SWB 02/00

Gesundheitsrisiko Veterinär-Medizin

Die Fleisch-Nachfrage auf dem Weltmarkt steigt. Da bei der Massentierhaltung ständig neue Krankheiten auftreten, wächst auch der Absatz von Impfstoffen, Antibiotika und anderen Tier-Arzneien. Fast die Hälfte der europäischen Antibiotika-Produktion landet im Viehstall - jährlich mehr als 10.000 Tonnen. Um das Wachstum der Tiere zu beschleunigen, werden die Bakterien-Killer neben Vitaminen und Mineralien einfach dem Futter beigemischt. Durch den Rundum-Einsatz der Antibiotika entstehen in den Tieren resistente Bakterien und Krankheitserreger - eine mitunter tödliche Gefahr. Über die Nahrungskette können resistente Bakterienstämme etwa von Salmonellen in den menschlichen Körper gelangen und unbehandelbare Infektionen auslösen. Krankheiten wie Tuberkulose, die längst besiegt schienen, breiten sich wieder aus.

Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut: "Man sollte in Zukunft auf alle Antibiotika als Wachstumsförderer verzichten." Untersuchungen des Instituts zeigen, dass ein Verzicht auf Antibiotika im Tierfutter die Resistenzentwicklung eindämmen kann. Auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, der u.a. die Bundestierärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie und die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie angehören, spricht sich für ein Verbot aus. In einem gemeinsamen Aufruf heisst es: "Die Zunahme von Antibiotikaresistenzen bis hin zur kompletten Resistenz einzelner Erregerstämme gegen alle verfügbaren Antibiotika stellt eine ernsthafte Gesundheitsgefahr dar. (...) Eine ganz wesentliche Ursache für die Resistenzentwicklung ist die Verwendung von antimikrobiellen Futterzusatzstoffen in der Tierzucht und Tiermast. (...) Aufgrund dieser - von der Weltgesundheitsorganisation bestätigten - Gefahr muss die Verwendung von Antibiotikaklassen, die in der Humanmedizin angewandt werden, als Futtermittelzusatzstoffe generell verboten werden."

Verbote in Dänemark
Im Jahr 1998 entschloss sich Dänemark, die Verwendung von Antibiotika in der Tiermast drastisch einzuschränken. Zunächst wurden Antibiotika in Geflügelfutter verboten. Die Branche leistete der Regierung heftigen Widerstand und prophezeite Millionen toter Küken. Jetzt wurde erstmals Bilanz gezogen: Die Sterberate der Küken ist nicht gestiegen, die Gewichtszunahme verlief genauso schnell wie vorher. Zwar wuchs der Appetit der Tiere, die gestiegenen Futterkosten wurden aber durch den Wegfall der Kosten für die Antibiotika wieder wettgemacht. 1999 wurde in Dänemark der routinemäßige Antibiotikaeinsatz in Kälberställen verboten, Anfang diesen Jahres auch in der Schweinemast.

Europaweit wurden 1999 fünf der bis dahin acht zugelassenen Antibiotika in Futtermitteln verboten. Die EU setzt sich für das Verbot aller antibiotischen Leistungsförderer ein. Auch der (nicht antibiotische) Futterzusatz Olaquindox wurde verboten - wegen erbgutschädigender und krebserregender Wirkungen. Hersteller von Olaquindox ist die Firma Bayer. Das Leverkusener Unternehmen ist weltweit der drittgrößte Hersteller von Veterinär-Produkten - der jährliche Umsatz liegt bei 1,7 Milliarden Mark. Die Hälfte davon entfällt auf den Bereich Nutztiere, ein Drittel auf die Behandlung von Haustieren.

Resistenzbildung durch Baytril
Gegen große Widerstände wurde in den USA vor zwei Jahren das Antiinfektivum Baytril für die Behandlung von Rindern zugelassen. Der Wirkstoff von Baytril ist ein Antibiotikum aus der Klasse der Fluoquinolone, zu denen auch das von Bayer hergestellte Breitbandantibiotikum Ciprobay gehört. Fluoquinolone werden bei Menschen insbesondere gegen bakterielle Lungenentzündung eingesetzt. Dr. Patricia Lieberman, Leiterin des Antibiotika-Programms des amerikanischen Center for Science in the Public Interest: "Bayer hat zwar angekündigt, den Verkauf von Baytril einzustellen, falls durch die Verfütterung an Rinder Antibiotika-resistente Bakterien entstehen. Wir befürchten jedoch, dass diese Selbstverpflichtung nicht eingehalten wird, denn Bayer liefert schon seit Jahren Fluoquinolone für die Geflügelzucht. Obwohl in der Folge resistente Campylobacter-Bakterien auftraten, wurde der Verkauf nicht gestoppt. Die Aufsichtsbehörde FDA hätte Baytril für Rinder und Geflügel nicht zulassen sollen, zumal es effektive Alternativen gibt. Fluoquinolone werden für die Humanmedizin gebraucht."

In Deutschland ist Baytril seit 1995 zugelassen und wird hauptsächlich als Injektionspräparat für die Behandlung von Schweinen verwendet. Als Fütterungsarznei wurde Baytril im vergangenen Jahr nach Protesten wieder vom Markt genommen, offiziell wegen mangelndem Umsatz. In einem Brief an TierärztInnen behauptet das Unternehmen, dass das Mittel völlig unbedenklich ist: "Bayer hat und wird immer eine führende Rolle in der Verteidigung der Fluoquinolone für ihren Beruf spielen". Für über 100 Mio DM baute der Konzern in Deutschland und den USA neue Produktionsanlagen für Veterinärprodukte - hauptsächlich für Baytril.

Rindersterben durch verunreinigten Impfstoff
Auch von Impfstoffen für Tiere gehen nachhaltige Risiken aus. Bayer und Hoechst lieferten einen Impfstoff, mit dem der gesamte holländische Rinder-Bestand gegen Rindergrippe geimpft wurde. Im Frühjahr 1999 stellte sich heraus, dass ein Drittel der 3,4 Millionen Impf-Chargen mit einem Durchfall-Erreger infiziert war. 2000 Tiere starben, 7000 ZüchterInnen meldeten den Behörden Erkrankungen ihrer Rinder. Mit 11 Großbetrieben einigten sich die Hersteller auf die Zahlung von Entschädigungen in Höhe von mehreren Millionen Mark - ohne jedoch eine Schuld einzugestehen. Der niederländische Landwirtschaftsverband LTO fordert den Chemie-Multi auf, die Haftung für den Gesamtschaden zu übernehmen. Die Zulassung für die Tierarznei hob die Behörde bis auf weiteres auf.

Philipp Mimkes