SWB 02/99

"Das ist doch reine Propaganda"

UmweltschützerInnen gegen
"tendenziöses Mobil"

Die Gen-Lobby rollt durchs Land auf der Suche nach "mehr Akzeptanz". NRW-Schulministerin Gabriele Behler lässt sich vor den Karren von BAYER spannen.

Von Hubert Ostendorf

Wuppertal-Barmen, Rathausplatz: Dritte Station für den in den Farben des Verbandes der chemischen Industrie (VCI) daherrollenden Sattelschlepper mit dem ersten "BioTechMobil" der Welt. Der vom Bundesforschungsministerium, dem Land NRW, dem ortsansässige BAYER-Konzern und anderen Unternehmen finanzierte AgitProp-Container mit acht Gruppenexperimentierplätzen der Sicherheitsstufe 1 ist auf Tour durch 19 Städte von Nordrhein-Westfalen, darunter diverse Schulen und sämtliche BAYER-Produktionsstätten des Landes. In Wuppertal, der Wiege des Chemie- und Gen-Riesen, ist politische Prominenz zugegen: Schulministerin Gabriele Behler konnte sich ebensowenig wie Wirtschaftminister Peer Steinbrück dem Begehren der Industrie nach mehr "Akzeptanz für die Gentechnologie", wie BAYER-Mitarbeiterin Dr. Jutta Hansen es ausdrückte, entziehen. In einem Vorwort zur mobilbegleitenden VCI-Broschüre freut sich die Schulministerin, die in Lehrplanentwürfen für die Sekundarstufe II von den "zukunftsweisenden Möglichkeiten genetischer Eingriffe" schwärmt (siehe S. xxx in diesem Heft), "dass Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, die moderne Biotechnologie in Experimenten näher kennen zu lernen". Die Krönung bildet der mit Beteiligung des Musiksenders VIVA gestartete landesweite Schulwettbewerb "Gene im Alltag", der mit Preisen für die "besten" Klassen enden soll. So werden Industrie-Vorgaben in den Unterricht geschmuggelt.

In Wuppertal indes überwiegt noch die Skepsis. Eine Frau sagt, sie hätte Angst, gentechnisch verändertes Gemüse zu essen. "Keine Panik", wiegelt einer der drei Biologen des BioTechMobils ab. Bisher sei noch niemand von Gen-Food krank geworden. Und weil die "moderne Pflanzenzüchtung" große Gewinne verspricht, lassen BAYER und der VCI in ihrer GenMobil-Broschüre den Leiter des Max-Planck-Institutes für Züchtungsforschung in Köln, Prof. Dr. Heinz Saedler, frohlocken, dass transgene Züchtungen "umweltverträgliche Pflanzenschutzstrategien" zum "Nutzen des Menschen" ermöglichen. Doch solche "Argumente" beruhigen die Kritikerin aus Wuppertal nicht. Sie hat, wie über 70 % der Bevölkerung, Angst vor Antibiotika-Resistenzen. Die bagatellisierende Antwort vom Biotech-Mitarbeiter kommt prompt: "Die Wahrscheinlich-
keit, dass Antibiotika-Resistenz-Gene in unseren Darm gelangen, ist sehr gering." Auch VCI-Festschrift-Schreiber Prof. Dr. Alfred Pühler findet, "dass viele Risiken eingegrenzt werden können". Ex-BAYER-Forscher Prof. Dr. Peter Stadler, nun Eigentümer einer eigenen Gen-Schmiede, schließlich lobhudelt auf Bestellung: "Die Gentherapie eröffnet langfristige Chancen für die Therapie von Erbkrankheiten oder beispielsweise von AIDS oder Krebs." "Und was ist mit Embryonenforschung?" will die Gen-Kritikerin in Wuppertal noch wissen. Der Gesprächspartner gibt sich auch auf diesem Feld nicht geschlagen, kontert lapidar: "Wir haben hier ein Embryonenschutz-
gesetz." Der couragierten Dame reicht es nun. Sie entledigt sich ihrer Schutzbrille und ihres weißen Kittels und verlässt entnervt das BioTechMobil. "Das ist doch alles reine Propaganda", schimpft sie.

Recht hat sie. Denn selbst der VCI bekennt unverhohlen in seinem Begleitheft: "Wenn Patienten verunsichert werden, wenn der Bevölkerung der Appetit auf gentechnisch modifizierte Agrarprodukte und Lebensmittel verdorben wird, dann muss dies immerwährender Ansporn sein, unsere Bringschuld an Informationen für die Öffentlichkeit nie aus den Augen zu verlieren." So rollt das BioTech-Gefährt weiter, auch wenn Katrin Grüber, (grüne) Vizepräsidentin des NRW-Landtages, "dieses tendenziöse Mobil" lieber nicht sehen würde.