SWB 04/99

Giftfalle Auto

Kunststoffe machen PKW-FahrerInnen krank

Von Jan Pehrke

Schleimhautreizungen, Augenbeschwerden, Kopfschmerzen und allergische Reaktionen - zahlreiche AutofahrerInnen klagen über Gesundheitsstörungen. An kaum einem anderen Ort ballen sich so viele Giftstoffe auf so engem Raum wie im Wagen-Inneren und nirgendwo sonst verstärken schlechte Lüftungsmöglichkeiten und ungeschützte Hitze-Einwirkung in den wärmeren Monaten die gefährliche Gemengelage dermaßen. Der Kieler Toxikologe Hermann Kruse untersuchte die Innenraumluft von PKW und veröffentlichte in der Zeitschrift Arzt und Umwelt einen Untersuchungsbericht. Der Wissen-
schaftler wies mehr als 50 Schadstoffe nach. Die Palette reicht von Acetaldehyd, Aceton und Benzol über Phenol und Styrol bis hin zu o-Xylol. Geschlossene, unbelüftete Auto-Innenräume können sich zu regelrechten Gift-Brutstätten entwickeln. Kruse maß bei einem längere Zeit abgestellten PKW einen Schadstoffgehalt von 2-3 mg pro Kubikmeter Luft. Er lag damit um 1 mg über der von Umweltmedizi-
nerInnen gerade noch als verträglich eingestuften Konzentration von 1-2 mg und sank erst nach intensiver Belüftung auf einen niedrigeren, aber immer noch alarmierenden Wert ab.

Grund zur Freude hat die Chemische Industrie. Fünf Milliarden Mark setzt allein das Unternehmen Bayer pro Jahr mit Zulieferungen für die Auto-Branche um. "Von der Türverkleidung aus Bayblend über die Mittelkonsole aus Novodur bis hin zum Kühlwasserkasten aus Durethan sind Rohstoffe aus dem Geschäftsbereich Kunststoffe im ganzen Auto vertreten", jubiliert ein Bericht über den neuen VW-Beetle. Die Kassenschlager des Leverkusener Konzerns im Automobil-Geschäft, die Kunststoffe ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere) und der Polyurethan-Schaum PUR, stellen dabei laut Kruse die Hauptbelastungs-
quellen dar. Diese Materialien haben es nämlich in sich: Sie enthalten Weichmacher, Trennmittel, Flammschutzmittel, Versiegelungsaufträge, Stabilisatoren und Lösemittel. Aus Armaturenbrettern, Hutablagen, Türverkleidungen, Sitzen und Fußbodenbelägen können leicht flüchtige Substanzen ausgasen, die direkt auf das Nervenzentrum wirken und die vielfältigsten Beschwerden verursachen. Treffen diese Verbindungen auf Kohlenmonoxid und Stickoxide, die durch die Benzin-Verbrennung entstehen und die auch ins Wagen-Innere gelangen, so stellen sich Kombinationswirkungen ein. Die Gesundheitsgefahren potenzieren sich.
Eine weitere Belastung erwächst durch das sog. Fogging. Bei dieser physikalischen Reaktion kondensieren die leicht flüchtigen Bestandteile der PUR-Schäume zu Tröpfchen, die sich auf der Windschutzscheibe absetzen. Erwärmen Sonnenstrahlen Frontscheibe und Innenraum - im Sommer kann die Temperatur im Auto bis zu 90 Grad erreichen - so wird das Schadstoffgemisch regelrecht "hochgekocht". Nur intensiver Luftaustausch ermöglicht eine Reduzierung dieser Giftfracht.
Mit simplem Öffnen der Fenster und Türen ist es jedoch nicht getan. Auch Gebläse mit Pollenfiltern richten nicht viel aus; solche mit Partikelfilter bewirken dagegen schon mehr. Aber noch nicht einmal High Tech, wie der für Schlote von Industrieanlagen entwickelte Aktivkohle-
filter, absorbiert alle Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen, er schluckt lediglich Benzole, Xylole und Toluol. Zudem sind nur Klimaanlagen von Luxus-Wagen mit dieser Vorrichtung ausgestattet.

Der Bayer-Konzern als weltgrößter Kunststoff-Hersteller sieht sich durch diese alarmierende Befunde nicht zum Handeln aufgefordert. Im Gegenteil: Seine "Branchen-Kommission Auto" setzt weiter auf Expansion. Dem vor zehn Jahren verkündeten Ziel, den 80 kg betragenden Kunststoff-Anteil in europäischen Autos auf den bei US-Wagen erreichten Wert von 200 kg anzuheben, ist der Chemie-Multi schon einen großen Schritt näher gekommen. Er sieht sich "mit innovativen Produkten auf der Überholspur.