SWB 02/99 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Arbeitsplatzvernichtung bei AGFA
Die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Zuge des Börsengangs der BAYER-Tochter AGFA geht weiter. Im Frühjahr bereits kündigte die Aktiengesellschaft in spe an, die Neu-Isenburger Niederlassung dichtzumachen und 650 MitarbeiterInnen auf die Straße zu setzen. Jetzt sollen im Bereich "Photochemie" des Leverkusener Werkes 260 Beschäftigte rausgeschmissen werden. Wie die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATS-
ARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem April-Flugblatt schreiben, wären das die ersten betriebsbedingten Kündigungen der Konzern- Geschichte in Leverkusen. Zusätzliche Arbeitsplatzvernichtungen sind an den AGFA-Standorten München und Windhagen geplant.

Schließung von Pharma-Standorten
BAYER wird vier bis fünf Pharma-Standorte in Europa aufgeben und bei den verbleibenden Produktionen "Aktivitäten zusammenlegen". Das "Effizienzprogramm Pharma", mit dem der Multi 700 Millionen Mark an Kosten einsparen will, beginnt mit dem Verkauf der Kölner TROPON- Werke. BAYER hat vor, sich jetzt auch innerhalb der einzelnen Konzern- Bereiche auf die jeweiligen "Kerngeschäfte" wie z.B. ASPIRIN zu konzentrieren. Das Produktsortiment soll um 67 % und das Artikelsortiment um 39 % schrumpfen. Konkret existieren Planungen, das Segment "Krankenhausbedarf" an die Firma SCHWARZ PHARMA zu verkaufen. Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, berichten in ihrem Januar-Flugblatt von internen Papieren, die eine Vernichtung von 10 % der Arbeitsplätze vorsehen. Desweiteren ist daran gedacht, im Pharma-Bereich einen Beschäftigten-Pool, also SpringerInnen- Kolonnen, einzurichten.

5,5 % mehr Entgelt gefordert
Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ist mit der Forderung einer 5,5 %igen Lohnerhöhung in die Tarifrunde 1999 gegangen und liegt damit um ein Prozent unter der entsprechenden IG METALL- Forderung. Wie bei der ÖTV und der IG METALL ist die Strategie der IG BCE auf eine reine Geldrunde ausgelegt, um zu verhindern, dass Entgelt-Vereinbarungen wie in der Vergangenheit mit Regelungen zum 13. Monatsgehalt, zur Altersteilzeit oder zur Arbeitszeit verrechnet werden. Als weitere Gründe für den Geld-Kurs führte das Mitglied des IG BCE-Hauptvorstandes, Werner Bischoff, Nachholbedarf aufgrund zu geringer Entgeltabschlüsse in früheren Jahren sowie die Absicht, Vorsorge zu treffen, an. Nach Meinung des Gewerkschaftlers werden zukünftige Tarifrunden nämlich hauptsächlich die Ergebnisse aus den "Bündnis für Arbeit"-Gesprächen umzusetzen haben, unter anderem Modelle wie das der Rente mit 60 Lebensjahren. Und Lohnzuwächse in nennenswertem Umfang sind dann nicht mehr zu erwarten.

Billigtarife für Dienstleistungsbereiche
BAYER & Co. haben vor, in den laufenden Tarifverhandlungen Billigtarife für Dienstleistungsbereiche durchzudrücken. Dies berichten die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem April-Flugblatt. "Wir wollen einen Tarifvertrag für Dienstleistungsbereiche, die nicht zum Kerngeschäft gehören", so der BAYER Arbeitsdirektor Hans-Jürgen Mohr. Unter den neuen McTarif sollen nicht nur die Verkehrs-, Handwerks- und Gaststättenbetriebe, sondern auch Bereiche wie Forschung, Informatik, Finanzwesen und Logistik fallen. Mit der Drohung, die Konzernteile ansonsten auszugliedern, wollen die Multis die Zustimmung der Gewerkschaft zu der Regelung erpressen, die im BAYER-Jargon "internes Outsourcing" heisst. Und die Taktik scheint aufzugehen.
Der Bezirksleiter der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE, Detlef Fahlbusch, hat bereits ein Entgegenkommen signalisiert: " ... wenn wir die Dienstleistungsbereiche in den Unternehmen halten und eine Ausgliederung verhindern wollen, müssen wir über angepasste Tarife reden."

