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DRUGS & PILLS
Blut-Skandal, Teil 2 In den achtziger Jahren starben Zehntausende von Blutern
daran, dass Blutplasma- Präparate von BAYER und anderen Herstellern mit dem HI-Virus verseucht waren. Wie sich erst jetzt herausstellte, enthielt dieses Blut auch den Hepatitis C-Erreger. Allein in der
Bundesrepublik haben sich 3.000 Bluter infiziert. Die DEUTSCHE HÄMOPHILIEGESELL- SCHAFT (DHG) verlangt jetzt von BAYER und anderen Firmen Entschädigungszahlungen, da sie das Hepatitis C-Risiko billigend in Kauf
genommen haben. Sie lehnten es an ihren Produktionsorten in den USA aus Kostengründen ab, ALT-Tests einzuführen, die den Virus hätten aufspüren können. Und bei Importen in die Bundesrepublik umgingen sie den hier
gesetzlich vorgeschriebenen ALT-Test. Für den Juristen Gerhard Scheu stellt das einen Straftatsbestand dar. Er hält die Hersteller deshalb für "zivilrechtlich haftbar". BAYER hat einen solchen Anspruch
allerdings zurückgewiesen.
Positiv-Liste Die rot-grüne Gesundheitsreform hat die defensive Ausrichtung, bei
Beitragsstabilität die bisherige Qualität medizinischer Versorgung zu erhalten. Da sie die knapper werdenden staatlichen Mittel nicht als Ergebnis neoliberaler Wirtschaftspolitik ansieht, kann sie keine Kehrtwendung
hin zu einer wirklich im Dienste der PatientInnen stehenden Gesundheitspolitik vollziehen. Es bleibt nur eine Umverteilung der Mittel innerhalb des bestehenden Versorgungssystems. Diese führt aber dennoch zu einigen
Verbesserungen, die die bisherigen Hauptprofiteure des Gesundheitswesens wie BAYER und andere Pharma-Konzerne sowie ÄrztInnen- und ApothekerInnen-Verbände erbittert bekämpfen. Bereits das Vorschaltgesetz hat die von
der Regierung Kohl eingeführten Arznei-Zuzahlungen verringert, Leistungsausgrenzungen zurückgenommen und eine sozialverträglichere Härtefall-Regelung geschaffen. Das Gesetz selber führt eine Positivliste ein. Auf
ihr sind solche Medikamente aufgeführt, deren medizinischer Nutzen einwandfrei nachgewiesen ist. Für alle anderen - darunter BAYERs Antidiabetikum GLUCOBAY und BAYERs Cholesterinsenker LIPOBAY - kommen die
Krankenkassen gar nicht mehr oder nur in Ausnahmefällen auf, wodurch die Pillenflut eingedämmt wird. Die Proteste von BAYER & Co. gegen die Positiv-Liste blieben bisher verhalten. Die Wochenzeitung Die Zeit
schließt deshalb auf eine durch erfolgreiche Lobby-Arbeit aufgeweichte Liste und verweist auf die Aktivitäten des ehemaligen Bundestagsabgeordneten der FDP, Wolfgang Weng, der seit kurzem Hauptgeschäftsführer des
BUNDESVERBANDES DER PHARMAZEUTISCHEN INDUSTRIE (BPI) ist.
Pharma-Geschäft boomt Im Jahr 1998 stiegen die Pharma-Exporte gegenüber dem Vorjahr
um 22,6 % auf 23,6 Milliarden Mark. Der Inlandsumsatz wuchs um 6,1 % auf 27,1 Milliarden Mark, trotz eines geringeren Handelsvolumens und nur minimaler Preis-Erhöhungen. Der Profit- Zuwachs hat seine Ursache darin,
dass ÄrztInnen zunehmend neue patentgeschützte und daher teurere Medikamente verschreiben. BAYER ist einer der größten Arzneimittel-Produzenten der Welt.
Weniger Nebenwirkungen - auf dem Papier Der von BAYER gegründete VERBAND
FORSCHENDER ARZNEIMITTELHERSTELLER und drei andere Pharma-Vereine wollen unter dem Motto "Schluss mit dem Fachchinesisch" die Beipackzettel von Informationen über unerwünschte Arznei- Wirkungen säubern.
