SWB 01/99 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

IG BCE-Chef vs. Ökosteuern und Atomausstieg
Der Vorsitzende der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE), Hubertus Schmoldt, hat sich sowohl gegen die geplante Ökosteuer als auch gegen den sofortigen Atomausstieg ausgesprochen. In den Chor der Industriebosse miteinstimmend, bezeichnete er höhere Energiesteuern als standortgefährdend und forderte, die gesamte gewerbliche Wirtschaft von den Öko-Abgaben zu befreien. Einen raschen Atomausstieg nannte der Gewerkschaftler ebenfalls unrealistisch. Umweltminister Jürgen Trittin bezichtigte er der "Kraftmeierei", deren einzigstes Ziel es sei, die "grüne Klientel zusammenzuhalten".

Mehr Profit, weniger Arbeitsplätze
Bis zum September 1998 fielen bei der BAYER AG 2.600 Stellen weg, 1.200 Arbeitsplätze wurden in den Werken selber vernichtet, 1.400 verschwanden durch Verkäufe von Betriebsteilen. 1999 werden es noch einmal 500 sein. Den BAYER- ShareholderInnen stellte der Vorstandsvorsitzende Dr. Manfred Schneider auf der Leverkusener Herbstpressekonferenz zum Dreivierteljahresergebnis 1998 dagegen in Aussicht, dass im laufenden Geschäftsjahr das Rekordergebnis von 1997, 5,1 Millarden Mark, übertroffen werden könnte. So nahm der Gewinn des Konzerns vor Steuern um 4,2 % auf 4,11 Milliarden Mark zu. Obwohl der Umsatz auf Vorjahresniveau stagnierte, kletterte die Umsatzrendite auf 10,7 %, was neben sinkenden Rohstoffkosten vor allem auf Rationalisierungsmaßnahmen zurückzuführen ist.

Schneider: Härtere Zeiten
Trotz einer erwarteten weiteren Umsatzsteigerung gegenüber dem Geschäftsjahr 1997 "müssen wir uns aller Voraussicht nach auf härtere Zeiten einstellen", kündigte BAYER-Chef Manfred Schneider auf dem "Fest der Jubilare" in den Kölner Messehallen an. Mit "wir" meinte er natürlich nicht die Manager, sondern die Belegschaft. Gründe dafür, dass die harten Zeiten bei BAYER zukünftig noch härter werden sollen: Asienkrise, sinkende Preise und natürlich Schneiders Lieblingsfeind, die ökologische Steuerreform. Einmal mehr nahm er das kleine rot-grüne Reförmchen zum Anlass, mit Teilstillegungen und Produktionsverla-
gerungen zu drohen. Ein weiterer Redner war der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates von BAYER, Erhard Gipperich. Für seinen Satz "BAYER ist nicht mehr das soziale Unternehmen, das es einmal war" bekam er im Saal viel Beifall.

Entlassungen bei H. C. STARCK
1998 löste BAYER die Sparte "Anorganische Chemie" auf, da der Konzern mit der Umsatzrendite von 5,5 % nicht zufrieden war (TICKER 3/98). Die Titandioxid- und Silikon-Produktionen wurden in Joint- Ventures ausgegliedert. Der Ingenieurkeramik- Bereich, zu dem auch das CREMER FORSCHUNGSINSTITUT (CFI) gehört, ging komplett die BAYER-Tochter H. C. STARCK. Erste Amtshandlung: Die Entlassung von 20 der insgesamt 111 CFI-MitarbeiterInnen.

SAP bei H.C. STARCK
Die BAYER-Tochter H.C. STARCK hat bereits vor fünf Jahren - also viel früher als die Konzernmutter - begonnen, die Unternehmenssoftware von SAP einzuführen. Bereiche wie Buchhaltung, Lager und Vertrieb wurden auf das Computer-System umgestellt. Was die Firmen-Postille Wir über uns in einer ersten Bilanz als besondere Vorteile des SAP-Programms herausstreicht, macht deutlich, dass es sich dabei hauptsächlich um eine Rationalisierungssoftware handelt: kürzere Durchlaufzeiten, schnellere Daten-Zusammenstellungen, automatische Buchungen, vereinfachte Rechnungsprüfungen. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu den ersten SAP-bedingten Kündigungen kommen wird.

