SWB 01/99

Kaffeeanbau mit tödlichen Nebenwirkungen:

Staatsanwalt ermittelt gegen Bayer

Von Philipp Mimkes

In keinem Land der Welt werden soviel Pestizide produziert und exportiert wie in Deutschland - eines der Hauptab-
nehmerländer ist Brasilien. Jedes Jahr vergiften sich nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit über zwei Millionen Landarbei-
ter mit Pflanzenschutzmitteln, mindes-
tens 20.000 sterben. Die Hersteller der Gifte waschen ihre Hände in Unschuld und verweisen lapidar auf die Gebrauchsanweisung. Doch die meisten Betroffenen sind Analpha-
beten, die sich eine teure Schutz-
kleidung gar nicht leisten können.

In den Kaffeeplantagen Brasiliens kam es in den letzten Jahren zu einer Welle von Vergiftungen, die durch ein Mittel der Firma Bayer ausgelöst wurde. Die Staatsanwaltschaft in Manhuacu im Bundesstaat Minas Gerais ermittelt jetzt erstmals gegen das deutsche Unternehmen, ein leitender Bayer-Manager soll in einem Strafprozess persönlich angeklagt werden. Anlass der Untersuchungen: Durch das Pestizid Baysiston, Nr. 1 auf dem brasilianischen Markt, wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft mehr als dreißig Kaffeebauern vergiftet, zwölf davon tödlich. Landarbeiterorganisationen schätzen die Zahl der gesundheitlich Geschädigten sogar auf mehrere hundert. Umweltverbände sprechen außerdem von schweren ökologischen Schäden, die Umweltweltschutz-Organisation Associação Mineira de Defesa do Ambiente (AMDA) hat Bayer in seine "Dirty List" der zehn gefährlichsten Unternehmen aufgenommen.

Der ermittelnde Staatsanwalt Eduardo Nepomuceno beklagt die verharmlosende Werbung, die die möglichen Risiken des Pestizids völlig ausklammert. "In einem Zivilprozeß auf Schadensersatz ist die Firma Bayer die Hauptverantwortliche, weil sie das Produkt auf den Markt bringt. In einem Strafprozeß ist an Bayer als juristische Person nicht heranzukommen, cielleicht aber an einen Angestellten der Firma als Urheber." Ein Bayer-Sprecher weist zwar die Vorwürfe zurück, da sich die Firma "stark in der Anwenderaufklärung engagiere". Trotzdem wurde jetzt bekannt, dass der Konzern 100.000 Real (rund 140.000 DM) in einen von Nepomuceno initiierten Hilfsfonds eingezahlt hat - ein gewisses Unrechtsbewußtsein scheint also durchaus vorhanden zu sein. Dem Staatsanwalt zufolge möchte das Unternehmen eine Verurteilung um jeden Preis vermeiden und strebt daher einen Vergleich an - in diesem Zusammenhang muss wohl auch die freiwillige Zahlung verstanden werden.

Für den Umgang mit dem extrem giftigen Pesti-
zid, dessen Zusammensetzung in Deutschland seit 20 Jahren nicht mehr zugelassen ist, gelten in Brasilien strenge Sicherheitsbestimmungen, wie etwa das Tragen von Atemgeräten und Schutz-
kleidung. Eine solche Ausrüstung ist jedoch für die meist armen Landarbeiter nicht erschwinglich und wegen der tropischen Temperaturen sowieso nicht verwendbar. Viele Kaffeebauern sind zudem Analphabeten und können daher die Sicherheits-
hinweise für die hochtoxischen Stoffe nicht lesen. Außerdem werden durch die in Brasilien omni-
präsente Werbung für Baysiston die Risiken in den Hintergrund gedrängt, viele Kaffeebauern glauben sogar, Baysiston sei ein Düngemittel zur Ertragssteigerung. Nach Ansicht des Pflanzen-
schutz- Experten Mathias Frost, tätig für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), verstößt Bayer mit dem Vertrieb von Baysiston gegen den Verhaltenskodex der Welt-
ernährungsorganisation FAO zum Verkauf von Pestiziden. Danach sollen Hersteller vor allem in tropischen Ländern darauf verzichten, Pestizide in den Handel zu bringen, für deren Handhabung teure Schutzausrüstung erforderlich ist.

