SWB 01/99 - Ticker

STANDORTE & PRODUKTION

50 Millionen Mark weniger Steuern
Trotz eines wiederum erwarteten Rekordergebnisses für das Geschäftsjahr 1998 wird der BAYER-Konzern 50 Millionen Mark weniger an Steuern zahlen. Allein die Stadt Leverkusen erleidet so Steuer- Einbußen von 10 Millionen Mark. Noch drei Wochen bevor der Chemie-Multi diese Hiobsbotschaft bekannt gab, hatte er die Planungsziffern der Stadt bestätigt. KommunalpolitikerInnen aller Parteien sind deshalb erbost über das Verhalten von BAYER. Einige sehen darin auch ein politisches Statement zu Rot/Grün. "Damit gehen über Jahrzehnte gewachsene und bisher selbstverständliche Spielregeln und Traditionen im Umgang zwischen Werk und Stadt nach und nach einseitig über Bord", heisst es in einer Erklärung der Leverkusener SPD-Fraktion. Der Sozialdemokrat Josef Teitscheid, der selber bei BAYER arbeitet, forderte das Unternehmen auf, "wenigstens" zu einer "angemessenen Seriösität" in den Geschäftsbeziehungen zurückzukehren. Nur einer mochte in die Konzernkritik nicht mit einstimmen: BAYERs Gesamtbetriebsratsvorsitzender Erhard Gipperich. Er faselte ergeben etwas von "weltweiten Konjunktur-
schwankungen" und forderte im übrigen längere Patentlaufzeiten und bessere Vermarktungsmöglichkeiten. Die BAYER AG begründet das niedrigere Steueraufkommen mit dem Wegfall der Gewerbekapital-
steuer, den besseren Abschreibungsmöglichkeiten, den gestiegenen Investitionen und den Ausgliederungen. Die Stadt Leverkusen ist nun gezwungen, eine Haushaltssperre zu erlassen und will kommunales Eigentum veräussern. Ausserdem plant man Einsparungen in allen Ressorts. Möglicherweise muss Leverkusen sich auch einem Haushaltssicherungskonzept des Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes unterstellen.

Der AGFA-Börsengang
Zum Börsengang der BAYER-Tochter AGFA sind weitere Einzelheiten bekannt geworden. Der Chemie-Multi trennt sich von 75 % der Anteile, die restlichen 25 % werden (vorerst?) als reine Finanzbeteiligung gehalten. Unternehmensrechtlich übernimmt die belgische Niederlassung AGFA GAEVAERT N.V. die Federführung innerhalb der neuen Aktiengesellschaft; die deutsche AGFA AG bekommt den Status einer 100 %igen Tochter. Der zukünftige Firmensitz soll höchstwahr-
scheinlich auch in Belgien liegen. BAYERs Finanzexperten haben sich diese windige Konstruktion aus Gründen der Steuerersparnis einfallen lassen. Die Stadt Leverkusen kann also wieder mit Einnahme-Verlusten rechnen (s. o.) Als erste Umstrukturierungsmaßnahme wurde von AGFA-Vorstandschef Klaus Seeger eine Erhöhung der Geschäfts-
bereiche von bisher drei auf fünf angekündigt.

Mehr Forschung in Monheim
Für die Summe von 44 Millionen Mark errichtet BAYER in Monheim ein neues Forschungsgebäude. Eine vollautomatisierte Teststraße soll darin jährlich über eine Million Substanzen auf ihre Tauglichkeit zur Entwicklung neuer Agrochemikalien und Tierarzneien hin untersuchen. Arbeitsplätze werden mit dieser Investition also nicht geschaffen.

Presseecho zu "25 Jahre Brunsbüttel"
Alle Presse-Artikel zum 25jährigen Bestehen von BAYER Brunsbüttel erinnerten bei ansonsten konzernfreundlichen Tenor daran, dass das "Jahrhundertprojekt" (Werkschronik) an der Unterelbe nicht die angekündigten 20.000 Arbeitsplätze geschaffen hat, sondern nur 4.500. Nur eine Zeitung, das Flensburger Tageblatt, erwähnte hingegen die zahlreichen Protest-Aktionen, beispielsweise die von Fischern und GREENPEACE gegen die Verschmutzung der Elbe, die während der 25jährigen Betriebszeit des Werkes stattfanden.

Zusammenarbeit bei Polyamid-Forschung
Die POLYMER ENGINEERING GmbH hat im November in Rudolstadt-
Schwarza, Standort des ehemaligen DDR-Chemiefaserkombinats, ein neues Forschungs- und Pilotanlagenzentrum zur Kunststoff-Herstellung in Betrieb genommen. BAYER wird mit dem Unternehmen bei der Entwicklung neuer Polyamid-Produkte zusammenarbeiten.

H. C. STARCK macht Strom-Schnäppchen
Die Grundidee der Ökosteuer ist, Industrie und Privathaushalte durch eine Erhöhung der Energiekosten zu umweltschonenderem Verhalten anzuregen. Allzu Konzern-freundlich und zudem sozial ungerecht, könnte sie schon bald durch eine gegenläufige Entwicklung eingeholt werden: Die Liberalisierung des Strommarktes. Sollte sie einen ähnlichen Verlauf nehmen wie die Privatisierung des Telekommunikationssektors, so sind massive Preisstürze zu erwarten. Die in Goslar ansässige BAYER- Tochter H. C. STARCK hat im Dezember ihren Vertrag mit den NORDHARZER KRAFTWERKEN gekündigt, die damit ihren größten Kunden verlieren. H. C. STARCK bezieht seinen Strom zukünftig - deutlich günstiger - aus Süddeutschland und kann so die Produktions-
kosten senken. Diese Entwicklung wird die Tendenz zu ressourcen-
sparender Industrie-Produktion abschwächen und es den unter Konkurrenzdruck geratenen kommunalen Stromerzeugern erschweren, kostenintensive Investionen in umweltschonende Anlagen zu tätigen. Mit einem Arbeitsplatzabbau durch überregionale Zusammenschlüsse ist ebenso zu rechnen wie mit Einnahmeverlusten der Städte als Eigner der Kraftwerke. 

Umstrukturierungen in den USA
Die BAYER CORP. plant, ihre Bereiche "Chemikalien" und "Polymere" neu zu ordnen, um sich den Erfordernissen des amerikanischen Marktes besser anzupassen. Der Chemie-Konzern spaltet den Bereich "Polymere" in "Plastik" und "Polyurethane" auf und schafft ein neues Geschäftsfeld "Beschichtungen und Farbstoffe".