SWB 03/00

Rede von Peter Gingold, Überlebender des Nazi-Regimes, bei der Demonstration vor der BAYER-Zentrale in Leverkusen am 20. Mai:

Ich spreche für die VVN (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes), für Überlebende des Holocaust, zu denen ich gehöre, und für die, die ihre Stimme nicht mehr erheben können. 30.000 Auschwitzhäftlinge wurden von der IG FARBEN durch Arbeit vernichtet, eine und eine halbe Million Frauen, Männer, Kinder in die Gaskammer getrieben, die im minutenlangen Todeskampf den entsetzlichsten Tod durch Giftgas starben, durch das Zyklon B der IG FARBEN, deren bestimmender Betrieb BAYER Leverkusen war. Mein damals zweijähriges Kind habe ich verstecken müssen, um es davor zu retten, mit meiner Frau bin ich dem nur mit viel Glück entkommen. In dieser Stadt gegenüber dem BAYER-Konzern, sehe ich sie noch vor mir, eine unendliche Armee von Frauen, Männern, Kindern, Greisen, Kranken, die auf die Rampe von Auschwitz getrieben werden, um wie Ungeziefer ausgetilgt zu werden. Darunter Bruder und Schwester, fast meine gesamte Verwandtschaft. Aus ganz Europa werden die Menschen an die Rampe verschleppt. Die Verzweifelten eingepfercht in rollende Viehwaggons, mehrere Tage, ja wochenlang in erstickender Hitze oder auch in eisiger Kälte unterwegs, ohne Ernährung, ohne Wasser. Glücklich diejenigen, die als Leiche ankommen.

An der Rampe angekommen, werden die Türen aufgerissen und ein Aufatmen geht um unter den Menschen, dass die entsetzlichen Qualen dieser Fahrt ein Ende haben. Immer noch sind sie im Glauben, mit ihren Familien in ein Arbeits-
lager zu kommen. Aber das Gebrüll: "Schnell, raus, raus!", lässt Schlimmes ahnen. Ihr Gepäck sollen sie auf der Rampe liegen lassen, um es nicht mitzuschleppen. Sie erhalten den Hinweis, es würde ihnen nachbefördert.

Dann erfolgt die Selektion des SS-Arztes nach den Richtlinien der IG FARBEN. Diejenigen, die arbeitskräftig aussehen werden mit einem Daumenwink ins Arbeitslager geschickt, die anderen, die schwach und gebrechlich aussehen, Männer und Frauen über 50, Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, mit einem Daumenwink ins Gas. Der Arzt kann auch großzügig sein, wenn Familien sich nicht trennen lassen wollen, dürfen sie gemeinsam ins Gas. Wohl nehmen die Ankommenden die rauchenden Schloten und den penetranten widerlichen Geruch von verbranntem Fleisch wahr, aber dass sie bald selbst durch den Schornstein gehen werden, ahnen die Wenigsten. Wie sollte man sich auch vorstellen, dass diese Todesfabrik hier Leichen im Akkord produziert, je 12.000 Stück Menschen in 24 Stunden. Die Menschen können es sich sogar meist noch nicht vorstellen, als sie am Krematorium in einen Duschraum geführt werden. Dort sollen sie sich die nummerierten Kleiderhaken merken, um ihre Kleider nach der Dusche wiederzufinden. Dort, im angeblichen Duschraum, verriegelt mit Stahltür, sehen sie an der Decke angebrachte Brausen, also tatsächlich Duschen? Duschen, aus denen dann Giftgas anstatt Wasser strömt. Außen auf der Decke füllen SS-Männer von IG FARBEN, speziell ausgebildet, das Zyklon B ein, das von IG FARBEN auch geliefert wird. Zyklon B ist nichts anderes als Blausäure, zur Vertilgung von Schädlingen eingesetzt, z. B. in Getreidesilos gegen Ratten und Läuse. Ein Schädlingsbekämpfungsmittel, nun zur Vertilgung von Menschen verwendet. Selbst kleinste Mengen davon eingeatmet führen zum Tod. Normalerweise ist jedes Gas durch den Geruch zu erkennen. So nimmt man z. B. am Küchenherd austretendes Gas zur Warnung durch den Geruch wahr. IG FARBEN schuf Abhilfe, indem der Konzern nun Zyklon B geruchsfrei herstellte, was beweist, dass die Hersteller nicht nur sowieso genau wussten, wohin es geliefert wird, sondern auch, wofür es gebraucht würde. Genau berechnet sogar. 1 mg pro Körper, 6 Büchsen für 1.500 Menschen, 10.000 Büchsen geliefert, 10.000 Kilo in 3 Jahren. Und dass die IG FARBEN daran gut verdiente, war noch nicht alles!

