SWB 03/00 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Neue Verhandlungen zum Standort-Vertrag
Nach den Sommerferien haben BAYER-BetriebsrätInnen und Konzern- Management die Verhandlungen über eine neue "Standortsicherungs-
vereinbarung" aufgenommen. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Erhard Gipperich will mit folgenden Forderungen in die Gespräche gehen: Keine betriebsbedingten Kündigungen, Investionszusagen, Erhalt aller Standorte, hohe Quote von Lehrlingsübernahmen. Im Vorfeld der neuen Verhandlungsrunde schätzten BetriebsrätInnen der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) die Position der Belegschaft zu den Auswirkungen der Standortsicherungsvereinbarung von 1997 ein. Demzufolge beurteilten BAYER-MitarbeiterInnen den Standort-Vertrag überwiegend negativ. Ihren Lohn-Einbußen und ihrem Verzicht auf soziale Leistungen stand keine Gegenleistung von BAYER gegenüber, alle seine Investitionen hätte der Konzern auch ohne die Vereinbarung zur "Standort-Sicherung" vorgenommen, so das Resümee.
"Die Einschätzung der Betriebsratskollegen der IG BCE bestätigt unsere kritische Haltung zur Standort-Vereinbarung", schreibt die BELEGSCHAFTSLISTE, eine linke Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, in ihrer Publikation Belegschaftsinfo. Sie forderten von den IG BCE-BetriebsrätInnen, diesmal keine Geheimgespräche mit dem Unternehmen zu führen, sondern unter den Beschäftigten eine offene Diskussion über Inhalte und Ziele der Verhandlungen zu initiieren.

Arbeitsplatzvernichtung in Japan
Was für die Bundesrepublik erst noch bevorsteht, hat BAYER in Japan bereits realisiert: die Umwandlung des Konzerns in eine Holding. "Zu den Synergien der Holding-Konstruktion", wie die Börsen-Zeitung das nennt, zählte auch die Vernichtung von 12,7 % der Arbeitsplätze, so dass lediglich 2.767 übrig blieben. Der Holding-Umsatz stieg um 4,7 % auf über 180 Mrd. Yen (ca. 3,6 Mrd. Mark).

Geschäftsfeld DRALON verkauft
BAYER hat die DRALON-Sparte seiner Tochtergesellschaft BAYER FASER GmbH an das italienische Unternehmen FRAVER abgegeben. Der FRAVER-Konzern übernimmt die FASERWERKE LINGEN sowie die im Dormagener BAYER-Werk angesiedelte Produktion der Kunstfaser. Faser-Geschäftsführer Klaus Schrewe kündigte an, dass alle 600 Arbeitsplätze erhalten bleiben sollen wie auch "wichtige soziale Standards". Welche als unwichtig erachtete soziale Standards künftig zur Disposition stehen, gab Schrewe nicht bekannt. Übernahme-Datum ist der 1.1. 2001. Ab diesem Zeitpunkt brauchen die Konzerne nämlich keine Steuern mehr zu zahlen, wenn sie sich von inländischen Unternehmensteilen trennen. 

Mohr: Sozialabbau zu Ihren Gunsten
Kurz vor seiner Pensionierung Ende April verteidigte BAYERs Arbeitsdirektor Hans-Jürgen Mohr in einer Rede vor dem Jubilar-Verein des Konzerns noch einmal die Ausgliederung der Betriebskranken-
kasse, den Verkauf der Werkswohnungen und die Übergabe der Betriebskindergärten an das "Deutsche Rote Kreuz" (DRK). Beide Seiten würden davon profitieren, so Mohr. Den Beschäftigten blieben die sozialen Angebote erhalten, nur eben in anderer Trägerschaft, und der Konzern setze "gebundenes Kapital frei". Das werde in "Wettbewerbsstärke" investiert und diene so auch "der Sicherung unserer Arbeitsplätze". Sozialabbau zu Gunsten der Betroffenen - dieser BAYER-Logik vermochten nicht nur die von Mieterhöhungen bedrohten BewohnerInnen der ehemaligen Werkswohnungen und die KindergärtnerInnen, die nach der Übernahme durch das DRK Einkommensverluste akzeptieren mussten, nicht zu folgen.

