SWB 02/00 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Tarifrunde 2000
Bei den diesjährigen Tarif-Verhandlungen erweckte die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) den Eindruck, nicht so sehr gegen die VerhandlungsführerInnen von BAYER & Co. als vielmehr gegen die IG METALL zu kämpfen. Die traditionell Arbeitgeber-freundliche Gewerkschaft wollte ihren Abschluss nämlich unbedingt vor dem der IG METALL unter Dach und Fach haben, um nicht durch eventuell erfolgreiche Forderungen der Metaller nach 5,5 % Lohnsteigerung und einer Rente ab 60 unter Druck zu geraten. Das ist der Chemie- Gewerkschaft gelungen. Vereinbart wurde pro Jahr eine effektive Entgelt-Erhöhung von mageren 2,67 %. Ein Hohn angesichts der Profite von BAYER & Co. im Geschäftsjahr 1999. Zudem enthält der Tarifvertrag weitere Unzumutbarkeiten. So stimmte die IG BCE einer Öffnungsklausel mit dem Argument zu, auf diese Weise Ausgliederungen in den Bereichen "Werkskantine" oder "Logistik" verhindern zu können. Diese Regelung macht es BAYER nun möglich, überall dort, wo es konkurrierende Tarif-Verträge gibt, wie etwa im Logistik-Bereich den der ÖTV, per Betriebsvereinbarung oder Haustarif niedrigere Entgelte auszuhandeln. Entsprechend zufrieden ist der Bundesarbeitgeberverband Chemie. "Arbeitgeber loben Chemie- Einigung", titelte beispielsweise die UnternehmerInnen-Postille FAZ.

Arbeitsplatzvernichtung im Pharma-Bereich
BAYER treibt die Arbeitsplatzvernichtung im Geschäftsfeld "Pharma" durch Versetzungen innerhalb der Fertigung und durch die Altersteilzeit- Regelung massiv voran. Und das, obwohl in den einzelnen Abteilungen teilweise viele Überstunden anfallen. Das berichten die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine linke Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem Mai-Flugblatt.

Arbeitsplatzvernichtung bei AGFA
Die ehemalige BAYER-Tochter AGFA, an der der Leverkusener Chemie-Multi über ein Aktien-Paket immer noch eine Beteiligung von 30 % hält, kündigte eine massive Arbeitsplatzvernichtung im Bereich "Consumer Imaging" an. Obwohl das Geschäft mit Laborgeräten, Desktop Publishing und Film dem Konzern im letzten Jahr einen Gewinn von 60 Millionen Euro bescherte, sollen laut Arbeitsdirektor Hujer ca. 450 Stellen gestrichen werden. Das berichten die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine linke Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem Mai-Flugblatt.

Investoren-Gruppe kauft TROPON-Werke
BAYER hat das Mülheimer TROPON-Werk an eine Investoren-Gruppe verkauft, die aus den Pensionsfonds großer nordamerikanischer Unternehmen wie IBM, KODAK, COCA-COLA und BOEING besteht. Auf Initiative der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) hatte das Management bei der Suche nach einem Interessenten die Unternehmensberatung KIENBAUM eingeschaltet. Sie wählte unter mehreren Kandidaten den Finanzdienstleister ADVENT INTERNATIONAL aus, der wiederum die Investoren-Gruppe vermittelte. Die Gewerkschaft wertet den Verkauf als großen Erfolg und ist zuversichtlich, dass TROPON nicht unter die Shareholder-Räder kommt. Die Investoren-Gruppe lege eindeutig den Schwerpunkt auf Unternehmenswert-Steigerung, nicht auf Dividenden-Ausschüttung, so IG BCE-Geschäftsführer Gerd Hengsberger zur Kölnischen Rundschau. Die neuen Besitzer übernehmen alle Beschäftigten, akzeptieren die Betriebsvereinbarungen und nehmen keine Lohn-Kürzungen vor. Trotzdem ist es bei einer so komplexen, über den internationalen Finanzmarkt vermittelten Eigentümer-Struktur mehr als fraglich, ob die Zukunft von TROPON langfristig gesichert ist und das Unternehmen nicht bei der nächstbesten Gelegenheit weiterverkauft oder gar liquidiert wird. 

Produktionsverlagerung nach Frankreich
BAYER verlegt die Produktion der Kautschuke E-SBR und NBR, die zur Herstellung von Gummireifen, Schläuchen und Dichtungen verwandt werden,  komplett von Leverkusen nach La Wantzenau in Frankreich. Der Konzern investiert dort 20 Millionen Euro in den Ausbau der Anlagen. Ausschlaggebend für die Unternehmensentscheidung war die zentrale Lage des Standortes innerhalb Europas. In Leverkusen vernichtet der Chemie-Multi durch diese "Umstrukturierungsmaßnahme" 85 Arbeitsplätze, wieviele in Frankreich geschaffen werden, ist nicht bekannt.

