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Eine Bananen-Plantage bringt den Untergang

Kamukhaan: das Dorf, die Pestizide
und der Tod

Seit in der Nähe des philippinischen Dorfes Kamukhaan eine Bananen-Plantage angelegt wurde, ist nichts mehr wie zuvor. Die großflächig eingesetzten Pestizide von BAYER und anderen Herstellern verursachen massive Gesundheitsstörungen, verseuchen das Trinkwasser und lassen die Vegetation absterben. Die Bevölkerung von Kamukhaan wurde ihrer gesamten Existenzgrundlage beraubt. Der Arzt Dr. Romeo Quijano, Vorsitzender des philippinischen PESTICIDE ACTION NETWORK besuchte den Ort und sprach mit den BewohnerInnen.

Von Dr. Romeo Quijano

Der Ort sieht öde und verlassen aus. Stünden nicht zwischen den schäbigen Hütten einige verarmte Menschen, könnte man ihn für eine Geisterstadt halten. 150 Familien leben in Kamukhaan, einem philippinischen Dorf auf der Insel Mindanao. Seit 19 Jahren sind sie und das Land, das sie ernährt, einem Tod auf Raten ausgesetzt. Mit der Bananen-Plantage, die die Firma GADECO in unmittelbarer Nähe 1981 anlegte, kamen Vergiftungen, Krankheiten und Armut. Seither leidet das Dorf unter den Pestiziden, mit denen die Plantagen-Besitzer die Bananen zwecks Ertragssteigerung behandeln. Der ständige Gift-Nebel tötet Menschen, Tiere und Pflanzen. Doch während die "makellosen" Bananen ihre Reise zu den großen Frucht-Konzernen und den KonsumentInnen in fernen Ländern antreten, müssen die BewohnerInnen von Kamukhaan bleiben und den hohen Preis für die agro-industrielle Produktion zahlen.

Kamukhaan war nicht immer das Ödland, das es heute ist. Wie die Ältesten wehmütig erzählen, war das Dorf einst reich an natürlichen Ressourcen. Niemand brauchte zu hungern. Es gab Bäume und alle Arten von Vegetation, der See war voller Leben. Die Dorfbewoh-
nerInnen, die vom Fischfang oder dem Getreideanbau lebten, hatten stets mehr als genug, um ihre Familien zu ernähren und ein einträgliches Leben zu führen. Das Landstück, auf dem jetzt die Bananen-Plantage angesiedelt ist, war einst in Besitz der Buloy-Familie, die zum Manobo- Stamm gehört. Der 71jährige Diego Buloy, der letzte Überlebende der Dynastie, erzählt: "Sie gaben vor, auf dem Land Rinder züchten zu wollen. Aber sie betrogen uns, und wir leiden immer noch an den Folgen." Der GADECO-Konzern versprach ein "banana dreamland", das Wohlstand für die ganze Region bringen sollte. Was übrig blieb, war jedoch ödes, karges Land, ein verseuchter See und 700 kranke, verarmte Menschen, die gezwungen sind, giftige Luft einzuatmen.

Pestizide aus Sprühflugzeugen
Seit dem Bau der Plantage sind die DorfbewohnerInnen zwei- bis dreimal im Monat den per Flugzeug versprühten Pestiziden ausgesetzt. Nicht einmal in ihren Häusern können sie den Ackergiften entkommen. Ihre Augen brennen, und die Haut beginnt zu jucken. "Kinder, die auf der Straße gespielt haben, kehren hustend nach Hause zurück und klagen über schmerzende Augen", erzählt Alona Tabarlong. Vorher kernge-
sunde Kinder und Erwachsene sind heute extrem krankheitsanfällig, die verschiedensten Krankheiten breiten sich unter den Dorfbewohnern aus. Sie bekommen leicht Fieber und leiden regelmäßig unter Schwäche-
anfällen, Schwindelgefühlen, Übelkeit und Husten-Attacken. Andere haben Asthma, einen Kropf, chronischen Durchfall oder Anämie (Blutarmut). Bei einigen Erwachsenen haben die Ärzte Krebs diagnostiziert.

Chronische Krankheiten und plötzliche Todesfälle sind in Kamukhaan alltäglich. Ein Angestellter der Dorf-Verwaltung bestätigt, dass im vergangenen Monat fünf Menschen an Durchfall oder hohem Fieber gestorben sind. Und Nanette Rodriguez berichtet: "Allein im Juli 1999 sind neun Menschen gestorben. Schon vorher sind viele krank geworden, von denen einige mittlerweile tot sind. Deshalb gingen wir zum Geschäftsführer der Plantage. Aber er sagte, die Gesellschaft komme nicht für unsere Krankenhaus-Rechnungen auf, da es unser verschmutztes Wasser sei, dass die Krankheiten verursache - obwohl die Ärzte im Hospital sagten, dass unser Wasser-Reservoir mit Pestiziden vergiftet ist, die durch die Erde gesickert sind."

Kinder besonders gefährdet
"Erst gestern verlor eine Frau zwei ihrer Kinder" erzählt ein Dorfbewohner. Babys kommen oftmals schon krank oder mit Missbildungen zur Welt. Viele haben von Geburt an schwere Hautleiden. Nicht selten sterben die Säuglinge bei der Niederkunft oder kurz danach. Die Pestizide haben auch eine fatale Auswirkung auf die geistige und körperliche Entwicklung der Kinder, viele versäumen wegen ihrer Krankheitsanfälligkeit häufig die Schule. Die 8jährige Lilibeth Hitalia beispielsweise ist wegen ihres chronischen Durchfalls zu häufigen Krankenhaus-Aufenthalten gezwungen. "Bei ihrer Geburt war sie sehr klein, und sie begann erst mit vier Jahren zu sprechen. Noch immer hat sie ein beeinträchtigtes Auffassungsvermögen", sagt uns ihre Mutter.