Frost fordert das Unternehmen auf, das Mittel vom Markt zu nehmen, "weil die Anwendung gemäß Gebrauchsanweisung in Brasilien nicht sicher gewährleistet ist".

Auch Rüdiger Hillmann, Toxikologe der Universitätsklinik Mainz äußert sich kritisch: "Für die Leute, die das Mittel ohne Schutzkleidung ausbringen, besteht ein hohes gesundheitliches Risiko bis hin zur Lebensgefahr. Eine Vergiftung mit einem derartigen Stoff führt in der Regel zu Muskelkrämpfen, zu Muskelzittern, zu tiefen Bewußtseins-
eintrübungen und zu Lähmungen der Muskeln bis hin zum Atemstillstand - dem Tod. Mit einem solchen Stoff umzugehen heißt, man sollte einen chemischen Vollschutzanzug tragen, also einen Anzug, der diesen Stoff nicht bis zu der Haut durchlässt. Und man sollte auch ein Atemschutz-
gerät tragen, damit Stäube nicht in die Lunge gelangen können."

Die Bayer AG kontert, dass ihr die Vergiftungsfälle bekannt seien, diese wären aber nicht die Folge von mangelhafter Aufklärung, sondern allein von "unsachgemäßer Anwendung". Hierzu Hubert Ostendorf von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: "Es ist zynisch, wenn das Unternehmen den Betroffenen die Schuld für die Vergiftungen mit dem Hinweis zuschiebt, sie müßten selbst für wirksame Schutzkleidung sorgen. Die Verantwortung liegt beim Hersteller, denn ein effektiver Schutz gegen diese Gifte existiert nicht, schon gar nicht in armen Ländern." Ostendorf fordert, der Konzern müsse seiner Verantwortung endlich gerecht werden und den Verkauf der hochgiftigen Agrochemi-
kalien einstellen. "Denn von dem Pestizideinsatz profitieren lediglich Produzenten wie Bayer sowie skrupellose Plantagenbesitzer; die Gesundheit der Landarbeiter bleibt auf der Strecke. Alle Pestizide, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als `extrem gefährlich´ einstuft, müssen sofort vom Markt genommen werden!"

Einen Tag nach einem kritischen Bericht in der ARD versandte das Unternehmen eine Pressemitteilung an "Entscheidungsträger" in Politik und Aufsichtsbehörden. O-Ton Bayer: "Wären diese Aussagen korrekt, hätte Bayer wegen seiner Selbstverpflichtung zu "Verantwortlichem Handeln (Responsible Care)" schon längst drastische Konsequenzen gezogen. Tatsache ist, dass Baysiston als Standardpräparat im brasilianischen Kaffee-Anbau wegen seiner guten Wirkung sehr bekannt und geschätzt ist. Das Präparat wurde nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in die Toxizitätsklasse II und damit als mindergiftig eingestuft. (...) Bayer startete vor Ort eine intensive Aufklärungs- und Schulungskampagne - u.a. mit Filmen, Demonstra-
tionen sowie Bilderklärungen für Analphabeten. Außerdem gingen von Bayer beauftragte Mediziner und Toxikologen den von Ärzten und Hospitälern gemeldeten Vergiftungsfällen eingehend nach. Bis auf Einzelfälle mit leichten Symptomen konnten alle anderen angeblichen Baysiston-Vergiftungen auf andere Krankheitsursachen zurückgeführt werden." Hierzu Uwe Friedrich vom Pestizid Aktions Netzwerk (PAN): "Diese selten schwache Presseerklärung belegt das schlechte Gewissen des Konzerns. Die von der ARD recherchierten Fakten werden in keiner Weise entkräftet. Stattdessen wird lediglich auf die bestehenden Selbstverpflichtungen verwiesen, gegen die bereits seit Jahren Verstöße gemeldet werden. Eine schlichte Lüge ist die Aussage, eine Einstufung des Pestizids in die Toxizitätsklasse II würde eine Mindergiftigkeit bedeuten. In Wahrheit entspricht einer Klassifizierung der Stufe II die Bewertung "hazardous" (gefährlich), was insbesondere in tropischen Regionen eine reale Gefahr darstellt.
Die hohe Wertschätzung, von der Bayer spricht, resultiert aus der flächendeckenden Werbung, die die bestehenden Gefahren schlicht ignoriert, nicht aber aus einer sicheren Handhabbarkeit. Und selbst wenn Bayer vor Ort Aufklärungskampagnen betrieben hat, so können diese nicht sehr umfassend gewesen sein, denn weder die interviewten Landarbeiter noch der Staatsanwalt hatten von ihnen zuvor gewusst."

