SWB 03/99 - Ticker

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Pestizid-Markt schrumpft
Die Zuwachsraten auf dem Weltmarkt für Agrochemikalien fallen seit 1995 kontinuierlich. 1998 beliefen sie sich nur noch auf 0,1 %. In den ersten beiden Quartalen 1999 rutschten die Zahlen der Ackergift- Giganten sogar in den Minus- Bereich. Bei AMERICAN HOME betrug der Rückgang 18 %, bei NOVARTIS 10 %, bei AGREVO 7 % und bei BAYER 2 %. Als Grund nannte das Handelsblatt Einkommensverluste in der amerikanischen und europäischen Landwirtschaft.

Weniger Pestizide in der EU
Eine Statistik zum Pestizid-Verbrauch in Europa, die auf Daten des europäischen Industrie-Verbandes ECPA sowie auf Erhebungen in landwirtschaftlichen Betrieben beruht, weist rückläufige Zahlen aus. Von 1988 bis 1995 ging der Verkauf von Ackergiften um 13 % zurück, 1996 stieg er gegenüber dem Vorjahr allerdings wieder um 5 % an. Besonders deutlich sank der Verbrauch von Agrochemikalien in solchen Ländern, deren Regierungen Reduktionsprogramme verabschiedet hatten wie Finnland (- 46 %), Niederlande (- 43 %), Dänemark (- 21 %) und Schweden (- 17%). In der Bundesrepublik dagegen blieben die Zahlen weitgehend konstant. Lag der Pestizid- Verkauf 1991 bei 36.944 Tonnen, so fiel er bis 1996 lediglich auf 35.085 Tonnen. Das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN) merkt allerdings kritisch an, dass die Statistik kein eindeutiger Beleg für eine weniger pestizid-intensive Landwirtschaft ist. Flächenstilllegungen, schon in geringen Dosen hochwirksame Ackergifte, Wetterbedingungen, die den Pestizid-Einsatz reduzieren sowie eine veränderte Erfassungsmethode lassen diesen einfachen Schluss nicht zu. Gegenläufig zum Gesamt-Trend steigerte BAYER laut Geschäftsbericht von 1999 den Ackergift-Umsatz um 3 %.

Pestizide verursachen Krebs
Auf dem internationalen Krebs-Kongress in Lugano stellten WissenschaftlerInnen aus Israel, Kanada und den USA Studien vor, welche den Zusammenhang zwischen Lymphdrüsenkrebs und Pestizid-Einwirkung belegen. Die Anzahl der erkrankten Personen habe sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt, so der Mediziner und Mitorganisator des Kongresses, Franco Cavelli. Ein weiteres alarmierendes Ergebnis der Untersuchungen ist, dass Pestizide auch das Erbgut gesunder Menschen verändern und so ihre gesundheitsschädliche Wirkung über Generationen hinweg entfalten. BAYER, einer der größten Pestizid-Hersteller der Welt, leugnet solche Zusammenhänge beharrlich

Zulassungsbehörde demontiert sich selbst
In der Bundesrepublik entscheiden die BIOLOGISCHE BUNDESANSTALT in Braunschweig und das UMWELTBUNDESAMT (UBA) einvernehmlich über die Zulassung von Pestiziden. In letzter Zeit war dieses Einvernehmen aber kaum noch herzustellen. Während die Braunschweiger Behörde fast jeden Antrag abnickte, legte das UBA aus Gründen des VerbraucherInnenschutzes des öfteren ein Veto ein und blockierte so die Genehmigung. Um den Kompetenzstreit dennoch für sich zu entscheiden, dachte sich die Bundesanstalt ein besonders hinterhältiges Manöver aus. Sie ermunterte BAYER & Co. zu Prozessen gegen die eigene Behörde. Vor Gericht nämlich wären die Pestizid-Zulassungsfreunde ganz unter sich, da sich dort nur Bundesanstalt, nicht aber das UBA vertreten lassen kann, da sie eine nachgeordnete Behörde ist. Zehn Klagen sind inzwischen schon beim Braunschweiger Verwaltungsgericht eingegangen. Eine umweltpolitische Farce ersten Ranges.

