SWB 02/00 - Ticker

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

BAYER zu peruanischen Pestizid-Toten
Im Oktober letzten Jahres starben 24 peruanische Kinder an einer Pestizid-Vergiftung. Es gibt viele Hinweise darauf, dass das BAYER-Ackergift Methyl Parathion, Produktname FOLIDOL, der Auslöser war. Deshalb schrieb eine MitarbeiterIn der INFORMATIONSSTELLE PERU einen Brief an das Chemie- Unternehmen. Darin forderte sie den Konzern auf, die betroffenen Familien zu entschädigen und den Verkauf von FOLIDOL in Peru einzustellen. In dem knappen Antwortschreiben lehnte der Chemie-Multi jede Verantwortung für das Unglück ab. Er verwies darauf, dass das zuständige Gesundheitsministerium mit Ethyl Parathion ein Pestizid als Vergiftungsursache ermittelt habe, das BAYER schon lange nicht mehr verkaufe. Hinweise auf FOLIDOL bezeichnete der Öffentlichkeitsarbeiter Dr. Jürgen Fröhling als reine Medien-Spekulation. Dies lässt sich jedoch nicht überprüfen. Vor Ort haben nämlich bisher weder die Opfer- AnwältInnen noch die VertreterInnen unabhängiger Initiativen die Ergebnisse der Ermittlungen zu Gesicht bekommen.

Philippinen: Pestizide zerstören 700 Leben
Edward Rama, der auf einer Bananen-Plantage in der Nähe des philippinischen Dorfes Kamukhaan regelmäßig den Wirkstoff Bitertanol, enthalten z.B. in BAYERs BAYCOR, versprüht, leidet unter zahlreichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Er klagt ständig über Müdigkeit, Magenschmerzen, Hautjucken und Fieber. Ähnliche Symptome ruft Fenamiphos, der Wirkstoff von BAYERs NEMACUR hervor. Die Pestizid-Ausbringungen auf dem Bananen-Anbaugebiet haben das Leben von 700 Menschen zerstört, so die Autoren der im Global Pesticide Campaigner erschienenen Reportage über das Dorf. Die Spritz-Einsätze, das verseuchte Wasser, die verunreinigten Lebensmittel und die mangelhaften Arbeitsschutz-Vorkehrungen haben unter anderem dazu geführt, dass Kinder mit Missbildungen auf die Welt kommen, Menschen an Krebs oder Durchfall-Attacken sterben und Fischer durch vergiftete Flüsse ihrer Lebensgrundlage beraubt worden sind.

Summen-Grenzwerte in den USA?
Die Grenzwert-Bestimmungen für Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln bezogen sich bisher jeweils nur auf einen Wirkstoff. Dass bestimmte Nahrungsmittel aber doppelt und dreifach durch verschiedene Ackergifte belastet sein können, ging in die Rechnung nicht ein. Die amerikanische Umweltbehörde EPA macht jetzt erstmals Anstalten, von dieser Praxis abzuweichen. Sie schlägt vor, Carbamate (wie z.B. BAYERs UNDEN) und Organophosphate (z.B. E 605 FORTE) in der Risiko-Bewertung zusammenzufassen. Das PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) sieht darin einen ersten Schritt hin in Richtung Summen-Grenzwerte für Pflanzengifte. Um die Mehrfach-Belastungen durch Agrochemikalien in Nahrungsmitteln noch wirksamer einzudämmen, spricht sich die Initiative darüber hinaus dafür aus, künftig nur noch eine begrenzte Anzahl verschiedener Rückstände zu erlauben.