Auch die Getreide- und Pflanzenfelder des Dorfes leiden unter den Giften. Seitdem auf der Plantage Pestizide verspritzt werden, tragen die Kokosbäume keine Früchte mehr, die DorfbewohnerInnen waren gezwungen, die Bäume zu fällen. Auch der Boden ist unfruchtbar geworden, so dass der Getreideanbau zur Selbstversorgung oder Sicherung des Lebensunterhalts kaum noch möglich ist. Die Aufzucht von Schweinen, Hühnern und anderen Tieren wird immer schwerer, da viele während der Spritz-Phasen verenden.

Die Pestizide werden jedoch nicht nur von der Luft aus versprüht. Landarbeiter spritzen Agrochemikalien wie Carbofuran oder das von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "extrem gefährlich" eingestufte Fenamiphos auch direkt auf die Bananen-Stauden - Hersteller von Fenamiphos ist das Leverkusener Unternehmen BAYER (Produktname NEMACUR). Die Einwohner von Kamukhaan vermuten, dass ihr 50 Meter unter dem Erdboden liegendes Wasser-Reservoir verseucht ist. Während der Niederschlagszeit nimmt das Regenwasser die Pestizide von den Feldern auf und fließt in Richtung Dorf, wo der Wasserstand dann manchmal Hüfthöhe erreicht. Die Bewohner sind gezwungen, durch das Wasser zu waten, die darin spielenden Kinder werden oftmals krank.

Verseuchtes Wasser
Noch schlimmer für die Kamukhaaner ist, dass die Pestizide auch den Fluss und den See - die Hauptquellen für Nahrung und Lebensunterhalt - nicht verschonen. Ihr Wasser, in dem es einst vor Fischen nur so wimmelte, ist heute pestizid-verseucht. Fischer erinnern sich noch an die Zeit vor 30 Jahren "als wir jeden Tag 200 Kilogramm Fisch fingen. Heutzutage sind wir froh, wenn es noch zwei Kilo sind".
Das Fischsterben ist in Kamukhaan Alltag geworden. Einige BewohnerInnen sind auf den vergifteten Fisch als Nahrungsmittel angewiesen und deshalb häufig krank.

Schon oft hat sich die Dorfbevölkerung bei den Plantagenbesitzern beschwert, aber diese haben eine Verantwortung für den Schaden, den ihre Pestizide anrichten, immer abgelehnt. Einmal zogen die Fischer mit toten Fischen, Wasser- und Bodenproben ins Rathaus, aber auch dort stießen ihre Klagen nur auf taube Ohren. Jetzt, da die Pestizide die natürlichen Lebensgrundlagen des philippinischen Ortes zerstören, gehen die DorfbewohnerInnen, die vorher nie Hunger leiden mussten, oftmals mit einem leeren Magen ins Bett. Der Möglichkeit beraubt, Tätigkeiten als Fischer oder Bauer auszuüben, sind viele Männer genötigt, auf der Bananen-Plantage zu arbeiten. Dort müssen sie die Pestizide oftmals ohne angemessene Schutzkleidung ausbringen. Ein Arbeiter erzählt, wie er durch die zwischen den Bananen-Stauden angelegten Abfluss-Kanäle gehen musste, wo das pestizidhaltige Wasser ihm bis zu den Schenkeln reichte und in seine Schuhe lief. Durch eine Infektion verlor er zwei Zehen und war auch noch gezwungen, für die Behandlung selber aufzukommen.

Zwei Männer, die den Wirkstoff Paraquat verspritzten, kamen ins Krankenhaus - einer von ihnen starb. Viele Arbeiter klagen ständig über Schwindelanfälle, Schwächegefühle oder Hautjucken und können deshalb häufig nicht zur Arbeit kommen. Edward Rama, der die Bananen jede Woche mit dem in den USA nicht zugelassenen Wirkstoff Bitertanol (enthalten in den BAYER-Produkten BAYCOR und BAYMAT) behandelt, berichtet, dass er leicht ermüdet, Fieber bekommt und unter Magenproblemen sowie Hautjucken leidet. Für diese gesundheitsruinierende Tätigkeit müssen sich Landarbeiter mit einem Hungerlohn von 45 Pesos (1,1 Dollar) oder gar mit Naturalien abspeisen lassen.

Würde irgendjemand auf der Welt so weit gehen, im Namen des Profits 700 Menschen langsam und gewissenhaft zu zerstören? Die Antwort lautet: Ja. In einem abgelegenen Dorf wie Kamukhaan zeigen sich die Auswirkungen von Globalisierung und Gier am deutlichsten. Leider nehmen nur wenige davon Notiz. Der Schaden, den profitversessene Konzerne angerichtet haben, kann nur mit der Hilfe von Menschen behoben werden, die den Wert des menschlichen Lebens über den von Geld und Gewinn stellen. Vielleicht gelingt es uns mit den Bewohnern von Kamukhaan zusammen, das Dorf wieder aufzubauen und für eine Welt zu arbeiten, in der wir und unsere Kinder gerne leben. Solange es Dörfer wie Kamukhaan gibt, ist die Schlacht gegen Ungerechtigkeit, menschliche Gier und Unterdrückung nicht gewonnen.