SWB 01/99 - Ticker

IG FARBEN & HEUTE

BASF engagiert Historiker
1924 schlossen sich die BASF, BAYER und HOECHST zur IG FARBEN zusammen, die später das Zyklon B für Hitlers Gaskammern liefern sollte. Jetzt hat der Ludwigshafener Konzern vier Historiker damit beauftragt, die Firmengeschichte von der Unternehmensgründung im Jahr 1860 bis zur Gegenwart zu erforschen, wobei der IG-Komplex vermutlich einen Schwerpunkt bilden wird. Einfluss auf die historisch- kritische Publikation will die Konzernspitze nicht nehmen, das ist vertraglich zugesichert. Wie unabhängig die Geschichtswissenschaftler dann wirklich arbeiten konnten, wird sich zeigen, wenn das Werk im Jahr 2002 erscheint. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert die BAYER AG auf, ihre dunkle Vergangenheit ebenfalls von HistorikerInnen erforschen zu lassen. 

Neue IG FARBEN-Dokumente
Die beiden Historiker Florian Schmaltz und Karl Heinz Roth zitieren in einem Aufsatz der Zeitschrift 1999 neue Dokumente, die eindeutig belegen, dass die IG FARBEN das Werk Ausschwitz/Monowitz aus eigenem Profit-Interesse und nicht etwa aufgrund einer Aufforderung der Nazis bauten. Die Quellen belegen ebenfalls die große Rolle, die das Arbeitskräfte-Reservoir des benachbarten KZs bei den Planungen spielte. Sie widerlegten damit die in der jüngeren Geschichtswissen-
schaft vorherrschenden, gegenläufigen Thesen des Amerikaners Peter Hayes. Im Kontext neuer Quellen-Funde stellen Schmaltz und Roth die belegten Aüsserungen von IG Farben-Oberen gegenüber den Nazis, sie würden nur widerwillig und unter großen unternehmerischen Risiken ein Opfer für die Kriegsproduktion bringen, als schlaue Verhandlungs-
strategie dar. Die Manager beabsichtigen so, in den Genuss von Fördergeldern und Sklavenarbeitern für ein Projekt kommen, das eigentlich als Zukunftsinvestition für die Nachkriegszeit geplant war.

Entschädigungszahlungen ab September?
Eine "Stiftungsinitiative deutscher Unternehmen: Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" soll zum 1. September, dem Jahrestag des Überfalls auf Polen, mit Entschädigungszahlungen an ehemalige ZwangsarbeiterInnen beginnen. Dies schlägt die Arbeitsgruppe vor, die Kanzleramtschef Bodo Hombach berufen hat. Geplant ist, dass die Stiftung über zwei getrennte Fonds verfügt. Einer ist dafür vorgesehen, den ehemaligen ZwangsarbeiterInnen "Genugtuung und Hilfe" zu gewähren, der andere dafür, Versöhnungsprojekte zu fördern. Als Zahlungsbedingung haben sich die Unternehmen ausbedungen, dass die NS-Opfer sich zum Verzicht auf Einzel- oder Sammelklagen bereit erklären. Damit die amerikanische Regierung dazu "innerstaatlich die notwendigen Schritte" einleitet, reist Hombach persönlich in die USA. Ob es sich bei den Zahlungen lediglich um Almosen handeln wird, ist noch nicht klar. Fest steht allerdings, dass BAYER & Co. sich im Vorfeld in unwürdiger Weise und mit allen juristischen Tricks ihrer geschichtlichen Verantwortung entzogen haben. Ihr jetziges Einlenken hat weniger mit Reumütigkeit als vielmehr damit zu tun, dass die Konzerne sich vor geschäftsschädigenden Image-Verlusten, wie sie die Schweizer Banken in den USA erlitten haben, fürchten.

Bomben-Altlasten
Während des Zweiten Weltkriegs hatte der damals zur IG FARBEN gehörende BAYER-Konzern in der Nähe des Straberg-Nievenheimer Badesees eine Scheinfabrik errichtet, um durch dieses Ablenkungs-
manöver das Dormagener Werk vor Bombenangriffen zu schützen. Noch im vergangenen Sommer wurde eine 50 Zentner-Bombe aus dem Gewässer geborgen. Und unter Wasser befinden sich höchstwahr-
scheinlich noch mehr Sprengkörper. Als ein Kies-Unternehmen die sog. Vogelinsel in der Mitte des Sees abgraben wollte, machte der zuständige Fachausschuss seine Genehmigung jedenfalls davon abhängig, dass die Firma sich im voraus verpflichtet, für die Entsorgung eventuell zutage geförderter Bomben-Altlasten aufzukommen.