SWB 02/00 - Ticker

PROPAGANDA & MEDIEN

Abbau sozialer Leistungen gerechtfertigt
Im Rahmen des "Abendgesprächs", einer regelmäßigen BAYER- Veranstaltung für die örtliche Presse, ging der Leverkusener Werksleiter Ludwig Schmidt auch auf die Streichung von sozialen Leistungen ein, die der Konzern in der letzten Zeit vorgenommen hat. Angebote wie Lesehallen, Kindertagesstätten oder Werkswohnungen gründeten seiner Meinung nach in einer historisch-sozialen Tradition, die heute überkommen ist, da die Kommunen diese Aufgaben übernehmen. Ein fadenscheiniger Versuch, sich aus der Affäre zu ziehen, denn auch Schmidt dürfte es nicht entgangen sein, dass es den Kommunen aufgrund ihrer Finanznot immer schwerer fällt, diese Aufgaben zu erfüllen. Und in Leverkusen sind die Kassen aus einem ganz bestimmten Grund leer: BAYER zahlte nämlich im letzten Jahr nicht eine müde Mark Gewerbesteuer an die Stadt.

BAYER preist Gentech-Segen
Vom 16.-18. März lud BAYER JournalistInnen ins Mayschloss im Ahrtal, um ihnen in idyllischer Umgebung vom Segen der Gentechnik im medizinischen Bereich zu künden. Die nach dem Seminar erschienenen Jubel-Artikel belegen, dass das Konzept des Konzerns aufgegangen ist (siehe GENE & KLONE).

Biotech im Museum
Bei seinen Anstrengungen, Akzeptanz für die Gentechnologie zu schaffen, setzt der Leverkusener Chemie-Multi einen Schwerpunkt im Ausbildungsbereich. Im letzten Jahr versuchte er beispielsweise gemeinsam mit anderen Unternehmen, industrie-freundliche Lehrpläne in den naturwissenschaftlichen Fächern durchzusetzen (siehe SWB 2/99). Neuester Coup: BAYER spendete dem naturhistorischen Fuhlrott- Museum in Wuppertal 50.000 Mark für die Einrichtung eines Biotech-Labors. Dort sollen die SchülerInnen dann spielend an die "Zukunftstechnologie" herangeführt werden, etwa DNA aus einer Zwiebel isolieren oder sich per genetischem Fingerabdruck dem Täter auf die Spur machen. Eine kritische Bewertung der Gentechnologie ist dagegen im Museumsprogramm nicht vorgesehen. Fuhlrott-Leiter Prof. Dr. Hans Hermann Schleich nennt das BAYER-Labor "die logische Weiterentwicklung eines Naturkunde-Museums". Das können nur solche Menschen finden, die das Klontier Dolly als logische Weiterentwicklung eines Schafes betrachten. Für alle anderen ist es ein Skandal, dass ein Konzern ein Museum als Plattform für seine Propaganda-Strategien missbrauchen darf.  

BAYER gegen mehr Lebensmittel-Sicherheit
Das Bild einer Wohnsiedlung und daneben der Spruch "Wenn wir kein GUTHION mehr verkaufen, könnte ihre Obst-Plantage bald so aussehen" - mit dieser Zeitungsanzeige schürt BAYER unter US-amerikanischen Obstbauern Existenz-Ängste. Wenn das neue Gesetz zur Lebensmittel- Sicherheit umgesetzt wird, dürfen die Farmer Azinphos-methyle wie GUTHION nicht mehr oder nur noch eingeschränkt anwenden und müssen ihre Plantagen erst den Schadinsekten und dann den Immobilien- MaklerInnen überlassen, so lautet die simple Botschaft. Mit dieser Propaganda-Aktion will der Leverkusener Chemie-Multi die Bauern gegen ein Gesetz mobilisieren, das - wenn es dann korrekt umgesetzt wird - strengere Grenzwerte für Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln festsetzt und so einen Beitrag zum vorsorglichen Gesundheitsschutz leistet (siehe auch PESTIZDE & HAUSHALTSGIFTE).

Haus-interne Medien-Offensive
BAYER geht einen bahnbrechenden Schritt hin zur weiteren Diktatur über die Hirne der Menschen: Die bereits weitgehend vollzogene Beeinflussung und Steuerung von Presse, Funk und Fernsehen wird durch eigene Medien ergänzt. Gemeint sind nicht BAYER-Blätter wie "direkt von BAYER" oder "BAYER-intern", mit denen BAYER die Belegschaften, die AktionärInnen, die AnwohnerInnen der Werke und die übrige Öffentlichkeit über Vorgänge in und um den Konzern informiert; gemeint ist die Schaffung eigener Medien, die über allgemeine Themen informieren, wie das bisher die Presse, der Hörfunk und das Fernsehen tun. Erster Schritt ist die Einrichtung des BAYER News Channel im firmen-eigenen Intranet. "Die Mitarbeiter sollen die Nachrichten zuerst über die Medien des Konzerns und nicht aus Tageszeitung, Rundfunk und Fernsehen erfahren", erklärt Redaktionsleiter Peter Heimerzheim unverblümt. BAYER will die Informationen für die Beschäftigten umfassende steuern und ihnen "Argumentationshilfen für Diskussionen im privaten Umfeld liefern", wie die Fachzeitschrift Personalführung schreibt. Doch damit nicht genug. Innerhalb des Konzerns kursieren auch Überlegungen, ein Firmen-eigenes Fernsehen zu schaffen, was die Beeinflussung der Belegschaftsangehörigen weiter erhöhen würde. Zu anderen Zeiten wurde dies totalitäre Indoktrination genannt. Freie, unabhängige und ausgewogene Information wird dadurch ausgehebelt. Aufgrund der Größe des Konzerns wird diese Art der Information sogar weit über die Werke hinaus in die Gesellschaft hinein ausstrahlen und Probleme verursachen. Günstiger Nebeneffekt für BAYER: Der Chemie-Konzern könnte über den Kanal kostengünstig Personal- Schulungen abhalten, da ReferentInnen-Honorare entfallen würden.

