SWB 03/00

Erneute Zulassung von Diuron geplant

Von Philipp Mimkes

Auf Empfehlung des Umweltbundesamts und der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft prüft das Umweltministerium momentan die Wieder-Zulassung des Herbizids Diuron. Das von der Leverkusener Bayer AG hergestellte Pestizid war vor drei Jahren zur Verwendung auf Gleisanlagen verboten worden. Dem Verbot waren jahrelange Proteste von Umweltschützern und Wasserwerken vorausgegangen, da das auf einem Harnstoff basierende Diuron im Verdacht steht, bei Ungeborenen und Kleinkindern gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Eine von Greenpeace im Jahr 1997 durchgeführte Befragung von 518 deutschen Gesundheitsämtern ergab über 8000 Pestizidfunde im Grundwasser. Zu den gefundenen Stoffen gehörten zahlreiche von der Deutschen Bahn gespritzte Herbizide.

Die Bahn, die jährlich rund 600 Tonnen Totalherbizide einsetzt, gelobte Besserung und kündigte eine umweltschonendere Bekämpfung des Wildwuchses an. Doch Kritiker monieren, dass die Spritztouren bis heute durch Wasserschutzgebiete führen und die eingesetzten Herbizide nach wie vor Trinkwasserbrunnen in Gleisnähe verseuchen - Bahngleise sind besonders wasserdurchlässig. Jetzt legte das Unternehmen ein Gutachten des Instituts Fresenius vor, laut dem die Agrogifte nur unter ungünstigen Bedingungen ins Grundwasser gelangen.

Die Grundwasserbelastung ist jedoch nur ein Teil des Problems: über Drainage und Kanalisation werden auch Bäche und Flüsse verschmutzt. Während die Gewässer-Belastung durch Schwermetalle und andere Schadstoffe in den letzten Jahren spürbar abgenommen hat, stellt der Pestizid-Eintrag eine zunehmende Gefahr für die Wasserwirtschaft dar - besonders in Regionen, die ihr Trinkwasser vorwiegend aus Oberflächengewässern gewinnen. Denn schon ein Gramm eines Agrochemie-Wirkstoffes lässt 10.000 Kubikmeter Wasser den für Trinkwasser vorgeschriebenen Grenzwert überschreiten. Die Wasserwerke sind gezwungen, immense Summen in Aufbereitungs-
systeme wie Aktivkohlefilter-Anlagen zu investieren - das Lebenselixier Wasser wird zu einem immer teureren Gut.

Ein Messprogramm in Nordrhein-Westfalen wies Pestizide in 73% aller Wasserproben nach - die Ökosysteme an Rhein, Ruhr, Wupper und Emscher werden hierdurch massiv bedroht. Messungen der Stadtwerke Münster ergaben eine Überschreitung des Grenzwerts der Trinkwasser-Verordnung um das Drei- bis Fünffache, in Einzelfällen sogar um das 21fache. Hermann Gaupels, Betriebsleiter der Münsteraner Stadtwerke, begrüßte denn auch das Verbot von Diuron. Allein die Stadwerke Münster mussten sechs Millionen Mark zur Filterung der Pestizide investieren.

In Gewässern, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, gelten für 38 Pestizide Grenzwerte von 0,1 µg/l je Wirkstoff. Messungen der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA), eine Kommission der deutschen Bundesländer zur Untersuchung der Wasserqualität, belegen jedoch eine Überschreitung dieser Zielvorgabe in mehr als 25% der Fälle. Diuron wird mit zwei weiteren Wirkstoffen für die größte Belastung verantwortlich gemacht. Insgesamt fanden sich die Rückstände von 23 Pestiziden. Die LAWA fordert eine Reduzierung der Direkteinleitungen durch die Hersteller, eine Pestizid-Steuer nach skandinavischem Vorbild und ein restriktiveres Pflanzenschutzgesetz.

Der Hersteller Bayer will für die Umweltbelastungen durch das Herbizid keine Verantwortung übernehmen und sieht darin ein reines "Handhabungsproblem". Doch auch in anderen Ländern belastet Diuron Flüsse und Küstengewässer. Laut einer Untersuchung des französischen Umweltministeriums gehört Diuron zu denjenigen vier Pestiziden, die am häufigsten in Oberflächengewässern nachgewiesen werden konnten.