SWB 04/98

BAYER im Dritten Reich

Opposition in USA

Die USA sind für BAYER weltweit der wichtigste Absatzmarkt, mehr als 10 Milliarden US$ werden dort jährlich umgesetzt. Doch auch in Amerika ist man sich der unheilvollen Rolle bewußt, die die deutsche Chemische Industrie im Dritten Reich gespielt hat - umso größere Anstrengungen unternimmt der Konzern, seine Historie vergessen zu machen. In Pittsburgh, dem Stammsitz der amerikanischen BAYER-Tochter, will eine Bürgerinitiative die Weißwaschung der braunen Vergangenheit verhindern.

Von David Rosenberg, Pittsburgh

Unsere Gruppe besteht zum größten Teil aus amerikanischen Juden im Alter zwischen 35 und 55 Jahren. Obwohl keiner von uns mit Opfern des Holocaust nah verwandt ist, liegt uns die Geschichte des Dritten Reichs und eine ernsthafte Aufarbeitung dieses Themas sehr am Herzen. Besonders wichtig für uns ist dabei die Auseinandersetzung mit der Firma BAYER, da sich in unserer Stadt die amerikanische Zentrale des Konzerns befindet. BAYER gehörte zu den Stützen des Nazi-Regimes und trägt daher bis heute eine besondere Verantwortung. Unsere Gruppe nennt sich Committee for Appropriate Acknowledgment, was in etwa Komitee für einen angemessenen Umgang mit der Schuld bedeutet.

Hier in Pittsburgh ist der Einfluss der Firma BAYER sehr groß - fast wie in Leverkusen. Nachts leuchtet eine gigantische Leuchtreklame mit dem BAYER-Kreuz von einem Hügel, der unsere Stadt überragt. Das Unternehmen spendet viel Geld an kulturelle Einrichtungen, an die Universitäten sowie an Radio- und Fernsehstationen. Ironischerweise finanziert BAYER auch ein Zentrum für Umweltwissenschaften an der Duquesne University in Pittsburgh. Bei unserer Arbeit müssen wir daher auch gegen ein übertrieben positives Image des Konzerns angehen. Der unmittelbare Anlass für unsere Arbeit war eine BAYER-Spende von $100.000 an die Jüdische Gemeinde von Pittsburgh. Mit dieser Summe wurde die Erweiterung unseres Gemeindezentrums unterstützt, als Gegenleistung wurde der Jugendraum des Zentrums offiziell in Bayer Foundation Teen Lounge (Jugendraum Bayer-Stiftung) umbenannt. Außerhalb des Saals weist ein Hinweisschild auf die Unterstützung von BAYER hin.

Unser Komittee protestiert gegen dieses Schild und seine Symbolik. Dieses Unternehmen hat eine schreckliche Rolle in der Geschichte des jüdischen Volkes gespielt. Es hat seine Schuld bis heute nicht aufgearbeitet und keine Entschuldigung ausgesprochen. Wir glauben nicht, dass unsere Jüdische Gemeinschaft in Pittsburgh durch dieses Schild den Namen von BAYER normalisieren, legitimieren und sogar ehren soll. Wir fordern daher, dass auf diesem Schild die Verbindung der Firma mit dem Holocaust klar dargestellt wird. Hierfür haben wir eine Petition mit einem neuen Text in Umlauf gebracht. Statt Bayer Foundation Teen Lounge soll es heißen:
Jugendsaal
Gestiftet von der Bayer Foundation
In Trauer um die historische Rolle der Firma im Holocaust

Diese Petition enthält bislang die Namen von mehr als hundert Mitbürgern, darunter zehn Holocaust-Überlebenden. Auf diese Weise soll unserer Jugend bewusst werden, was sich auch mit dem Namen BAYER verbindet. Doch ein solches Schild zu ändern ist kein leichtes Unterfangen. Hiergegen gibt es Widerstände, da eine solche Umbenennung die ganze Problematik des mangelnden Schuldbewußt-
seins bei der BAYER AG und den anderen Tochter-Firmen der IG FARBEN berührt.

Schon seit 1990 führen wir mit BAYER ähnliche Auseinandersetzungen. Zunächst wollte das Unternehmen eine Ausstellung über den Leidensweg von Anne Frank sponsern, später dann eine Lesung mit dem KZ-Überlebenden Elie Wiesel unterstützen. Über die eigenen Verbrechen sollte dabei jeweils kein Wort verloren werden. Elie Wiesel drohte mit einer Absage, als er von der Verbindung zu einem IG FARBEN-Nachfolger erfuhr. Um ein PR-Desaster zu vermeiden, setzte sich der amerikanische BAYER-Chef Helge Wehmeier persönlich mit der United Jewish Federation of Pittsburgh und mit Elie Wiesel in Verbindung und bot eine Entschuldigung an. Tatsächlich äußerte Wehmeier öffentlich, daß er "Trauer, Bedauern und Scham" empfinde und daß er "Elie Wiesel und alle anderen Betroffenen für die Taten der IG FARBEN und des deutschen Volkes um Entschuldigung bitte". Diese Bitte war allerdings eine persönliche und keine offizielle Entschuldigung der Firma BAYER, die bis heute aussteht. Selbst den persönlich gehaltenen Text von Wehmeier gab BAYER nicht an die Presse weiter.

Vor wenigen Wochen haben wir eine Veranstaltung mit dem ehemaligen IG FARBEN-Zwangsarbeiter David Fishel organisiert. Fishel prozessiert seit 1996 gegen BAYER, BASF, HOECHST, DAIMLER-BENZ und KRUPP vor einem amerikanischen Gericht, wo er seinen Arbeitslohn einfordert. In den letzten Monaten haben wir zudem mit der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) einen sehr fruchtbaren Kontakt aufgenommen. Die Erfahrungen der CBG sind für unsere Arbeit sehr nützlich. Wir möchten Ihnen unseren Respekt aussprechen für ihre Hartnäckigkeit und ihren Mut, schwierige Fragen gegenüber dem BAYER-Vorstand und dem Rest der Welt öffentlich zu machen! Zu Beginn des nächsten Jahres erhoffen wir den Besuch eines Vertreters der CBG bei uns in Pittsburgh. Auf diese Weise können wir gemeinsam die Probleme der BAYER-Geschichte sowie die mangelnde Anerkennung von Schuld bei uns bekanntmachen. Nur durch öffentlichen Druck aus verschiedenen Richtungen wird diese Thematik ernstgenommen und die Wahrheit ans Licht kommen!

Kontakt: Committee for Appropriate Acknowledgment, Post Office Box 81243, Pittsburgh, Pennsylvania 15217, USA
oder über:
CBGnetwork@aol.com