Gebrauchsbeschränkung für Parathion-methyl
Das Organophosphat Parathion-methyl, unter anderem Wirkstoff von BAYERs E 605 FORTE, darf in den USA nur noch auf einzelnen Gemüsearten ausgebracht werden und auf Frucht-Sorten gar nicht mehr. Die Anwendung von Azinphos-methyl, Wirkstoff z.B. von BAYERs GUTHION, wird ebenfalls eingeschränkt. Das ordnete die amerikanische Umweltbehörde EPA an, um Kinder besser vor Pestizid-Vergiftungen zu schützen. Ansonsten kommt die Umsetzung des neuen Gesetzes zur Lebensmittelsicherheit nur äußerst schleppend voran (siehe auch Ticker 4/99). Das liegt vor allem am Widerstand der Agro-Industrie. Sie macht mit großflächigen Zeitungsinseraten Propaganda gegen diesen vorbeugenden Gesundheitsschutz (siehe PROPAGANDA & MEDIEN). BAYER & Co. kämpfen besonders gegen den Kinderschutz-Faktor bei der Festlegung von noch tolerierbaren Pestizid-Rückständen in der Nahrung, da er die Grenzwerte um den Faktor 10 senken würde. In dem alternativen Gesetzes-Vorschlag, den sie dem Kongress vorgelegt haben, kommt er ebenso wenig mehr vor wie andere geplante Absenkungen von Toleranz-Grenzen.

Mit Parasiten gegen Ratten
Was BAYER als "Schädlingsbekämpfung mit den Waffen der Natur" bezeichnet, ist ein Mittel aus dem Arsenal der Biologischen Kriegsführung. Im Projektverbund mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Stuttgarter Universität - also auch noch mit staatlicher Unterstützung - arbeiten ForscherInnen des Konzerns daran, aus dem einzelligen Parasiten Sarcocystis singaporensis einen Ratten-Killer zu machen. Eine regelrechte Parasiten-Invasion soll das Lungengewebe des Opfers zerfressen und das Tier in einigen Tagen qualvoll verenden lassen. Schmackhaft machen wollen die WissenschaftlerInnen den Ratten die tödliche Dosis mit einer appetit-anregenden Pasten-Formulierung. Welche Gefahren für Mensch und Umwelt von einer Parasiten-Freisetzung ausgehen, ist natürlich nicht Gegenstand der Labor-Experimente.

BAYER-Schneckenmittel besonders giftig
Aus der Sicht von Agrar-ÖkonomInnen und beflissenen Hobby- GärtnerInnen sind sogar Schnecken "Schädlinge". Deshalb bieten mehrere Firmen Anti-Schneckenmittel an. Die Zeitschrift Öko-Haus testete in Heft 3-5/00 neun dieser Präparate. Am schlechtesten schnitt das BAYER-Produkt MESUROL SCHNECKENKORN ab. Während andere Schneckenbekämpfer nämlich mit umweltschonenden oder harmlosen Wirkstoffen wie ätherischen Ölen arbeiten, packt MESUROL mit der Wirk-Substanz Methiocarb wieder einmal die chemische Keule aus. Und die macht laut Testbericht auch Regenwürmer, Vögel und Bienen zur Schnecke.

BAYER-Ackergifte boomen
Während die Pestizid-Branche weltweit Verkaufseinbußen von 5,1 % hinnehmen musste, konnte BAYERs Ackergift-Sparte gegen den Trend um 6,5 % zulegen. Mit diversen neuen Produkten will der Konzern diese Steigerungsrate in den nächsten Jahren noch übertreffen. Angekündigt sind die Einführungen des Weinanbau-Pestizids TELDOR, der Obst- und Gemüse-Fungizide MELODY und CALYPSO sowie eines Fungizides (d.h. Anti-Pilzmittel) für den Reisanbau.

Pestizide wirken hormonell
Hormonartige Wirkungen von Pestiziden und anderen Chemikalien - die Verdachtsliste der EU umfasst 500 Substanzen - führen bei Tieren zu Missbildungen der Geschlechtsorgane und zu einer Einschränkung der Fortpflanzungsfähigkeit. Beim Menschen stehen sie in Verdacht, für die Abnahme der männlichen Samenzellen und damit für die zunehmende Unfruchtbarkeit verantwortlich zu sein. Auf einer gemeinsamen Veranstaltung des Verbandes der Chemischen Industrie und der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE zu diesem Thema räumte der BAYER-Vertreter Norbert Caspers erstmals die negativen Auswirkungen der Umwelthormone ein. Aber: "Die hormellen Einflüsse werden durch positive Effekte überlagert". Damit meinte er die angeblich wieder zunehmende Artenvielfalt in Flüssen und anderen Gewässern.