SWB 04/99 - Ticker

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Kombinationswirkungen nachgewiesen
Der Bremer Biologie-Professor Horst Grimme erforschte die Kombinationswirkung von giftigen Stoffen, indem er Grünalgen und Leuchtbakterien einem Cocktail aus Industriechemikalien, Pestiziden und Antibiotika aussetzte. Ergebnis: Das giftige Ganze war deutlich mehr als die Summe seiner Teile. Wo statistisch gesehen nur eine Reduzierung des Algen-Wachstums und der Leuchtkraft der Bakterien in einer Größenordnung von 1 % zu erwarten gewesen wäre, nahmen Größe bzw. Leuchtintensität um 15 - 95 % ab. Der Wissenschaftler forderte daraufhin eine Neuordnung der Grenzwert-Bestimmungen. Nicht mehr die giftigen Einzelstoffe dürften zur Bemessungsgrundlage gemacht werden, sondern ihre Interaktion mit anderen Substanzen, die die toxische Wirkung beträchtlich erhöht. Als Hersteller aller an der Bremer Universität untersuchter Chemikalien wird BAYER viel daran setzen, eine solche Grenzwert-Regelung zu verhindern. Übrigens: Die Leuchtbakterien sind ein Ergebnis der BAYER-Gentechnik.

Menschenversuche mit Pyrethroiden
Es ist in MedizinerInnen-Kreisen seit langem bekannt, dass Pyrethroide und andere Pestizid-Wirkstoffe die menschliche Gesundheit schädigen. Als amerikanische PolitikerInnen aufgrund neuer Forschungsergebnisse die Grenzwerte für Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln senken wollten, verfielen die Hersteller auf eine teuflische Idee: Sie gaben Entlastungsstudien in Auftrag, die Pestizide direkt an Menschen testeten. Nachdem BAYER diese jeder medizinischen Ethik widersprechenden Versuchsreihen in Schottland durchführen ließ (Ticker 4/98), wird jetzt ein Projekt in der Bundesrepublik realisiert. Der Leverkusener Chemie-Konzern finanziert das Forschungsvorhaben der Fachhochschule Fulda, die Effekte von Pyrethroid-Wirkstoffen auf das menschliche Immunsystem zu untersuchen. Die WissenschaftlerInnen geben in ihrer Presse-Mitteilung zunächst überraschend offen die Existenz von Vergiftungsfällen durch die Substanz zu. Wie sie ihren Sponsor, den "kompetenten Partner" BAYER, aber trotzdem zufrieden stellen wollen, wird in der Formulierung ihrer Forschungsziele deutlich. Sie streben nämlich an zu untersuchen, ob AllergikerInnen empfindlicher auf Pyrethroide reagieren als Nicht-AllergikerInnen. Das legt den Verdacht nahe, den AuftragsforscherInnen gehe es vor allem darum zu beweisen, dass nicht der Stoff selber krank macht, sondern eine bestimmte Disposition des Chemie-Opfers die Symptome hervorruft. Zum zweiten haben es sich die Fuldaer BiochemikerInnen zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, "welche Wirkstoff-Verbindung für die menschliche Gesundheit am günstigsten sei". Sie betreiben also Produkt-Optimierung im Sinne des Herstellers, die generelle Gefährlichkeit von Pyrethroiden außer Acht lassend.

Vergiftung von Bauern-Familien
Organophosphat-Pestizide mit den Wirkstoffen Parathion-methyl und Methamidophos, enthalten in den BAYER-Produkten E 605 FORTE, ECOMBI, ME 605 und TAMARON, schädigen nicht nur die Gesundheit der Farmer, die unmittelbar mit den Giftstoffen umgehen, sondern auch die seiner Familien-Angehörigen, selbst wenn sie gar nicht auf den Feldern arbeiten. Zu diesem Ergebnis kommen zwei in El Salvador durchgeführte Studien. In rund einem Drittel der 358 untersuchten Urin-Proben von Angehörigen wiesen die WissenschaftlerInnen Pestizid-Spuren nach. Die Frauen und Kinder litten unter anderem an Vergiftungssymptomen wie Muskelkrämpfe, Stoffwechselstörungen, Benommenheitsgefühle und Brustschmerzen.