Nach den Vorstellungen der Pillen-Macher sollen nur noch einige wenige Nebenwirkungen und Gegenanzeigen aufgeführt werden müssen. In dem vorbereiteten Beipackzettel-Vorschlag für ein Schmerzmittel auf
Paracetamol-Basis fehlen jegliche Hinweise auf mögliche Leberschäden und eine Wechselwirkung mit anderen Präparaten. Vor Überdosierungen, Nierenschädigungen als Folge von zu langer Einnahme und Alkohol-Beikonsum
wird nicht mehr gewarnt. Und seltener auftretende Nebenwirkungen ließen die Pharma-Verbände in ihrem Entwurf ganz unter den Tisch fallen. Das für die Genehmigung zuständige BUNDESINSTITUT FÜR ARZNEIMITTEL UND
MEDIZINPRODUKTE ging auf Distanz zum Industrie-Vorstoß - vorerst.
www.Pharma-Propaganda.de BAYER und sieben andere große Pharma-Firmen haben für
ÄrztInnen den kostenlosen Online-Dienst www.Medizin-aktuell.de eingerichtet. Entgegen der Ankündigung der Unternehmen, dort nur sachdienliche Hinweise und wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen sowie auf die Nennung von Markennamen zu verzichten, wird unverhohlen Reklame für Produkte gemacht. BAYER z.B. wirbt für das Antidepressivum SEPRAM, dass abhängig machen und schwere Entzugserscheinungen auslösen kann (s.u.). Natürlich liegt für www.Medizin-aktuell.de der alleinige medizinische Segen in Pharmazeutika-Therapien, Hinweise auf andere Heilungsmöglichkeiten fehlen völlig.
Antibiotika-Patent erworben BAYER kaufte vom japanischen Pharma-Unternehmen SUNTORY
LTD die exklusiven Rechte an einem Antibiotika. Der Wirkstoff Faropenem- Daloxat gehört zur Gruppe der Peneme, einer neuen Generation von Breitwand-Antiinfektiva. Das Medikament befindet sich zur Zeit in der
klinischen Entwicklung und soll im Jahr 2004 als Mittel gegen Atemwegs-, Haut- und Weichteil-Infektionen auf den Markt gebracht werden. Massive Antibiotika-Einnahme, durch Werbe-Kampagnen der Pharma-Industrie
gezielt gefördert, haben mit dazu beigetragen, dass Krankheiten, die die Medizin längst im Griff zu haben glaubte, wieder eine ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit darstellen. Sie haben den durchschnittlichen
Antibiotika-Spiegel im Körper vieler Menschen auf ein viel zu hohes Niveau ansteigen lassen, wodurch die Wirkung zusätzlicher Gaben im Falle einer Infektion verpufft. Auch haben sich durch die Allgegenwart der
Präparate bei den Krankheitserregern inzwischen Resistenzen herausgebildet.
Abhängig durch Antidepressiva Psychopharmaka nehmen in der Rangfolge der
Medikamente, die am häufigsten verschrieben werden, den fünften Rang ein. Dabei ist der medizinische Nutzen vieler Präparate umstritten, und es besteht ein großes Risiko, dass die Präparate abhängig machen. Allein
1997 gingen bei der britischen Behörde zur Erfassung von Arznei- Nebenwirkungen, dem COMMITEE ON SAFETY OF MEDICINES (CSM), 850 Meldungen über Entzugserscheinungen nach dem Absetzen serotonin-hemmender
Antidepressiva wie BAYERs SEPRAM ein. Sogar die WELTGESUNDHEITSORGANISATION (WHO) warnt vor den Abhängigkeitsrisiken dieser Medikamentengruppe. Die Abhängigkeitssymptome sind äußerst schwer als solche zu
erfassen, da die Mittel über einen langen Zeitraum wirken. Tritt nach dem Absetzen eine Verschlimmerung des Gesundheitszustands ein, so werten viele ÄrztInnen das als Wiederausbrechen der Depression und verschreiben
die Mittel wieder, womit der Kreislauf aufs neue beginnt. Depressionen gelten erst seit Beginn der 90er Jahre als medikamentös behandelbar, vorher wurden sie von der medizinischen Fachliteratur als selbstheilend
eingestuft. Die breit angelegte Kampagne der Pharma- Industrie "Bekämpft die Depression" trug nicht unwesentlich zu dem Meinungsumschwung bei.
Neues Gentech-Herzmittel BAYER hat ein gentechnologisch hergestelltes Präparat zur
Therapie bei akuten Herzanfällen entwickelt. Es basiert auf dem Wirkstoff Nesiritide, der mittels der Gentechnik aus einem Hormon des Herzens gewonnen wurde (s.a. GENE & KLONE).