Zur Disposition: Übertarifliche Leistungen
Im Laufe des Jahres beginnen bei BAYER zwischen Betriebsrat und Konzernspitze Verhandlungen über das gesamte Paket übertariflicher Leistungen. Dies teilen die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem April-Flugblatt mit. Arbeitsdirektor Hans-Jürgen Mohr hat den Betriebsrat im Vorfeld schon einmal aufgefordert, das "Besitzstandsdenken" aufzugeben. Er kündigte "Einschnitte mit fairen Übergangslösungen" an. Einen Schwerpunkt werden Gespräche über die Eingruppierungen bilden, denn nach Konzern-Meinung sind viele Beschäftigte in zu hohe Lohngruppen eingestuft. Ebenfalls auf der Tagesordnung: Verhandlungen über die Entgelt-Garantie, die es seit 1988 gibt. Nach dieser Regelung sind für die verschiedenen Entgelt-Gruppen übertarifliche Zahlungen in Höhe von bis zu 20 % des Einkommens über Tarif vertraglich abgesichert. Da wollen BAYER & Co. jetzt nicht mehr zugestehen.

Service-Pool kommt
Eine Einigung von Betriebsrat und Personalabteilung zum Thema "Service-Pool" steht unmittelbar bevor. Dies berichten die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem April-Flugblatt. Damit entsteht eine SpringerInnen-Kolonne, die als Manövriermasse zwischen den einzelnen Werken hin und her geschoben werden kann. Berufsfremd eingesetzt, müssen sich die Betroffenen auch noch mit einem um bis zu zwei Entgeltstufen herabgesetzten Gehalt begnügen.

Keine VorarbeiterInnen und KolonnenführerInnen mehr
BAYER plant, innerhalb der Werke die Positionen von VorarbeiterInnen und KolonnenführerInnen wegfallen zu lassen. Ihre Funktionen sollen künftig ChemikantInnen wahrnehmen - natürlich ohne ein entsprechend höheres Entgelt. Die Personalabteilung hat durch diesen Coup "Einsparmöglichkeiten" in Höhe von 7,1 Millionen Mark errechnet. Dies berichten die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem April-Flugblatt.

Urteil gegen alternative GewerkschaftlerInnen
Nach einem neuen Urteil des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts ist es Gewerkschaften zukünftig erlaubt, MitgliederInnen auszuschließen, die auf alternativen Listen zu Betriebsratswahlen antreten. Auch in den BAYER-Werken haben sich mit der BELEGSCHAFTSLISTE in Wuppertal und den KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT in Leverkusen solche Listen aus Unzufriedenheit mit der Politik der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE gebildet (s.a. RECHT & UNBILLIG).

Umsatz pro MitarbeiterIn steigt um 40 %
BAYERs Produktivität, gemessen am Umsatz pro MitarbeiterIn, erhöhte sich in den letzten fünf Jahren um mehr als 40 %. Diese ungeheure Zahl gab Konzern-Chef Manfred Schneider bekannt, um kurz danach wieder in sein altes Klagelied über Arbeitskosten, Bürokratie und die Ökosteuer zurückzufallen. Es ist ein Skandal, dass sich dieser immense Produktivitätszuwachs mitnichten in höheren Entgelt-Zahlungen niederschlägt, der Lohn durch den Abbau übertariflicher Leistungen sogar noch gekürzt wird. Obendrein vernichtet der Chemie-Multi auch noch Arbeitsplätze und steigert dadurch Arbeitshetze und Leistungsdruck immens.

Umsatzrückgänge im 1. Quartal
In den ersten drei Monaten des Jahres sank der BAYER-Umsatz im Vergleich zu 1998 um 5 % auf 13,7 Milliarden Mark. Während die Umsätze in Nordamerika um 9 %, in Asien um 5 % stiegen, gingen sie in Europa um 5 % und in Lateinamerika um 22 % zurück. Als Ursache führte Konzernchef Manfred Schneider Preisdruck, negative Währungseffekte sowie die allgemein schwächere Konjunktur an. Sein Gegenmittel ist das altbekannte: Man werde "das vorhandene Rationalisierungspotential verstärkt ausnutzen". Konkret bedeutet das die Schließung von Pharmastandorten und eine fortlaufende "Restrukturierung" des Chemie-Bereiches. Außerdem kündigte der Konzern an, 1999 ca. 1.000 Arbeitsplätze zu vernichten.

Nur 142 Arbeitsplätze durch Altersteilzeit
Der Tarifvertrag zur Altersteilzeit sieht eigentlich vor, dass im selben Umfang Neueinstellungen erfolgen, wie Vollarbeitsplätze in Teilzeitarbeitsplätze umgewandelt werden. Der Staat subventioniert diese Regelung als arbeitsplatzpolitische Maßnahme über eine Beteiligung der BUNDESANSTALT FÜR ARBEIT an den Rentenbeiträgen der Teilzeitler. Im Dormagener BAYER-Werk haben sich 426 MitarbeiterInnen über 55 Jahre für das Altersteilzeit-Modell mit Laufzeiten von zwei bis fünf Jahren entschieden - der Konzern hat aber lediglich 142 Arbeitsplätze wieder besetzt. 1999 sollen noch einmal 55 dazukommen. Altersteilzeit bei BAYER ist also staatlich subventionierte Arbeitsplatz-Vernichtung.

