SWB 02/99

Umstrittenes Holzschutzmittel XYLADECOR:

Gift für Lateinamerika

200.000 Menschen in Deutschland wurden durch das "Holzschutz"mittel XYLADECOR vergiftet, der Fall führte zum längsten deutschen Umwelt- Strafverfahren. Vor zehn Jahren verkaufte BAYER seine Anteile an der Firma DESOWAG, dem Hersteller von XYLADECOR, um seine Beteiligung an dem schmutzigen Geschäft zu verwischen. Jetzt wurde bekannt, dass BAYER und DESOWAG in Lateinamerika noch immer gemeinsam XYLADECOR vertreiben - mit risikoreichen Inhaltsstoffen, die im selben Produkt in Deutschland nicht eingesetzt werden.
 

Von Philipp Mimkes

Agrarmesse AgroExpo in Bogotá, Kolumbien: die deutschen Unternehmen BAYER und DESOWAG präsentieren gemeinsam das "Holzschutz"mittel XYLADECOR gegen Pilzbefall und Termiten. Bunte Prospekte zeigen prachtvolle Holzhäuser und tropische Blumenrabatten und versprechen eine einfache und sichere Handhabung. Der gesamte lateinamerikanische Markt soll von Kolumbien aus beliefert werden.

In Deutschland hat XYLADECOR eine lange Geschichte: Seit Anfang der 70er Jahre wurde das Mittel millionenfach eingesetzt, besonders im Heimwerkerbereich. Gemeinsame Hersteller waren bis Mitte der 80er Jahre BAYER und DESOWAG. Die Wirkstoffe Pentachlorphenol (PCP) und Lindan sowie Dioxinverunreinigungen ließen bis zu 200.000 Menschen erkranken. Häuser mussten abgerissen werden, zahlreiche Betroffene begingen Suizid. Als der Skandal für Schlagzeilen sorgte und eine Klage der Geschädigten ins Haus stand, trennte sich BAYER von seiner Beteiligung an der DESOWAG. Der folgende Prozess wurde gegen die Geschäftsführer der DESOWAG geführt, BAYER war aus der Schusslinie.

Inhaltsstoff des jetzt in Lateinamerika vertriebenen XYLADECOR ist das umstrittene Pyrethroid Cyfluthrin. Cyfluthrin wird von der amerikanischen Umweltbehörde EPA als "eindeutig giftig" bezeichnet und daher in der Liste der 50 gefährlichsten Pestizide geführt. Bereits die winzige Konzentration von 150 ppb (150 Teile auf 1 Milliarde Teilchen Luft) kann Störungen des Nervensystems, Hautausschläge und Nierenschäden bewirken. Zudem gibt es Hinweise auf eine Schädigung von Embryonen. Die in sogenannten no effect level-Untersuchungen ermittelte Gefährlich-
keit (d.h. die Dosis eines Wirkstoffes, bei der kein erkennbarer Effekt eintritt) ist vergleichbar mit der des in Deutschland verbotenen Lindan.

XYLADECOR wird bis heute auch in Deutschland vertrieben, allerdings allein vom Hersteller DESOWAG (ohne offizielle BAYER-Beteiligung) und ohne die Inhaltsstoffe PCP und Lindan. Das risikoreiche Cyfluthrin, das in Lateinamerika verwendet wird, wird im gleichen Produkt in Europa nicht eingesetzt - ein typischer Fall für doppelte Sicherheitsstan-
dards. Offensichtlich rechnen die Hersteller in Südamerika mit einer geringeren Kontrolle durch Aufsichtsbehörden und Öffentlichkeit. Besonders problematisch ist die Werbung für den Einsatz im Hausbau - exakt der Bereich, der in Deutschland die hohe Zahl von Erkrankungen verursachte.

Erkundigt man sich bei der DESOWAG nach den Inhaltsstoffen des in Deutschland vertriebenen XYLADECORs, so werden überraschender-
weise Sicherheitsdatenblätter der Firma BAYER(!) zugesandt. Deutlich ist also, dass die Trennung der beiden Firmen nur vordergründig statt-
fand, damit der Weltkonzern aus Leverkusen nicht mit den berüchtigten Holzgiften in Verbindung gebracht werden kann. Auf technischer Ebene läuft die Zusammenarbeit jedoch weiter, wie die Übersendung der BAYER-Materialien beweist. In Lateinamerika, wo der deutsche Prozess in der Öffentlichkeit nicht bekannt ist, musste die Trennung gar nicht erst vollzogen werden.

Weder in Deutschland, noch in Südamerika verzichtet BAYER also auf dieses problematische Geschäft. Zu befürchten ist, dass den VerbraucherInnen in Lateinamerika die selben Probleme blühen wie vor 20 Jahren den Betroffenen in Deutschland.