SWB 04/98 - Ticker

DRUGS & PILLS

Ex-Pharmamanager bei WHO
Die neue Generalsekretärin der WELTGESUNDHEITSORGANISATION (WHO), Gro Brundtland, hat den bundesdeutschen Dr. Michael Scholz, zuvor als Manager bei CIBA GEIGY und SMITHKLINE BEECHAM tätig, zum Direktor für Gesundheitstechnologie und Medikamente ernannt. Die Gefahr von Loyalitätskonflikten sieht er für sich selber nicht, zwischen Pharma-Industrie und WHO gäbe es vielmehr "gemeinsame Themen". Nur sei letztere eben gemeinnützig, mit einem breiteren Auftrag versehen und nicht so sehr auf Gewinn-Erzielung erpicht. Nach eigenem Bekunden ist der Rentier als Freiwilliger zur WHO gestoßen, "um der Gesellschaft eine Schuld zurückzuzahlen". Wenn er damit die Sünden der Pharma-Industrie meinen sollte, muß er sich bei der WHO aber gehörig ins Zeug legen.

De- und Reregulierungen für EU gefordert
Der Dachverband der europäischen Pharma-Hersteller, die EUROPEAN FEDERATION OF PHARMACEUTICAL INDUSTRIES AND ASSOCIATIONS (EFPIA), hat auf der Jahrestagung des Verbandes in Berlin ihre Vorstellungen von einem europäischen Pillen-Markt präsentiert. Dort, wo der freie Markt den Herstellern schadet, soll reguliert, dort, wo er ihnen nützt, soll weiter dereguliert werden. Der EFPIA-Vorsitzende Jorge Gallado forderte verstärkte Maßnahmen gegen die Parallelimporte von Arzneimitteln, bedingt durch die unterschiedliche Preise in den einzelnen Ländern. Desweiteren verlangte er von den PolitikerInnen, solche Medikamente, auf die ein Patent gehalten wird, besser gegen Kopien zu schützen. Zuviel Schutz und Gesetz besteht für Gallado hingegen im Bereich der Zulassungs-
prüfungen für Medikamente. Hier trat er für beschleunigte Verfahren ein.

Pharma-Export legt um 34 % zu
Im ersten Quartal 1998 stiegen die bundesdeutschen Pharma-Ausfuhren um 34 %. Ihr Gesamtwert belief sich auf 6,3 Milliarden DM. Dank der erhöhten Nachfrage wuchs das Produktionsvolumen um 9,2 %.
Die Pillen-Importe nahmen ebenfalls - um 26 % -  zu.

Arzneimittel-Hersteller machen 1,2 % plus
Die einzigen, die bei der Gesundheits"reform" nicht draufzahlen müssen, sind die Produzenten von Medikamenten. Da ÄrztInnen zwar weniger, dafür aber neuere und damit teurere Pharmazeutika verschreiben, konnten BAYER & Co ihren Umsatz um 1,2 % auf 13,3 Milliarden Mark steigern.

Aushöhlung des Gesundheitssystems
Die dritte Stufe der Gesundheitsreform ließ die Zuzahlungen für rezeptpflichtige Medikamente auf die Summe von 20 Milliarden DM ansteigen. Das entspricht 1.15 Beitragspunkten der Gesetzlichen Krankenkassen. Desweiteren hält der Trend zur Selbstmedikation an; ihr Anteil am Arzneimittel-Umsatz beträgt bereits 20 %. Und durch die beiden neuesten Errungenschaften aus der Grauzone zwischen Medikament und Lifestyle-Präparat, VIAGRA und der Anti-Fett-Pille XENICAL, wird er sich weiter fortsetzen. Der Weg in die Zwei-Klassen- Medizin scheint vorerst unaufhaltsam.

VFA läßt sich loben
Große Überraschung: Ein Bericht, den der VERBAND FORSCHENDER ARZNEIMITTELHERSTELLER (VFA) bei der BOSTON CONSULTING GROUP in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Schluß, daß die Forschenden Arzneimittelhersteller von großer Innovationskraft sind. Bleibt abzuwarten, ob die anvisierte Zielgruppe der Shareholder diese Pseudo-Erkenntnis schlucken wird. Zur Untermauerung ihrer These führen die Unternehmensberater die hohen Forschungsinvestitionen von BAYER & Co sowie die Vielzahl der in den letzten zehn Jahren in der Bundesrepublik neu zugelassenen innovativen Wirkstoffe an.
Die Pharma-Industrie faßt den Innovationsbegriff allerdings recht weit. Ein marktgängiges Präparat braucht in seiner Zusammensetzung nur geringfügig geändert werden, und schon ist es wieder neu, patentgeschützt und von der preisdrückenden Festbetragsregelung ausgenommen.

