SWB 03/00

Der Aufbruch des BAYER-Konzerns
in den digitalen Kapitalismus

Virtuelle Geschäfte und
reale Arbeitsplatzvernichtung

Der Computer, Netzwerk-Lösungen und das Internet verändern bei BAYER immer mehr interne und externe Geschäftsabläufe. Eine spezielle Betriebssoftware verbindet alle Rechner innerhalb des Konzerns, der Anschluss an elektronische Marktplätze im Internet ermöglicht den Ein- und Verkauf von Gütern per Mausklick.
Die Vorstandsetage wittert immense Einspar-Potenziale in den Bereichen Beschaffungswesen und Vertrieb; die Beschäftigten fürchten um ihre Arbeitsplätze.

Von Jan Pehrke

Mit einem Umsatz-Volumen von 1,7 Billionen US-Dollar nehmen chemikalische Grund- und Endprodukte die Spitzenstellung im Welthandel ein. Sowohl als Käufer wie auch als Verkäufer ganz vorne mit dabei: der BAYER-Konzern. Beim Leverkusener Chemie-Multi beläuft sich der jährliche Ankaufsetat für produktionsnotwendige Güter auf acht Milliarden Euro. Allein für Rohstoffe wendet er täglich eine Summe von 22 Millionen Euro auf.

6.000 MitarbeiterInnen sind in der Abteilung "Beschaffung" damit beschäftigt, diese umfangreichen Transaktionen abzuwickeln. Sie geben Ausschreibungen heraus, holen Angebote ein, suchen Lieferanten auf, treten in Preis-Verhandlungen ein, arbeiten Verträge aus und leiten die finanzielle Abwicklung in die Wege. Ein äußerst arbeits- und zeitinten-
sives Geschäft - bis jetzt, denn schon in naher Zukunft will BAYER sich drei Viertel der benötigten technischen Ausrüstung per Mausklick aus dem World Wide Web beschaffen. Die Finanz-AnalystInnen der großen Pensionsfonds haben die Chemie-Branche in der Vergangenheit immer wieder gedrängt, das kommerzielle Potenzial des Internets für sich zu erschließen und dadurch Kosten zu sparen. So hat es der Vorstand zur Chefsache erklärt, BAYER E-Business-kompatibel zu machen. Unter der Verantwortung von Vorstandsmitglied Werner Spinner arbeitet eine zehnköpfige Projekt-Gruppe, unterstützt durch ExpertInnen der Unternehmensberatung BOSTON CONSULTING GROUP, fieberhaft daran, das Internet zu einem integralen Bestandteil der gesamten Wertschöpfungskette werden zu lassen.

Eines der zentralen Instrumente hierfür sind die virtuellen Marktplätze, Handelsplattformen im Internet. Deshalb war BAYER neben der BASF im Mai die treibende Kraft bei der Gründung des weltweit größten digitalen Kaufhauses für Grundchemikalien, Feinchemikalien, Zwischenprodukte und Pharma-Wirkstoffe - ein 400 Milliarden Euro schwerer Markt! Das mit einem Grundkapital von 150 Millionen Euro ausgestattete Online-Joint Venture, an dem außer BAYER und BASF unter anderem noch DOW CHEMICAL, DUPONT, BP AMOCO und MITSUBISHI beteiligt sind, wird Ende 2000 seinen Betrieb aufnehmen.

Bereits im März schuf BAYER gemeinsam mit der TELEKOM und INTRASERV HÖCHST einen Internet-Shop für Laborartikel, Elektro- Material, Werkzeuge, Anlagenteile und branchenspezifische Dienstleistungen. Den Grundstock des Angebotes bildet der elektronische Katalog des Leverkusener Chemie-Multis, der 540 Lieferanten und 120.000 bei ihnen bestellbare Güter umfasst. Zum Ende des Jahres ist eine Verdoppelung des Sortiments anvisiert. Auch spezielle Services wie Finanzdienstleistungen, Auktionen und der Zugriff auf Suchmaschinen für die günstigsten Preise sollen schon bald eingerichtet werden.

Zudem gründete der Konzern gemeinsam mit anderen Unternehmen Handelsplattformen für thermoplastische Kunststoffe, Kautschuk und - um noch ein Glied der Kette in den digitalen Kapitalismus zu integrieren - eine für Transport-Dienstleistungen. In den USA ist BAYER darüber hinaus an den virtuellen Chemie-Marktplätzen CHEMATCH und CHEMCONNECT beteiligt. Vorerst letzte E-Aktivität: Der Beitritt zu einem Internet-Handelshaus, das Patente, Erfindungen und Lizenzen im Angebot hat.

Und so einfach kommt man laut BAYER im Internet ins Geschäft: "Kunden füllen ihren Warenkorb, nachgestellte Systeme generieren alle Abläufe von der Bestellung über die Lieferung bis hin zum Zahlungs- verkehr." Virtuelle Handelshäuser wie CHEMCONNECT bieten aber auch noch andere Einkaufsmöglichkeiten. Anfang des Jahres nahm ein BAYER-Mitarbeiter erstmals an einer Online-Auktion teil. Georg Warren gab einfach die gewünschte Ware, 700 Tonnen Maleinsäureanhydrid, in den Computer ein und hatte eine Stunde später Angebote von sieben Lieferanten vorliegen. Bald darauf war das Geschäft perfekt.

