SWB 03/00

Bayer und Gentechnik

Die wenigsten Menschen bringen den Namen BAYER mit Gentechnik in Verbindung. Dabei ist BAYER einer der führenden Gentechnik-Konzerne der Welt, und investiert schon seit Ende der 60er Jahre in diese sogenannte Zukunftstechnologie. Es ist kein Zufall, daß diese Tatsache kaum in das öffentliche Bewußtsein gelangt. Es ist Strategie. Durch geschickte Zusammenarbeit mit Gentechnik- Unternehmen in Form von Vertragsbindungen, Lizenzvereinbarungen und Joint Ventures gelingt es BAYER seinen Namen nur im Zusammenhang mit erfolgreichen gentechnischen Projekten in die Öffentlichkeit zubringen. Aus Skandalmeldungen, gescheiterten oder umstrittenen Geschäften hält der Konzern seinen Namen bewußt heraus. So war BAYER auch an der Entwicklung des geklonten Schafs Dolly beteiligt, hielt seinen Namen aber aus den Schlagzeilen zurück, als klar wurde zu welch umstrittener Diskussion das Klonen führte. Zur BAYER- Strategie gehört auch, daß die Gentechnik meist hinter den weniger negativ besetzten Begriffen Biotechnologie und Life Science versteckt wird.

Der Bereich Life Science brachte im Jahr 1999 47% des Gesamtumsatzes von BAYER ein und soll auf 50% ausgeweitet werden. In diesem  Bereich, der die Sparten Gesundheit (Pharma, Consumer Care, Diagnostika) und Landwirtschaft (Pflanzenschutz, Tiergesundheit) umfaßt, werden die Profite der Zukunft verortet. Um sich diese Profite nicht entgehen zu lassen, kauft BAYER Gentechfirmen auf oder aber Beteiligungen und Lizenzen an solchen Firmen.

Dadurch erhält der Konzern Zugang zu Gen- und Protein- Datenbanken und sichert sich Verkaufsrechte entwickelter Produkte. Auf diese Weise arbeitet der Konzern an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms  mit, sowie an der Entwicklung von Gentests, die zur Erkennung von angeblich genetisch bedingten Krankheiten verwendet werden. Diese Gentests sind aber auch für Versicherungen und ArbeitgeberInnen von Interesse. Heute läuft das, was vor ein paar Jahren noch negative Utopie war in Großbritannien schon in der Testphase. Dort können Lebensversicherungen beim Abschluß neuer Policen Gentests verlangen.

Hier nur ein paar Namen von Gentech-Firmen, mit denen BAYER zusammenarbeitet. Im Pharma-Bereich arbeitet BAYER zum Beispiel mit dem US-amerikanischen Biotech-Unternehmen INCYTE zusammen, welches eine der größten Gen-Datenbanken der Welt, mit 90% der menbschlichen Gene besitzt. An dem US-amerikamnischen Ggenomforschungsunternehmen MILLENIUM hat BAYER eine Beteiligung von 14%. Im Bereich der Landwirtaschaft arbeitet die Firma EXELIXIS PHARMACEUTICALS INC. Im Auftrag von BAYER an der Entschlüsselung des Erbguts von Schadinsekten, um auf dieser Grundlage neue Pestizide zu entwickeln.   

Ein Beispiel aus der näheren Umgebung: Für das Rechtsrheinischen Technologiezentrum (RTZ) in Köln Kalk, in dem der Schwerpunkt auf der Gentechnik liegt, hält Bayer ein Risikokapital von 20 Millionen Mark für potentielle Gründer-Firmen bereit. Zugleich sitzt BAYER in verschiedenen Forschungsverbänden und Fonds zur Förderung der Gentechnik, sowie zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Die DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT, deren Vorsitzender Ernst-Ludwig Winnaker auch im BAYER - Aufsichtsrat sitzt, spricht sich für Gentests am Arbeitsplatz aus. Demnach soll es auch in Zukunft nicht darum gehen krankmachende Arbeitsstoffe zu ersetzten, sondern nur solche Menschen einzusetzen, deren Genom scheinbar fit genug ist mit den Giften fertig zu werden. Weiterhin sitzt BAYER mit in der Europäischen Gentech-Lobby-Organisation EUROPABIO. Sie hat zum Ziel durch geschickte PR die Einstellung der EuropäerInnen zu Gunsten der Gentechnik zu manipulieren.

Dies ist nur eine kleiner Ausschnitt der Aktivitäten BAYERs auf dem Gebiet der Gentechnologie. Die Zahlen des Geschäftsbericht von 1999 sprechen für sich: im letzten Jahr investierte BAYER   3,5 Milliarden Mark in den Bereich Gentechnik.