Unlautere Pharma-Werbung
Nach einer Studie der Universität Wuppertal entspricht 80 % der Pharma-Werbung nicht den Richtlinien des Heilmittelwerbegesetzes (HWG). Irreführende Aussagen über Heilwirkungen machen die Hälfte der Pillen-Reklamen. Typisches Beispiel: BAYERs ASPIRIN-Slogan
"So viel mehr", der diffus darauf verweisen soll, daß ASPIRIN angeblich ein Tausendsassa und weit mehr als nur eine Kopfschmerztablette sei. Um diesen Mißstand zu beheben, nahmen sich die Gesundheitspoliti-
kerInnen nicht einfach vor, die Verstöße verstärkt zu sanktionieren - sie änderten statt dessen einfach die Richtlinien des HWG. Seit Juli 1998 brauchen Zeitungsannoncen keine Hinweise auf Nebenwirkungen und Gegenanzeigen mehr zu enthalten. Noch weniger Information und noch mehr Suggestion wird Pharma-Werbung in Zukunft also bieten. Der BUNDESVERBAND DER PHARMAZEUTISCHEN INDUSTRIE weiß auch schon wie. Er rät seinen Mitgliedern, die bitteren Pillen besser duften zu lassen, farblich ansprechender zu gestalten und im "Skinfeel" zu optimieren, weil das die potentielle Kundschaft emotional konditioniere.

Die Netzwerk-Strategie
Worauf BAYERs Zusammenarbeit mit Krankenkassen und ÄrztInnenverbänden bei den Diabetes- und "Herz ist Trumpf"-Aktionen letztendlich abzielt, kann mensch dem Bericht "Innovationskraft: Forschende Arzneimittelhersteller" entnehmen, der im Auftrag des VERBANDES DER FORSCHENDEN ARZNEIMITTELHERSTELLER erstellt wurde. Langfristiger Sinn der Übung ist nämlich, sich im Gesundheitswesen als Dienstleister zu etablieren und sich, wie in den USA jetzt schon üblich, in Kliniken mit eigenen ÄrztInnen und Management breitzumachen. Dort haben Pharmafirmen sogar schon eigene Krankenhäuser eröffnet. Noch vor kurzem wären in der Bundesrepublik Therapie-Netzwerke zwischen der Industrie, Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen undenkbar gewesen, frohlockt der Auftragsbericht.

Negativliste veröffentlicht
Der Bundesausschuß der ÄrztInnen und Krankenkassen hat eine Negativliste mit 40 erwiesenermaßen unwirksamen Arzneimittelgruppen erstellt, deren Verschreibungskosten die Krankenkassen künftig nicht mehr übernehmen wollen. Die Pharmalobby ist in Alarmbereitschaft versetzt und versucht ihre "Placebo"-Profite (ca. sieben Milliarden DM) zu retten, indem sie sich fadenscheinig zum Fürsprecher des "armen Patienten" macht, der angeblich durch die Streichliste tiefer in die eigene Tasche greifen muß. Ob die Negativliste allerdings das Bonner Extrem-Lobbying überstehen wird, entscheidet sich erst Anfang 1999. Sollten die Pläne Wirklichkeit werden, bereitet BAYER sich nach den Worten des Leiters für Gesundheitspolitik beim Konzern, Rolf Reher, schon einmal auf "verstärkte Überzeugungsarbeit durch den Pharma- Außendienst" vor, um die ÄrztInnen auf die Ausnahmeregelungen aufmerksam zu machen.

Gefährliche Pillen
Die Arzneimittelrisiken steigen. Innerhalb von neun Monaten hat die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA drei Medikamente vom Markt nehmen lassen. Die Ursache für die Pharma-GAUs sind vielfältig. Der Konkurrenzkampf treibt die Konzerne zu immer kürzeren Entwicklungs- und Testphasen. In zahlreichen Ländern wurden die Zulassungsverfahren auf Druck der Pharma-Lobby beschleunigt. Eine zentralisierte Zulassungspraxis, wie sie in der EU mit der Londoner Agentur für die Bewertung von Arzneimitteln bereits installiert ist, schaltet notwendige Kontrollinstanzen aus und "globalisiert" die "Risiken und Nebenwirkungen". Zudem sorgt der übermäßige Medikamentenkonsum in den Industrieländern für ein Ansteigen unerwünschter Kombinationswirkungen zwischen den einzelnen Präparaten. ExpertInnen führen bereits eine alarmierende Zahl von Todesfällen, besonders unter älteren Menschen, auf Arzneimittelschäden zurück.

