SWB 03/99 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Tarifrunde 1999: plus 3 %
Noch im April hatte BAYER-Chef Manfred Schneider auf der AktionärInnen-Hauptversammlung in Köln: "Daher hoffen wir im Interesse der Beschäftigten-Entwicklung, dass der Tarifabschluss für unsere Branche mäßiger ausfällt als in anderen Bereichen. Der ohnehin im Rahmen unserer Strukturmaßnahmen notwendige Personalabbau würde sich zwangsläufig verstärken, wenn wir auf einen zu hohen Tarifabschluss mit einer zusätzlichen Rationalisierung reagieren müssten." Entsprechend lag der Chemie-Tarifabschluss mit 3 % um 0,5 % unter dem der Metall-Branche. Und das, obwohl BAYER & Co. deutlich mehr Profite einfuhren als die Auto-Hersteller. So sanken bei BAYER die Lohnstückkosten im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 %, während der Umsatz pro Arbeitsstunde um 22,3 % höher lag als 1995 und der Anteil der Lohn- und Gehaltskosten am Umsatz nur noch 16 % betrug (1995: 18,1 %). Im Ergebnis bekommen die Chemie- Beschäftigten 3 % mehr Entgelt sowie eine Einmalzahlung für den Monat Mai von 200 Mark.

Mehr Leverkusener IG BCE-MitgliederInnen
Bei BAYER sind nur rund 40 % der Belegschaft Mitglied in der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE); der Organisationsgrad in der Chemie-Industrie liegt sonst bei über 50 %. Um für mehr Eintritte zu werben, begann die IG BCE im April bei BAYER eine Kampagne. Sie überschnitt sich zeitlich mit den Tarif-Verhandlungen in der Chemie- Industrie und konnte wohl vor allem deswegen 200 neue MitgliederInnen im Leverkusener Werk werben.

Mehr Arbeitsplatzvernichtung als angekündigt
Die BAYER AG hat das Plansoll bei der Arbeitsplatzvernichtung übererfüllt. Ursprünglich sollte 1999 die Beschäftigtenzahl auf 42.122 sinken, sie fiel bis Mitte des Jahres aber schon auf 42.011. Allein im Leverkusener Werk wurden von Februar bis März 262 Arbeitsplätze gestrichen.

Aus für koreanisches Pharma-Werk
Der BAYER-Konzern macht ein Pharma-Werk in Korea dicht. 180 MitarbeiterInnen sind von der Schließung betroffen. Der Chemie-Multi begründet seinen Schritt mit der koreanischen Gesundheitspolitik. Da ein großer Teil der Bevölkerung sich die überteuerten Arzneien nicht leisten konnte, trat der Staat als Zentraleinkäufer von Medikamenten für den Gesundheitsdienst des Landes auf und erzielte so wesentlich günstigere Preise. Die Arzneimittel-Versorgung war dadurch wieder gesichert. Aber was im Interesse der Bevölkerungsmehrheit ist, kann halt nicht im Interesse BAYERs sein.

Lehrstellen-Initiative in Brunsbüttel
Vor allem Großbetriebe haben ihr Lehrstellen-Angebot massiv reduziert. In den letzten neun Jahren bis heute strich BAYER ein Drittel aller Ausbildungsplätze. Aber der Konzern meint, sich im Ausbildungsbereich genug zu engagieren und macht einen Nachholbedarf bei kleineren Unternehmen aus. Deshalb ist Hartmut Rose, Personalleiter bei BAYER/Brunsbüttel, Mitglied des Lenkungsausschuss von "Basis für Arbeit" geworden. Die Initiative des ARBEITGEBERVERBANDES CHEMIE/NORD, in dem BAYER das Sagen hat, will für mehr Ausbildungsplätze bei kleineren Unternehmen sorgen.

Systemveränderung bei Entgeltleistungen
Übertariflichen Leistungen, die derzeit 350 Millionen Mark umfassen, sollen bei BAYER künftig gekürzt und stärker ertrags- und leistungsabhängig ausgezahlt werden. Damit sind für die Beschäftigten bis zu 400 Mark monatlich nicht mehr garantiert. Parallel dazu hat der Chemie-Arbeitgeberverband vor, auch die tariflichen Entgelt-Garantien zur Disposition zu stellen. Das berichten die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATS-
ARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem Mai-Flugblatt. Der Konzern will einer Verlängerung der "Standortsicherungsvereinbarung" bis zum Jahr 2005/6 nur unter der Bedingung zustimmen, dass der Gesamtbetriebsrat diese Systemveränderung bei den übertariflichen Entgeltleistungen schluckt. Eine Erpressung. Und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich hat schon Verhandlungsbereitschaft bekundet.

Kritik an Betriebsvereinbarung zu SAP
Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAU-
BARE BETRIEBSRATSARBEIT kritisieren in ihrem Mai-Flugblatt die zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat abgeschlossene Betriebsvereinbarung zur Einführung der Unternehmenssoftware SAP. Die DURCHSCHAUBAREN monieren, dass der Gesamtbetriebsrat zugestimmt hat, das Bundesdatenschutzgesetz auf BAYER- Territorium nur eingeschränkt gelten zu lassen. Dadurch sind personenbezogene Daten nicht ausreichend gesichert, meinen die alternativen GewerkschafterInnen, der Konzern könne beispielsweise über eine Verknüpfung von Computer-Nutzzeiten mit Gleitzeit-Daten Leistungsprofile von MitarbeiterInnen erstellen. Auch die Möglichkeit, das Rechner über Bewerbungen mitentscheiden, indem sie sog. Profilvergleiche liefern, lehnen die DURCHSCHAUBAREN ab. Der Betriebsrat hat nach ihrer Meinung seine Verhandlungsposition dadurch geschwächt, dass er die SAP-Einführung nicht als Betriebsänderung angesehen hat, was ihm nach dem Betriebsverfassungsgesetz mehr Mitspracherechte eingeräumt hätte. Zudem hätten die Interesse der Belegschaft besser gewahrt werden können, wenn die MitarbeiterInnen- Vertretung eine generelle Betriebsvereinbarung zu SAP statt mehrerer kleiner abgeschlossen hätte.

