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"In mir tickt eine Bombe"
Mindestens 3.000 Bluter wurden mit dem tödlichen Hepatitis C-Virus infiziert. Hersteller verweigern Entschädigung.
Von Hubert Ostendorf
Irmgard Schwert aus Syke wurde 1979 an der Gebärmutter operiert. Dabei traten starke Blutungen auf, die mit Blutkonserven behandelt wurden. Die Transfusionen
waren mit dem Hepatitis C-Virus verseucht. Dringt der Keim in die Leberzellen ein, zerstört er sie und schränkt die Funktionen des Stoffwechselorganes immer mehr ein. Mit der Zeit kann sich eine Zirrhose entwickeln,
die zum Tod führt. "Ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe", klagt Irmgard Schwert. "In mir tickt eine Zeitbombe." Auch Stefan Vogel aus Berlin wurde durch Blutprodukte mit Hepatitis C
infiziert. Der junge Bluter wollte Zahnarzt werden. Aus Angst davor, seine zukünftigen PatientInnen anzustecken, brach er sein Studium ab. Vogel kämpft zusammen mit dem Hamburger Rechtsanwalt Dr. Jürgen Schacht
gegen Bayer und andere Unternehmen für eine Entschädigung.
Deutsche Pharmahersteller, die ungetestete Produkte auf den Markt gebracht haben, sind nach Ansicht von Gerhard Scheu (CSU), Vorsitzender des 3.
AIDS-Untersuchungsausschusses des Bundestages, "zivilrechtlich haftbar". Nach Angaben der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft (DHG) sind allein in Deutschland zwischen 1976 und 1984 mindestens 3.000 Bluter
mit Hepatitis C infiziert worden. Derzeit gibt es über 200.000 Hepatitis-Kranke in der Bundesrepublik. Viele wissen gar nicht, dass sie das Virus im Körper haben, da die ersten Symptome - Müdigkeit und
Abgeschlagenheit - unspezifisch sind und bis zum Ausbruch der Krankheit Jahre vergehen können.
Die meisten Blut-Produkte wie etwa Koate von Bayer wurden in den siebziger und achtziger Jahren aus den USA importiert und dort sowie in Mexiko und Nicaragua
unter unwürdigen Bedingungen gegen Bargeld aus den Adern von Armen, Kranken, Ex-Sträflingen, AlkoholikerInnen und anderen "Randgruppen" gepresst. Gerade Menschen der Unterschicht halfen sich aus
wirtschaftlichen Nöten mit bis zu zweimal wöchentlichen Plasmaspenden heraus. Viele von ihnen sind mit HIV und Hepatitis infiziert gewesen. Da der gelbe Saft zu Pools von von bis zu 30.000 Spenden vermischt wurde,
war das Risiko der Verbreitung von Erregern extrem groß, denn bereits eine einzige kontaminierte Einheit kann sich auf die gesamte Charge verteilen.
Rechtsanwalt Jürgen Schacht erläutert die Gründe für die Bluternte in den USA: "Man konnte dort den Rohstoff sehr billig ankaufen und durch das Deutsche
Krankenkassensystem extrem teuer verkaufen." Schacht folgert: "Die Blutprodukte sind einer der profitabelsten Marktsegmente gewesen."
In Deutschland ist seit 1968 ein Standard-Test, der sog. ALT-Test, vorgeschrieben, der für die aus den USA importierten Produkte nicht eingehalten wurde. Der
ALT-Test sei umstritten gewesen und deshalb nicht angewendet worden, erläutert Bayer-Sprecherin Christine Senert und präsentiert ein entsprechendes Gutachten von Prof. Lutz Gürtler, Direktor des Instituts für
medizinische Mikrobiologie der Universität Greifswald. Dagegen kommt Prof. Peter Hanfland, Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin der Universität Bonn, zu der Auffassung, dass
der ALT-Test durchaus sinnvoll gewesen sei. Mit ihm könnten erhöhte Leberenzymwerte bestimmt werden, die ein Anzeichen für eine Hepatitis-Infektion seien. Insbesondere Bluter mit einem geringen Bedarf an
Gerinnungsmitteln, wie etwa Stefan Vogel, hätte die konsequente Anwendung des ALT-Testes vor einer Infektion bewahren können.
Dem ehemaligen Bundesgesundheitsamt (BGA), das nach Bekanntwerden des AIDS-Skandals vom damaligen Minister Horst Seehofer (CSU) spektakulär aufgelöst worden
ist, wird erneut der Vorwurf der Schlamperei und Kumpanei mit der Pharma-Industrie gemacht. Rechtsanwalt Schacht spricht von einer "unverantwortlichen Verletzung der Aufsichtspflicht". Der ehemalige
Staatsanwalt im Holzgiftprozess, Dr. Erich Schöndorf, hat nachgewiesen, dass die meisten vom BGA beauftragten Sachverständigen gleichzeitig im Dienst der Industrie standen. Schöndorf wörtlich: "Nicht wenige von
ihnen sind finanziell abhängig; das Ergebnis der Gutachten ist vorhersagbar."
Der Beipackzettel des Bayer-Produktes Koate beweist zudem, dass das Infektionsrisiko beim Konzern durchaus bekannt gewesen ist. Noch 1983 heißt es: "Das
Vorliegen des Hepatitis-Virus' ist anzunehmen." Welch ein Widersinn, dass im Kleingedruckten dennoch ausgerechnet "für Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Hämophilie, die viele Infusionen erhalten,
das Hepatitis-Risiko als gering erachtet" wird. Geradezu zynisch ist die Argumentation der Pharma-Industrie, dass die Hepatitis-Infektionen "unvermeidbar" und "wegen des überragenden Nutzens ...
in Kauf genommen werden mussten."
Die Aussage, dass "die Gerinnungspräparate von Bayer jederzeit dem Stand der medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprochen haben", hält
der Abgeordnete Gerhard Scheu für eine Lüge und verweist auf eine Studie des Institute of Medicine der US-Academy of Science. Diese kommt zu der Erkenntnis, dass die Inaktivierung der Hepatitis C-Viren allzeit, auch
vor 1980, möglich war." Wie auch bei dem Skandal um AIDS-verseuchte Blutprodukte hat Bayer ein entsprechendes Verfahren aber erst 1983/84 eingeführt. Scheu gegenüber dem SPIEGEL: "Der Patient war einfach
Teil eines großen Feldversuches." Dennoch behauptet die Blut-Industrie beharrlich, man habe stets "an der Verbesserung der Produkte gearbeitet." Die betroffenen Hersteller "weisen alle
Schuldzuweisungen zurück". Und: "Haftungsansprüche sind nicht zu begründen."
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