Kritik an klinischen Tests
Der Pharmakologe Christian Bénichou, der ein Standardwerk über Arznei-Nebenwirkungen herausgegeben hat, kritisiert die klinischen Tests der Pharma-Industrie vor Einführung eines neuen Medikamentes als ungenügend. Da sie sehr hohen Kosten verursachen würden, sei die ProbandInnen-Gruppe meist zu klein, um auch Nebenwirkungen festzustellen, deren Häufigkeit unter 1 zu 5.000 oder 10.000 läge.

Normierte Pillen, ungleiche Menschen
Der menschliche Körper ist alles andere als eine Maschine, nach ein und demselben Bauplan erstellt. Das Cytochrom-P-450-System z.B., ein Wirkmechanismus in der Leber, der für den Abbau von Arznei- Wirkstoffen wichtig ist, arbeitet bei 5 bis 10 % aller EuropäerInnen atypisch. Die Folge: Die Einnahme von Medikamenten, gleich welcher Art, kann zu schwerwiegenden Gesundheitsschädigungen führen.

Klinische Pharmakologie
Erst 1971 erkannte die WELTGESUNDHEITSORGANISATION (WHO) die Klinische Pharmakologie als eigenständigen Zweig der Medizin an. Nicht einmal die Hälfte aller bundesdeutschen Universitäten besitzt ein Institut für Klinische Pharmakologie, wie der Wissenschaftsrat in einer Untersuchung kritisch anmerkte. Das pharmakologische Wissen ist folglich bei der Pharma-Industrie gebündelt. Sie überschwemmt den Markt mit immer neuen Pillen, und nicht einmal ÄrztInnen können dabei den Überblick bewahren und Risiken, Neben- und unerwünschte Kombinationswirkungen erkennen. Die Folge: immer mehr Arzneien machen krank statt zu heilen. Um Steuermöglichkeiten wiederzu-
gewinnen, haben sich in Wuppertal das städtische Krankenhaus und die Krankenkassen darauf verständigt, der Klinik ein Institut für Pharma-
kologie anzugliedern. Aufgabe der Einrichtung wird es sein, die ÄrztInnen zu beraten, eine rationale Arzneimittel-Auswahl zu treffen, Nebenwirkungen zu dokumentieren und sich an klinischen Tests zu beteiligen. Eine kleine Bresche im Pharma-Dschungel.

Risiken und Nebenwirkungen
Für ca. 3 bis 5 % aller Einweisungen auf internistische Stationen sind unerwünschte Arzneimittelwirkungen verantwortlich, für Geriatrie- Abteilungen liegt der Prozentsatz noch höher. Nach einer Untersuchung australischer MedizinerInnen sind 47 % dieser Krankenhaus-Einlie-
ferungen auf die chemischen Wirkstoffe der Medikamente und 53 % auf ÄrztInnen- und PatientInnen-Fehler zurückzuführen. Die Untersuchung eines amerikanischen PensionärInnenverbandes ergab, daß ein Großteil der PatientInnen Medikamente nicht ordnungsgemäß einnimmt. 20 % der AsthmatikerInnen, 30 bis 50 % der EpileptikerInnen, 50 % der DiabetikerInnen und 55 bis 70 % der RheumatikerInnen verstoßen gegen die Dosierungsvorgaben. Da die Pharma-Industrie um diesen Tatbestand weiß, und Höherdosierungen insbesondere bei schmerz-
haften Erkrankungen verständlich sind, fordert die COORDINATION GEGEN BAYER- GEFAHREN die Pharma-Hersteller auf, dieses Risikopotential bei der Arzneimittel- Produktion zu berücksichtigen, anstatt sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Filtration von Blutprodukten wg. CJK
In Großbritannien werden zukünftig aus allen Blutpräparaten die weißen Blutkörperchen herausgefiltert. Die Regierung entschloß sich zu dieser Maßnahme, um das Risiko einer Übertragung der Creutzfeldt-Jacob- Krankheit CJK), einer BSE-Variante, durch Blutprodukte zu minimieren. Medizinisch nachgewiesen ist eine solche Ansteckungsmöglichkeit zwar noch nicht, aber viele WissenschaftlerInnen warnen vor einem entsprechenden Risiko. Und die Indizien verhärten sich. Unlängst hat der Schweizer Neuropathologe Adriano Aguzzi herausgefunden, daß bestimmte weiße Blutkörperchen, die B-Lymphozyten, Träger der infizierten Keime sein können. Ein besonderes Risiko stellen Plasma- Präparate dar, denn zu ihrer Herstellung greift man auf einen Blutpool, gebildet aus einer Vielzahl von Spenden, zurück. So kann das CJK-infizierte Blut eines Spenders sich über 3.000 Blutpräparate streuen. Im letzten Jahr hat BAYER in den USA drei Chargen seines Blutprodukts PROLASTIN zurückrufen lassen, da bei einem Spender CJK diagnostiziert worden war. In anderen Ländern wie Österreich, Frankreich, Irland, Norwegen und Portugal ist das Filterverfahren für weiße Blutkörperchen bereits seit längerem obligatorisch. Ob eine Filtration auch in der Bundesrepublik eingeführt wird, steht noch in den Sternen. Derzeit wird das Thema im "Arbeitskreis Blut", gegründet nach dem AIDS-Skandal um HIV-infizierte Blutprodukte, diskutiert. Sicherheitserwägungen der Blutspendedienste stehen dort den Interessen der Industrie gegenüber, der das Verfahren zu kostspielig ist.

