SWB 03/00 - Ticker

PRODUKTION & SICHERHEIT

Globalisierung der Sicherheitsrisiken
Die Formulierung weltweit geltender Arbeitsschutz-Standards oblag bei den Vereinten Nationen in Genf bisher der INTERNATIONALEN ARBEITSORGANISATION (IAO). Dieses Recht will ihr jetzt die von BAYER & Co. dominierte "International Standard Organisation" (ISO) streitig machen, in der keine GewerkschaftlerInnen geduldet werden. Die ISO-Normen würden "eine schnellere Reaktion auf die Bedürfnisse des Marktes möglich" machen als die in Kooperation mit der IAO entwickelten, heißt es ganz offen in einer Tisch-Vorlage der Organisation. Der Generalsekretär der Internationalen Chemie- Gewerkschaft ICEM, Fred Higgs, protestierte gegen diesen dreisten Vorstoß: "Weltweite Arbeitsschutzmanagement-Standards für die Betriebe sind nicht das alleinige Vorrecht der großen Konzerne. Die organisierten Arbeitnehmer müssen bei diesen lebenswichtigen Normierungsarbeiten volles Mitspracherecht haben."

Kaum Umweltverträglichkeitsprüfungen
In der Bundesrepublik wurden geplante Chemie-Anlagen im Rahmen von Genehmigungsverfahren bislang nur unzureichend den von der EU vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVPs) unterzogen. Der Europäische Gerichtshof in Straßburg verurteilte die Bundesregierung 1998 deshalb bereits. Diese Versäumnisse gehen nicht zuletzt auf den politischen Druck von BAYER & Co. zurück.  UVPs verlangen von den Konzernen nämlich, Expertisen zu den Auswirkungen von Chemikalien auf Mensch, Tier und Umwelt beizubringen und in ihren Genehmigungsanträgen auch Verfahrensalternativen anzugeben, was die Konzerne sich lieber ersparen wollen.

BAYER gegen Seveso-II-Richtlinie
Im Frühjahr hat die Bundesregierung nach erheblicher Verzögerung die Störfall-Verordnung an die Seveso-II-Richtlinie der EU angepasst. Da dies nur unvollständig geschah, hat die EU-Kommission am 1. September eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof angekündigt. Der Leverkusener Chemie-Multi kritisiert aber schon dieses viele Schlupflöcher lassende Gesetzeswerk heftig, obwohl die Explosionen im Leverkusener Farbstoffwerk DYSTAR gerade erst wieder gezeigt haben, wie wichtig strengere Kontroll-Mechanismen wären. BAYER-Mann Peter Knopf monierte den bürokratischen Aufwand, den die neue Regelung schaffe und sprach sich gegen die festgeschriebene Prüfung aller zu einem Unternehmen gehörigen Anlagen aus. Die Aufsichtsbehörden sollten nicht auf Zwangsmaßnahmen setzen, sondern auf ein "partnerschaftliches Miteinander", so Knopf.

Berufskrankheit MCS
Menschen, die berufsbedingt Umgang mit Chemikalien haben wie Chemie-, Biologie-, "Pflanzenschutz"-LaborantInnen, DruckerInnen, MalerInnen, LackiererInnen oder Pestizid-ausbringende LandwirtInnen, unterliegen in besonderem Maße der Gefahr, an der Vielfachen Chemikalien-Unverträglichkeit (MCS) zu erkranken. Zu diesem Ergebnis kommt die von der Düsseldorfer Hans Böckler-Stiftung geförderte Studie von Prof. Dr. Werner Marschewsky. Als krankheitsverstärkend erweisen sich dabei die Chemie-Expositionen, denen der/die PatientIn neben der Arbeit zusätzlich noch ausgesetzt ist. Zu den Hauptbelastungsstoffen zählen hierbei Formaldehyd, Pestizide, Lösemittel, Autoabgase, sonstige Luftbelastung und Pyrethroide, also BAYERs halbe Produkt-Palette.