Neues Instrument "Transfer-Sozialpläne"
Für die 20 MitarbeiterInnen, deren Arbeitsplätze die 30-prozentige BAYER-Tochter AGFA im letzten Sommer vernichtet hat, wurden so genannte Transfersozialpläne aufgestellt. Ein Teil der gezahlten Abfindungen wurde einer Personalentwicklungsgesellschaft überschrieben, welche die Rausgeschmissenen weiterbildet. Sie firmieren formal als Angestellte der Qualifizierungsfirma und erhalten Kurzarbeitergeld. Diese Art von Sozialplan setzt sich immer mehr durch. Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, beurteilen diese Entwicklung skeptisch. In ihren Juni-Mitteilungen äußern sie die Befürchtung, dass solche Transfersozialpläne, abgestimmt zwischen der Unternehmensleitung und der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) "den Personalabbau sanft und ohne viel Aufhebens (...) regeln" und dazu führen, nicht mehr mit der letzten Konsequenz für den Erhalt der Arbeitsplätze im Werk einzutreten.

Leverkusen: Energie-Ausgliederung
Die Ersetzung des alten Braunkohle-Kraftwerks durch ein Gas-Turbinen-Kraftwerk im Dormagener BAYER-Werk war auch mit einer Umstrukturierungsmaßnahme verbunden. Denn betrieben wird es nicht mehr vom Chemie-Multi selbst, sondern von der RWE ENERGIE AG, die sämtliche MitarbeiterInnen übernimmt. Dieses Modell will der BAYER-Konzern in naher Zukunft auf die gesamte Energie-Versorgung übertragen. Er kündigte an, auch die Leverkusener Energie-Abteilung auszugliedern, da sie nicht mehr zum "Kerngeschäft" gehöre. Die Betroffenen erfuhren davon erst aus dem Aktionärsbrief und aus Presse-Veröffentlichungen und sind völlig im Ungewissen darüber, ob sie ihre Arbeitsplätze verlieren, innerhalb des Werkes versetzt werden oder ihnen eventuell der neue Energie-Dienstleister Beschäftigungsverhältnisse anbietet.

Aktienkurs-Beauftragte bei BAYER
Der ständig wachsende Druck von Investment-Banken und Pensionsfonds auf börsennotierte Unternehmen hat dazu geführt, dass BAYER eine eigene Abteilung für "Investor Relations" (IR) geschaffen hat. Der oberste Kurspfleger des Konzerns, Alexander Rosar, bricht zu halben Welt-Tourneen auf, um die AnalystInnen der einflussreichsten Häuser vom Kurs-Potenzial der BAYER-Aktie zu überzeugen. Dafür hat er innerbetrieblich ein spezielles Informationssystem geschaffen. Die Verantwortlichen der einzelnen Konzern-Sparten müssen die IR-Abteilung permanent mit Material über neue Produkte, Forschungsergebnisse und geplante Zukäufe versorgen. Rosar strickt daraus dann mit seinen MitarbeiterInnen eine griffige "Story", die er den Investment-BankerInnen und Aktien-SpezialistInnen der Pensionsfonds verkaufen kann.

Preis für Frauen-Förderung
20 % der BAYER-Beschäftigten sind Frauen. Ihr Anteil an den Führungspositionen beträgt jedoch nur 10 %. Der 8-köpfige Vorstand ist traditionell ausschließlich Männern vorbehalten. Trotzdem sah sich ein Gremium aus VertreterInnen des DGB, der Arbeitgeberverbände und der "Bundesanstalt für Arbeit" bemüßigt, den BAYER-Konzern für seine angeblich an Chancengleichheit orientierte Personal-Politik auszuzeichnen. Bei der Preisverleihung hielt Siegmar Mosdorf, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, die Laudatio. Was für ein Klima beim Leverkusener Chemie-Multi für Frauen wirklich herrscht, machte von 1994 bis 1996 schlaglichtartig der Fall M.R. (Name der Red. bekannt) deutlich (siehe auch SWB 3/97). Die Angestellte war von einem Vorgesetzten während einer Geschäftsreise sexuell belästigt worden und meldete den Vorfall dem BAYER-Vorstand Walter Wenniger. In der Folge tat das BAYER-Patriarchat alles, um der Frau das Leben schwer zu machen und schmiss M.R. nach zweijährigem Mobbing 1996 raus, als sie sich nicht nach Bitterfeld strafversetzen lassen wollte.