Von einer Recherche vor Ort in Minas Gerais berichtet André Schösser: "Bei einem Besuch im Dorf Espera Feliz, weit oben in einer gebirgigen Region im Staate Minas Gerais, begegnete ich zum ersten mal in Brasilien einer scheinbar intakten Natur. Da wir seit längerer Zeit die ersten Deutschen im Dorf waren, wurden wir bald vom Bürgermeister eingeladen. Doch sehr schnell wurde ich dort aus meinen Träumen herausgerissen. "Kennt ihr die Firma Bayer?" fragte man uns. Wir erfuhren, dass Bayer seit einigen Jahren in Minas Gerais das hochgiftige "Pflanzenschutzmittel" Baysiston vertreibt. Das Mittel führt zwar zu Ertragssteigerungen, aber seitdem es eingesetzt wird treten zahlreiche Erkrankungen unter den Kaffeebauern auf - und sogar Todesfälle.

Viele Bewohner des Dorfes haben Angst. Immer mehr Plantagen-
besitzer setzen das "Wundermittel" aus Europa mit großem Erfolg ein. Doch immer wieder hören sie erschreckende Nachrichten von schweren Erkrankungen, die nicht selten zum Tode führen. Die Menschen der Region vertrauen blindlings den weiterentwickelten Technologien aus Europa, erkennen aber nicht, dass man sie auf Kosten ihrer Gesundheit restlos ausbeutet. Ungenügende Aufklärung durch die Firma Bayer führte mittlerweile dazu, dass die Bauern das Mittel zum Düngen ihrer Mais- und Bohnenpflanzen verwenden. Es gelangt somit direkt in die Nahrungskette, mit fatalen Folgen für die Bevölkerung.

Die Menschen in Minas Gerais baten uns um Hilfe und gaben uns das Gefühl, als seien wir für sie die letzte Hoffnung in ihrem aussichtslosen Kampf gegen die Firma Bayer. Durch ein Telefonat, dass ich in Deutschland mit Bayer führte, erfuhr ich, dass dem Unternehmen bewußt ist, was in der Region geschieht. Ein leitender Mitarbeiter sagte: Baysiston darf nur mit einer speziellen Maschine, nicht aber mit der Hand ausgebracht werden. Wenn dies nicht beachtet wird, trifft die Schuld allein die Bauern. Außerdem wurde uns in dem Telefonat versprochen, einen Beauftragen nach Espera Feliz zu schicken. Vier Monate später war noch niemand da.

Eine zweiten Reise nach Brasilien erfolgte für das ARD-Magazins Report. Im Dorf Matipo befragten wir einen Bauern, der Baysiston ausstreut - ohne Schutzkleidung und nur mit einem kleinen Löffel. Dieser Kaffeebauer bestätigte uns, dass viele seiner Freunde auf diese Weise mit Baysiston arbeiten und dass es überhaupt kein Problem sei, in den Geschäften Baysiston zu kaufen. Weiter erfuhren wir, daß nahe der Stadt Simonese Bodenproben entnommen wurden, um die Stärke der Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel zu untersuchen. Wir trafen auf eine Doktorin der Bodenkunde aus Belo Horizonte. Sie zeigte uns, wie stark errosionsgefährdet die Anbauflächen für Kaffee sind und daß selbst beim Vergraben von Baysiston in einer Tiefe von 7-8 cm der starke Regen das Granulat aus dem Boden schwemmt. Selbst bei einer Anwendung mit Maschinen sickert Baysiston ins Grundwasser und verseucht die naheliegenden Bäche.