Pestizid-Altlasten
Mehrere hunderttausend Tonnen Alt-Pestizide können nach Angaben der FOOD AND AGRICULTURE ORGANISATION (FAO), der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, in den Ländern der sog. Dritten Welt nicht sachgemäß entsorgt werden. Es fehlen schlicht die notwendigen finanziellen Mittel. So sickern hochgiftige Wirkstoffe wie DDT, Lindan oder Aldrin aus lecken Metallfässern in die Böden und verseuchen das Trink- und Grundwasser. Die Ackergift- Exporte der Großlieferanten BAYER, HOECHST und BASF, staatlicherseits auch noch im Rahmen einer fehlgeleiteten "Entwicklungshilfe" subventioniert, haben sich so zu "gefährlichen Zeitbomben" entwickelt. Ursprünglich hatten sich die Agrochemie-
Konzerne bereit erklärt, ein Viertel der Entsorgungskosten zu übernehmen. Sie sind laut FAO aber weit entfernt davon, diese Zusage auch einzulösen.

Insektizid-Absatz: plus 28 %
Der INDUSTRIEVERBAND AGRAR, dem auch BAYER angehört, freute sich über "ideale Bedingungen für Pilzkrankheiten und Schädlinge", die das nasskalte Jahr 1998 geboten habe. Das feuchte Wetter beförderte den Verkauf von Mitteln gegen Pilzbefall um 16 % und den von Insektiziden um 28 %. So gingen 31.000 Tonnen Gift (plus 10 % im Vergleich zum Vorjahr) auf bundesdeutschen Äckern nieder. Und für 1999 bestehen ähnlich "gute Aussichten". Schon allein aufgrund der Überschwemmungen in Bayern, die die Anzahl von Lästlingen wie Mücken beträchtlich ansteigen ließen. BAYER ist der größte Insektizid- Hersteller der Welt.

Aus für LEBAYCID
Das UMWELTBUNDESAMT und die BIOLOGISCHE BUNDESANSTALT wollen die Ende 2000 auslaufende Zulassung für das BAYER-Insektizid LEBAYCID nicht verlängern. Das Mittel mit dem Wirkstoff Fenthion, das im Kirschanbau gegen die Kirschfruchtfliege eingesetzt wird, töte auch Bienen und andere Kleintiere, so die Begründung der Behörden. BAYER mobilisiert Kirschbauern, Landräte sowie Landtags- und Bundestagsabgeordnete gegen den Beschluss. Das LEBAYCID-Verbot sollte sogar im bayerischen Landtag behandelt werden. Es ist daher noch nicht ausgemacht, ob die Entscheidung der Zulassungsbehörden diesem Extrem-Lobbyismus standhalten kann.

US-Pestizidgesetz behindert
Das neue amerikanische Lebensmittelschutzgesetz, der Food Quality Protection Act (FQPA), schätzt die Gesundheitsgefahr, die von Pestizid-Rückständen in der Nahrung ausgeht, bedeutend höher ein als frühere Regelungen. Es bezieht erstmals die Pestizid- Hintergrundbelastung durch verseuchtes Trinkwasser und den Chemikalien- Einsatz in der Landwirtschaft mit in die Giftrechnung ein und hat die Grenzwerte um das Zehnfache abgesenkt. Als Lynn Goldman, bei der amerikanischen Umweltbehörde ENVIRONMENTAL PROTECTION AGENCY (EPA) für Pestizide zuständig, verkündete, das würde wohl das Aus für einige besonders giftige Ackergifte bedeuten, gingen die Hersteller auf die Barrikaden. BAYER, DUPONT, NOVARTIS und andere Firmen finanzierten eine Anzeigen-Kampagne, mit der FarmerInnen gegen das Lebensmittelschutzgesetz aufgebracht werden sollten. Ihre Lobby-Organisation FOOD CHAIN COALITION drang sogar bis ins Weiße Haus vor. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Der EPA wurde ein wissenschaftliches Komitee zur Seite gestellt, das mit vielen IndustrievertreterInnen besetzt ist. Diese zweifelten in der Folge immer wieder Untersuchungsergebnisse an und forderten ständig neue Expertisen. Unabhängige Nicht-Regierungsorganisationen wie die EWG (ENVIRONMENTAL WORKING GROUP) zogen sich schließlich entnervt aus dem Beirat zurück. Die Pestizid-Hersteller gingen derweil in die Offensive: Sie lassen, wie BAYER in Schottland, Pestizide an Menschen testen, um die angebliche Ungefährlichkeit ihre Produkte unter Beweis zu stellen (s. Ticker 4/98). So sieht es im Moment ganz so aus, als ob ein für den VerbraucherInnenschutz bahnbrechendes Gesetzesvorhaben von der Agrochemie-Branche auf ein Abstellgleis manövriert worden ist.

