SWB 01/00

Responsible Care:

Bayer handelt Unverantwortlich

Von Prof. Dr. Jürgen Rochlitz

Im Vorwort zum "Responsible-Care-Bericht 1999" der Bayer AG geht deren Vorsitzender Manfred Schneider unter dem Motto "Ökonomie und Ökologie in Einklang bringen" auf die Zielsetzung  des Umweltgipfels von Rio ein. "Wir müssen die natürlichen Lebensgrundlagen der Erde so sparsam und effizient nutzen, daß unsren folgenden Generationen sämtliche Optionen für ihre eigene Lebensgestaltung erhalten bleiben". Diesem "Credo" fühle sich auch Bayer verpflichtet. Allerdings kommt einige Zeilen später die Passage der Relativierung.

Die im Rahmen der weltweiten Initiative "Responsible Care" formulierte Verpflichtung zur ständigen und freiwilligen Verbesserung bei Gesundheit, Umweltschutz und Sicherheit entbehrt offensichtlich jeglicher Freiwilligkeit. Denn Schneider fordert eine stärkere internationale Abstimmung der Umweltgesetzgebung und führt weiter aus:  " es ist Aufgabe der Politiker, für gleiche Rahmenbedingungen zu sorgen, damit wir Umweltschutz und Sicherheit weiterentwickeln und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich bleiben können." Erst also weltweit gleiche Rahmenbedingungen für den weltweiten Trust der Chemiekonzerne, dann bewegen sie sich "freiwillig". Dieser weltweite Trust bestimmt schon allein durch sein Gewicht von Umsätzen, Gewinnen, Investitionen und Arbeitsplätzen überall auf der Welt die Politik. Seine Lobby befindet sich überall unter den Verteilern von Spenden und Schmiergeldern in der vordersten Reihe. Nicht nur Helmut Kohl und seine Partei hat zumindest in Deutschland für exzellente Rahmenbedingungen in der Chemiebranche gesorgt. Unter diesen Bedingungen sind und waren "freiwillige" Verbesserungen die absolute Seltenheit, meist erzwungen von einer kritischen Öffentlichkeit.

Diese Eingangsbetrachtung darf nicht vergessen werden, wenn man sich dem Bericht selbst zuwendet und darauf überprüft, ob das im Vorwort abgegebene Credo tatsächlich eingelöst wird.

Zum Thema Treibhausreduktion wird im Bericht ausgeführt: "Ungeachtet des heftigen wissenschaftlichen Streits um die These, daß der anthropogene Ausstoß von Kohlendioxid und anderen "Treibhausgasen" zu weltweiten Klimaveränder- ungen führen könnte, ist es unser Ziel, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Dies bedeutet zugleich auch eine deutliche Verringerung der Kohlendioxid-Emissionen." Für ein den naturwissenschaftlichen Disziplinen besonders ver-pflichtetes Unternehmen mit hunderten von Chemikern und Physikern ist diese Aussage zusammen mit den weiteren Erläuterungen zum Thema ein Trauerspiel.

Der Bayer-Konzern verschanzt sich hinter die politisch motivierte "Anti Global Warming Petition" in den USA, die einen Beitritt der USA zum Kyoto-Protokoll verhindern will. Der Bayer-Konzern hält es wie diese Petenten für "wissenschaft-lich bisher nicht hinreichend sicher und widerspruchsfrei bewiesen", daß die menschenverursachten Emissionen von Treibhausgasen zu einem Treibhauseffekt mit Klimaänderungen  globalen Ausmaßes führen. Auch wenn Bayer aus öko-nomischen Gründen - zur Einsparung von Energiekosten - den Ausstoß von Treibhausgas drosselt, entspricht diese Begründung keineswegs einem Vorgehen in Verantwortung für künftige Generationen. Sowohl aus dieser Verantwortung heraus, als auch als Verpflichtung gegenüber einer naturwissenschaftlich präzisen und ethisch vertretbaren Haltung müßte Bayer bereit sein,
-  gestiegene Temperaturen, zunehmende Klimaanomalien, Hoch-
   wasser  und Orkane wenigstens schlimmstenfalls als Vorboten eines
   menschengemachten Treibhauseffektes zu akzeptieren;
-  zu erkennen, daß bis zu einem widerspruchsfreien Beweis keine Zeit
   mehr zur Abwendung oder Milderung des dann bewiesenen Klima-
   wandels wäre.
-  dann in Anerkennung dieser Fakten auch über angeblich schon
   ausgeschöpfte Energiesparpotentiale hinauszugehen.

