SWB 03/99

Spektakuläre Demonstration in Leverkusen

Trommeln gegen Ausbeutung

400 indische LandarbeiterInnen demonstrierten am 18. Juni vor dem Leverkusener BAYER-Werk für gerechten Welthandel und gegen den Einsatz von Gentechnik und Pestiziden in der Landwirtschaft.
Die spektakuläre Aktion fand im Rahmen der Internationalen Karawane für Solidarität und Widerstand statt, die in zwölf europäischen Ländern Kundgebungen organisierte und dadurch auf rücksichtsloses Wirtschaftsgebahren aufmerksam macht, das die Interessen der Mehrheit der Weltbevölkerung gefährdet.

Von Philipp Mimkes

Trommeln, Gesänge, emotionale Reden und Transparente mit indischen Schriftzeichen - das Bild, das sich den BAYER-Beschäftigten am Pförtner des Leverkusener Werks bot, war wohl einmalig in der 135jährigen Geschichte des Konzerns. 400 Bäuerinnen und Bauern aus ganz Indien, gekleidet in traditionelle weiße Gewänder und grüne Schals, demonstrierten mit 300 deutschen UnterstützerInnen für einen gerechten Welthandel und gegen die unbeschränkte Macht der Multis.

Spezielle Vorwürfe wurden gegen BAYER gerichtet, da das Leverkusener Unternehmen mit Pestiziden und gentechnischen Produkten die Lebensgrundlagen der indischen Landbevölkerung gefährdet. Ein Sprecher der Karawane erklärte an die Adresse von BAYER: "Wir brauchen Eure Pestizide nicht, sie zerstören unsere Lebensgrundlagen. Wir warnen BAYER: Wenn Sie gentechnisch veränderte Produkte auf den indischen Markt bringen, werden wir unseren Widerstand noch verstärken."

Nanjunda Swamy, Präsident der 10 Millionen Mitglieder zählenden Bauernorganisation KRRS, hat die Aktion initiiert. "Wir wollen den Regierungen, transnationalen Konzernen und den internationalen Organisationen im Norden direkt vor Ort unsere Ablehnung ihres Ausbeutungssystems zeigen" erklärte der 63jährige Jurist. "Gentechnik führt zur Kontrolle unseres Lebens durch die Agrarkonzerne". Speziell von BAYER fordert die Karawane, den Verkauf von gefährlichen Pestiziden und Pharmazeutika in Indien einzustellen und keine gentechnisch veränderten Produkte einzuführen.

Ein Vertreter der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) erklärte auf der Kundgebung: "BAYER produziert in Indien das hochgiftige Pestizid PARATHION, das jährlich für mehr als eine Million Vergiftungsfälle verantwortlich ist. Andere Pestizide lässt BAYER von indischen Subunternehmen herstellen, bei denen Gewerkschaften verboten sind und die keinerlei Sicherheitsstandards einhalten. Daher muss sich das Unternehmen heute unserer Kritik stellen." Außerdem wurde der große Einfluss von BAYER auf die Politik kritisiert, wie er sich einmal mehr beim G8-Gipfel in Köln zeigte. Das Treffen wurde von BAYER mitfinanziert, dafür durfte sich das Unternehmen exklusiv präsentieren. Die Trennung von Wirtschaft und Politik werde immer schwächer und dadurch eine wirksame Kontrolle der Konzerne fast unmöglich.

Die Karawane besuchte in vier Wochen zwölf europäische Länder, den Abschluss der Aktionen bildeten die Proteste anläßlich des G7-Gipfels in Köln. Die Demonstration in Leverkusen war in Zusammenarbeit mit Betriebsräten der BAYER AG, der Kölner Gruppe ANTIGEN, "Dritte Welt"-Initiativen und der CBG organisiert worden.

Superintendent macht sich zum BAYER-Büttel
Die Demonstration der indischen Karawane wurde ursprünglich vom Sozialreferat der evangelischen Kirche Leverkusen mit vorbereitet. Das Sozialreferat unterzeichnete den gemeinsamen Aufruf und verhandelte mit der Polizei wegen der Demo-Route. Auch eine öffentliche Veranstaltung zur Erläuterung der Ziele der Karawane sollte in den Räumen der evangelischen Kirche stattfinden - bis sich BAYER einschaltete. Zunächst beschwerte sich der Leiter der BAYER- Öffentlichkeitsabteilung beim zuständigen Referenten der Kirche, kurz darauf offenbar an oberster Stelle. Wenige Tage später verbot der Leverkusener Superintendent Viktor Wendt allen Mitarbeitern der evangelischen Kirche Leverkusen die weitere Teilnahme an den Vorbereitungen. Auch die Räumlichkeiten wurden zwei Tage vor der Veranstaltung zurückgezogen. Schlimmer noch: Wendt stellte sich für ein Flugblatt der BAYER-Öffentlichkeitsarbeit als Sprachrohr zur Verfügung. "Die geplante Protestkundgebung dient nicht der Information, sondern der Agitation", durften die BAYER-Texter dem Kirchenmann in den Mund legen. "Der Kirchenkreis distanziert sich ganz entschieden vom Mißbrauch solcher Informationsveranstaltungen, die als Tribunal benutzt werden, um gegen die multinationalen Konzerne zu agitieren." Die Kirche der Mächtigen hat gesprochen.

Protest-Fahrt macht Halt bei BAYER
Im Dezember 1984 verloren 16.000 Menschen in Bhopal (Indien) nach einer Explosion in einem Werk des amerikanischen Unternehmens UNION CARBIDE ihr Leben. Anlässlich des 15. Jahrestags der Chemie-Katastrophe führt die englische Organisation PESTICIDES TRUST gegenwärtig eine Protest-Fahrradtour von London nach Bhopal durch. Die Fahrt durch über zehn Länder will auf die mangelhaften Sicherheitsstandards in Fabriken westlicher Konzerne in Entwicklungsländern aufmerksam machen, zudem soll Geld für ein Behandlungszentrum in Bhopal gesammelt werden.

Auf ihrem Weg machten die beiden Fahrer, Tim Edwards und Ian Currie aus Brighton, auch am Leverkusener BAYER-Werk halt. Sie wiesen darauf hin, dass BAYER hochgefährliche Anlagen in der "3. Welt" betreibt, hochtoxische Pestizide vertreibt und jahrzehntelang Giftgas produziert hat. Edwards wörtlich: "Bhopal war nicht nur der größte Unfall der Industrie-Geschichte, sondern ein Beispiel für die Machtlosigkeit von Industrie-Opfern gegenüber den Verursachern. Leider gehört auch BAYER zu den Multis, für die Profite wichtiger sind als die Menschen-
rechte, deswegen führt unsere Fahrt nach Bhopal über Leverkusen."
Das Leiden der Menschen in Bhopal ist unvorstellbar, noch heute sterben monatlich 10 bis 15 Betroffene an den Spätfolgen des Unfalls. Die Überlebenden kämpfen für eine ärztliche Behandlung und eine Entschädigung. Die durch Spenden errichtete Sambhavna Clinic behandelt täglich 40-80 Kranke, für ihren Betrieb werden jährlich umgerechnet 50.000 Mark benötigt. Tim Edwards: "Ich hoffe, durch unsere ungewöhnliche Aktion Bewußtsein zu schaffen und Geld für die Klinik zu sammeln."