Mohr kündigt weitere Ausgliederungen an
Auf dem von BAYER im Juni veranstalteten Europa-Forum, an dem 70 Konzern- MitarbeiterInnen aus 15 Ländern teilnahmen, referierte Vorstandschef Manfred Schneider über die neuesten Umsatzzahlen. Was die Geschäftsentwicklung für die BAYER-Belegschaft bedeutet, war Thema des Vortrags von Arbeitsdirektor Hans-Jürgen Mohr. "Bei schwachen Geschäften, die aus eigener Kraft nicht zu sanieren seien", kündigte er "Lösungen mit anderen Unternehmen ausserhalb des Konzern-Verbundes" an. Im Klartext: In solchen Sparten, die den Finanz-AnalystInnen der Großbanken und Pensionsfonds nicht genügend Rendite versprechen, wird es zu Ausgliederungen kommen.

Arbeitsplatzvernichtung in den USA
BAYER hat im März in den Vereinigten Staaten 12 Sammelstellen für Blutplasma an SERA-TEC BIOLOGICALS LIMITED verkauft. 190 Beschäftigte verlieren dadurch ihren Job. In den achtziger Jahren starben weltweit Tausende von Blutern, da Blutplasma-Präparate von BAYER mit dem HI-Virus verseucht waren.

Konjunkturabhängiger Lohn
Auf einem Pressetermin des BUNDES KATHOLISCHER UNTERNEHMER am 18. März bereitete Vorstandsmitglied Heinrich Stindt, der zum BAYER-Direktorium gehört, einen besonders hinterhältigen Vorschlag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit: den "Arbeitsvertrag 80 plus". Neu abgeschlossene Arbeitsverträge sollten einen Passus enthalten, wonach das betreffende Unternehmen in Krisenzeiten bis zu 20 % des Grundlohns einbehalten und die Arbeitszeit entsprechend kürzen darf. Das würde in Zeiten schwacher Konjunktur betriebsbedingte Kündigungen verhindern und könnte die Arbeitslosigkeit um die Hälfte verringern, so Stindt scheinheilig.

Noten für alle
Bei BAYER muss sich jede/r MitarbeiterIn einmal im Jahr ein Zeugnis vom Vorgesetzten ausstellen lassen. Beurteilt werden die Beschäftigten unter anderem nach den Kriterien "Arbeitsquantität", "Arbeitsqualität", "Selbständigkeit", "Vielseitigkeit" und "Kostenbewusstsein". Jetzt will der Konzern die Noten-Einbahnstraße aufheben und die Chefs der Qualitätskontrolle ihrer Untergebenen überantworten. Von BAYER wird das als Schritt zu mehr innerbetrieblicher Demokratie verkauft. Es ist aber wohl eher ein Weg, erwachsene Menschen im Interesse weiterer Profitsteigerungen kollektiv wieder in ihre Schulzeit zurückzuversetzen.

Umsatz von BAYER FASER: + 5 %
Die BAYER FASER GmbH hat ihren Umsatz im Geschäftsjahr 1998 um 5 % von 534 Millionen Mark auf 561 Millionen Mark gesteigert. Doch die Belegschaft soll trotz dieses positiven Ergebnisses darben. Geschäftsführer Klaus Schrewe kündigte Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität an. Einer dieser Hebel zur Profitsteigerung, die "flexible Vertrauensarbeitszeit" findet im Werk schon seit Anfang des Jahres Anwendung. Die Beschäftigten des Wuppertaler BAYER-Werkes hatten sich 1998 gegen dieses Arbeitszeit-Modell ausgesprochen, da es ihrer Meinung nach nur dazu dienen sollte, sie zu unbezahlter Mehrarbeit anzuhalten.

VCI: 1,7 % weniger Beschäftigte
Nach Angaben des VERBANDES DER CHEMISCHEN INDUSTRIE (VCI) ist der Umsatz der Chemie-Unternehmen  im 1. Halbjahr 1999 durchschnittlich um 4,6 % gefallen. Als Grund gab der Interessen- Verband die Asienkrise sowie die ökonomisch instabilen Lagen in Lateinamerika und Russland an. Einen besonders großen Einbruch gab es in der Produktion von anorganischen Grundchemikalien und Chemiefasern. Für das 2. Halbjahr 1999 erwartet der VCI eine deutliche Belebung der Konjunktur. Die Zahl der Chemie-Beschäftigten fiel gegenüber dem 1. Halbjahr 1998 um 1,7 % auf 475.945. BAYER ist als "Global Player" nicht in dem Maße von den Umsatz- Rückgängen betroffen wie kleinere Chemie-Firmen. Der Konzern konnte mit 14,2 Milliarden Euro seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahr (14,5 Milliarden Euro) fast halten. Zuwächse im Bereich Landwirtschaft ( + 2 %) und Pharma ( + 16 %) glichen die Verluste im Chemie-Geschäft ( - 11 %) aus.