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Zum Tod von Hans Frankenthal:

Kämpfer gegen das Vergessen

Hans Frankenthal, 1926 im sauerländischen Schmallenberg geboren, repräsentiert das jüdische Leben im Deutschland des 20. Jahrhunderts.
Er überlebte das nationalsozialistische Programm Vernichtung durch Arbeit und gehörte zu den wenigen Rückkehrern nach Deutschland. Jetzt hat Frankenthal Recht behalten - leider: Als die IG Farben AG im Sommer ankündigte, ihren ehemaligen Zwangsarbeiter ab dem Jahr 2002 geringe Entschädigungen zu zahlen, äußerte er spontan: "Das erlebe ich nicht mehr".

Mit vierzehn Jahren wurde Hans Frankenthal zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater zur Zwangsarbeit in der "Judenkolonne" einer Straßenbaufirma verpflichtet. Sein Vater, Weltkriegsveteran und Träger des Eisernen Kreuzes, hatte bis zuletzt gedacht: "Uns kann nichts passieren, ich habe fürs Vaterland gekämpft". Doch im März 1943 wurden alle Familienmitglieder nach Auschwitz deportiert. Auf der Rampe stehen sie vor dem KZ-Arzt Joseph Mengele und Direktoren der IG Farben, diese suchen Arbeitskräfte für das Chemiewerk Buna IV. Frankenthal gibt ein falsches Alter an und wird mit seinem Bruder in das Lager der IG Farben überwiesen. Seine Eltern sieht er bei der Selektion das letzte Mal.

In Auschwitz-Monowitz betrieb das Chemie-Kartell ein eigenes Konzentrationslager. Für jeden Arbeitssklaven zahlte das Unternehmen pro Tag vier Reichsmark an die SS. Die handwerklich geschulten Brüder werden im Hochbau eingesetzt, bei unmenschlichen Arbeitsbedingun-
gen und praktisch ohne Verpflegung. Bei täglichen Appellen selektiert das Wachpersonal die Entkräfteten - nach sechs Wochen leben noch 70 der 500 eingelieferten Männer. Doch die Brüder überstehen den Terror, besonders durch die Hilfe kommunistischer Häftlinge. Auch Frankenthal beteiligt sich an Widerstands- und Sabotageaktionen und schmuggelt Briefe aus dem Lager. Bei der Befreiung 1945 liegt er mit Typhus im Koma, überlebt aber mit letzter Kraft.

Lange konnte Frankenthal nicht über sein Schicksal sprechen. "Wir mussten weiterleben, deshalb haben wir genauso wie die Täter verdrängt". Er baute das elterliche Metzgergeschäft im Sauerland wieder auf, heiratete und gründete eine Familie. Niemand fragte nach seiner Geschichte oder dem Verbleib seiner Eltern. Erst 1982 suchte er die Öffentlichkeit und begann mit Vorträgen vor Schülern und Studenten. Immer vehementer kämpfte er in der Folgezeit für eine Anerkennung des Leids der Zwangsarbeiter und für eine finanzielle Wiedergutmachung. "Ich selbst brauche kein Geld mehr, aber die meisten Überlebenden leben in Osteuropa, zum Teil in bitterer Armut".

Bald engagierte sich Frankenthal rund um die Uhr: im Vorstand des Auschwitz Komitees und des Bundesverbands Information für NS-Verfolgte, in der Kommission zur Entschädigung von Sinti und Roma, im Landesverband der jüdischen Gemeinden von Westfalen und ab 1999 im Direktorium des Zentralrats der Juden. Regelmäßig besuchte er die Hauptversammlungen der IG Farben und des Unternehmens Bayer, wo er wortgewaltig sein Schicksal beschrieb und eine Entschädigung sowie eine Entschuldigung forderte. Im Rahmen seiner Arbeit für die Jüdischen Gemeinden setzte er sich besonders für den Erhalt und die Rückgabe von "arisierten" jüdischen Friedhöfen ein. Im Herbst letzten Jahres erschienen im Fischer-Verlag seine Memoiren "Verweigerte Rückkehr. Erfahrungen nach dem Judenmord", in denen er sowohl die Zeit der Verfolgung als auch sein Leben im Nachkriegsdeutschland beschreibt.

Auf Einladung des Pittsburgher Committee for Appropriate Acknowledgment reiste der 73jährige noch im November 1999 in die USA. Pittsburgh ist der Sitz der amerikanischen Bayer Corporation, Bayer gehört neben BASF und Hoechst zu den Nachfolgern der IG Farben. Seit Jahren fordern Pittsburgher Initiativen den Weltkonzern auf, Licht in seine dunkle Geschichte zu bringen und sich bei den überlebenden Opfern zu entschuldigen. Auf einer Pressekonferenz äußerte Frankenthal: "Der Bayer-Konzern trägt Mit-Verantwortung für grausame "medizinische" Experimente und die Ausbeutung von mehr als 300.000 Sklavenarbeitern. Die Opfer können auf eine Entschädigung nicht länger warten." Zeitgleich attackierte die jüdische Interessens-
vertretung B´nai B´rith den Bayer-Konzern mit ganzseitigen Anzeigen in der New York Times.

Eine besondere Ehrung beschloss der Stadtrat von Pittsburgh, der sich ausdrücklich hinter die Forderungen stellte und den Tag des Besuchs in der ganzen Stadt zum Hans Frankenthal Day erklärte.
Nach ausführlichen Fernsehberichten sah sich die Bayer-Niederlassung zu einer Stellungnahme genötigt: man trage keinerlei Verantwortung für die Geschehnisse in Auschwitz, werde sich aber aus "moralischen Gründen" an einem Entschädigungsfonds beteiligen.

Ob er es bereut hat, in Deutschland geblieben zu sein? Hans Frankenthal beantwortete diese Frage eindeutig: "Das hätte denen in Deutschland am besten gefallen. Dann wäre die Geschichte ganz vom Tisch gewischt worden." Seine Stimme, voller Trauer, Witz und Zorn, wird jetzt fehlen: Am 22. Dezember starb Hans Frankenthal in Dortmund an Knochen-Tuberkolose.

Philipp Mimkes