Um nicht mißverstanden zu werden, die aus ökonomischen Gründen durch technische Verbesserungen erzielten Reduktionen der Treibhausgasemissionen sind zu begrüßen, helfen sie doch, das deutsche Klimaschutzziel zu erreichen.Doch mit der in dem Responsible- Care-Bericht vorgelegten Argumentationslinie lassen sich alle weitergehenden Maßnahmen auf die lange Bank schieben.

Auch die Umstellung der Chlorproduktion vom Amalgamverfahren auf das Energie sparende Membranverfahren leistet  einen Beitrag zur Energiereduktion; doch dieser Beitrag ist zwangsläufig. Die Umstellung war längst überfällig aus ökologischen Gründen zur Reduktion der Quecksilber-Emissionen in die Gewässer. Das langjährige Hinnehmen derart gefährlicher Abwässer war schon skandalös; jetzt setzt der Bayerkonzern dennoch die Mißachtung der Ökologie fort, indem weiter an einer gigantischen Produktion von Chlor festgehalten wird. Dessen Gesamtmenge wie auch seine Weiterverwendung bis hin zu Chlorverbindungen in offener Anwendung ist weit entfernt von einem Einklang von Ökonomie und Ökologie, wie sie Schneider anzustreben trachtet. Hier überwiegen die Risiken für Arbeitnehmer, Anwohner, Verbraucher und Umwelt.

Unter dem vielsagenden Titel "Aus Schaden klug werden" finden einige Berichte zu Fragen der Sicherheit Platz. Nur wird erneut mit einem Titel mehr suggeriert, als tatsächlich von "Betriebsstörungen", die tatsächlich Störfälle im Sinne des Gesetzes waren, gelernt wurde. So sehen wir großformatig die wiederhergestellte Anlage, aus der 1997 12 Tonnen Toluylendiamin (TDA) freigesetzt wurden, versehen mit "weiter verbesserten Sicherheitseinrichtungen". Hier bleibt völlig unbegreiflich, wie man eine Anlage aus der ein derart problematischer Stoff austreten kann, ohne zusätzliche Ummantelungen beläßt, zumal seine Folgereaktion auch besser mit einem Sicherheitscontainment versehen werden müßte. Wieder einmal wird die Problematik eines Stoffs heruntergespielt, wenn davon die Rede ist, daß TDA an der Luft "sehr schnell zu festen, polymeren Reaktionsprodukten" umgesetzt werde. Trotz leichter Oxidierbarkeit verbleiben immer Restmengen an TDA.

Auch der Bericht zum Explosionsstörfall in Wuppertal-Elberfeld vom Juni 1999 ist sehr dünn und dürftig ausgefallen. Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie wenig in der Chemie von früheren Störfällen gelernt wird. Umgesetzt wurde ein Chlor-nitrobenzol, analog zum spektakulären Störfall bei der Hoechst-AG 1993. Unabhängig davon, ob und wieso die rätselhafte Verwechslung von pulverförmiger Pottasche und Ätzkali-Schuppen oder -Plätzchen stattgefunden hatte, mußte allen Verantwortlichen längstens seit Hoechst-93 bekannt sein, wie stürmisch Chlornitrobenzole mit Alkalien - ganz gleich welcher Art - reagieren können. Und mindestens seit Seveso 1976 ist allgemein bekannt, daß aromatische Chlorverbindungen bei der Umsetzung mit Alkalien extremes Verhalten zeigen können. Wo blieb die nötige Vorsorge bei diesem Ansatz, bei diesem Verfahren ? Wann endlich wird man aus Schaden klug ? Und wann wird von Bayer die folgende eigene Aussage im Bericht unter "Wir stellen uns der Verantwortung" beherzigt:

   " Sollten wider Erwarten dennoch einmal von einem unserer Produkte
   unerwartete Risiken für Mensch und Umwelt ausgehen, werden wir -
   ungeachtet wirtschaftlicher Interessen - die Produktion einstellen."

