SWB 01/00

Werbeschau kapitalistischer Verwertung
von Mensch und Natur

EXPO 2000: alles wird gut

Von Jörg Bergstedt

Am 1. Juni öffnet die Expo 2000 in Hannover ihre Tore. Ihre Inhalte werden fast vollständig von der Industrie vorgegeben. Zitat aus dem Konzept des Expo-Themenparks: "Global agierende Unternehmen dominieren mit ihren Produkten zunehmend den Wettbewerb. Im Streben nach Gewinnmaximierung werden arbeitsintensive Produktionen häufig in Schwellen- und Entwicklungsländer verlagert. Dies fördert die Ausdehnung der Märkte und läßt immer mehr Menschen am Wohlstand teilhaben. ... Vision: Weltfrieden durch Welthandel". Die Chemische Industrie präsentiert mit einem gigantischen Chemodrom wie die Zukunft aussehen soll.

Die zentrale Aussage der Expo 2000 wird lauten: Die Zukunft, gefertigt in den Forschungslaboratorien und Designstudios, wird schön. Niemand braucht sich Sorgen zu machen, an alles wird gedacht. High-Tech sichert die Zukunft: neue Atomkraftwerke, viel Gentechnik und Reproduktions-
technologien. Die Industrie hat in den Gremien die Mehrheit, weil Bundes- und Landesregierung einen Teil ihrer Sitze an Großkonzerne abgetreten haben. Folgerichtig ist der Vorsitzende des Expo- Aufsichtsrates ein Daimler-Manager.

Die MacherInnen der Expo geben vor, daß ihr Zukunftsentwurf
-  "wie ein Naturgesetz" (Zitat Expo-Beauftragter von Siemens)
   kommen wird,
-  auf der Expo nicht als Vorschlag gezeigt wird, sondern als
   quasiwissenschaftliches Bild,
-  insgesamt klarstellt, daß nicht mehr die Menschen, sondern die
   Konzerne in ihren Forschungsabteilungen über die Zukunft der
   Gesellschaft bestimmen.

Den BesucherInnen wird suggeriert, sie könnten hier schon im Jahr 2000 die Welt von morgen (ca. 20 Jahre später) betrachten. Dabei werden jeweils die Probleme des Jahres 2000 und passende, ausschließlich technische Lösungsmodelle gezeigt. Beispiele:
-  Zur Mobilität wird über Staus und Klimazerstörung im Jahr 2000
   gejammert, die Rettung bringen Transrapid und elektronische
   Parkplatzsuche.
-  Die Energieprobleme des Jahres 2000 sind zwei Jahrzehnte später
   durch sich ökig daherdrehende Windanlagen neben neuen
   Atomkraftwerken gelöst.
-  Die innere Sicherheit wird durch neue Überwachungstechnologie
   (Genanalyse & Co.) geschaffen.
-  Hunger und Armut sind durch Gentechnik besiegt worden.
-  Als Hauptproblem der aktuellen Zeit, aus dem heraus alle weiteren nur
   folgen (Krieg, Vertreibung, Umweltzerstörung, usw), wird die
   Bevölkerungsentwicklung ("Vermassung" sagt der Expo-Beauftragte
   von Siemens) dargestellt. Doch zwanzig Jahre später ist alles im Griff
   ... dank Reproduktions-Kontrolltechnik und Bildungs-Entwicklungshilfe,
   einem der neuen Zauberwörter der Expo 2000.

Um das technisch-menschenfeindliche Zukunftsbild der Expo in die Köpfe zu bekommen, sind viele Organisationen und Einrichtungen als AkzeptanzbeschafferInnen eingekauft worden. Die Zukunft sieht doch viel netter aus, wenn neben der Gentec-Landwirtschaft auch der demeter- Biohof zum Verweilen einlädt, und wenn sich neben den Ausstellungen zur Reproduktionstechnologie feministische Wissenschaftlerinnen über die Zukunft diskutieren. Die zentralen Angebote für Jugendliche werden vom Deutschen Bundesjugendring mitgestaltet, im Kinderbereich engagiert sich die Naturfreundejugend. Und McDonalds. Alles schön einträchtig nebeneinander, das kann doch nicht falsch sein ...

