SWB 02/99

Die Grabschänder

So barbarisch der NS-Staat sechs Millionen Juden umbrachte, so berechnend schlug er aus der Hinterlassenschaft seiner Opfer Profit. Staatliche Behörden boten beschlagnahmtes jüdisches Eigentum zu Schleuderpreisen feil, und "Hitlers willige Helfer" rissen sich um Schmuck, Kunstgegenstände, Mobiliar, Häuser und Grundstücke. Auch die Uerdinger IG FARBEN-Niederlassung, die nach dem Krieg in den Besitz von BAYER überging, konnte ein Schnäppchen zur Werkser-
weiterung machen. Sie ergatterte den jüdischen Friedhof des Ortes.

Von Udo Hörster

Formell hatte alles seine Richtigkeit. In der Amtsstube des Notars Hermann Paltzer unterzeichneten Julius Israel Kohn von der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" und Bernhard Hoffmann als Vertreter der IG FARBEN den Kaufvertrag: Für eine Summe von 3.000 Reichsmark ging das 1qkm große Grundstück des jüdischen Friedhofs in den Besitz des Großkonzerns über. Im Kleingedruckten tobte sich dann die Regelungswut des Bürgerlichen Eigentumsrechts aus. Erst wenn auch der Eintrag ins Grundbuch erfolgt ist, sollte der Besitzerwechsel als rechtmäßig vollzogen gelten, legte ein Paragraph fest. Ein Passus klärte die Haftungsfrage im Falle sichtbarer oder unsichtbarer Sachmängel des Verkaufsobjekts. In einem anderen Absatz musste der Verkäufer garantieren, dass weder Hypotheken noch Zinsen das Areal belasten. Eine offiziöse Beglaubigung erhielt das scheinbar ganz normale Immobiliengeschäft schließlich durch den Stempel des Krefelder Finanzamts.

Aber dieses Vertragswerk ist nur eines von vielen Beispielen für die durchbürokratisierte Form, die der Nazi-Terror vielfach annahm. Eine Million Akten aus den Archiven der damaligen Finanzbehörden dokumentieren den lebhaften Handel, den die Volksgemeinschaft "ganz legal" mit jüdischem Eigentum trieb. Der Düsseldorfer Politik-Professor Dr. Wolfgang Dresen stieß bei Recherchen zufällig auf die Unterlagen. Er machte sich an die wissenschaftliche Bearbeitung und ließ die Ergebnisse in die Ausstellung "Aktion 3 - Deutsche verwerten jüdische Nachbarn" einfließen, die bis Ende Februar im Stadtmuseum Düsseldorf zu sehen war.

Die Naziführung begann zwar unmittelbar nach Regierungsantritt mit ihren antijüdischen Hetzkampagnen, sie wollte aber gleichwohl verhindern, dass sie über Plünderungen, Brandschatzungen und anderen Willkürakten ihr Gewaltmonopol an den Kleinbürgermob verliert. Um einen ordnungsgemäßen Ablauf der Barbarei zu gewährleisten, goss sie Unrecht in Recht. Das "Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens" läutete unmittelbar nach der Machter-
greifung die "zwangsweise Gesamtentjudung" ein. In immer kürzeren Abständen folgten weitere "Maßnahmen zur legalen Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft. Den Fortgejagten wurde eine "Reichsfluchtsteuer" erpresst; eine andere Verordnung ermächtigte die Behörden, den jüdischen Bürgern Ultimaten zur Veräußerung ihres Besitzes zu stellen. Entsprechend weit unter dem eigentlichen Verkehrswert lagen dann die erzielten Erlöse: Noch nicht einmal drei Reichsmark musste die IG FARBEN pro Quadratmeter für das Friedhofsgelände zahlen.

