoch. Mehr Zusatzstoffe in der Nahrung verbessern aber nicht das Einkommen. Wenn also die VR China verstärkt Sorbinsäure nachfragt, so zeigt das nur, daß sich das Land dem westlichen, industriellen Ernährungsmodell annähert und sich so für HOECHST eine Marktlücke auftut. Das ist weder "nachhaltig" noch "ökologisch". Als Beispiel für die bessere Konservierung wird in "Hoechst Nachhaltig" ausgerechnet Schnittbrot angeführt. Nur: die Chinesen essen traditionell kein Brot! Die notwendige Brotkonser-
vierung in China ist ein Beispiel für die Einführung europäischer Nahrung. Gerade die asiatische Küche kennt viele alte, eingeführte Nahrungskonservierungsmethoden ohne Chemie. Schließlich sind Konservierungsstoffe nicht unbedenklich, da sie ein erhöhtes Allergiepotential tragen.

Die Beispiele beweisen keine ökologische Kehrtwendung des HOECHST-Konzerns, sondern nur, daß China dem herrschenden Industrie- und Technikkonzept nacheifert, anstatt eine eigene, alternative Wissenschaftsrichtung zu entwickeln. Die Studie kommt zu dem Schluß, "der Umbau von Hoechst zu einem nachhaltigen Konzern...erfordert eine lange Liste von Maßnahmen." Weniger konkrete wie "die Etablierung des Leitbilds der Nachhaltigen Entwicklung" und sehr konkrete, etwa eine "stärker nachfrage- und marktorientierte F&E" (Forschung& Entwicklung)". Gerade letzteres hat mit "nachhaltig" nichts zu tun! Am Ende heißt es dann wörtlich: "Hoechst sollte neben der Produktbewer-
tung andere Felder angehen: hierzu gehören z.B. die Organisations- und Personalentwicklung, der mögliche Abbau von Arbeitsplätzen, das Finanzmanagement sowie die Bereiche policy affairs und F&E, die es auszurichten gilt." Darauf wären die HOECHST-Manager wohl selbst nicht gekommen!?

Unter Umweltschutz kann mensch verschiedenes verstehen. Das mindeste ist, die einschlägigen Gesetze zu befolgen, keine neuen "Altlasten" entstehen zu lassen und bereits kritisch diskutierte Produktionslinien zu meiden. Das ist heute unter den intelligenteren Industriemanagern Konsens. Die Ökologiebewegung muß aber mehr unter Umweltschutz verstehen, da ohne eine grundsätzliche Umgestaltung der Industrielandschaft die Probleme weiter auf eine Katastrophe zulaufen. Welcher Beelzebub hat also das Öko-Institut geritten, diese Leitlinien mit zu verfassen? Die zweck-optimistische Zuversicht, wer mitredet, bestimmt mit und so entwickelt sich Öko- Einfluß? Den besseren "Unternehmensberater" zu spielen, ist keine kluge Strategie für eine Ökogruppe. Denn wer Umweltschutz auf die Optimierung des Bestehenden reduziert, der reduziert den Umweltschutz, der wird schließlich von der Industrie aufgesaugt und am Ende völlig unkenntlich.