SWB 02/99 - Ticker

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Pestizide machen depressiv
Tausende von britischen SchafzüchterInnen, die ihre Tiere zum Schutz vor Parasiten mit Insektiziden behandeln, leiden an schweren Depressionen, Gedächtnisstörungen und Schlaflosigkeit. Das ergab eine Untersuchung englischer WissenschaftlerInnen. Der Chemie-Multi BAYER ist der weltweit führende Insektizid-Hersteller und auch im Bereich der in der industriellen Schafzucht verwendeten Pestizide Marktführer. In Großbritannien und Irland kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Gesundheitsschädigungen bei Schäfern. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN unterstützte sie im Kampf um die Entschädigungen und in ihren Bemühungen, die Probleme abzustellen.

Pestizide beeinträchtigen Fortpflanzung
Agrochemikalien haben eine schädigende Wirkung auf die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit, diesen Befund früherer wissenschaftlicher Arbeiten bestätigt jetzt eine neue Studie. ForscherInnen untersuchten 55 Angehörige von Berufsgruppen, die mit Pestiziden arbeiten, vor, während und nach der Anwendung. Obwohl die Studien-TeilnehmerInnen nur minimalen Dosen weit unter den erlaubten Grenzwerten ausgesetzt waren, stellten die MedizinerInnen starke Auswirkungen auf das Hormonsystem fest. So nahm die Konzentration von Testosteron und anderen Sexualhormonen während der Ausbringung der Pestizide massiv ab und stieg erst danach wieder an. BAYER ist einer der größten Pestizid-Hersteller der Welt.

Ackergifte töten FarmerInnen-Kinder
Pestizide gefährden Kinder und Jugendliche in besonderem Maße, da sich ihr Körper noch in der Wachstumsphase befindet. Einem besonders hohen Vergiftungsrisiko sind Kinder von FarmerInnen oder LandarbeiterInnen ausgesetzt. Sie kommen in vielfältiger Weise mit Agrochemikalien in Verbindung: durch verdrecktes Wasser, durch die pestizid-haltige Luft und durch Ablagerungen auf Kleidung und landwirtschaftlichem Gerät. Weitaus am gefährlichsten ist für sie allerdings die Feldarbeit. Allein in den USA müssen über 300.000 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren ihren Eltern bei der Aussaat, bei der Ernte oder anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten helfen. In Ermangelung von Betreuungseinrichtungen werden auch Kleinkinder oftmals mit auf die pestizid-behandelten Anbauflächen genommen.
Eine Studie hat 50 Kinder von FarmerInnen untersucht und bei 15 % von ihnen Vergiftungssymptome festgestellt. Zudem häufen sich tragische Unfälle beim Spielen auf den Höfen. So vergifteten sich zwei Kinder tödlich, als sie sich einen leeren Sack überstülpten, in dem sich ein Pestizid mit dem Wirkstoff Parathion befunden hatte, wie es in den BAYER- Ackergiften E 605 FORTE und ECOMBI enthalten ist. Ein vierjähriger Junge, der ebenfalls mit dem leeren Behältnis eines parathion-haltigen Pestizides spielte, konnte im Krankenhaus im letzten Moment gerettet werden.

Ackergifte in Zitrusfrüchten
Das HAMBURGER HYGIENE-INSTITUT untersuchte Zitrusfrüchte wie Clementinen, Grapefruits, Orangen und Zitronen nach Pestizid- Rückständen und wurde in 80 % der Fälle fündig. Mit fünf verschiedenen Agrochemikalien, zumeist aus der Gruppe der hochgiftigen Organophosphate, waren die einzelnen Früchte im Durchschnitt gleichzeitig belastet. Die WissenschaftlerInnen wiesen auch Spuren von Chlorpyrifos, unter anderem Wirkstoff von BAYERs RIDDER, nach.

Pestizide in Obst und Gemüse
40 % aller Proben von Obst und Gemüse in 13 EU-Mitgliedsstaaten enthielten Pestizid-Rückstände, in 3 % der Fälle wurden Grenzwerte überschritten. Das ergab eine Untersuchung der EUROPÄISCHEN UNION. Nachgewiesen wurden auch mehrere Wirkstoffe, die in BAYER-Ackergiften enthalten sind: Chlorpyriphos (RIDDER), Methamidophos (TAMARON) und Procymidone (SUMISCLEX WG). In der Bundesrepublik wird die Lebensmittelaufsicht erst tätig, wenn die Messdaten 200 % über den von der WELTGESUNDHEITSORGANI-
SATION (WHO) festgelegten Grenzwerten liegen. DIE COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert die zuständigen Behörden auf, schon bei der Überschreitung der WHO-Werte unverzüglich zu handeln.