LIPOBAY vielseitig? Wenn es Pharma-Firmen nicht gelingt, in ausreichendem Maße neue
Medikamente zu entwickeln, so versuchen sie, das Anwendungsspek- trum ihrer bisherigen Produkte zu erweitern. Auf einem medizinischen Kongress in Amsterdam wurden Studien vorgestellt, die BAYERs
Cholesterinsenker LIPOBAY und BAYCOL neue Qualitäten bescheinigten. Sie sollen angeblich die Zellwände schützen und in Kombination mit anderen Blutfettsenkern oder Kalziumantagonisten wie BAYERs ADALAT zur Stärkung
der Blutgefäße beitragen, was der Arterienverkalkung vorbeugt. Auf dem Amsterdamer Kongress für medikamentöse Herz-Therapien lobten MedizinerInnen auch BAYERs neuen Wirkstoff gegen akutes Herzversagen in höchsten
Tönen (s. GENE & KLONE). Daher ist davon auszugehen, dass der Leverkusener Chemie-Multi hinter der ganzen Veranstaltung steckt, obwohl sich die Presse-Mitteilung über die Trägerschaft ausschweigt. Zweifel am
wissenschaftlichen Urteil über die Vielseitigkeit des Cholesterinsenkers sind also angebracht. Nicht wenige ÄrztInnen bestreiten den medizinischen Nutzen von LIPOBAY und ähnlichen Präparaten schon auf ihrem
angestammten Anwendungsgebiet. Sie empfehlen PatientInnen mit erhöhten Cholesterin-Werten statt einer medikamentösen Therapie vielmehr, auf fettreiche Nahrung zu verzichten und Sport zu treiben.
Arzneimittel-Studien Die Financial Times wundert sich darüber, dass BAYER eine
unabhängige Arzneimittelstudie über den Effekt von Cholesterinsenkern auf Diabetes-PatientInnen mit einem Betrag von 17 Millionen Dollar unterstützt, obwohl die auf fünf Jahre angelegte Untersuchung ergebnisoffen
ist. Bei direkt von der Industrie in Auftrag gegebenen Arznei-Studien steht das Resultat also von vornherein fest, heißt das im Umkehrschluss. Das schlechte Image der Auftragsforschung ist für die BAYER-Sprecherin
Sylvia Barber dann auch gerade der Grund dafür, Geld in eine akademische Untersuchung mit ungewissem Ausgang zu investieren. Aber so ganz ohne Netz operierte der Pharma-Multi natürlich nicht. Professor Rury Holman,
der Leiter des Langzeit-Versuchs, sprach gegenüber der Financial Times von Serien "delikater Verhandlungen", ehe das O.K. aus Leverkusen kam. Sollte die Arbeit von Holman eine positive Wirkung der
BAYER-Cholesterinsenker LIPOBAY und BAYCOL auf die Blutgefäße von DiabetikerInnen nachweisen, so würde sich das Anwendungsgebiet des Präparats beträchtlich und lukrativ erweitern.
BAYCOL in Japan Der japanische Chemie-Multi TAKEDA CHEMICAL INDUSTRIES und BAYER
betreiben die Markteinführung des Cholesterinsenkers BAYCOL in Japan gemeinsam. Der Leverkusener Chemie-Konzern verkauft das Medikament unter dem angestammten Handelsnamen, das Partner- Unternehmen unter der
Bezeichnung CERTA.
Doping mit ASPIRIN ASPIRIN hilft jetzt auch beim Doping im Radsport. Das
Blutdoping- Präparat EPO, das die Sauerstoffaufnahme erhöht und den Radrennfahrern so illegal zu besseren Ausdauerleistungen verhilft, hat eine gefährliche Nebenwirkung. Es verdickt das Blut, was zu Thrombosen,
Embolien und Herzinfarkten führen kann. Darum verabreichen die Doping-Ärzte ihren Schützlingen den blutverdünnenden Tausendsassa ASPIRIN zur Schadensbegrenzung. Etwas scheinheilig wirkt in diesem Zusammenhang BAYERs
Ankündigung, sich als Sponsor des Radrennens "Rund um Köln" zurückzuziehen, da die unsaubere Sportart "kommunikationspolitische Risiken" berge.
KOATE-DVI in den USA zugelassen Die FOOD AND DRUG ADMINISTRATION (FDA), die
amerikanische Gesundheitsbehörde, hat im Juni das BAYER-Medikament KOATE-DVI (= Double Viral Inactivation) als Mittel gegen die Bluterkrankheit zugelassen. Ob es sich bei dem Präparat um ein gentechnisch erzeugtes
handelt, geht aus der Presse-Meldung der NachrichtenagenturVereinigte Wirtschaftsdienste nicht hervor.
Neuer Zulassungsantrag für METRIFONAT Im letzten Jahr erlitten 20 ProbandInnen bei
der klinischen Erprobung von BAYERs Alzheimer-Präparat METRIFONAT eine plötzliche Muskelschwäche. Die FOOD AND DRUG ADMINISTRATION (FDA), die amerikanische Gesundheitsbehörde, ließ den Arzneimittel-Test stoppen.
Später sandte sie BAYER einen "action letter", in dem eine mögliche Zulassung von einer veränderten pharmakologischen Wirkungsweise und einem anderen Herstellungsverfahren abhängig gemacht wurde (Ticker
2/99). Nach der "Bereitstellung von zusätzlichen Informationen" und einem Gespräch mit FDA- Verantwortlichen stellte der Konzern im Mai einen neuen Zulassungsantrag. David Ebsworth, US-Chef von BAYERs
Pharma-Sparte, rechnet schon für den Sommer mit einem positiven Bescheid.
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