FDA verwarnt BAYER
Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat gegen die BAYER CORP. eine Verwarnung ausgesprochen, weil sie einen Test zur Bestimmung des Prostata- Antigens irregulär als Prostatakrebs-Test vermarktet. Zugelassen ist das Verfahren nach Angaben der FDA jedoch nur zur begleitenden Kontrolle des Krankheitsverlaufs. Das Prostata-Antigen läßt sich nämlich auch bei gesunden Männern nachweisen. BAYER wurde aufgefordert, die Werbung binnen zwei Wochen einzustellen.

SCHEIN vs. FDA
Bereits der dritte Clinch zwischen BAYER und der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA in diesem Quartal: Nach mehreren Verwarnungen und der Verhängung einer Geldbuße in Höhe von einer Million Dollar hat die FDA das Generika- Unternehmen SCHEIN PHARMACEUTICAL INC., an dem BAYER zu 25 % beteiligt ist, zu einem Produktionsstopp aufgefordert. Anlaß waren Mängel in der Qualitätskontrolle. SCHEIN-Chef Martin Sperber erwartet, daß die Verhandlungen mit der FDA dazu führen werden, bestimmte Produkte nicht mehr herstellen zu dürfen. Das hat ihn zu der Maßnahme veranlaßt, schon mal vorsorglich 350 MitarbeiterInnen, die Hälfte der Belegschaft, zu entlassen. Aktionärs-VertreterInnen haben gegen SCHEIN unterdessen eine Sammelklage wegen Prospekt-Betruges eingereicht.

ASPIRIN hilft jetzt auch ...
...das Herzinfarkt-Risiko von Menschen mit erhöhtem Blutdruck zu senken. Laut BAYER hat eine Studie ergeben, daß die regelmäßige Einnahme von ASPIRIN die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Zwischenfällen um 15 %, und die von Herzinfarkten um 36 % reduziert. Auftragsstudien dieser Art sind mit Vorsicht zu genießen, da die Ergebnisse industrie-
abhängiger Untersuchungen nach einer Erhebung des New England Journal of Medicine immer weitaus positiver ausfallen als unabhängige Arzneimittel-Studien. Die kontinuierliche Einnahme von ASPIRIN kann die schmerzlindernde Wirkung ins Gegenteil verkehren und Kopf-
schmerzen auslösen, die Nieren schädigen und süchtig machen. In Großbritannien mußten schon 5.000 Menschen wegen Unverträglich-
keitssymptomen nach Einnahme von ASPIRIN in Krankenhäuser eingeliefert werden, 60 davon starben.

AKTREN als neues Schmerzmittel
Mitte September bringt BAYER das Schmerzmittel AKTREN SPEZIAL auf den Markt, das sich "ein gutes Stück der Marktanteile von ASPIRIN holen soll", so die PR-Zeitschrift Horizonte. Mittels begleitender TV-Spots hofft BAYER, die KonsumentInnen weichzuklopfen.

Vitamine von BAYER
Der Markt für freiverkäufliche Naturheilmittel, Kräutertees, Vitamin-
präparate und andere Produkte der Lifestyle-Medizin wächst beständig. Um verstärkt in dieses Segment vorzustoßen, bringt BAYER jetzt das Vitamin E-Präparat BIOGENIS ONE-A-DAY auf den Markt, das durch Anhebung des Vitamin E-Spiegels angeblich einer Arterien- Verkalkung vorbeugen soll. Durch eine ausgewogene Ernährung nimmt der Mensch in der Regel ausreichend Vitamine zu sich. Desweiteren ist die Tendenz, daß Pharma- Firmen zunehmend Gesunde als Absatzmarkt entdecken, besorgniserregend, da darüber die Entwicklung von Arzneien gegen wirklich bedrohliche Krankheiten wie z.B. Malaria vernachlässigt wird.