Kultur wird stärker dienstverpflichtet
Das von BAYER in Leverkusen bestrittene Kultur-Angebot soll stärker in die Pflicht genommen werden. Man werde, so der Leverkusener Werksleiter Ludwig Schmidt, in Zukunft verstärkt den Akzent darauf verlegen, dass die BAYER-Kultur nicht nur eine Lokal-Kultur für Leverkusen sei, sondern die Geschäftspolitik des Unternehmens stärke und der Image-Pflege im Ausland diene, vor allem dort, wo BAYER mit einem Werk vertreten sei. Weil diese Ausrichtung sich nicht mit den Zielen städtischer Kultur-Politik verträgt, sprach Schmidt sich auch gegen die Anregung der Kulturausschuss-Vorsitzenden Irmgard Mierbach (SPD) aus, BAYER-Kultur und Stadt-Kultur stärker zu vernetzen. Dieser Vorschlag sollte der Stadt, die durch die diesjährig komplett ausgebliebenen Gewerbesteuer-Zahlungen von BAYER in arge Finanznot geraten ist, Einspar-Möglichkeiten eröffnen (siehe Ticker 1/00).

Lehrpfad durchs Bitterfelder Werk
Die Geschäftsleitung der Bitterfelder BAYER-Niederlassung lässt einen Lehrpfad durch das Werk anlegen. Schautafeln, Modelle, historische Maschinen, Videos sowie Einblick in die Tabletten-Produktion sollen  den BesucherInnen mal wieder das Trugbild einer "Chemie zum Anfassen" vermitteln. Bernhard Mühlner, einer der Bitterfelder Betriebsleiter: "Wir wollen den Besuchern einen Eindruck vom Unternehmen und einen Überblick über unsere Produktion vermitteln und zeigen, dass wir sauber arbeiten". Weshalb BAYER/Bitterfeld den Lehrpfad auch als einen Beitrag zum Expo 2000-Thema "Transparente Chemie" betrachtet. Wie wenig ernst es der Chemie-Konzern mit Transparenz wirklich meint, zeigt sich an dem Widerstand gegen die Emissionsfernüberwachung (EFÜ). Die behördliche Auflage, Mess-Werte gefährlicher Stoffe per Daten-Highway an das Staatliche Umweltamt Köln zu übermitteln, ficht BAYER sogar gerichtlich an. Was wirklich alle angeht, weil es die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt betrifft, soll schön Betriebsgeheimnis bleiben. 

BAYER sponsort Musik-Wettbewerb
Das Dithmarschener BAYER-Werk zählt zu den Sponsoren eines in der Region stattfindenden Nachwuchs-Wettbewerbs im Bereich Rockmusik. Das poliert das Image im Landkreis auf und ist gleichzeitig dazu geeignet, sich unter Jugendlichen neue Käuferschichten zu erschließen. Der Chemie-Multi stiftete sogar noch einen Sonderpreis: Die Sieger-Gruppe hat das zweifelhafte Vergnügen, im Sommer bei der "BAYER-Pop-Nacht" auftreten zu dürfen.

BAYER-Preis für Marianne Koch
Der von dem Leverkusener Chemie-Multi ausgelobte Publizistik-Preis "Medizin im Wort" erfüllt die Funktion, Medizin-JournalistInnen eng an den Konzern zu binden und so für eine "gute Presse" zu sorgen. Dieses Mal ging die mit 20.000 Mark dotierte Auszeichnung an die TV-Ärztin Marianne Koch.

Beeinflusste Fach-Medien
Artikel über die Qualität eines Medikamentes in medizinischen Fach-Journalen haben einen großen Einfluss auf seine Vermarktungschancen. Auch BAYER wirbt für seine Produkte häufig mit dem Verweis auf wissenschaftliche Studien. Was die Medizin- Zeitschriften veröffentlichen, entspricht jedoch allzu häufig nicht den Maßstäben seriöser und unabhängiger akademischer Arbeit. Das angesehene "New England Journal of Medicine" musste jetzt einräumen, dass die AutorInnen von wohlmeinenden Forschungsberichten über Arznei- Wirkungen in 19 von 40 Fällen auf der Lohnliste der Firmen standen, deren Medikamente sie prüften. Ein Artikel in der "Los Angeles Times" hatte die Zeitschrift zu dem Geständnis gezwungen. Zwecks Schadensbegrenzung entschuldigten sich die HerausgeberInnen dafür, die Verbindungen zwischen MedizinerInnen und Pharma-Konzernen nicht offen gelegt zu haben.