Kein Urlaub wg. Jahr 2000
BAYER wird konzern-typisch ins neue Jahrtausend starten: mit einem Affront gegenüber der Belegschaft. Weil die Chefetage EDV-Probleme bei der 1999/2000-Umstellung erwartet, wies sie die Abteilungsleiter an, zum Jahreswechsel Urlaubssperren zu verhängen. Vergeblich pochte der Betriebsrat auf seine verbrieften Mitbestimmungsrechte bei Urlaubsregelungen. Auf die Zahlung einer 2000er-Prämie bei Urlaubsverzicht mochten sich die Konzernherrn ebenfalls nicht einlassen.

Teureres Kantinen-Essen
Seit Anfang des Jahres wird eine höhere Kantinen-Steuer erhoben. Als bundesweit erstes Unternehmen hat nun BAYER angekündigt, den Abgaben-Aufschlag durch Preisanhebungen an die MitarbeiterInnen weiterzugeben.

Tagesstätten-Übernahme besiegelt
Nun ist es endgültig: Das DEUTSCHE ROTE KREUZ übernimmt von BAYER die Trägerschaft für die vier Leverkusener Betriebskindergärten. "Wie alle anderen Bereiche des Unternehmens müssen sich auch soziale Einrichtungen wirtschaftlichen Kriterien stellen", lautet der Kommentar der Firmenleitung zu dieser Ausgliederung, durch die BAYER mehr als eine Million Mark jährlich spart. Die PädagogInnen verlieren bis zu 2.500 Mark monatlich, da die Tarifregelungen der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE für sie nicht mehr gelten. Der Konzern hat zwar angekündigt, mit dem Betriebsrat über Ausgleichszahlungen zu verhandeln, aber wie hoch diese gegebenenfalls ausfallen werden, steht noch in den Sternen.

Arbeitsplatz-Vernichtung in Brunsbüttel
"Endlich gehen die Personalkosten in die richtige Richtung: nach unten", jubilierte der Werksleiter von BAYER/Brunsbüttel, Klaus Starke, als er für 1999 die Vernichtung von 50 Arbeitsplätzen ankündigte. 1998 fielen im Betrieb schon 70 Stellen weg. Der durch die Asienkrise bedingte Preisverfall auf den Märkten macht nach Starke auch weitere "Kostensenkungen in allen Produktionsbereichen" nötig - also Rationalisierungsmaßnahmen und verstärkte Ausbeutung durch Arbeitsverdichtung.

BAYER DIAGNOSTICS München macht dicht
Im Zuge des durch den Erwerb von CHIRON DIAGNOSTICS erweiterten Diagnostika-Geschäfts gibt BAYER München als Sitz dieses Konzernbereichs auf. Der Chemie-Multi hat bereits Rausschmisse angekündigt. Neuer Diagnostika-Standort wird Fernwald in Hessen, wo sich bisher die deutsche CHIRON-Niederlassung befand. Bei der Zusammenlegung wird der Chemie-Multi auch dort nicht auf den "Synergieeffekt Arbeitsplatzvernichtung" verzichten wollen.

Shareholder-Gehälter für ManagerInnen
Pensionsfonds drängen die großen Unternehmen seit langem, die Bezahlung ihrer ManagerInnen auch danach auszurichten, wieviel Shareholder-value sie herbeirationalisieren. BAYER wird im Sommer ein Vergütungssystem einführen, dass am Aktienkurs und der "individuellen Wertschöpfung" orientiert ist. Als Messgröße hierfür dient der Delta-Brutto-Unterschieds-Cashflow (DUB), das BAYER-interne Rendite-Erfolgsbarometer (s. Stichwort BAYER 4/98). Angehörige der Führungsetagen müssen 15 % ihres Gehaltes drei Jahre lang in Unternehmensaktien anlegen. Ausgezahlt wird die Summe dann - "steueroptimal" (Capital) - bar aus der Gewinn- und Verlustrechnung des Konzerns. Capital gefiel das BAYER-Vergütungssystem so gut, dass das Wirtschaftsmagazin es in einem vergleichenden Test unter 30 DAX-Unternehmen an die Spitze setzte.

BAYER beutet Ideen aus
Durch MitarbeiterInnen-Vorschläge zur Verbesserung von Verfahrens-
techniken sparte BAYER allein im ersten Jahr der Umsetzung 24,4 Millionen Mark. An Prämien zahlte der Konzern aber lediglich acht Millionen Mark. Ein eklatantes Missverhältnis: Die teuerste Idee kostete den Konzern gerade mal 77.000 Mark, ermöglicht bei der Herstellung einer Feinchemikalie aber eine Produktivitätssteigerung von 50 %. Viele der Vorschläge sind durchaus als Erfindungen zu betrachten. Zum Patent angemeldet, müsste BAYER für die Anwendung saftige Lizenzgebühren zahlen. Das betriebliche Vorschlagswesen ist also eine billige Methode, sich das geistige Eigentum der Beschäftigten anzueignen.