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Aspirin: not for everyone

Wegen unlauterer Werbung muss die
Bayer AG in den USA 1 Million Dollar für Aufklärungs-Kampagne bezahlen

Die Bayer AG muss eine Million US Dollar in eine Aufklärungs-Kampagne investieren, mit der auf mögliche Nebenwirkungen von Aspirin hingewiesen wird. Dies ist das Ergebnis eines Vergleichs zwischen der amerikanischen Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission (FTC) und dem Leverkusener Konzern. Die FTC hatte eine Anzeigen-Serie für Aspirin beanstandet, die den Eindruck erweckt hatte, dass die regelmäßige Einnahme von Aspirin bei gesunden Menschen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senke. Ein solcher Effekt ist jedoch nur bei Patienten mit Gefäßkrankheiten nachzuweisen.

Gleichzeitig kann häufige Aspirin-Einnahme zu Magengeschwüren führen. Jährlich sterben allein in den USA 16.500 Patienten an Magenblutungen, die durch Aspirin verursacht werden. Nebenwirkungen von Aspirin gehören damit in Amerika zu den 15 häufigsten Todesarten, die Zahl der Todesfälle ist ebenso hoch wie die der Krankheit AIDS. Trotzdem geht der rezeptfreie Verkauf weiter - allein in den USA gehen jährlich 30 Milliarden Tabletten über die Ladentheken.

Bayer musste sich nun verpflichten, mit Anzeigen in großen Zeitungen auf die Probleme hinzuweisen und eine Aufklärungs-Broschüre zu verbreiten. Außerdem müssen alle Aspirin-Anzeigen mit einem Zusatz versehen werden: "Aspirin hilft nicht jedem. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt bevor Sie Aspirin regelmäßig einnehmen." Hierzu Jodie Bernstein, Direktorin der FTC-Abteilung Verbraucherschutz: "Die Bevölkerung hat einen Anspruch auf fehlerlose Werbeaussagen, besonders in Gesundheitsfragen. Dieser Vergleich ist für die Verbraucher ein großer Fortschritt."

Bücher wie Michael Castlemans "Jeden Tag ein Aspirin" fördern jedoch weiterhin den unsinnigen routinemäßigen Gebrauch und suggerieren, dass auch gesunde Menschen Azetylsalizylsäure regelmäßig einnehmen sollten. Der Pharmariese Bayer, der jährlich 11 Milliarden Aspirin- Tabletten verkauft und dabei 850 Millionen Mark umsetzt, lobt Forschungspreise wie den International Aspirin Award aus, um neue Anwendungsbereiche zu erschließen. Dieses Vorgehen verspricht Gewinne ohne Investitionsrisiko: Die Hersteller benötigen weder neue Produktionsanlagen noch aufwendige Zulassungsverfahren und können bestehende Vertriebswege nutzen.

Ärzte, die auf die Probleme hinweisen, haben es schwer, sich durch das Trommelfeuer der Werbung hindurch Gehör zu verschaffen: Bayer wirbt beispielsweise seit Jahren nicht nur für die Behandlung von Erkältungen mit Aspirin (obwohl sogar Antibiotika gegen Viren machtlos sind), sondern auch für ihre Prophylaxe. In einer Anzeigenserie im letzten Winter wälzten sich sogar sexy Nackedeis im Schnee, die Werbebot-
schaft lautete: "Etwa jemand erkältet? Aspirin!" Höhepunkt der Kampagne war die Verkleidung des Bayer-Hauptsitzes in eine gigantische Aspirin-Schachtel im letzten Frühjahr. Zur Begrenzung der Risiken fordern Kritiker eine Rezeptpflicht für Aspirin, ein Verbot unsinniger Kombinationspräparate wie Aspirin Forte und ein Werbeverbot für Schmerzmittel.

von Philipp Mimkes