In Simonese interviewten wir weitere Opfer von Baysiston: Zunächst die Witwe eines Mannes, der aufgrund einer Vergiftung durch Baysiston starb. Er ließ sie mit vier Kindern zurück, die sie nun selbst verpflegen muß. Ein anderes Opfer war ein guter Freund des verstorbenen Mannes. Sie brachten zusammen das Gift auf den Feldern aus, und er vergiftete sich ebenfalls. Er lag 6 Tage im Koma und entging dem Tod nur, weil er jünger und kräftiger war. Noch heute leidet er stark unter den Folgen der Vergiftung. Das dritte Opfer hatte die Aufgabe, den Feldarbeitern die nötigen Mengen Baysiston in Dosen abzufüllen. Da er dazu keinerlei Schutzanzüge benutzte, erlitt er starke Verätzungen an Armen, an Beinen und besonders am Bauch. Lange hatte er mit Lähmungserscheinungen zu kämpfen und noch heute muß er täglich Medikamente gegen die unerträglichen Schmerzen einnehmen. Von Bayer hat er bis heute keinen Pfennig Entschädigung bekommen, obwohl er seit 4 Jahren zusammen mit seinem Anwalt dafür kämpft. Jedes der Opfer konnte bezeugen, daß die Verpackungen kaum erkennbare Warnhinweise hatten und daß die Lieferanten kein Wort über die Gefährlichkeit des Produktes verloren, ja sogar damit warben, man könne Baysiston sogar als Düngemittel verwenden. Diese Angaben bestätigte auch der Staatsanwalt in Manhuacu, der seit Jahren die betroffenen Kaffeebauern vertritt. Er gewährte uns Einblick in Akten laufender Verfahren, was bekanntermaßen sehr selten ist.

Am letzten Tag versuchten wir, auf eigene Faust Baysiston zu kaufen, denn nach den Angaben von Bayer sollte gerade dies unmöglich sein. Nur mit Vorlage eines Rezeptes und der Zusicherung, daß man einen Großbetrieb unterhält, sollte es möglich sein, Baysiston zu erhalten. Ein befreundeter Radiomoderator war uns hierbei sehr behilflich und schon nach kurzer Zeit bekam er ohne das geringste Problem eine Kiste Baysiston verkauft, ohne auch nur den geringsten Hinweis auf eventuelle Gefahren."

"Er starb am selben Tag": Zeugenaussagen zu Baysiston

Ich, Marly Avidel Vilete, wohnhaft in Divino, gebe folgende Zeugnis: "Am 8. Dezember 1995 arbeitete mein Gatte Joao Jose Vilete (49) mit dem Mittel, ich fand ihn liegend auf dem Feld. Er hatte keine Kraft zu gehen und glühte, er hatte Kopfschmerzen und er erbrach sich viel, er hatte Schmerzen in der Brust, keine Stimme und hielt sich den Bauch mit geschlossenen Augen und am Ende verlor er gänzlich das Gleichgewicht. Er starb am selben Tag an Atemlähmung. Er hinterläßt eine Tochter."

Ich, Milton Pinto da Silva, wohnhaft in Carolas gebe folgendes Zeugnis: "Ich hatte Wunden am ganzen Körper und Fieber. Ich war acht Tage im Krankenhaus wegen mangelndem Sehvermögen. Die Symptome waren aufgetaucht, nachdem ich Mais aß, den ich mit Baysiston behandelt hatte.

Aus den Krankenhausakten des Hospitals Sao Vicente de Paulo von Manhumirim: "Geraldo Ribeiro Camargo, 51 Jahre alt, starb am 8.10 97, vier Tage nach der Einlieferung. Hatte Kontakt mit Baysiston". In dem Krankenhaus werden täglich etwa zwei Baysiston-Vergiftungen behandelt.

Der dreijährige Fabricio de Andrade wurde ins Krankenhaus von Manhuacu eingeliefert, nachdem er an einem mit Baysiston behandelten Acker vorbeigegangen war. Sein Vater berichtet: "Der Geruch des Mittels hing überall in der Luft". Der behandelnde Arzt warnt, dass die Dämpfe Übelkeit, Sehstörungen und Schüttelfrost hervorrufen.
Der Landarbeiter Adelino Ferreira starb, nachdem er zweieinhalb Tage Baysiston ausgebracht hatte. Das Gift drang durch seine Haut und die Atemwege. Für einen Grabstein hatte die Witwe mit den vier Kindern kein Geld.