SWB 02/00

Freiheit für Vitamine:

Kritik am Menschheitsretter Dr. Matthias Rath

Seit Wochen wird in ganz Deutschland der Slogan "Stoppt das Pharma-Kartell" großflächig plakatiert. Die Losung dieser millionenschweren Kampagne, finanziert "mit Unterstützung von Patienten, denen Vitamine mehr geholfen haben, als Medikamente", zielt in eine richtige Richtung. Doch ihr Initiator, der Vitaminverkäufer Dr. Matthias Rath, will offenbar vor allem Geld verdienen.

Vitamine können zur Vorbeugung von Herzinfarkt, Schlaganfall und sogar Krebs beitragen. Gegen diese Erkenntnis des Mediziners Dr. Rath, früherer Leiter der Herz-Kreislaufforschung am Institut des zweifachen Nobelpreisträgers Linus Pauling (USA), läuft die Pharmaindustrie Sturm. Zum Erhalt ihres milliardenschweren Pillen-Marktes haben die Konzerne im Verbund mit Regierungen ein weltweites Kartell unter dem Namen "Codex Alimentarius" gegründet. Denn wenn sich die Vitamin-Therapie zur Behandlung der Volkskrankheiten durchsetzt, müssen die mächtigen Pharmaunternehmen mit Milliardenverlusten rechnen.

Der Kalziumantagonist Adalat des Leverkusener Unternehmens Bayer, einst das meistverkaufte Medikament der Welt, würde ein Nischendasein führen, ebenso Bayotensin gegen Bluthochdruck und Lipobay gegen zu hohe Blutfettspiegel. Adalat soll einer amerikanischen Studie zufolge das Risiko, an plötzlichem Herztod zu sterben, signifikant erhöhen, Bayotensin gilt unter MedizinerInnen als Mittel der zweiten Wahl und Lipobay steht unter dem dringenden Verdacht, Krebs zu erzeugen. Kein Wunder also, dass unter dem Druck von Bayer & Co Vitamine und andere Naturstoffe "medizinisiert" oder gar verboten werden sollen. In den USA werden neuerdings Großrazzien bei Kräuterhändlern durchgeführt und alternative Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln kriminalisiert.

Nun holt Dr. Rath zum Gegenschlag aus. Doch sein Kampf gegen den "Codex" ist keineswegs uneigennützig. Denn der "Menschheitsretter" will die ganze Welt dazu bewegen, seine eigenen, für teures Geld vertriebenen Vitaminpräparate zu schlucken. Politik als Vehikel der Absatzförderung?

Dabei spricht Dr. Rath vielen Pharma-KritikerInnen aus der Seele. Für Profit gehen die Multis über Leichen, so der Mediziner. Und: Die Kunst, PolitikerInnen bis hin zu Ex-Kanzler Kohl zu instrumentalisieren, reiche bis in die Nazi-Zeit zurück. Doch die Geschichtsauffassung von Dr. Rath entgleist immer wieder schwerwiegend. So vergleicht er in einer aktuellen Veröffentlichung die Wannsee-Konferenz von 1942 mit dem Codex-Treffen im Juni 2000, das ebenfalls in Berlin "keine 20 Kilometer Luftlinie vom Wannsee entfernt" stattfinden wird. O-Ton Dr. Rath: "Damals wie heute stehen Gesundheit und Leben von Millionen Menschen auf dem Spiel. Damals waren es sechs Millionen Juden, deren Tod ... besiegelt wurde. Auch die Codex-Konferenz ... hat den vermeidbaren Tod von Millionen Menschen zur Folge." Die vorherseh-
bare Zahl der Opfer werde heute um ein Hundertfaches größer sein als damals, wenn hochdosierte Vitamine im Sinne des Pharma-Kartells medizinisiert und somit quasi verboten würden. Der historische Vergleich zwischen der Wannsee- und der Codex-Konferenz kommt, wenn auch vielleicht ungewollt, einer Verhöhnung des Leides der Opfer des Nazi-Regimes gleich.

So wenig wie die historische Analyse besticht, überzeugen die Produkte des Dr. Rath. Die in seinen Werbeprospekten angeführten "klinischen Beweise" beziehen sich nicht, wie suggeriert wird, auf die von Rath entwickelten Präparate, sondern auf einzelne Inhaltsstoffe, etwa Vitamin C oder Folsäure. Es wird nicht deutlich, welche überragenden Eigenschaften die von ihm vertriebenen "Zellular-Medizin-Bausteine" gegenüber anderen hoch dosierten Vitaminmischungen besitzen. Schließlich bleibt zweifelhaft, ob die von Raths Firma und Vertriebs-
gesellschaft für teures Geld angebotenen Produkte (Behandlungskosten pro Person ca. 70 bis 130 Mark im Monat!) nicht schlechter als frisches Obst und Gemüse (oder Spirolina, OPC etc.) wirken. ExpertInnen jedenfalls kritisieren die schlechte Bioverfügbarkeit von in Pillenform zugeführten Vitaminen. Die Verbraucherzentrale beurteilt die Rath-Präparate schlichtweg als "teuer und überflüssig".

Insgesamt erscheint der Marktauftritt des engagierten Kämpfers gegen Konzernwillkür sehr großspurig. Dr. Rath stellt sich ohne Scham in die Tradition des visionären Galilei oder eines Martin Luther, dessen Werk, die ins Deutsche übersetzte Bibel, anfänglich ebenso wie die eigenen Studien "zensiert" worden sei. Auch politisch ist der Kampf des Dr. Rath kritikwürdig. Seine hochtrabend "Weltgesundheitsnetz" genannte Organisation, die Firmenzentrale seines Vitaminvertriebes im niederländischen Almelo, ist quasi nur per Fax erreichbar. Das ganze Unterfangen ist nicht einmal ansatzweise in Strukturen von Nicht- Regierungsorganisationen integriert. Auf Kooperationsangebote reagiert der selbstherrlich auftretende Kämpfer für die Vitaminfreiheit nicht oder im Falle einer kritischen Bewertung sogar mit Androhung von Rechtsmitteln.

Fazit: Die Vitaminfreiheit muss erhalten bleiben. Die Gesundheit darf nicht den Interessen der Konzerne geopfert werden. Aber: Der Kampf gegen den Codex Alimentarius darf auch nicht wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden.

Hubert Ostendorf, Wissenschafts-Journalist, Vorstandsmitglied der Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V., Tel: 0211-333 911