Selbst das Zahngold wurde aus den Leichen herausgerissen. Alles was sie bei sich trugen wurde den Verschleppten geraubt. Gold-Silberschmuck, Eheringe, sonstige Edelmetalle und was nicht in den Taschen der SS verschwand, wurde an die DEGUSSA, eine Tochterfirma der IG FARBEN geliefert, die es zu Goldbarren verschmolz. Dann wurde es in die Tresore der Reichsbank verbracht. BAYER bzw. IG FARBEN, ein feine Gesellschaft, eine Mordgesellschaft! Da zeigte sich schnell, was Faschismus ist: Nichts anderes als das Bündnis des Kapitals mit der Barbarei!

Als ich einmal auf der BAYER Hauptversammlung als sogenannter Kritischer Aktionär sprach, sagte ich: "Ich klage hier niemanden deswegen an, der nicht zur Tätergeneration gehört! Aber aus der Geschichte können Sie dennoch nicht aussteigen!" Dafür sorgen wir überlebenden Opfer und mit uns auch Menschen der jungen Generation, die nicht vergessen wollen, dass es ein Auschwitz gab, die erinnern wollen, zu welchen Verbrechen dieses Unternehmen fähig war. IG FARBEN, das war IG AUSCHWITZ! Nein, wird dürfen sie sich nicht fortstehlen lassen aus der Geschichte! Mit zuviel Blut und Tränen sind ihre Aktionen getränkt!

400.000 Zwangsarbeiter wurden von der IG FARBEN erbarmungslos und unentgeltlich ausgebeutet. 14 Millionen waren zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die meisten davon, nahezu 80 Prozent, aus dem Osten. Der Familie, ihrem Kind, dem Freundeskreis, der Heimat gewaltsam entrissen. Sie wurden aufgegriffen, ohne sich von den Nächsten zu verabschieden, ohne etwas mitzunehmen, in dem Zustand, in dem sie sich gerade befanden, manche unter ihnen waren Schwangere. Untergebracht in elenden Unterkünften, von der Arbeit ins bewachte Lager getrieben, auf den Rücken ihrer Kleidung waren große Buchstaben angebracht; P - für Polen oder R - für Russland. Immer hungrig. wenn die Arbeitsleistung nachließ, wegen Sabotage mit der Todesstrafe bedroht. Oder sie wurden in einem Arbeitserziehungslager von der SS derartig gefoltert, dass sie sich nur in den Betrieb zurück wünschten.

Nie wurde in der Nachkriegszeit erwogen, den Menschen auch nur einen Pfennig Entschädigung für den vorenthaltenen Lohn zu zahlen, geschweige denn für das, was ihnen angetan wurde. Entmündigt, entrechtet, gedemütigt und darüber hinaus noch dazu gezwungen, im Feindesland die Mordmaschinerie gegen ihr eigenes Land in Gang zu halten. Und wer wusste schon hier im Land, dass 14 Millionen Menschen hierher verschleppt waren. Das war alles zugedeckt mit Schweigen, auf eine biologische Lösung war gebaut worden.

Aber als dann plötzlich Sammelklagen aus den USA gegen deutsche Konzerne und damit BAYER aufkamen, erschrak die Exportnation Deutschland. Angst ging um im Land; Angst, das deutsche Ansehen im Ausland könne Schaden nehmen, vor allem das Geschäft mit den USA. Ohne diesen Druck von außen, ohne die internationale Öffentlichkeit wäre nichts, aber auch gar nichts wäre passiert. Erst dann begannen die Verhandlungen und damit ein würdeloses, schäbiges Schachern über die Höhe der Summe. Ein Schachern selbst jetzt noch, nachdem bereits 90 Prozent der Zwangsarbeiter verstorben sind, es nur noch 10 Prozent Überlebende gibt. Von ehemals 14 Millionen Menschen leben noch etwa 1,5 Millionen Menschen, deren Zahl täglich weiter schrumpft. Alle sind im hohen Alter, zwischen siebzig und achtzig Jahren und älter, zumeist krank. Da die Meisten vorwiegend im Osten angesiedelt sind, müssen sie mit einer winzigen Rente in großer Armut leben. Darum geht es doch heute, ihnen wenigstens ein kleines bisschen den Lebensabend zu verbessern. Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich z. B. dringende Arzneimittel, eine neue Brille, vielleicht ein besseres Gebiss oder ähnliches verschaffen zu können.