Pestizide belasten Gewässer
Die Nordsee und große Flüsse wie Elbe, Rhein und Weser sind in hohem Maße durch Pestizide verunreinigt. Das ergab eine Untersuchung des WORLD WILDLIFE FUND (WWF). Die Ackergifte gefährden Tiere und Pflanzen. Da aus den Gewässern Trinkwasser gewonnen wird, stellen die Pestizid-Rückstände auch ein Risiko für die menschliche Gesundheit dar. Bei mehr als 30 Stoffen überschritten die Messwerte den Trinkwasser-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm je Liter. BAYERs Unkrautvernichtungsmittel AMITROL belastete die Weser in einer Konzentration von 0,7 Mikrogramm/l; von BAYERs CHLORTOLURON wurden in der Ems 0,3 Mikrogramm/l nachgewiesen.

DIURON in Frankreichs Gewässern
Nicht nur in der Bundesrepublik zählt das BAYER-Herbizid DIURON zu den Agrochemikalien, die die größte Belastung für Flüsse und Küstengewässer darstellen. Auch in Frankreich gehörte DIURON zu denjenigen vier Pestiziden, die am häufigsten in Oberflächengewässern nachgewiesen werden konnten. Das ergab eine Untersuchung des französischen Umweltministeriums. Unlängst hat sich BAYER der langjährigen Kritik an dem Produkt gebeugt und bekanntgegeben, künftig keine DIURON-haltigen Herbizide für den Haus- und Garten-Bereich mehr herzustellen zu wollen. Aber natürlich werden die Altbestände noch abverkauft.

DIURON in rheinland-pfälzischen Gewässern
Der DEUTSCHE VERBAND FÜR WASSERWIRTSCHAFT UND KULTURBAU e.V. untersuchte die Grundwasser-Qualität im Bundesland Rheinland-Pfalz. Bei ca. 40 % der Messtellen wiesen die WissenschaftlerInnen Pestizid-Rückstände nach. Im Grundwasser landwirtschaftlich genutzter Böden fand sich unter anderem BAYERs DIURON.

Pestizide auf Bahnstrecken
Seit langer Zeit steht die DEUTSCHE BAHN AG in der Kritik, da sie große Mengen hochgiftiger Totalherbizide (ca. 600 Tonnen im Jahr) einsetzt, um ihre Bahnstrecken frei von Unkrautwuchs zu halten. Das Unternehmen gelobte 1996 Besserung, kündigte eine umweltschonendere Spritzpraxis an und gab den Verzicht auf besonders gefährliche Giftcocktails wie BAYERs DIURON bekannt. Aber im wesentlichen hat sich bei der Bahn nichts geändert. Zu diesem Schluss kommt das Memorandum "Vegetationskontrolle in Gleis- und Bahnhofsbereichen" von Franz und Wilhelm Friedrich Gockenbach. Immer noch führen die Spritztouren durch Wasserschutzgebiete, verseuchen die eingesetzten Herbizid-Wirkstoffe wie z.B. MCPA, enthalten in BAYERs HEDOMAT, Trinkwasserbrunnen in Gleisnähe und sickern ins Grundwasser. Die beiden Autoren betreiben unweit einer Bahnstrecke eine Gärtnerei. Herbizid-verseuchtes Wasser, mit dem sie ihre Pflanzen getränkt haben, hat zu Schädigungen in Millionenhöhe geführt. Sie verklagten die Bahn, mussten sich aber, wie so häufig bei derartigen Fällen, mit einem Vergleich zufriedengeben.

Pestizide und das Golfkriegssyndrom
Nach dem Golfkrieg von 1991 litten bis zu 100.000 amerikanische Soldaten an unspezifischen Krankheitsbildern wie chronische Müdigkeit, Hautausschläge, Kopf- und Muskelschmerz, Vergesslichkeit und Depressionen. MedizinerInnen fassten diese Erkrankheitserscheinungen unter dem Oberbegriff "Golfkriegssyndrom" zusammen. Eine genaue Ursache ist bisher nicht bekannt - auch weil das US-Verteidigungsmini-
sterium der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthält. Eine Literaturstudie des INSTITUTES FÜR TOXIKOLOGIE von der Kieler Universität legt jetzt nahe, dass das Zusammenwirken mehrerer Faktoren für die Krankheit verantwortlich ist, obwohl noch weiterer Forschungsbedarf besteht. Als chemische Stoffe, die eine nervenschädigende Kombinationswirkung entfaltet haben, nennen die WissenschaftlerInnen Pestizide, mit denen die Uniformen der Soldaten imprägniert worden sind, pyridostigminbromid- haltige Medikamente, die vor chemischen Kampfstoffen schützen sollten und schließlich Anti-Insektenmittel.