Die Netz-Kaufhäuser erlauben es den großen Konzernen, noch gebieterischer über Raum und Zeit zu verfügen. 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche sind geschäftliche Transaktionen bis in die entlegensten Regionen der Erde möglich. Dafür, dass der Güterverkehr reibungslos abläuft, sorgt ebenfalls das World Wide Web: Spezielle Dienstleister betreiben einen Handel mit freien Fracht-Kapazitäten.

Durch die digitalen Netzwerke lassen sich Geschäftsabläufe eng miteinander verzahnen. Kompatible SAP-Betriebssoftware-Systeme der Handelspartner stimmen Bedarf, Produktion und Lieferung punktgenau ab, so dass sich der Warenumschlag beschleunigt und Lagerzeiten entfallen. GENERAL ELECTRIC hat sogar schon einen speziellen Sensor entwickelt, der meldet, wenn Bestände zur Neige gehen und in einem solche Falle automatisch eine Bestellung in die Wege leitet. Und Finanzhäuser wie die DEUTSCHE BANK bieten Software-Lösungen an, die an die SAP-Programme oder die Netzwerke der virtuellen Plattformen andocken, um die finanzielle Abwicklung der Transaktionen zu übernehmen.

Alles greift immer kleinteiliger ineinander, nur einer bleibt außen vor: der Mensch. 60-80 % der Beschaffungskosten je Vorgang, die in der Industrie durchschnittlich bei 80-150 Euro liegen, will BAYER-Vorstand Werner Spinner durch die Virtualisierung der Prozesse sparen. Vergegenwärtigt man sich, dass bereits der vergleichsweise moderate Modernisierungsschub mit Fax, Handy und Laptop den BAYER-Konzern Anfang der 90er Jahre dazu veranlasste, seine regionalen Vertriebs-
büros dichtzumachen, kann man leicht ermessen, wieviele Arbeitsplätze das E-Business vernichten wird.

Noch eine andere Einspar-Möglichkeit eröffnen die virtuellen Marktplätze der Chemie-Industrie. Durch den globalen Zugriff auf die Zulieferer- Märkte geraten die Preise der Anbieter unter Druck. "15 Prozent unter dem bisherigen Preis-Level" lagen die Faltbodenschachteln, die die Verpackungsabteilung im Internet ersteigerte, vermeldete BAYER report im April stolz.

Sorgte sich der Chemie-Multi als Auto-Zulieferer anlässlich der Gründung einer Internet-Plattform durch DAIMLERCHRYSLER und andere KFZ-Hersteller noch um die eigenen Gewinn-Margen, so sitzt BAYER jetzt selbst am Preis-Drücker. Der Leverkusener Chemie-Multi sieht sich aber auch dafür gewappnet, dass aus den Einkaufsplattformen Verkaufsplattformen werden und fürchtet die Preis-Transparenz nicht. In den USA hat der Konzern für seine Kunden schon eine E-Business-Site eingerichtet, auf der diese den exakten Bearbeitungsstand ihre Order abrufen können. TierärztInnen haben die Möglichkeit, BAYER-Veterinär- Produkte über das Internet zu bestellen. Doch das große Geschäft winkt erst, wenn auch ASPIRIN & Co. online sind. Noch ist in der Bundesrepublik im Gegensatz zu anderen Ländern der Internet-Handel mit Pharmazeutika verboten. Aber die Pillen-Industrie setzt darauf, dass die entsprechende Bestimmung des Heilmittelgesetzes im Zuge der Diskussion um Kosten-Senkungen im Gesundheitswesen gestrichen wird. Die Krankenkassen hat sie bereits auf ihrer Seite. Zumindest auf dem Gebiet der nicht verschreibungspflichtigen Arzneien will der Chemie-Riese den Apotheken und dem Pharma-Großhandel bereits in naher Zukunft Konkurrenz machen. BAYERs Internet-Experte Ralf Hermann kann es gar nicht abwarten. "Wir sind vorbereitet und wir haben die notwendigen Instrumente. Wir sind flexibel und könnten sehr schnell reagieren", sagte er dem Wall Street Journal Europe.

So wird das Big Business durch das E-Business noch bigger. Es erlaubt, die Zulieferer einem Preisdruck auszusetzen, die Betriebskosten zu senken und sich größere Teile der Wertschöpfungskette zu sichern, indem man den Zwischenhandel ausschaltet. Die Kartellbehörden sind zwar schon auf die Entwicklungen im Netz aufmerksam geworden und überprüfen derzeit, ob es sich bei dem von BAYER, BASF, CELANESE, DOW CHEMICAL und DUPONT gegründeten elektronischen Marktplatz für thermoplastische Kunststoffe um den Versuch der Bildung eines Einkaufsmonopols handelt, aber mit Sanktionsmaßnahmen rechnet niemand ernsthaft.