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Forscher wirft dem Bayer-Konzern Geschichtsklitterung vor
Von Jan Pehrke
1934 tauchte die Geschichte zum ersten Mal auf: Der Bayer-Chemiker Felix Hoffmann suchte fieberhaft nach einer Substanz, die die
Schmerzen seines schwer rheumakranken Vaters lindern könnte und stieß dabei auf die Acetylsalicylsäure, den Wirkstoff des heutigen Aspirin. Das ist jedoch noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Die ganze hätte den
Propagandisten der deutschen Volksgemeinschaft weit weniger gefallen, denn der eigentliche Pionier des Aspirin war der jüdische Wissenschaftler Arthur Eichengrün. Der schottische Medizin- Historiker Walter Sneader
brachte diesen Fall von Geschichtsklitterung an die Öffentlichkeit. Für Bayer ein beschämender Befund, der so gar nicht zu den Jubelfeiern zum 100. Geburtstag des "Tausendsassas" passen will.
In der über 600 Seiten starken Bayer-Chronik "Meilensteine" taucht der Name Eichengrün nur dreimal auf. Er wird als Schöpfer des Film- Entwicklers
Edivol und als Entdecker der Acetylcellulose, die seither bei der Herstellung von Farbrohstoffen, Kunstseide und Kunststoffen verwandt wird, aufgeführt. In seiner eigentlichen und viel wichtigeren Funktion aber -
Eichengrün baute 1896 Bayers pharmazeutische Abteilung auf - erfährt der Chemiker keinerlei Würdigung.
Die Entwicklung von Medikamenten überließ der Konzern bis zu diesem Zeitpunkt dem Zufall; Arzneistoffe waren Nebenprodukte, die bei der Suche nach Farbstoffen
abfielen. Erst als die Konkurrenz mit Medikamenten hohe Gewinne zu machen begann, entschloss sich der damalige Bayer-Forschungschef Carl Duisberg, die Pharma-Forschung zu systematisieren und beauftragte Arthur
Eichengrün mit dem Aufbau eines Großlabors. Eines der ersten Projekte des Arzneiforschers galt dem Versuch, aus der Salicylsäure neue Substanzen zu gewinnen. Pur war sie als Rheuma-Mittel in Gebrauch, hatte aber
beträchtliche Nebenwirkungen. Laut Labor-Berichten aus der Zeit beauftragte Eichengrün seine zehn Mitarbeiter damit, die Salicylsäure mit anderen Stoffen umzusetzen und unternahm auch selbst entsprechende Versuche.
Ein Mitglied des Arbeitsteams, Felix Hoffmann, synthesierte auf diesem Weg schließlich die Acetylsalicylsäure, den Wirkstoff von Aspirin. Was er da in seinem Reagenzglas hatte, war dem jungen Chemiker allerdings gar
nicht bewusst. Er hatte sich laut Sneader lediglich an die Vorgaben seines Chefs gehalten und die Versuche nach den von Eichengrün ausgearbeiteten Methoden durchgeführt.
Relativiert das bereits den Anteils Hoffmanns an der Entdeckung des Schmerzmittels, so tritt er in der Phase, die nach dem erfolgreichen Experimentieren
einsetzt und bis zur Entwicklung des fertigen Medikaments dauert, noch weiter hinter den von Arthur Eichengrün zurück. Diesem kommt nämlich das Verdienst zu, den Wirkstoff gegen erhebliche interne Widerstände
durchgesetzt zu haben. Heinrich Dreser, der Leiter der Prüfabteilung für Arzneistoffe, legte ein Veto ein und wollte die Substanz nicht einmal für klinische Tests frei geben, da er ihre herzschädigende Wirkung als
erwiesen erachtete. Aber Eichengrün gab sich nicht geschlagen. Er unternahm zu Demonstrationszwecken Selbstversuche mit der Acetylsalicylsäure und schickte sie hinter dem Rücken Dresers nach Berlin zum dortigen
Bayer-Repräsentanten Felix Goldmann. Der händigte sie befreundeten Ärzten aus, die dem Stoff Wirksamkeit und Verträglichkeit bescheinigten. Daraufhin veranlasste Goldmann nach Rücksprache mit Duisberg schließlich
die offizielle Prüfung der Arznei. Der Siegeszug des Medikamentes, das eines der umsatzstärksten der Welt werden sollte, konnte beginnen.
Ironischerweise war es dann Dreser, der am meisten davon profitierte, denn er war über Lizenzgebühren am Umsatz eines jeden Medikaments beteiligt, das sein
Labor durchlief. Auf diese Weise machte ihn das nur widerwillig getestete Aspirin so reich, dass er sich frühzeitig pensionieren ließ. Eichengrün hingegen ging leer aus. Er trat 1908 aus dem Konzern aus und gründete
eine eigene Firma. 1934 war er viel zu sehr damit beschäftigt, sein Unternehmen vor dem Zugriff der Nazis zu retten, als dass er auf die in diesem Jahr erstmals in Umlauf gebrachte Geschichte von dem armen Vater
Hoffmann und seinem treu-genialen Sohn hätte aufmerksam werden können. Erst 1941 - seinen Betrieb hatte er da längst verloren - stieß er bei einem Besuch der chemischen Abteilung des Deutschen Museums in München
zufällig auf die Geschichtsklitterung. Er traute seinen Augen kaum, als er den Schaukasten mit den weißen Kristallen sah, unter dem die Legende "Aspirin - Erfinder: Dreser, Hoffmann" angebracht war.
"Somit bin ich als Erfinder des größten Heilmittels der Gegenwart gänzlich leer ausgegangen", schoss es ihm durch den Kopf, wie er später berichtet. Gegen den Wissenschaftsbetrug rechtlich vorzugehen, war
für einen Juden im NS-Staat unmöglich. Ein Jahr später kam Arthur Eichengrün ins KZ Theresienstadt. 1944 wurde er entlassen. Aber erst nachdem er die Strapazen der Lagerhaft überstanden und wieder einigermaßen Fuß
gefasst hatte, begann er, für seine Erfinder-Ehre zu kämpfen. Zu spät - kurz nach der Einreichung der Klage verstarb der Chemiker.
Bayer hält natürlich eisern an dem arischen Ammenmärchen fest. Es eignet sich ja auch wunderschön dafür, ein wenig "human touch" in die
staubtrockene Pharmazie-Geschichte zu bringen, wie die PR-Artikel zum 100. Geburtstag des "Tausendsassas" eindrucksvoll demonstrierten. Da stört es dann auch nicht, dass Bayer-Sprecher Hartmut Alsfasser
noch nicht einmal die Quelle anzugeben weiß, aus der die anrührende Vater/Sohn-Story stammt. Denjenigen indessen, die tatsächlich Quellenforschung betrieben haben wie Sneader, wirft der PR-Mensch vor, sie hätten
fehlerhaft gearbeitet. Die Forscher sollen die Namen "Felix Hoffmann" und "Fritz Hofmann" miteinander verwechselt haben. Nur letzterer sei, so Alsfasser, ein Untergebener Eichengrüns gewesen,
ersterer aber hätte selbständig gearbeitet, weshalb er die Aspirin- Lorbeeren auch alleine für sich beanspruchen könnte. Der Konzern- Sprecher nennt sogar ein Dokument, in dem Eichengrün angeblich selber Hoffmann
als Entdecker des Schmerzmittels anerkennt. Gesehen hat es allerdings bisher keiner. So reiht sich das Vorgehen Alsfassers in das übliche Abwehr-Verhalten des Chemie-Multis ein, das immer zu Tage tritt, wenn es um
Bayer-Kreuz und Hakenkreuz geht.
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