Einschnitte beim Geschäftsfeld "Chemie"
Auf der Bilanz-Pressekonferenz am 17. März kündigte Konzern-Chef Manfred Schneider eine zweite "Restrukturierungsphase" für die Chemie-Sparte an. "Im Kern steht die Herausforderung nach Kosten-Optimierung bei unseren Basis-Chemikalien sowie Wachstum  bei der Fein- und Spezialitätenchemie", so der BAYER- Vorsitzende. Als Problemfelder bezeichnete er die Flusssäure und Folge-Produkte sowie die Farbstoff-Zwischenprodukte. Mit Lösungen war er wie immer schnell bei der Hand. Wenn eine Produktgruppe die Kapitalverzinsung nicht erreiche, komme sie weg, so Schneider gegenüber der Presse. Auf eine Nachfrage der Rheinischen Post gab ein Konzern-Sprecher wenig später eine vorsichtigere Antwort. Nach seinem Bekunden stehen im Bereich "Flusssäure" keine Schließungen und in der Sparte "Farbstoff- Zwischenprodukte" lediglich Sortimentsbereinigungen an. Die Einschnitte, wie gravierend sie auch sein mögen, bedeuten in jedem Fall die Vernichtung weiterer Arbeitsplätze.

Börsengang der DYSTAR
Ende letzten Jahres fusionierte DYSTAR, das Textilfarbstoff- Gemeinschaftsunternehmen von BAYER und HOECHST, mit der Farbstoff-Sparte der BASF. Damit wurde 1924 von BAYER, HOECHST, BASF und anderen Chemie-Firmen gegründete Verbrecher-Konzern IG FARBEN, der das Zyklon B für die Gaskammern produzierte, in Teilen wiederbelebt. Im April kündigte das Triumvirat nun an, die DYSTAR in eine Aktiengesellschaft umwandeln zu wollen. In drei Jahren soll sie börsentauglich gemacht werden. Das bedeutet wie auch im Falle des Börsengangs der AGFA Arbeitsplatzvernichtung, Ausgliederungen, Schließung von Teilbereichen und Verstärkung der Arbeitsdichte durch Rationalisierungen.

Farbstoff-Ausgliederungen in Brunsbüttel?
Während in Brunsbüttel die Kunststoff-Produktion boomt, erfüllt die Chemie-Sparte nicht die Erwartungen der Geschäftsleitung. Konkrete Umstrukturierungsmaßnahmen stehen derzeit im Bereich des Farbstoff-Zwischenprodukts H-Säure an. Da auf den Weltmärkten die Preise für diese Chemikalie um bis zu 40 % fielen, ist BAYER der Produktionszweig nicht mehr rentabel genug. Im Moment verfährt der Chemie-Multi zweigleisig: Er fahndet nach Einspar-Potenzialen durch Verfahrensverbesserungen; zugleich sieht er sich nach Interessenten für einen Kauf oder ein Joint Venture um. Für die 140 MitarbeiterInnen der betroffenen Brunsbütteler Chemie-Sparte kündigen sich somit harte Zeiten an.

Hochregal-Ausgliederung in Brunsbüttel
Die Ausgliederung des Konzern-eigenen Hochregallagers in Brunsbüttel nimmt konkretere Formen an. Die Werksleitung führt derzeit mit einem Brunsbütteler Spediteur Gespräche über eine Kooperation.

EC ERDÖL-Verkauf so gut wie sicher
Die Anzeichen, dass der BAYER-Konzern seinen 50 %-Anteil an der EC-ERDÖLCHEMIE im nächsten Jahr an die BP verkaufen wird, häufen sich. Ab 2001 brauchen Unternehmen nämlich keine Abgaben mehr zu zahlen, wenn sie sich von inländischen Beteiligungen trennen. Dieses Steuer-Geschenk aus dem Hause Eichel hat sich der Finanzstaatssekretär Heribert Zitzelsberger ausgedacht. Als ehemaliger Steuer-Chef von BAYER weiß er eben ganz genau, was Konzerne wünschen.

BAYER für Green Cards
Bei BAYER sind vor dem Gesetz der Kapital-Verwertung alle Menschen gleich. Jürgen S. Kussig, beim Konzern für die Systemverfahrenstechnik zuständig, begrüßte deshalb den Plan der Bundesregierung, ausländischen Computer-SpezialistInnen in der Bundesrepublik Arbeitsgenehmigungen zu erteilen. Er kritisierte jedoch, die Zahl der Green Cards auf 20.000 zu beschränken, da der Bedarf an Fachkräften größer sei.