Doch gemach - das hieße ja Vorrang von Ökologie vor Ökonomie -, deswegen schiebt der zuständige Vorstandssprecher noch schnell den Satz nach:

   "Deshalb ist eine objektive Überprüfung dieser Risiken ein 
   wesentliches Element der Produktsicherheit."

Solange die "objektive Überprüfung" eher Bayer-intern, ohne kritischen externen Sachverstand abläuft, wird es weiterhin beim Vorrang der wirtschaftlichen Interessen bleiben. Der Vorsorgeaspekt, im Zweifel auf Produkte und Produktionen zu verzichten, wird dann nie erwogen. So bleibt die Devise Vorsorge statt Nachsorge für den integrierten Umweltschutz halbherzig, das Herz schlägt für die Ökonomie.

Dies zeigt sich beispielhaft bei der Position zu den gesundheitlichen Risiken von Umweltöstrogenen und bei den Zielsetzungen für die Emissionen in Luft und Wasser. "Die Hypothese von der Verminderung der Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen durch hormonartig wirkende Industriechemikalien wird aufgrund der experimentellen Daten unwahrscheinlicher. Damit besteht für die Gesundheit des Menschen kein akuter Anlass zur Sorge." Wird Prof. Hulpke zitiert. Ein kühner Satz, eine noch kühnere Entwarnung, insoweit "akut" zu reagieren wäre. Die chronischen Anlässe zur Sorge verbleiben. Schließlich werden mit diesem Satz vielfältige tierexperimentelle Befunde, toxikologische Untersuchungen im Reagenzglas, aber auch Befunde an Arbeitnehmern bei vielen Industrie-chemikalien als nicht relevant erklärt, dies ist unerhört. Skandalös ist es, wenn man erfährt, daß auch das beim Dormagener Störfall ausgetretene TDA im Verdacht stehen muß, beim Menschen reproduktionstoxisch zu wirken. Und wenn man erfährt, daß die Unbedenklichkeitserklärung für Bisphenol-A allenfalls für die Einhaltung des MAK-Wertes von  5 Milligramm pro Kubikmeter Luft gelten kann. Die im Reagenzglas wie auch im Tierversuch nachgewie-
sene östrogene Wirksamkeit kann, solange nicht epidemiologische Langzeitstudien etwas anderes belegen, auch beim Menschen auftreten.
Solange die Vielfalt der Industriechemikalien nicht auf ihre Wirkungen alleine und in Kombination untersucht sind - eine Aufgabe von Jahren - lassen sich solche Aussagen überhaupt nicht treffen.

Diese skandalösen Unbedenklichkeitserklärungen müssen schließlich als Frechheit empfunden werden, wenn man sich erinnert: Schon im März 1999 hat der VCI auf einer Pressekonferenz die gleichen Behauptungen aufgestellt, woraufhin das Umweltbundesamt (UBA) richtig stellen mußte. In einer Pressemitteilung des UBA heißt es: "Es kann noch kein genereller Schlußstrich unter die Debatte über die hormonellen Wirkungen von Chemikalien auf den Menschen gezogen werden." und "Vorsicht ist vor allzu schnellen Schlußfolgerungen bei den hormonellen Wirkungen von Chemikalien auf den Menschen geboten, zumal neue Studien zeigen, daß auch in Deutschland die Spermien-
qualität des Menschen abnimmt."

Würde Bayer  tatsächlich Vorsorge, mehr Verantwortung für Umwelt und die Zukunft zeigen, müßten die extrem kurzfristig - lediglich für 2000 - formulierten Emissionsziele nicht nur für, sagen wir, 2010 angegeben werden, sondern dann auch noch deutlich reduziert werden, damit endlich in diesem angebrochenen Jahrhundert die von der Internationalen Nordseekonferenz geforderte Nullemission erreicht werden kann. So aber sind die Ziele für 2000 nur eine Dokumentation des Endes der Fahnenstange für den Umweltschutz - ganz gleich ob additiv oder integrativ - das schon seit geraumer Zeit von der Chemischen Industrie gefordert wurde.

Der "Irresponsible Care - Bericht" von Bayer für 1999 weist also wieder das alte Verhaltensmuster der Chemie-Industrie auf: Schöne Reden und Gestaltungen für die Lobby und die Ökooptimisten, skandalöse Verharmlosungen und Relativierungen im Wesentlichen, ansonsten dominieren die ökonomischen Interessen jede weitergehende Verantwortung.