Life is Chemistry
Auch die Chemiekonzerne und ihr Dachverband VCI (derzeitiger Vorsitzender ist BAYER-Chef Manfred Schneider) sind bei der Expo dabei. Der VCI mischt im Deutschen Pavillon mit, denn er ist Mitträger der Beteiligungsgemeinschaft der deutschen Wirtschaft, die mit 20 Prozent an der gesamten Expo beteiligt ist. Wichtiger aber ist das "Chemodrom", der Beitrag der Chemiekonzerne zum Themenpark, also zur Welt von morgen. Er wird innerhalb des Themas "Der Mensch" verwirklicht und dort zu einem zentralen Bestandteil. Umschrieben wird das Chemodrom wie folgt:

In einem "Theater" werden die Errungenschaften dieses Jahrhunderts plastisch und begreifbar: Medikamente, Produkte für die Landwirtschaft, Innovationen für die Informationstechnologie, neue Werkstoffe, Fortschritt in der Hygiene und Farben erleichtern und bereichern unser Leben.

Nach diesem Blick zurück folgen die großen Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt: Wie die Ernährung einer rapide steigenden Weltbevölkerung sichern? Wie alte und neue Krankheiten erfolgreich bekämpfen? Wie Lebensqualität in Einklang mit der Natur bringen und gleichzeitig Ressourcen schonen? Die Chemie stellt sich diesen Herausforderungen mit verstärkter Forschung und auf neuen Wegen - im Pflanzenschutz, durch nachwachsende Rohstoffe, die Öl ersetzen, durch Gentechnik, die den Mechanismus von Krankheiten entschlüsselt um sie besser erkennen und bekämpfen zu können. Am Ende dieser Fahrt wird dem Besucher eindrucksvoll vorgeführt, daß alles Leben in der Natur und der menschliche Körper aus Bausteinen besteht, mit denen auch die Chemie umgeht. (aus www.vci.de).

Diese Logik entspricht der der Expo 2000 in ihren Zukunftsbildern insgesamt. Die Vergangenheit wird beschrieben als kontinuierlicher Fortschrittsprozeß. Die aktuellen Probleme werden dargestellt - aus der Sicht des Profitinteresses. Zukunftsbilder basieren auf technischen Lösungen - Risikotechnologie wird in sozial-ökologische Begrifflich-
keiten vernebelt. Gentechnik dient den Hungernden (und nicht dem Profit), neue Werkstoffe dienen dem Energiesparen (und nicht dem Profit). Alles wird gut ... die Böcke schlagen sich selbst als Gärtner der Zukunft vor.

Das alles ist einseitig und ohne Alternativen. Auf der Expo gibt es keine Diskussionen. "Wir müssen damit leben, wie wir mit anderen Naturgesetzen auch leben". Neue Atomkraftwerke, Bevölkerungskon-
trolle, Gentechnik - alles das sind nun Naturgesetze. Die Menschen haben in dieser Zukunftsvision nur noch eine Aufgabe:
69 DM Eintrittsgeld zu bezahlen und sich anzugucken, was wie ein Naturgesetz auf sie zukommen wird. Geht es nach den Mächtigen, werden sie nicht mehr gefragt werden.

Widerstand organisieren
Die Expo ist eine Gelegenheit, einen Aufbau gesellschaftlicher Gegenbewegung an diesem Symbol zu versuchen, denn ...
-  niemals haben sich die Ziele des neoliberalen Machtausbaus so offen
   gezeigt wie hier.
-  die Menschen (als SteuerzahlerInnen) müssen diesen Showdown ihrer
   entgültigen Entmachtung durch einen Technikfetisch auch noch selbst
   bezahlen.
-  die Expo verbindet fatale Aussagen zu allen Themenbereichen, d.h.
   eine politische Gegenbewegung am Symbol Expo könnte zu einem
   Bündnis über bisherige Themengrenzen hinweg führen.
-  daß die Expo eigene Von-oben-Zukunftsbilder entwirft, schafft die
   Möglichkeit, Visionen und Bilder einer Gesellschaft von unten
   dagegenzustellen und hier unter der Frage "Wem gehört die Zukunft?"
   endlich mal am Kern der politischen Debatte zu agieren.

Ziel des Expo-Widerstandes ist, die neoliberale Show zu einem Kristallisationspunkt emanzipatorischerem Widerstandes zu machen. Die Durchökonomisierung des Alltags, die Herrschaftsstrukturen - sie brauchen wieder eineN GegnerIn. Uns. Gegenmacht von unten.