Arbeitsunfälle durch Pestizide
"Bei sachgerechter Anwendung geht von der Arbeit mit Pestiziden keinerlei Gefahr aus", behaupten BAYER und andere Hersteller von Agrochemikalien bei jeder Gelegenheit. Dass dieser "sachgerechte Umgang mit Pestiziden" aber eine reines Fantasie-Produkt ist, zeigt eine Untersuchung der Ämter für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik Neuruppin und Potsdam. Nachdem es im Land Brandenburg zu zahlreichen Arbeitsunfällen durch den Umgang mit Pestiziden und anderen Giftstoffen gekommen war, überprüften die Behörden 238 Betriebe unterschiedlicher Größe. Das Ergebnis war erschreckend. In 72 % der Unternehmen existierten keine Betriebsanweisungen für die Arbeit mit Agrochemikalien. Rund ein Drittel der überprüften Betriebe stellte seinen Angestellten keine Atemschutzgeräte für die Ausbringung der Giftstoffe zur Verfügung; ein Viertel von ihnen ließ die vorgeschriebenen arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen nicht durchführen. Schon der sog. sachgerechte Umgang mit Pestiziden birgt zahlreiche Gefahren. Der Befund, dass dieser "sachgerechter Umgang" im Arbeitsalltag kaum gegeben ist, demonstriert das unkalkulierbare Gefahrenpotenzial, das von Pestiziden ausgeht. Umso mehr, wenn man sich die Verhältnisse in der sog. Dritten Welt vergegenwärtigt, wo viele Pestizid-AnwenderInnen Analphabeten sind und Sicherheitsdatenblätter gar nicht lesen können. 

Pestizide und Parkinson
Bereits im Frühjahr machten englische WissenschaftlerInnen darauf aufmerksam, dass möglicherweise ein Zusammenhang besteht zwischen dem Gebrauch von Pestiziden und dem Erkranken an der Parkinson-Krankheit, auch als Schüttellähmung bekannt (Ticker 3/99). Eine neue Studie, die fünf Fälle, in denen Menschen nach Anwendung von Pestiziden (z.B. dem Versprühen von Insektenmitteln in der Wohnung) Parkinson-ähnliche Krankheitsbilder zeigten, bestätigte jetzt diese Vermutung. Hauptsächlich für die Herausbildung der Symptome verantwortlich waren die Organophosphat-Wirkstoffe Chlorpyrifos sowie Proxopur, das in BAYERs RIDDER und UNDEN enthalten ist. Als Konsequenz dieses Ergebnisses forderten die ForscherInnen, die Substanzen ab sofort als Neurotoxika zu bezeichnen, die Parkinson verursachen können.

Fische-Sterben in Kalifornien
In Kalifornien stieg der Pestizid-Verbrauch von 1991 bis 1995 um 18 %. Ca. acht Millionen Kilo Gift wird jährlich auf den Feldern des Bundesstaates ausgebracht. Beträchtliche Mengen davon landen in den Gewässern, so dass die Fisch-Population im Delta der San Francisco Bay in den letzten 25 Jahren gravierend abgenommen hat. Und Vögel, die auf den Feldern nach Nahrung suchen, fallen den Ackergiften ebenfalls in großer Zahl zum Opfer. Hauptverursacher: Die Insektizid- Wirkstoffe Diazinon, Carbofuran und Chlorpyrifos, das in BAYERs RIDDER enthalten ist. Zu diesem nicht nur für die Tierwelt bedrohlichen Ergebnis kommt die Studie "Disrupting the Balance: Ecological Impacts of Pesticides in California", herausgegeben vom PESTICIDES ACTION NETWORK NORTH AMERICA (PANNA) und von CALIFORNIANS FOR PESTICIDES REFORMS (CPR).

Weniger Parathion-methyl in den USA
Da immer wieder Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln nachgewiesen worden sind, überprüft die amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) alle marktgängigen Pestizide. Zum Abschluss der Untersuchungen sollen neue Grenzwerte erlassen werden, die die Nahrungsmittelsicherheit besser gewährleisten. Die Arbeiten kommen - auch aufgrund des immensen Drucks von BAYER & Co. (Ticker 3/99)  - nur schleppend voran. Eine erste Maßnahme hat die Behörde unterdessen aber bereits angekündigt: Sie will den Anwendungsbereich des Organophosphat-Wirkstoffs Parathion-methyl, enthalten in BAYERs ME 605, einschränken.   

Neue GAUCHO-Studie verharmlost
Französische Imker-Verbände forderten immer wieder, dass der Vertrieb von BAYERs Saatgutbehandlungsmittel GAUCHO untersagt wird (Stichwort BAYER 1/99 berichtete). Sie machten die vornehmlich im Sonnenblumen-Anbau verwendete Agrochemikalie für die Dezimierung ihrer Bienenvölker verantwortlich. Nachdem zwei unabhängige Studien diesen Befund bestätigt hatten, entschloss sich der französische Landwirtschaftsminister Jean Galvani am 18.12.98 zu einem GAUCHO-Verbot. BAYER behauptete unterdessen weiter, dass Mittel sei für Bienen völlig ungefährlich, obwohl der GAUCHO-Wirkstoff Imidacloprid in der eigenen Produktliste als "Bienengefährlich" eingestuft ist. Jetzt präsentierte der Konzern eine Entlastungs-
studie. "Es wurden keinerlei negative Auswirkungen festgestellt", heißt es zum Untersuchungsergebnis in der BAYER-Postille direkt..