Pestizide lösen Parkinson aus
Die Parkinsonsche Krankheit mit Symptomen wie Muskelsteife, Zittern und verlangsamter Motorik galt lange Zeit als erblich bedingt. Erst die Zufallsbeobachtung, dass Jugendliche nach Missbrauch der Droge MPTP ein Parkinson-Krankheitsbild aufwiesen, brachte MedizinerInnen auf eine andere Ursache des Leidens. Die Droge ähnelt in ihrem chemischen Aufbau nämlich auffallend dem von Pestiziden. Auch die Tatsache, dass viele Parkinson-PatientInnen Insektiziden und Herbiziden ausgesetzt waren, stärkte den Verdacht der WissenschaftlerInnen, dass Umweltgifte eine Ursache für diese schreckliche Krankheit sein könnten. Eine großangelegtes Zwillingsforschungsprojekt mit 20.000 TeilnehmerInnen wiederlegte jetzt die Vererbungshypothese endgültig: Eineiige Zwillinge, also solche mit identischen Erbgut, erkrankten so gut wie nie paarweise an Parkinson. Auch BAYER, einer der größten Pestizid-Hersteller der Welt, wird sich mit dieser neuen Kritik an seinen Gift-Produkten auseinandersetzen müssen.

EU-Biozid-Richtlinie ab 2000
Haushaltsgifte zum Töten von Fliegen, Mücken, Flöhen oder Schaben hatten sich bislang keinerlei Zulassungsverfahren zu unterziehen, obwohl sie schwerwiegende Gesundheitsschädigungen hervorrufen können. Während BAYER als einer der weltgrößten Hersteller dieser Produkte behauptet, sie seien für Warmblüter nicht giftiger als Kochsalz, machen MedizinerInnen die Haushaltsinsektizide für Müdigkeitssymptome, Kopfschmerzen, Nervenleiden und Muskelkrämpfe verantwortlich. Diese gelten darüber hinaus als einer der Hauptauslöser von MCS, der vielfältigen Chemikalien-Unverträglichkeit. Die von BAYER & Co. bekämpfte neue EU-Biozid-Richtlinie, die bis zum Mai 2000 in deutsches Recht überführt sein muss, schreibt nun erstmals Zulassungsprüfungen für neue Gift-Cocktails vor. Sie verpflichtet die Hersteller, den "Nachweis der Wirksamkeit und der Ungefährlichkeit bei sachgerechter Anwendung" zu führen. Auch zugelassene Mittel sollen weiter beobachtet und mit Hilfe der Ampelfarben bewertet werden: "Grün" für unproblematische Stoffe, "Gelb" für problematische und "Rot" für eindeutig gesundheitsgefährdende Haushaltsgifte. Letzteren wird die Zulassung sofort entzogen, problematische Insektizide dürfen solange auf dem Markt bleiben, bis es eine bessere Alternative gibt. Mangel der Richtlinie: Der Hersteller-Lobby gelang es in Brüssel, für ihre bereits auf dem Markt befindlichen Altmittel eine Schonfrist von zehn Jahren herauszuschlagen.

Smog durch Pestizide
Nach Pestizid-Ausbringungen bilden sich reaktive organische Gase, sog. ROGs, die in hohem Maße zur Entstehung von Smog in ländlichen Regionen beitragen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der beiden amerikanischen Umweltinitiativen ENVIRONMENTAL WORKING GROUP und CALIFORNIANS FOR PESTIZIDE REFORM. Die Gas-Menge, die Pestizide an die Luft abgeben, übersteigt die Emissionen petrochemischer Werke um das Vierfache und die aller übrigen Industrie-Zweige um das Zweifache. Einige Pestizid-Wirkstoffe wie z.B. Chlorpyrifos, enthalten im BAYER-Insektizid RIDDER, sind so leicht flüchtig, dass WissenschaftlerInnen sie selber als ROGs ansehen.

Schlechte Noten für BAYERs Insektenmittel
Haushaltsgifte gegen Schaben, Motten, Silberfische oder Mücken wie BAYERs BAYGON werden von MedizinerInnen für Gesundheitsschädi-
gungen wie Nervenleiden, Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzen, Muskelschwäche sowie Sprachstörungen verantwortlich gemacht. Die Zeitschrift Ökotest untersuchte einzelne biologische und synthetische Mittel gegen Lästlinge genauer und kam zu einem für BAYER wenig schmeichelhaften Ergebnis. Die BAYGON-Köderdose mit dem Inhaltsstoff Chlorpyrifos erhielt das Prädikat "weniger empfehlenswert", das BAYGON- "Ungeziefer"spray mit den Substanzen Pro Poxur und Transfluthrin sogar ein "nicht empfehlenswert". Lediglich die Mottenklebefalle BLATTANEX stellt nach Meinung der PrüferInnen keine größere Gefahr für die menschliche Gesundheit dar.