Spülküche: Ausgliederung auf Raten
Im Leverkusener Werk lagert BAYER die Arbeitsplätze in der Spülküche sukzessive zur BAY-REST GmbH, einer 100 %igen Konzern-Tochter, aus. Für diese Gesellschaft gelten nämlich die niedrigeren Tarife der Gewerkschaft NAHRUNG, GASTSTÄTTEN, GENUSSMITTEL. Dazu trickst der Konzern noch mit den Kombilöhnen. Diese staatlich subventionierten Entgelt-Zahlungen sollten eigentlich zur Schaffung von Arbeitsplätzen im Niedriglohnsektor dienen. An sich schon ein heftig kritisiertes Unterfangen. BAYER allerdings nutzt es über die schlimmsten Befürchtung hinaus aus. Der Konzern versetzt Kantinen-MitarbeiterInnen aus dem Spülbereich und gliedert die frei werdende Stelle zur BAY-REST aus. Dort entsteht durch die Umbuchung formal ein neuer, billigerer Arbeitsplatz, deren Besetzung sich der Chemie-Multi via Kombilohn-Programm vom Staat mitfinanzieren lässt. Das berichten die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine linke Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem Mai-Flugblatt.

SAP wird teuer
Von der Einführung der Unternehmenssoftware SAP, mit der sämtliche Betriebsteile vernetzt werden, erhofft sich der Leverkusener Chemie-Multi beträchtliche Rationalisierungseffekte. Bei den Kosten für die Umstellung hat sich BAYER allerdings deutlich verschätzt. Sie werden mit ca. 2,7 Mrd. Mark etwa doppelt so hoch ausfallen wie ursprünglich vorgesehen und belasten damit sogar das Konzern- Ergebnis für das Geschäftsjahr 1999. Der Aufbruch in den "digitalen Kapitalismus" scheint auch bei anderen Firmen nicht reibungslos zu verlaufen. In letzter Zeit häuften sich Schadensersatz-Klagen wegen Produktions- und Lieferausfällen, die durch Schwierigkeiten bei Software-Einführungen bedingt waren.

PATRICIA kauft Münchner Wohnungen
Da der BAYER-Konzern die Bereitstellung von preiswertem Wohnraum für seine MitarbeiterInnen nicht mehr zu seinen "Kerngeschäften" zählt, trennt sich der Chemie-Multi von seinen Immobilien. Im Rahmen dieser Ausgliederung verkaufte er auch die Münchner Werkswohnungen seiner Noch-Tochtergesellschaft AGFA für 100 Mio. Mark an den Augsburger Firmen-Verbund PATRICIA. Allerdings ohne die MieterInnen über die Transaktion zu informieren. Da die Betriebsvereinbarung mit BAYER über einen Kündigungsschutz und einen 11-prozentigen Abschlag auf die Grundmiete am Jahresende ausläuft, befürchten die in den Werkswohnungen Lebenden saftige Mieterhöhungen. Mitte April versammelten sich deshalb über 200 MieterInnen in der Münchner AGFA-Kantine, wo sie vergeblich auf einen PATRICIA- Vertreter warteten. "Der Verkauf ist eine Schweinerei!", so Inge Rapp, "In den Wohnungen leben viele alleinstehende Frauen. (...) BAYER zieht die Alleinstehenden hier einfach über den Tisch."

ErfinderInnen werden abgespeist
Da hat BAYER wieder einen guten Schnitt gemacht. Durch Verbesserungsvorschläge von Belegschaftsangehörigen sparte das Unternehmen allein im ersten Jahr der Umsetzung über 35 Mio. Mark ein. An Prämien zahlte der Konzern jedoch pauschal nur insgesamt 11 Mio. Mark aus. Für diese Summe mussten die ErfinderInnen alle Rechte an ihren Entwicklungen dem Chemie-Multi überlassen.

Bonus-Zahlungen bleiben bei 35 %
Vor der 1997 geschlossenen "Standortsicherungsvereinbarung" zahlte BAYER der Belegschaft noch einen jährlichen Bonus von 85 % eines durchschnittlichen Monatseinkommens. 2000 liegt die Summe wie im Vorjahr nur noch bei 35 % des Entgelts. Und wie im Vorjahr verlangt Personalvorstand Hans-Jürgen Mohr dafür auch noch Dankbarkeit von den Beschäftigten, da das operative Ergebnis der AG von 1,095 Mrd. Euro auf 1,076 Mrd. Euro gesunken sei. Ein Scheinargument, denn dieser Verlust ist nicht auf eine schlechte Wirtschaftslage zurückzuführen, sondern Teil einer wohlkalkulierten Geschäftspolitik, die gezielt auf Verkäufe und Ausgliederungen setzt. BAYERs Gesamtgewinn nach Steuern (also der deutschen AG sowie der weltweiten Niederlassungen) stieg im Geschäftsjahr 1999 von 1.615 Mrd. Euro auf 2.018 Mrd.. Ab 2001 fallen die Bonus-Zahlungen ganz weg, da der Konzern das System der Übertariflichen Zahlungen neu geordnet hat (Ticker 1/00). Sonderzuwendungen werden dann in starken Umfang von guten Beurteilungen durch Vorgesetzte abhängig gemacht.