Zunächst bot die Stiftungsinitiative - man kann es kaum glauben - für jedes Opfer ein Scherflein von etwa 300 vielleicht 400 DM. Es sollten 500 Millionen, vielleicht eine Milliarde dafür zur Verfügung gestellt werden. Und in die Verhandlungen gingen so ungleiche Partner. Auf der einen Seite die Vertreter der deutschen Wirtschaft und die Bundesregierung, auf der anderen Seite die Opferverbände, die keine Lobby haben. Nach hartem Ringen kam dann endlich - wie bekannt - die Einigung auf 10 Milliarden DM zustande. Wie mit dem Klingelbeutel sind über 2.000 Großunternehmen aufgefordert, jetzt noch 5 Milliarden DM einzuzahlen. In Wirklichkeit sind natürlich nur 2,5 Milliarden DM aufzubringen, denn die Hälfte erhalten die Unternehmen von der Steuer zurück. Etwa 2 Milliarden sind mit Ach und Krach bislang zusammengekommen. Wenn man bedenkt, hier dreht es sich um Großunternehmen mit einem Reingewinn von jährlich 900 Milliarden DM!
Sicherlich die Nazis haben sich schlimmerer Scheußlichkeiten schuldig gemacht. Aber ein solch lumpiges und schändliches Schachern und Feilschen, wie das um die Summe der Entschädigung für die Opfer dieses Holocausts, habe ich noch nie erlebt. Beschämend, beleidigend. Wie bei Pferdehändlern auf dem Markt. Die Unternehmen vor den Gerichtsklagen zu schützen, das war die einzige Sorge der Bundesregierung. Das Stiftungsgesetz ist nichts anderes als ein Täterschutzgesetz. Gezahlt wird nur, wenn die Unterschrift vorliegt, auf weitere Ansprüche zu verzichten. Sonst gibt's nichts! Rechtsschutz für die Täter - Rechtlosigkeit für die Opfer! Und das Stiftungsgesetz ist ein Schlussstrichgesetz! Damit sei dann alles abgegolten, wiedergutgemacht.

Man kann sich sicher vorstellen, was an Stammtischen geredet wird und ich selbst habe oft Worte gehört, wie: "Was geht mich das an? Was habe ich damit zu tun, noch zu zahlen, für etwas, das mehr als ein Jahrhundert zurück liegt?" Denjenigen antworte ich: "Das geht dich sehr wohl an. Du genießt es, in einem Land mit sehr hohem Lebensstandard zu leben. Einem Lebensstandard, den 14 Millionen Zwangsarbeiter - ausgepresst bis auf's Blut - mitgeschaffen haben."

Wirtschaftswissenschaftler haben errechnet, dass diese Zwangsarbeiter 180 Milliarden erwirtschaftet haben, umgerechnet auf heutige Währung. Ohne dies hätte es das sogenannte Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik nach 1945 nie gegeben. Dafür 10 Milliarden DM als angemessen zu betrachten, von denen ja nur 8,5 Milliarden DM ausgezahlt werden, das ist ein Hohn, ein Almosen, eine milde Gabe! Wie billig sie davon kommen, die Konzerne, Banken, Versicherungen. Und die Bundesrepublik. Für mehrere Generationen wäre sie ein armes Land, hätte sie für die Schäden aufkommen müssen, die sie in ganz Europa, von deutschem Boden aus, angerichtet hat. Die Verwüstung und Vernichtung, 60 Millionen Tote, Millionen Krüppel. Wie billig davongekommen.

Und es steht in den Sternen, wann die Auszahlung beginnt. Täglich sterben die Opfer weg. Die Entschädigungen müssen sofort ausgezahlt werden, ohne bürokratische Hürden. Wenigstens das, was bislang festgelegt ist. Jeder Tag Verzögerung ist ein Wettlauf mit dem Tod! Es geht nicht nur darum, den Menschen den Lebensabend ein bisschen zu verbessern, es geht darüber hinaus auch um deren Würde, um Anerkennung, was ihnen an Entrechtung und Entwürdigung, an Leid und Schmerz angetan worden ist. Das ist die Aufgabe eines jeden Menschen, dies lauthals zu fordern.

Im Namen der Überlebenden des Holocaust spreche ich unseren Dank an Euch und unsere Hochachtung gegenüber den Initiatoren aus, die hierzu aufgerufen haben.

Doch noch ein paar Worte darüber, dass ihr auch gegen die Todesstrafe und für die Freiheit von Mumia Abu Jamal, den schwarzen Journalisten und Kämpfer für Menschenrechte, demonstriert, dem die Hinrichtung in den USA droht. 18 Jahre sitzt er unschuldig im Todestrakt. Hierzu gestattet mir nur dieses zu sagen: Wir alle wissen, dass die Verurteilung von Mumia aus rein rassistischen Motiven erfolgte. Und das die meisten von den 3.000 zum Tode Verurteilten, in den USA, Afroamerikaner sind. Wenn wir zur Solidarität mit Mumia mobilisieren, mobilisieren wir gegen den Rassismus. Für die Deutschen gäbe es tausend Gründe, mit an der Spitze zu stehen in dieser internationalen Solidaritätsbewegung. Gibt es doch in der Welt kaum ein anderes Volk, das so erfahren hat, wohin Rassismus führt. Wie mit der Rassenideologie eine Nation mit ganz normalen Menschen in der Lage war, Völkermassen als minderwertig, als nicht lebenswert industriemäßig auszurotten. Ja, immer noch leben wir in einem Land, das weder dem Herrenmenschentum noch der Ausländerfeindschaft abgeschworen hat.

Abschaffung der Todesstrafe weltweit! Freiheit für Mumia Abu Jamal. Zahlung an die ehemaligen Zwangsarbeiter sofort, unverzüglich. Und nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Das Vermächtnis der so vielen Gemarterten, Geköpften, Gehängten, Erschossenen, durch Hunger, Seuchen, Spritzen und Gas Ermordeten gebietet es. Die Geschichte diktiert es:

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!