Gefahrguttransport

Gefahrguttransporte durch Köln

22. Juni 1999, vormittags am Verteilerkreis in Köln-Niehl: Ein Tanklaster kippt beim Fahrbahnwechsel um. Die Polizei sperrt den Unfallort weiträumig ab. Ein oranges Schild weist den havarierten Lastzug als einen Gefahrguttransporter aus. Die Kölner Feuerwehr an rückt zu einem Sondereinsatz an, weil die Bergung eines Chemielasters gefährlicher ist als die eines Heizöltransporters. Die Ladung besteht aus 19.000 Litern Toluidin, einer leicht entflammbaren und giftigen Flüssigkeit. Der Lkw kam vom BAYER-Werk Krefeld und befand sich auf dem Weg nach Antwerpen. Warum er mit seiner gefährlichen Ladung Richtung Innenstadt fuhr, bleibt ein Rätsel.

Toluidin ist nicht nur leicht entflammbar, sondern auch krebserregend. Die Industrie verwendet die rotbraune Substanz zur Herstellung von Farben oder Textilhilfsstoffen, Gefahren für die Gesundheit bestehen beim Einatmen oder bei Hautkontakt. Niemand möchte an die Folgen einer Explosion denken. Ein Katastrophenszenario täte sich auf: eine Giftwolke über dem Kölner Norden.

Die Transportwege von Chemikalien können mitten durch die Stadt führen. Die Gefahrguttransporter brauchen dafür keine Sonderge-
nehmigung, ihre Fahrtroute müssen sie noch nicht einmal anmelden. Niemand weiß, wieviele Chemie-Laster täglich um und durch Köln rollen. Die Frage nach Katastrophenschutzplänen produziert in der Pressestelle der Polizei die genervte Gegenfrage: "Haben Sie einen zuhause?" Tatsache ist, dass lediglich Polizei, Feuerwehr und Industrie über Einsatzpläne verfügen, in der Hoffnung den Störfall rechtzeitig in den Griff zu bekommen - bevor sie die Bevölkerung vor möglichen Gefahren warnen müssen. Besonders schwierig ist es, an die tatsächlichen Daten der Umweltverschmutzung heranzukommen: Die Messfahrzeuge der Feuerwehr registrieren die Luftwerte nur zur eigenen Dokumentation oder zwecks Weiterleitung an Polizei und Staatsanwaltschaft. Den Bürgern bleibt nichts anderes übrig, als den offiziellen Verlautbarungen zu vertrauen: Trotz des Auslaufens einer geringen Menge Toluidin habe keine Gefährdung der Bevölkerung bestanden. Der Aufwand an Menschen und Material sowie die weiträumigen Absperrungen besagen das Gegenteil.

Ingo Niebel/Kölner Woche