BAYER rechtfertigt seine Forschungen und Entwicklungen in der Gentechnik mit den bekannten Heilsversprechungen der Gentechniklobby, nämlich der Beseitigung des Hungers auf der Welt, der Heilung von Krankheiten wie Krebs und AIDS und der Rettung der zerstörten Umwelt. Obwohl die GentechbetreiberInnen wissen und auch zugeben, daß diese Versprechungen völlig absurd sind, verbreiten sie sie ohne Hemmungen weiter.

"Wir sind auf Profit ausgerichtet. Das ist unser Job." Erklärte der BAYER- Vorsitzende Manfred Schneider 1993 ganz unverblümt. Einem Werbeslogan zu Folge sucht Bayer jedoch "Lösungen für die wichtigen Dinge des Lebens". Nein: Bayer sucht keine Lösungen zum Wohle der Menschheit, Bayer sorgt sich allein um seine Profite. Dadurch schafft der Konzern neue Probleme, die als Lösungen für alte Probleme verkauft werden. Alte Probleme, die Bayer selbst mit verursacht hat: verseuchte Äcker, eine vergiftete Umwelt, Zivilisationskrankheiten.

Jetzt, nachdem sich die Konzerne die Welt mit all ihren Recourcen untereinander aufgeteilt haben, kämpfen sie um die letzten Kolonien: die Gene von Pflanzen und Tieren und den menschlichen Körper. Alles was verwertbar ist wird zur Ware und dann zu den Profiten der Konzerne. 

Allerdings ist zum Einen schon seit langem klar, daß die Gentechnik eine Risikotechnologie vergleichbar mit der Atomtechnologie ist, deren Auswirkungen niemand wirklich abschätzen kann. Zum Anderen sind die negativen Folgen schon heute offensichtlich. Die weitere Hightechnisierung der Landwirtschaft durch Gentechnik ist nichts anderes, als die Zuspitzung der sogenannten "Grünen Revolution", deren negative Auswirkungen heute immer deutlicher werden. Mit gentechnisch manipuliertem Saatgut nimmt die Verwendung von oftmals auch wiederum gentechnisch hergestellten Insektiziden, Pestiziden und anderen sogenannten Pflanzenschutzmitteln zu, die zu einer weiteren Verseuchung der Äcker führt. Zugleich wird die Abhängigkeit der BäuerInnen von den Konzernen immer gravierender, weil sie über Lizenzverträge an die Konzerne gebunden sind. Das alte Saatgut wird von den neuen Gensaaten verdrängt  oder aber damit kontaminiert, wie das jüngste Beispiel Raps zeigt. Daß die Vermischung von normalem Raps mit in Europa verbotenem gentechnisch manipuliertem Raps ein Versehen war, ist genauso unglaubwürdig, wie das Patent, das Anfang des Jahres verbotener Weise und ganz aus Versehen auf  manipulierte menschliche Gene erteilt wurde. Es scheint sich hier weniger um Versehen, als vielmehr um ein geplantes Austesten der öffentlichen Reaktion und ein Versuch der Akzeptanzschaffung gegenüber der Gentechnik zu handeln.

Neben den gravierenden Eingriffen in die Landwirtschaft verändert die Gentechnik zur selben Zeit das herrschende Menschenbild. Der Glaube daran, daß Krankheiten von bestimmten Genen ausgelöst werden, und daß der Mensch allein Summe seiner Gene ist, lenkt den Blick ab von gesellschaftlichen Ursachen und solchen, die in unserer vergifteten Umwelt liegen. Gentests am Arbeitsplatz oder bei Versicherungen werden gesunde Menschen zu Nochnicht-Kranken erklären, weil sie ein defektes Gen besitzen, das eine bestimmte Krankheit hervorrufen könnte - heute, morgen, in 30 Jahren, nie? Eine Klassengesellschaft basierend auf guten und schlechten Genen wird entstehen. Zugleich werden heute schon Embryonen mit Fehlern im Genom noch im Reagenzglas oder aber spätestens im Mutterleib aussortiert. Der Mutterleib kommt in der Utopie der selbsternannten Herren der Schöpfung ohnehin nicht mehr vor. Ist der unbequeme Unsicherheitsfaktor Frau erst aus dem Vorgang der "Menschenproduktion" herausgenommen scheint ihnen der Weg nicht mehr weit zum optimal verwertbare Menschen.

Auch wenn sie uns weiß machen wollen, daß ihre kapitalistische und technologiezentrierte Zukunftsideologie kommen wird wie ein Naturgesetz:

Es gibt Alternativen zu symptomorientierten Gentherapien und Gentechmedikamenten, die uns resistent machen sollen gegen eine verseuchte Umwelt und ein soziales Klima das auf Konkurrenz beruht. Es gibt Alternativen zu einer Gesellschaft, in der Menschen nur nach ihrer Verwertbarkeit im kapitalistischen Sinne beurteilt und bei Nicht-Genügen aussortiert werden. Und es gibt Alternativen zu einem Leben unter der Herrschaft und der Kontrolle von Konzernen.