Um einen freien Vertragspartner handelte es sich bei der von Julius Kohn repräsentierten "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" also nur auf dem Papier. Der Legalismus der Nazis schreckte in seiner Perfidie nicht einmal davor zurück, die Opfer selber zu verwaltungstech-
nischen Agenten der "Arisierung" zu machen. Die "Reichsvereinigung", per Dekret dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt, musste die Briefe schreiben, die die Juden zum Verlassen des Landes aufforderten. Vordrucke, auf denen die Besitztümer aufzuführen waren, durften in den Schreiben nie fehlen. Die Organisation wurde auch gezwungen, Listen mit den Namen derjenigen Juden zu liefern, die noch in "arischen Häusern" lebten. Der Verkauf der jüdischen Friedhöfe stellte ihre letzte Amtshandlung dar. Die 1941 auf der Wannsee-Konferenz beschlossene "Endlösung der Judenfrage" hatte das Reich weitestgehend "reinrassig" gemacht, und das zurückgelassene jüdische Eigentum war ebenfalls unter die Leute gebracht. Man konnte es nur noch von den Toten nehmen. Nachdem dies mit deutscher Gründlichkeit vollbracht war, lösten die Nazis die "Reichsvereinigung" auf, versteigerten das Büro-Inventar und deportierten die Angestellten.

Die Spuren des jüdischen Friedhofs in Krefeld sind bis heute ausgelöscht. Die NS-Dokumentationsstelle kann nur ungenaue Angaben über die Lage des Grundstücks machen. Das Stadtarchiv ist nicht im Besitz von Stadtplänen aus den 20er oder 30er Jahren - bloß von solchen aus dem 18. Jahrhundert. Das Katasteramt hat nach eigenen Angaben ebenfalls keine Unterlagen aus der damaligen Zeit. Alte Flurbücher, so ein Angestellter der Behörde, würden aber nahelegen, dass sich die Ruhestätte ungefähr dort befunden hätte, wo heute das Tor 1 des BAYER-Werkes ist. Bezeichnenderweise war es dann eine Journalistin aus Israel, die durch beharrliche Recherchen bei den Krefelder Behörden den genauen Standort des Friedhofs auf dem Konzern-Gelände bestimmte.

Nach jüdischem Glauben bedeutet die Inbesitznahme des Friedhofs, ohne eine Exhumierung der Leichen vorgenommen zu haben, eine fortwährende Grabschändung. Als in Hamburg in den 80er Jahren eine jüdische Ruhestätte von einem Supermarkt überbaut werden sollte, rannten die Jüdischen Gemeinden Sturm gegen dieses Vorhaben. Nicht zuletzt aus diesem Grund ordneten die Alliierten 1945 die sofortige Rückgabe aller Friedhöfe an, aber BAYER gelang es, den Arisierungs-
gewinn vor den Behörden zu verheimlichen.

In Krefeld gibt die Grabschändung zu keinem Skandal Anlass. BAYER verweist auf die formale Rechtmäßigkeit des Immobiliengeschäfts und will so die späten Früchte des NS-Legalismus' ernten. Die NS-Doku-
mentationsstelle macht ihre Informationen nicht publik und die Krefelder Zeitungen schweigen sich über die "Aktion 3"-Ausstellung aus. Das belastende Aktenmaterial sollte nach dem Willen der Behörden eigentlich auch unter Verschluss bleiben: als Finanz-Unterlagen unterliegen sie dem Steuerrecht und sind somit aus Datenschutz- Gründen 80 Jahre gesperrt. Wolfgang Dresen machte sich mit der Veröffentlichung formal strafbar.

Ganz offen darf in Krefeld dagegen der ehemaligen Täter gedacht werden. Auf dem pompösen Familiengrab der ter Meers entdeckte Wolfgang Dresen vor dem Stein Fritz ter Meers einen meterhohen Kranz von BAYER als Ehrenbezeugung. Fritz ter Meer war von 1926 bis 1945 im Vorstand des Zyklon B-Konzerns IG FARBEN und bekleidete wichtige Funktionen im NS-Staat. Das Nürnberger Kriegsverbrecher- Tribunal verurteilte ihn wegen "Plünderung" und "Versklavung" zu sieben Jahren Haft. Nach der Verbüßung von vier Jahren kam er frei und kehrte wenig später als BAYER-Aufsichtsratsvorsitzender an die alte Wirkungsstätte zurück.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert den Konzern auf, sich öffentlich für die Grabschändung zu entschuldigen, eine angemessene Entschädigung zu zahlen und eine Gedenktafel an der entsprechenden Stelle anzubringen.