Drogentests bei WOLFF WALSRODE
Seit Ende 1997 werden bei BAYER im Rahmen von Einstellungs-
untersuchungen Drogentests durchgeführt (vgl. SWB 2/98). Jetzt übernimmt auch die Tochtergesellschaft WOLFF WALSRODE AG diese Praxis. Offiziell begründet die Firmenleitung diese Verletzung der Privatsphäre mit ihrer Verantwortung für die Sicherheit am Arbeitsplatz. Da aber, wie WOLFF-Chef Jürger Meißner einräumen muss, noch kein einziger Arbeitsunfall auf übermässigen Drogenkonsum zurückführbar war, liegt die Vermutung nah, dass BAYERs Drogenfahndung nur dazu dient, Arbeitssuchende mit unpassender Lebenseinstellung auszusortieren. Das gelegentliche Rauchen von Cannabis, das bis zu drei Wochen nach Konsum im Blut nachweisbar ist, kann da schon zu einer Nichteinstellung führen. Mit Gen-Tests bei der Eingangsunter-
suchung wird es BAYER & Co in Zukunft wohl bald möglich sein, eine noch weit genauere und unbarmherzigere Auslese vorzunehmen.

Vertrauensarbeitszeit
30 Beschäftigte des Wuppertaler BAYER-Werks sollen zukünftig nicht mehr nach einem festgelegten Stunden-Rhythmus arbeiten, sondern über ihr Tagespensum selbst bestimmen können. "Vertrauensarbeitszeit" heisst das Stichwort. "Kontrolle ist besser", meint jedoch die Belegschaft. Wie express, die Zeitung der Gewerkschaftslinken, berichtet, sprachen sich auf einer Veranstaltung der Wuppertaler BELEGSCHAFTLISTE zu dem Thema alle Anwesenden gegen eine entsprechende Umstellung aus. Die Beschäftigten sahen die "Vertrauensarbeitszeit" als ein Flexibilisierungsinstrument an, das es dem Konzern ermöglicht, die MitarbeiterInnen zu Mehrarbeit anzuhalten. Schon jetzt wird im Werk die gesetzlich festgesetzte tägliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden des öfteren überschritten. In einer Situation, die durch Arbeitsplatzvernich-
tungen geprägt ist, befürchtete man zudem, dass die neue Arbeitszeit- Regelung ein Konkurrenz-Verhalten unter den BAYER-ArbeiterInnen befördern könnte.

Schneider mahnt zu Bescheidenheit
"Führende Repräsentanten der Wirtschaft warnten die Gewerkschaften (...) vor einem 'Ende der Bescheidenheit' in der Lohnpolitik", so war es zum Jahreswechsel in der Presse zu lesen. Industriebosse mit Millionen-Gehältern, deren Konzerne Profite machen wie nie, predigen das Maßhalten, das wirkt ungefähr so, als würde Mike Tyson einen Pazifismus-Lehrstuhl stiften. Der konkreteste Zyniker war wie so oft BAYER-Chef Manfred Schneider. Er hielt die Gewerkschaften zu Forderungen in Höhe der Inflationsrate von 1,5 % an.

CHIRON-Kauf und Arbeitsplätze
Im Sommer 1998 hat BAYER das amerikanische Diagnostika-Unternehmen CHIRON für 1,9 Milliarden Dollar gekauft. Über den zukünftigen Standort der so erweiterten Diagnostika-Sparte ist noch nicht entschieden. In Frage kommen Leverkusen, München als bisherige Diagnostika-Zentrale oder der deutsche Firmensitz von CHIRON in Fernwald. Dort hat eine Presse-Meldung über eine Aufgabe der Niederlassung schon für beträchtliche Unruhe unter den CHIRON- MitarbeiterInnen geführt, weil sie bei der Zusammenlegung mit einer Vernichtung von Arbeitsplätzen rechnen.